Fern Liberty Kallenbach Campbell Wie eine Hallenserin aus fragwürdigen Anfragen Kunst macht

MDR-Volontärin Barbara Butscher
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

„Willst du mich?“, steht groß über dem Bild einer jungen Frau in Unterwäsche. Emojis nagen an ihr. Fette Pfeile weisen auf eine Webseite hin, eine Aufforderung: HABDICHNICHTSO.COM. Diese Anfrage steht stellvertretend für so viele vermeintliche Interessensbekundungen angeblich junger Frauen, die derzeit Instagram überfluten.

Fern Liberty Kallenbach Campbell ist eine selbsternannte Querulantin
Fern Liberty Kallenbach Campbell lässt sich von Sexbots für ihre Kunst inspirieren. Bildrechte: MDR/Lisa Reber

Viloraj, Tiffany, Ellie. Sogenannten Sexbots wie diese schicken nervige Spamanfragen auf Instagram. Sie fordern über private Nachrichten, über Kommentare unter Bildern oder durch Verlinkungen auf Beiträgen auf: „Schreib mir!“.

Für die Künstlerin Fern Liberty Kallenbach Campbell sind Viloraj, Tiffany und Ellie Musen geworden.

Sexbots von Instagram haben sie zu diesem Teppich inspiriert
Wer sind diese Sexbots, die uns auf Instagram anschreiben? Künstlerin Fern gibt ihnen ein Gesicht. Bildrechte: MDR/ Lisa Reber

Fern studiert in Halle an der Burg Giebichenstein Kunst. Am Steintor wohnt sie in einer Künstler*innen-WG. Es ist bunt wenn man zur Tür reinkommt, schrill. Bilder hängen an den Wänden, bestickte Stoffe, Fotos, die aussehen als hätten Fern und ihre Freunde ihre Gesichter nach drei Gläsern Wein auf eine Kopierer-Scheibe gepresst.

„Popkultur sind für mich kleine Insider-Witze, Anekdoten über das, was gerade in der Welt passiert. Man hat Situationen, die nur in diese Zeit passen, funktionieren oder lustig sind. Wenn man Monate später darauf schaut, vergisst man, warum man das lustig fand und dass es eine Bedeutung hatte“, Fern sitzt an ihrem Schreibtisch, auf dem kleine Tintenfässchen stehen, verschiedene Stoffe, Farben, Papier.

Sie zupft an einem gestickten Bild, das vor ihr liegt: eine Sexpuppe in der Mitte – „der „Faketraum“, immer schön und jung und steif.“ Drumherum sind verschiedene Situationen, die sie erlebt hat, in knallbunt auf den Stoff gestickt. Zwei fummelnde Teenager, auf einem Homecoming-Ball, aus der Zeit als sie mit 16 in Crystal Lake, Illinois zur Highschool gegangen ist.

Als Fern 5 Jahre alt war, ist sie mit ihrer Familie aus den USA nach Deutschland gezogen. Später hat sie nochmal eine Zeit lang bei ihrer Tante gelebt, um dort zur Schule zu gehen. Aber eigentlich ist sie in Berlin aufgewachsen.

Wo Sexbots zu Kunst werden

Fern Liberty Kallenbach Campbell ist 25 Jahre alt, Künstlerin und wohnt in Halle. Für ein Kunstprojekt hat sie Sexbot-Anfragen von Instagram zu einem Teppich verarbeitet.

Sie hat häufig ähnliche Anfragen von Sexbots.
Während andere Menschen Sexbots auf Instagram löschen, druckt sich Fern die Nachrichten und Bilder aus und hängt sie in ihrem Zimmer auf. Bildrechte: MDR/ Lisa Reber
Sie hat häufig ähnliche Anfragen von Sexbots.
Während andere Menschen Sexbots auf Instagram löschen, druckt sich Fern die Nachrichten und Bilder aus und hängt sie in ihrem Zimmer auf. Bildrechte: MDR/ Lisa Reber
Ihre Inspiration zieht sie aus ganz verschiedenen Dingen, oft aus Absurdem.
Nicht nur Sexbots schmücken ihr Zimmer, in jeder Ecke des Raumes lassen sich viele kreative und witzige Details finden. Bildrechte: MDR/ Lisa Reber
Sie arbeitet sehr intuitiv, lässt sich gerne von den Stoffen leiten und improvisiert.
Auf ihrem Tisch ist immer viel los, denn Fern lässt sich bei ihrer Kunst von Stoffen und Farben leiten. Bildrechte: MDR/ Lisa Reber
In ihrer Kunst finden sich viele Situationen wieder, die sie selbst erlebt hat.
Neben Sexbots verarbeitet Fern in ihrer Kunst auch andere popkulturelle Themen wie die Fernsehserie South Park oder auch ihre Jugend in den USA. Bildrechte: MDR/ Lisa Reber
Fern Liberty Kallenbach Campbell in ihrem Zimmer, was auch ihr Atelier ist.
Das WG-Zimmer als Atelier - auf der einen Seite die Dinge, die Fern inspirieren, auf der anderen ihre eigenen Kunstwerke. Bildrechte: MDR/ Lisa Reber
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Sie arbeitet gerne mit Stoffen, Garnen und lässt sich von Materialien leiten
Aus der Digitalen in die Analoge Welt: Künstlerin Fern zaubert aus Bots Kunstwerke. Bildrechte: MDR/ Lisa Reber

