Corona-Folgen auf offener See Meeres-Seglerin aus Halle: "Festland in Sicht, doch unerreichbar"

Olga Patlan im MDR-Landesfunkhaus Magdeburg
Bildrechte: Olga Patlan/Gaby Conrad

Stellen Sie sich vor, Sie haben Ihr gesamtes Erspartes und Ihr Leben aufgegeben, um eine Segelreise für die Umwelt zu machen. Doch während Sie an Bord sind, verändert sich die Welt durch das Corona-Virus. Dann heißt es Quarantäne – statt Erkunden.

Eine Frau mit Mundschutz in einem Hafen
Mundschutz tragen – auch an Bord der Avontuur hat der Schutz vor Corona höchste Priorität. Bildrechte: Peggy Engelmann

"Wir segeln unter deutscher Flagge, befinden uns theoretisch auf deutschem Boden. Ich habe den Atlantik zum ersten Mal überquert, doch habe ich Deutschland dabei nie verlassen", schreibt Peggy im April 2020. Zeilen, die kurioser nicht sein könnten. Die Erklärung:

Seit Januar ist Peggy Engelmann auf einer Reise über den Atlantik. Gemeinsam mit einer 15-köpfigen internationalen Crew will sie zeigen, dass Schiffsfracht auch CO2-neutral unterwegs sein kann. Daher reisen sie von Europa nach Mittelamerika und zurück, unter dem Motto "MissionZero". Dafür opferte sie ihr gesamtes Erspartes, die Sicherheit ihres Zuhauses, den Job und ein halbes Jahr ihres Lebens. So lange dauert die Reise auf dem ältesten Segelfrachter Deutschlands – der "Avontuur" – voraussichtlich, denn die Geschwindigkeit hängt vom Wind ab.

"Die Welt, wie ihr sie kennt, werdet ihr so nicht mehr vorfinden"

Das große Ziel dabei: Mittelamerika, um von dort Fairtrade-Waren wie Kaffee und Kakao emissionsfrei nach Europa mitzubringen. Doch als sie Mittelamerika Anfang April erreichen, ist alles anders als erwartet. Von den Entwicklungen in der Welt erfahren sie Mitte März vom Gründer der Reederei "Timbercoast", zu der das Segelschiff gehört. Er schreibt: "Die Welt, wie ihr sie kennt, werdet ihr so nicht mehr vorfinden". Ein Schock für Peggy und die Crew. Die Ausmaße der Corona-Pandemie sind an ihnen vorbeigegangen, da sie auf dem Atlantik kaum Internet- oder Telefonempfang haben.

Karte mit einer Route von Europa nach Mittelamerika
Die ursprüngliche Route der Avontuur. Bildrechte: Peggy Engelmann

Der ersehnte Landgang bleibt verwehrt

Als sie die kleinen Antillen erreichen, bleibt ihnen der Landgang in Marie Galante verwehrt, erzählt Peggy. Die Welt ist vom Lockdown ergriffen. Nicht einmal Anker setzen darf die Crew. Der letzte Stopp liegt Wochen zurück. Ende Februar haben sie den Atlantik auf der anderen Seite verlassen. Das letzte Mal, dass sie auch Lebensmittel, Hygieneprodukte wie Seife oder Gas zum Kochen bekamen. Unzählige Gedanken und Sorgen gehen ihr durch den Kopf, die Ungewissheit beschäftigt sie, erzählt Peggy MDR SACHSEN-ANHALT in einer Nachricht.

Beladen unter strengsten Bedingungen

Letztlich darf "Avontuur" in den Hafen von Guadaloupe einfahren – als Ausweichoption lediglich für ein paar Stunden und unter strengsten Bedingungen, um das Nötigste einzuladen. Keiner von der Crew darf von Bord. Peggy schreibt in einer Nachricht an MDR SACHSEN-ANHALT: "Eilig brachten wir in Guadeloupe frische Nahrung an Bord. Ein Transporter ließ die Ladeluke über die Hafenmauer herunter, wir entpackten mit Handschuhen und Desinfektionsmitteln gewappnet die Ware und brachten sie in unseren Laderaum."

Für das Beladen erhielten sie klare Anweisungen für höchste Hygiene-Maßnahmen vom Kapitän: "Hände waschen, kein Hautkontakt mit dem Gesicht", schreibt Peggy. Beim Beladen "packte die Crew gemeinsam an. Langärmlige Oberteile und Latexhandschuhe waren Pflicht. Im Gummianzug nahm unsere Köchin Giulia die Lebensmittel entgegen. Frische Lebensmittel wuschen wir, ließen diese in Essig für 20 Minuten ruhen und spülten anschließend mit Wasser gründlich nach", so die 32-Jährige weiter.

