Mit dem Frachtsegler über den Atlantik Der Umwelt zuliebe: Hallenserin geht auf die Reise ihres Lebens

Sechs Monate quer über den Atlantik – klingt nach einem Abenteuer. Ist auch eines, allerdings ein anstrengendes. Die Hallenserin Peggy Engelmann ist bei Minusgraden mit dem ältesten Frachtsegler Deutschlands unterwegs. Was sie dabei im Sinn hat, ist die Umwelt: Sie und die 15-köpfige Crew wollen zeigen, dass Seefracht auch emissionsfrei funktioniert, so wie früher nur mit Segeln und ohne umweltbelastende Schweröle. MDR SACHSEN-ANHALT hat mit der Abenteurerin gesprochen.

Olga Patlan im MDR-Landesfunkhaus Magdeburg
Bildrechte: Olga Patlan/Gaby Conrad

von Olga Patlan, MDR SACHSEN-ANHALT

Zwei Frauen an Deck eines Segelschiffs.
Peggy Engelmann mit einer Crewpartnerin beim Befestigen der Segel der "Avontuur". Bildrechte: Peggy Engelmann

Die Geschichte ihrer Reise beginnt fernab der Küste in einem kleinen Bioladen in Halle. Dort ist Peggy häufiger, kennt die Besitzerin gut und gönnt sich gerne mal einen Kaffee nach Feierabend. Eines Abends im Juli, als sie gemütlich ein Tässchen des sogenannten Segelkaffees schlürfte, kommt die Frage: "Hey Peggy, hast du Lust mit nach Hamburg zu kommen und die Ladung deines Lieblingskaffees zu löschen*?".

Ansteckende Euphorie im Hafen

Peggy fährt mit. Da ahnt sie noch nicht, dass das der Beginn einer großen Reise sein würde. "Wir haben per Muskelkraft mehrere Tonnen Fracht verladen. Dort herrschte so eine Euphorie, das war ansteckend. Und ich war dann so begeistert, als ich das Schiff betreten durfte, dass ich dachte: 'Mensch, das Projekt, das braucht echt Support." Das Projekt von dem sie spricht stammt von der Reederei "Timbercoast".

Peggy Engelmann
Peggy Engelmann Bildrechte: Peggy Engelmann

2014 kauft "Timbercoast" das heute älteste Segelfrachtschiff Deutschlands "Avontuur" und nutzt es für die sogenannte "Mission Zero". Das Ziel: Die Zukunft eines CO2-neutralen Seetransports fördern. Mit dem Segelfrachter wollen sie ein Exempel setzen, wie Meerestransport mit reiner Windkraft funktionieren kann – abseits von Containerschiffe, die mit umweltbelastendem Schweröl betrieben werden. Peggy brennt sofort für die Idee: "Das müssen mehr Leute wissen, dass das möglich ist. CO2-neutral faire Produkte und aus biologischer Herkunft transportieren, ohne dass man dabei die Weltmeere und unsere Umwelt zerstört".

Die Geschichte des "Avontuur"

"Avontuur" bedeutet Abenteuer auf Niederländisch. In den Niederlanden ist das Segelschiff auch erstmals vor 20 Jahren vom Stapel gelaufen. Ursprünglich war es für Nordseefrachten gedacht. 2014 wurde das Schiff von der Reederei "Timbercoast" aufgekauft und wiederaufgebaut, nachdem es jahrzehntelang als Touristenschiff diente, da Frachtsegelboote zu unrentabel geworden waren. Nun soll es als positives Beispiel für sauberen Seetransport gelten und auf die Umweltzerstörung durch die Schifffahrtsindustrie aufmerksam machen.

Als sie davon erfährt, dass man bei so einem Segelschiff als Crewmitglied mitfahren kann, zögert sie nicht lang und bewirbt sich. Die Zusage kommt im Dezember. Nun geht es im Januar endlich los. Wann? Das hängt noch vom Wind ab, voraussichtlich am 15. Januar. Wir haben vorher mit Peggy gesprochen.

MDR SACHSEN-ANHALT: Peggy, wie bereitet man sich auf so eine Reise vor?

