Eine Spritze liegt auf einem Impfpass.
Über die Wirksamkeit von Impfungen wird immer wieder debattiert. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO

Impfschutz "Viele Kinder könnten noch leben, wenn Eltern ihre Kinder impfen lassen"

Dass Impfungen wirksam und wichtig sind, ist unter Medizinern und Wissenschaftlern unumstritten. So ist eine Maserninfektion tausendmal gefährlicher als eine Masernimpfung. Trotzdem gibt es Menschen, die den Impfschutz in Zweifel ziehen. Journalistik-Studentin Alisa Sonntag hat eine Wissenschaftlerin besucht und einen Kritiker.

von Alisa Sonntag, Gastbeitrag

Eine Spritze liegt auf einem Impfpass.
Über die Wirksamkeit von Impfungen wird immer wieder debattiert. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO

Hinweis: Der Artikel hat in einer ersten Version Fakten und Meinungen zum Thema Impfen gleichgesetzt und zur Diskussion gestellt. Wir haben die entsprechenden Stellen korrigiert und mit Sven Engesser, Professor für Wissenschafts- und Technikkommunikation an der Technischen Universität Dresden über das Thema "false balance" gesprochen.

Max hatte keine Chance: Am 10. Februar 2014 verlor Anke Schönbohm den jüngeren ihrer beiden Söhne, als er noch nicht einmal 20 Jahre alt war. Er hatte an subakuter sklerosierender Panenzephalitis, kurz SSPE, gelitten – eine gefürchtete, aber seltene Nachfolgeerkrankung der Masern, die Teile des Gehirns absterben lässt. "Max hatte sich als Säugling wahrscheinlich bei älteren, umgeimpften Kindern angesteckt", erklärt seine Mutter. Weil in Deutschland Kinder damals erst ab einem Alter von 15 Monaten gegen Masern geimpft werden durften, war er da noch ungeimpft.

Max' Masernerkrankung im Alter von fünf Monaten sei aber problemlos verlaufen, bald sei er wieder gesund gewesen. Erst zehn Jahre später begannen die Sorgen: Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, epileptische Anfälle. Max‘ Zustand verschlechterte sich rapide.

Impfpflicht für "Herdenschutz"

Im April 2006 fiel der damals elfjährige Junge aus dem baden-württembergischen Sachsenheim aufgrund massiver Gehirnschäden ins Wachkoma. Wachkoma, das bedeutet: Zwar noch lächeln, weinen, kauen, greifen können – das meist aber reflexartig, ungeplant und unbewusst. "Für SSPE gibt es keine Heilung", sagt Anke Schönbohm.

Allein zwischen 2003 und 2009 sind in Deutschland 36 Kinder an SSPE erkrankt. "Es ist so traurig, dass viele Kinder vielleicht noch leben könnten, wenn alle Eltern ihre Kinder impfen lassen würden", fügt die Mutter hinzu. Schönbohm wünscht sich eine gesetzliche Impfpflicht. So soll der sogenannte Herdenschutz aufrechterhalten werden: Wenn alle geimpft sind, können Säuglinge und alle anderen, die beispielsweise wegen chronischer Erkrankungen nicht geimpft werden können, sich trotzdem nicht anstecken. Eine Entscheidung für oder gegen eine Impfung betrifft demnach nie nur eine Person.

Masern-Erkrankung Masern-Impfung
hochgradig ansteckend nicht ansteckend
Komplikation u.a. SSPE:

4-11 SSPE-Fälle pro 100.000 Masernerkrankungen,

20-60 SSPE-Fälle pro 100.000 Masernerkrankungen

(bei Kindern unter 5 Jahren)
"Impfmasern" bei etwa 5 – 15 Prozent der Geimpften
Letalität: 1 Todesfall pro 1.000 Masernerkrankte u.a. mäßiges Fieber, Hautausschlag meist in der zweiten Woche nach Impfung
Quelle: RKI  