Gegenseitiger Halt für die Crew und die Liebsten daheim

Die Zeit nutzt Peggy auch, um "Mutti, Vati und die Liebsten schnell zu kontaktieren, die Familie und Angehörige beruhigen", erzählt Peggy. "Was blieb mir anderes übrig, so viele tausend Kilometer entfernt voneinander? Panik? Oder ein wacher Blick mit Zuversicht und bestmöglichen Chancen zur Teamarbeit auf See." Gemeinsam mit den Crewmitgliedern hätten sie Emotionen und Wissen geteilt. "Wir gaben uns Halt und arbeiteten weiter optimistisch mit aller Kraft an Deck", berichtet die Hallenserin weiter.

Das Paradies so nah und doch so fern

Nach gerade Mal drei Stunden am ersten Ort in Mittelamerika muss das Segelschiff wieder ablegen. Peggy schreibt: "Unser Agent winkte uns zum Abschied und hielt die Daumen hoch. Einen Schritt weit von der paradiesischen Insel entfernt. Er begleitete uns beim Auslaufen bis zum Ende entlang der Hafenmauer. Ein erwärmendes Zeichen des Zuspruchs." Mehr bekommt Peggy von Land und Leuten nicht zu sehen, obwohl sie es sich so sehr wünscht:

Eine Frau auf dem Meer
Bildrechte: Peggy Engelmann

Persönlich wünsche ich mir einmal den Genuss von regionalen frischen Früchten erleben zu dürfen, die Menschen und das Land wenigstens kurz kennen lernen zu können, ein Wunsch der unerreichbar ist. Das exotische Festland in Sicht, unglaublich schön aus der Ferne, doch unerreichbar für die Crew, uns, mich.

Peggy Engelmann

Hafenmauern und -autoritäten, statt Land und Leuten

Deck des Segelfachters Avontuur
Die Hafenmauern Mittelamerikas sind das einzige, was Peggy vom fernen Land zu sehen bekommt. Bildrechte: MDR/Peggy Engelmann

Das bleibt auch vorerst so, denn ein ähnliches Schicksal erwartet die Crew auch in Honduras. Auf die geplante Hafeneinfahrt, wartet die Crew tagelang vor dem Port Cortes. Letztlich dürfen sie auch hier nur für wenige Stunden halten, um den Kaffee für Europa und Proviant einzuladen. Auch hier kein Landgang für die Crew der Avontuur. "An den Hafen fahren wir mit Handschuhen und Mundschutz zur Verladung der Fracht und dann müssen wir auch immer unmittelbar den Hafen verlassen, ohne einen Funken Boden berührt zu haben. Ebenfalls hier werden die Waren über die Hafenmauern per Kran aufs Schiff geladen und von der Crew per Hand entgegengenommen", schreibt Peggy.

Von Honduras geht es nach Belize. Mitte April schreibt Peggy: "Wir erreichen kein Land und sind vom Paradies umgeben, dürfen es nicht betreten und sind abhängig von Hafenautoritäten, wir warten aktuell seit Stunden vor Belize Stadt."

Hier wollen sie Cacao einladen, um danach nach Mexico zu gelangen. "Ein Wettrennen gegen die Zeit, denn die Grenzen werden nach und nach geschlosssen." Es ist der letzte Stand, den wir von Peggy Mitte April hören, bevor sie wieder in den Weiten des Meeres ohne Internetempfang verschwindet, auf ihrer Reise für fairen Handel.

Olga Patlan im MDR Landesfunkhaus Magdeburg
Bildrechte: Gaby Conrad

Über die Autorin Olga Patlan ist seit 2015 freie Redakteurin und Reporterin bei MDR SACHSEN-ANHALT. Hier arbeitet sie trimedial, jedoch hauptsächlich im Online-Bereich. Neben Online-Artikeln und Beiträgen fürs Radio und Fernsehen, betreut die Social Media-Kanäle und moderiert Interviews und Videos auf dem Facebook- und Instagram-Kanal von MDR SACHSEN-ANHALT.

Seit zehn Jahren lebt sie in Magdeburg. Hier studierte sie an der Otto-von-Guericke Universität Germanistik und Psychologie, spezialisierte sich aber bereits früh im Studium auf Medien.

Erste journalistische Erfahrungen sammelte sie bei Radio SAW. In ihrer Freizeit bereist sie gern die Welt und entdeckt Neues. Daher rührt auch ihre Leidenschaft für den Beruf als Journalistin, sich immer wieder in neue Inhalte zu denken, Menschen und Inhalte darzustellen. Peggys Reise begleitet sie seit ihrer Abfahrt Anfang Januar und steht mit ihr in regelmäßigem Kontakt, so weit die Lage es erlaubt.

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Quelle: MDR/pat

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