Peggy Engelmann: "Ich habe schon im September parallel zum Job in der Abendschule den Sportbootsführerschein gemacht, um die Basics vom Segelschein zu lernen. Ich musste erstmal die Theorie bestehen, um unterschiedliche Lampen, Knoten, Navigation etc. zu lernen. Und ich saß dann abends von 21 Uhr bis 23 Uhr zweimal die Woche in der Schule. Und wenn ich da nicht saß, dann habe ich abends nach der Arbeit bei mir zu Hause gesessen und habe dort weiter geübt und trainiert.

Was nimmt man denn alles mit auf so eine Reise?

Eine Gruppe von Menschen trägt eine Gaffelsegel.
Bevor es losgeht, muss der Segelfrachter vorbereitet werden. Beim tragen der fast 12 Meter langen und 200 Kilogramm schweren Gaffelsegel müssen allen mit anpacken. Bildrechte: Peggy Engelmann

Ehrlich gesagt von der Skihose über Thermounterwäsche über einen Segelanzug alles Mögliche, was mich warm und trocken hält. Man hat im Vorfeld eine Einkaufsliste bekommen, denn an Deck sind einfach andere Bedingungen. Im Dauerregen an Deck, braucht man schon die entsprechende Kleidung, damit man sicher ist. Deshalb hat der Segelanzug eine 30.000er Wassersäule. Wenn die nicht reicht, muss ich mich sogar in einen Gummianzug stecken. Und ganz viele unterschiedliche Socken.

Und persönliche Gegenstände?

Ja, ich nehme Fotos von meiner Familie und von meinen Haustieren mit.

Hast du auch Angst?

Auf der einen Seite bin ich total zuversichtlich. Auf der anderen habe ich natürlich auch Muffensausen. Was passiert, wenn es zum Beispiel dunkel ist, und ich nicht das richtige Seil ziehe. Ich muss sie blind greifen können. Mache ich einen falschen Handgriff, bricht es mir die Hand, oder ich verliere sie sogar. Jeder Handgriff muss also gelernt werden. Und ich mache das ja gerade zum ersten Mal. Das ist ein Sicherheitstraining. Denn wenn ich falsch reagiere, ist der nächste Schaden vorprogrammiert, unter dem die ganze Crew leidet. Ich habe vorhin erst an den Segeln die Knoten gemacht und schon festgestellt, dass jeder Knoten auch ein anderer sein muss und jede Technik auch anders funktioniert. Und das muss auf der Reise alles sitzen.

Peggy und die Umwelt

Peggy ist Naturpädagogin und Umweltaktivistin. Drei Jahre lang hat sie das Umweltzentrum Franzigmark geleitet. An der Saaleschule in Halle hat sie bis vor ihrer Reise das Fach "Schulgarten" unterrichtet, wo sie mit den Kindern zum Beispiel Bäume und Hecken pflanzt. Außerdem ist sie Imkerin und hat einen Umwelt-Podcast "The Green A".

Kanntest du die Crew schon vorher?

Ein Mann in einer Avontuur-Jacke an Deck des Segelschiffs
An Bord von "Avontuur" befindet sich eine internationale Crew. Bildrechte: Peggy Engelmann

Die Crew lerne ich erst kennen. Sechs von den 15 Crewmitgliedern sind hauptberufliche Segler. Es ist ein internationales Team und einige werden sogar zu und absteigen auf der Strecke. Den Kapitän habe ich bereits im Juli kennengelernt und er war mir sofort sympathisch. Diese Menschen hier strahlen einfach etwas Besonderes aus.

Was würdest du dir denn für die Zeit der Reise wünschen?

Mein Ziel ist es, einen Beitrag zu leisten. Und ich möchte gern gesund vom Schiff runtergehen. Das ist mein ganz persönlicher Wunsch für mich selbst. Und ich wünsche mir, viele interessante Geschichten kennenzulernen und diese in die Welt hinaustragen zu dürfen. Dafür mache ich ja auch meinen Blog. Ich wünsche mir, dass ich andere Menschen inspirieren kann und dass diese Reise auch eine globale Wirkung hat.

Karte mit einer Route von Europa nach Mittelamerika
Die gesamte sechsmonatige Route von "Avontuur". Bildrechte: Peggy Engelmann

*Löschen bedeutet in der Seemannssprache, dass etwas von einem Schiff geladen wird.