Kritiker: Impfungen nicht wirksam

Hans-Peter Bartos hat seine Kinder nicht impfen lassen. Bewusst, sagt er: "Es spricht einfach nichts fürs Impfen". Der Hallenser bezeichnet sich zwar selbst nicht als Impfgegner, hat aber in Halle einen Stammtisch gegründet, der die Thematik Impfen kritisch beleuchten will. "An Masern", meint er, "stirbt niemand, dessen Körper nicht gerade geschwächt ist". Bartos denkt, das SSPE könne vielleicht sogar auf die Impfung selbst zurückzuführen sein. Impfschäden würden von den meisten Ärzten, Gerichten und dem Staat jedoch grundsätzlich bestritten. Betroffene müssten selbst nachweisen, dass die Impfung die konkrete Ursache der Erkrankung sei, nur dann zahle der Staat.

Grafik: Einwände gegen das Impfen und die passenden Einwände dagegen.
RKI: Einwände gegen das Impfen und die Einwände dagegen. Bildrechte: Robert Koch-Institut

Bartos kritisiert, dass Ärzte Patienten in den meisten Fällen vor Impfungen weder umfassend und ausgewogen noch überhaupt beraten: "Nicht mal den Beipackzettel mit den Nebenwirkungen zeigen sie den Patienten." Es gebe keine einzige Impfung, die überhaupt notwendig oder sicher sei oder in der Lage, vor der jeweiligen Krankheit zu schützen.

Viele Impfgegner gehen davon aus, dass nicht einmal die Existenz der Erreger nachgewiesen sei. Den Rückgang verschiedener Krankheiten nach der Einführung der entsprechenden Impfung führen sie auf die bessere Hygiene und medizinische Versorgung zurück. Impfen, sagen sie, sei nicht nur unnötig, sondern sogar schädlich: Weil dem Körper dabei körperfremde Stoffe zugeführt würden, entstünden schneller Allergien. Dass in Deutschland dennoch geimpft werden darf, dahinter vermuten sie die Pharmaindustrie.

Zum Beweis für ihre Aussagen bringen Impfgegner nicht selten Statistiken, Informationen und Daten vor, deren Herkunft und Richtigkeit teilweise schwer nachvollziehbar sind. Für einen Laien sind die Argumente der Impfgegner damit schwer einzuschätzen.

Das zentrale deutsche Institut für Krankheitsüberwachung und -prävention, das Robert Koch-Institut, hat aus diesem Grund Antworten auf die häufigsten Einwände gegen das Impfen veröffentlicht.

Wissenschaftliche Argumente gegen Impfkritik

Dem ist sich das deutsche Robert-Koch-Institut, ein Forschungsinstitut der Bundesregierung zur Krankheitsüberwachung und -prävention, bewusst. In dem Beitrag "Antworten zu den 20 häufigsten Einwänden gegen das Impfen" schreibt das Institut deshalb beispielsweise, dass Krankheitserreger allein schon deswegen nachgewiesen sein müssen, weil aus ihnen die Antikörper für den Impfstoff hergestellt werden. In vielen Fällen sei sogar ihr genetischer Code entschlüsselt. Für die Pharmalobby seien Impfstoffe außerdem gar nicht so lohnenswert: 2014 seien nur etwa 0,65 Prozent der Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung für Impfstoffe eingesetzt worden, während es für Arzneimittel 17 Prozent waren.

Das Geschäft mit Impfstoffen [ist] auch deshalb weniger attraktiv, weil die Herstellung von Impfstoffen weitaus komplexer und teurer ist als die von Arzneimitteln.

Robert Koch-Institut, Antworten zu den 20 häufigsten Einwänden gegen das Impfen

Mehr Aufklärung statt Impfpflicht

Die Immunologin Dagmar Riemann von der Martin-Luther-Universität Halle hält noch ein Argument für die Wirksamkeit von Impfungen bereit: "Deutschland gilt unter Experten als die Masernschleuder Europas." Dass das im hochentwickelten Deutschland an mangelnder Hygiene liege, sei auszuschließen: "Nein, das ist einfach, weil wir unsere Leute nicht vom Impfen überzeugen können." Mit einer Impfpflicht, so die Medizinerin, hätten die Kinderärzte es zwar viel leichter, dennoch finde sie es wichtig, in einer offenen Gesellschaft niemanden zum Impfen zu zwingen, sondern Gegner zu überzeugen.