Über allem thront eine Methadon-Klinik. Ein Verweis auf South Park. Aber auch so passend zu dem, was Fern von ihrer Zeit in den USA erzählt: „Neben meiner Highschool waren zwei Methadon-Kliniken. Weil wenn du in so einer kleinen Stadt wohnst, dann bist du entweder so ein Sportfreak und machst die ganze Zeit Football. Oder du dröhnst dich einfach zu.“

Eine junge Frau, die redet wie ein Wasserfall und mit ihren 25 Jahren viel zu erzählen hat. Ein Energiebündel. Und genau so, gestaltet Fern auch ihre Kunst: kurzweilig, wenig Vorbereitung, bunt, schrill, schnell verdaulich. Denn „Ich bin gut im Improvisieren“ , sagt Fern.

Ihr Zimmer ist auch ihr Atelier, ihre Wände ein stetiges Moodboard. Auf der einen Seite reihen sich die Spamgirls von Instagram aneinander. Gegenüber hängen bestickte Tischläufer mit christlichen Sprüchen: „Vater ver-… gib ihnen“, liest Fern vor und lacht. Und auf dem Boden liegt der große Teppich, den sie selbst getuftet hat: „Schreib mir!“

Sexbots und was man gegen sie tun kann.

Spambots sind seit Jahren auf allen großen Social Media Plattformen vertreten. Seit der Corona-Pandemie ist es für die Bots noch leichter sich zu verbreiten, da die Plattformbetreiber durch Personalmangel nicht mit der Überprüfung hinterherkommen. Laut Verbraucherzentrale ist das Ziel der Spamer, Nutzer*innen auf externe Webseiten zu locken, damit sie dort kostenpflichtige Abos abschließen, ihre Daten gestohlen werden können oder sich unbemerkt Malware auf dem Rechner lädt.

Es ist erstmal nur nervig, aber nicht gefährlich, wenn man von Bots auf Bildern markiert wurde oder Kommentare mit sexuellen Inhalten unter seinen Beiträgen findet. Social Media Expertin Tanja Kruft von heise online hat für Nutzer*innen verschiedene Tipps gegen die Spambots:

1. Verzichten sie auf beliebte Hashtags oder Verlinkungen, um den Bots möglichst wenig Punkte zu geben, an denen sie „anschlagen“ können.

2. Stellen sie in den Einstellungen unter „Privatsphäre“ einen Wortfilter ein. So können die Kommentare verborgen werden.

3. Ihre einzige Möglichkeit sich großflächig vor Spam-Kommentaren und -Links zu schützen ist jedoch nur, ihr Profil auf privat zu stellen.

4. Außerdem lohnt es sich, regelmäßig die eigenen Follower anzusehen und etwas aufzuräumen, indem sie einfach alle Accounts, die ihnen irgendwie komisch vorkommen, entfernen.

MDR-Volontärin Barbara Butscher
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über die Autorin Barbara Butscher kommt ursprünglich vom Bodensee. Seit 2013 lebt sie in Leipzig, hat Germanistik studiert und sich in verschiedenen Medien ausprobiert.
Nach Geschichten über leere Sportplätze für die LVZ, Interviews und Podcasts über Kultur, Politik und Gesellschaft bei detektor.fm und einem Jahr im Sport bei MDR Aktuell ist sie seit 2019 Volontärin beim MDR. Barbara, mit einer leichten Leidenschaft für Fußball, mag alles wo sie nah ran darf oder mittenrein: Wettkämpfe, Reportagen, Porträts.

Quelle: MDR/rh,bb

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