Olga Patlan im MDR Landesfunkhaus Magdeburg
Bildrechte: Gaby Conrad

Über die Autorin: Olga Patlan ist seit 2015 freie Redakteurin und Reporterin bei MDR SACHSEN-ANHALT. Hier schreibt sie überwiegend Online-Artikel, betreut die Social Media-Kanäle und moderiert Interviews und Videos auf dem Facebook- und Instagram-Kanal. Außerdem produziert sie Radio- und Fernsehbeiträge zu unterschiedlichsten Themen. Sie lebt seit zwölf Jahren in Magdeburg. Hier studierte sie an der Otto-von-Guericke Universität Germanistik und Psychologie, spezialisierte sich aber bereits früh im Studium auf Medien. Erste journalistische Erfahrungen sammelte sie bei Radio SAW. In ihrer Freizeit bereist sie gern die Welt und entdeckt Neues. Daher rührt auch ihre Leidenschaft für den Beruf als Journalistin, sich immer wieder in neue Inhalte zu denken, Menschen und Inhalte darzustellen.

Quelle: MDR/pat

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 10. Januar 2020 | 08:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Januar 2020, 09:39 Uhr

8 Kommentare

der_Silvio vor 5 Wochen

"Nun soll es als positives Beispiel für sauberen Seetransport gelten und auf die Umweltzerstörung durch die Schifffahrtsindustrie aufmerksam machen."
Man hat es doch so gewollt; Globalisierung und Welthandel.
Trotz Transport um die ganze Welt kosten Waren aus fernen Ländern ein Bruchteil von regionaler Ware.
Konzernchefs, Manager und nicht zuletzt die Politik sind dafür verantwortlich, weil jeder in dieser Kette nur an seinen Reichtum gedacht hat und denkt!

P.Engelmann kann ja machen, was sie will. Nur frage ich mich, warum das medial so ausgeschlachtet wird.
Da heißt es: "Der Umwelt zuliebe"
Mir kommt es so vor wie; dem Rum und dem eigenen Ego zuliebe.
Wir haben in unserem Garten einen Oreganostrauch, in dem sich im Sommer Wildbienen ohne Ende tummeln. Wird da jetzt auch ein Artikel geschrieben...?
Satiere/off

J.Heder vor 6 Wochen

Sie haben nur zum Teil Recht.
Da ich mich von 2003 -2008 professionell mit Pflanzenölantrieben und regenerativen Energielösungen befasst habe, muß ich Ihnen sagen das es zumindest CO2 neutral geht! JEDER Saugdieselmotor kann mit wenigen Handgriffen auf reinen Pflanzenölbetrieb umgestellt werden. Dann funktioniert das Segelschiff Klimaneutral. Außerdem gibt es PV Module und es gibt mindestens 1 Kajütdach an Bord wo 2 - 3 drauf passen. Und im Deck über der Bilge oder in der Seilkammer ist Platz für die Batterien, heute mit Lithium und geschlossen.
Ich hatte als damals als junger Mann auch Ambitionen zur See zu fahren, Nachrichtenoffizier. Die Welt sehen ohne die (damalige) DDR zu verlassen.
Einer meiner damaligen Wohnungsnachbarn hatte das geschafft. Mittlerweile ist auch moderne energiesparende Technik verfügbar um zumindest einige Stromprobleme lösbar zu gestalten. Das Segeln selbst könnte schon ein "Abenteuer" werden; der Atlantik ist rauh.....

J.Heder vor 6 Wochen

Ein sehr schlechter Vergleich den Sie da anstellen.
Da ich einige Zeit im Kundenservice / Außendienst gearbeitet habe muß ich Ihnen sagen dass es für ihren Vergleich den nächsten "sowieso" Flieger gibt. Da kommt das Teil und der nächste freie Kundendienstmonteur rein. Das ist Notfall und passt nicht zum Thema.
Jedoch für den planmäßigen Transport taugt diese Art zu transportieren absolut.
Wir sollten uns vor dem Hintergrund dessen, was wir mit unserer EINZIGEN Heimat im Universum anstellen (anrichten!) vor allem von Gedanken "sofort, unbedingt haben müssen, ganz schnell" und ähnliches mal lösen. Es laufen wieder erfolgreiche Tests mit Segelschiffen mit Technik aus den 20 er Jahren des letzten Jahrhunderts. Diese Technik verschwand "nur" wegen des scheinbar billigen Dieselantriebs in der Schublade. Damals wußte man noch nicht viel über die Zusammenhänge der fossilen Abgase mit dem Weltklima und Folgekosten.
Diese Rechnung wird jetzt gerade geschrieben..... und wer bezahlt die?

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