Deutschland gilt unter Experten als die Masernschleuder Europas.

Immunologin Dagmar Riemann, Universität Halle
Grippe-Schutz: Dreifach- oder Vierfach-Impfstoff?
Die Medizinerin Dagmar Riemann ist gegen eine Impflicht. Sie setzt auf Aufklärung. Bildrechte: imago/Christian Ohde

Eigentlich, sagt sie, müsste das Thema in der Gesellschaft eine größere Rolle spielen und beispielsweise in der Schule besprochen werden. Die Leute wüssten zu wenig übers Impfen. So sei relativ unbekannt, dass es unter geimpften Personen immer einen bestimmten Anteil sogenannter Non-Responder gibt, bei denen der Impfstoff nicht oder nicht ausreichend wirkt. Je nach Impfstoff variiert der Anteil der Non-Responder zwischen einem und zehn Prozent.

Riemann erklärt die Zweifel der Impfgegner so: "Früher, als Kinder bei einer Kinderlähmung noch zum Atmen in die 'eiserne Lunge' mussten, da fiel es den Müttern leichter, zu verstehen, warum sie ihre Kinder impfen lassen sollen." Heute seien viele Krankheiten kaum mehr verbreitet, so dass Eltern sie nicht als bedrohlich einstufen würden: "Dass die Krankheiten eben wegen der Impfungen nur noch so selten sind und dass das Ansteckungsrisiko steigt, je mehr Menschen sich nicht impfen lassen, blenden viele dabei aus."

Über die Autorin Neugierig ist Alisa Sonntag schon immer gewesen – zukünftig, hofft sie, auch hauptberuflich. Aktuell studiert sie an der Universität in Halle Multimedia und Autorschaft und International Area Studies. Dabei schreibt sie unter anderem für das Leipziger Journalismus-Startup The Buzzard, die Mitteldeutsche Zeitung, die Freie Presse Chemnitz und den Dresdner Blog Campusrauschen, den sie 2016 mitgegründet hat.

Mehr zum Thema

Quelle: MDR/mp

Zuletzt aktualisiert: 25. Juli 2018, 10:16 Uhr

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63 Kommentare

20.07.2018 10:07 Sven Engesser 63

@ Hans-Peter Bartos
Die Dunkelziffer bei Verdachtsfällen ist in der Tat ein Problem. Es gibt jedoch empirische Hinweise, dass sie bei schweren Fällen bei 1 zu 5 liegt, statt bei 1 zu 20 (Hazell & Shakir, 2006). Das ist auch plausibel, da man sich bei schweren Beschwerden eher die Mühe der Meldung macht. Daher erscheint eine Schätzung der Verdachtsfälle bleibender Schäden von 1 auf 100.000 Impfdosen gerechtfertigt. Selbst wenn wir annehmen, dass sich alle diese Fälle bestätigen, wäre die Maserninfektion noch immer 100 mal gefährlicher als die Masernimpfung.
Nebenwirkungen bei Maserninfektionen umfassen Durchfall (8%), Mittelohrentzündung (7 %), Lungenentzündung (6 %) etc. und addieren sich zu 30 %. 60 % der Todesfälle sind auf Lungenentzündung zurückzuführen (CDC, 2015).
Wenn das Argument stimmen würde, dass SSPE von der Impfung ausgelöst wird, müsste die Zahl der SSPE-Fälle bei Geimpften mit Maserninfektion und ohne Maserninfektion gleich hoch sein. Das ist jedoch nicht der Fall.

20.07.2018 09:10 Wolpertinger 62

@19.07.2018 17:00 Hans-Peter Bartos
Können Sie uns bitte einen Verweis auf ein wissenschaftliches, medizinisches Gutachten zur Verfügung stellen, das Ihre Ansicht unterstützt ?
Danke.

20.07.2018 06:30 Sr.Raul 61

@58 (Dorfbewohner), @Sabine H hat meine Frage aus @52 auch nicht beantwortet. Diese Anmerkung völlig wertfrei.