Kulturinsel Halle Sachsen Anhalt
Das Neue Theater in Halle, kurz "nt", gehört zum städtischen Kulturbetrieb. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Vor OB-Wahl Kultur in Halle: Stillstand oder Fortschritt?

Am Sonntag wird in Halle der Oberbürgermeister gewählt. Die Kulturszene in Halle erhofft sich für die kommenden Jahre vor allem Klarheit darüber, wofür die Kultureinrichtungen in der Stadt stehen – und inwiefern sie sich weiterentwickeln können. Theater-Intendant Matthias Brenner sagt, der neue OB solle mehr Mut und Risikobereitschaft zeigen.

Cornelia Winkler
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Cornelia Winkler, MDR SACHSEN-ANHALT

Kulturinsel Halle Sachsen Anhalt
Das Neue Theater in Halle, kurz "nt", gehört zum städtischen Kulturbetrieb. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Die Stadt Halle bezeichnet sich selbst gerne als Sachsen-Anhalts Kulturhauptstadt. Barockkomponist Georg Friedrich Händel stellt hierfür oftmals das Aushängeschild dar und thront stolz als Denkmal auf dem zentralen Marktplatz in Halles Innenstadt. Doch das Kulturangebot der Händelstadt reicht weit über ihren berühmtesten Sohn hinaus. Nicht nur Theater, Puppentheater, Opernhaus und drei Programmkinos bieten zahlreiche Veranstaltungen an. Auch die Museenlandschaft ist breit aufgestellt. Ob Schokolade, Salzgewinnung, Kunst, Beatles oder Geschichte des Landes oder der Stadt – es gibt kaum ein Thema, was die halleschen Museen nicht abdecken.

Andere Städten etwas voraus

Als sehr "reich" bezeichnet auch Theater-Intendant Matthias Brenner das Kulturangebot der Stadt. Der Schauspieler und Regisseur ist seit acht Jahren Schauspiel-Intendant am städtischen Kulturbetrieb – der Theater, Oper, und Orchester GmbH (TOOH) und kennt sich in der halleschen Kulturszene  bestens aus. Die meisten Menschen, die erstmals in die Stadt kommen, seien komplett überrascht über die "unglaubliche Angebots-Dichte, was Kunst und Kultur in der Stadt betrifft" – ihm selbst sei es genauso gegangen.  

Matthias Brenner
Schauspiel-Intendant Matthias Brenner Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das vielfältige Kulturangebot für eine Stadt dieser Größe sei nicht selbstverständlich, so Brenner. Halle habe Städten in ähnlicher Größe wie Magdeburg, Rostock oder Erfurt damit einiges voraus. Doch wie soll es weitergehen? Fortschritt oder Stillstand? Sollen die jetzigen Angebote soweit es geht erhalten bleiben oder gibt es Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln und neues auszuprobieren? Auf diese Themen fordert Brenner vom künftigen Oberbürgermeister Klarheit. Denn die Hallenser wählen am Sonntag ihren Bürgermeister. Amtsinhaber Bernd Wiegand tritt gegen sieben weitere Kandidaten an.

Kunst vs. Wirtschaftlichkeit

Hintergrund Brenners Forderung ist die von den Medien als Theater- oder Opernstreit bezeichnetet Debatte an den Bühnen Halle, über die künstlerische Autonomie und der Wirtschaftlichkeit der städtischen Bühnen.  Die Auseinandersetzung darüber führte in den letzten Jahren immer wieder zu Zerwürfnissen zwischen den Intendanten Brenner (Schauspiel) und Florian Lutz (Oper) und Stefan Rosinski, Geschäftsführer der  Theater, Oper und Orchester GmbH Halle (TOOH), der Oper und Neues Theater angehören.

Lutz war 2016 als Intendant an der Oper engagiert worden, um mit einem zeitgemäßen Repertoire ein jüngeres Publikum zu gewinnen. Für seine Arbeit gab es viel überregionale Beachtung und auch den deutschen Theaterpreis FAUST.

Htheater Halle
Die Oper in Halle benötigt spätestens nach der Spielzeit 2020/2021 einen neuen Intendanten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In der Stadtgesellschaft aber lösten die Inszenierungen Widerspruch aus. Viele Abos wurden nicht verlängert. Zu zurückgehenden Ticketerlösen kam ein ohnehin bestehendes Defizit von vier Millionen Euro hinzu. Der TOOH-Aufsichtsrat hat Lutz' Vertrag letztendlich nicht verlängert. Spätestens nach der Spielzeit 2020/2021 muss er die Bühnen Halle verlassen.

Gelitten hätten unter dem Dauerthema "Theaterstreit" vor allem auch die Produkte der Kultureinrichtungen, sagt Brenner. "Das haben die Produkte nicht verdient. Die brauchen die Aufmerksamkeit, nicht die Streitereien", sagte Brenner. Er selbst bleibt noch Schauspielchef am Neuen Theater, mindestens fünf Jahre bis zur Spielzeit 2025/2026.

Rückschläge und falsche Zeichen

Georg Friedrich Händel Denkmal
Die Händel-Festspiele wurden 2013 abgesagt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seine Intendanz am Neuen Theater trat Brenner mit der Spielzeit 2011 an. Als Schauspielchef hat er auch die gesamte Legislaturperiode von Oberbürgermeister Bernd Wiegand miterlebt – mit Höhen, aber auch Tiefen, wie er selbst sagt. Hierzu zählten unter anderem die Schließung der Heimstätte des Thalia Theaters wie die Absage der Händel-Festspiele während der Flut im Juni 2013, die er bis heute als Fehler ansieht.

Ich fand, es wurde eine riesige Chance vergeben, diese Stadt über Europa hinaus bekannt zu machen, in dem man der Flut mit Händel kontert, statt die die Händel-Festspiele in der Flut ertrinken zu lassen.

Matthias Brenner, Intendant des Neue Theaters Halle

Man hätte damals ein Zeichen setzen können. Ausweich-Alternativen für abgesoffene Spielstätten hätte es gegeben, so Brenner. Aber die Maxime der Stadt habe geheißen: Wenn eine Stadt in Not ist, kann man keine Kultur-Festspiele machen.

Mehr Mut und Risiko

Für die anstehende Amtszeit, wer auch immer als Halles Oberbürgermeister aus der Wahl hervorgehen wird, hofft der Schauspielchef nun auf mehr Mut und Risikobereitschaft:

Wir müssen darüber reden, wie wir mit der Wahrheit unseres Berufs, der ist nämlich sehr  vielfältig, arbeiten. Wie kriegen wir es gebacken, dass der Beruf erwerbswürdig bezahlt wird und wir unser Risiko steigern können, damit wir auf bestimmten Gebieten auch Vorreiter sein können.

Matthias Brenner

Auch eine Kulturlandschaft braucht Brenner zufolge Fortschritt: "Alles, was sich nicht verändert, ist verurteilt unterzugehen." Dafür sei es allerdings wichtig, Vorschläge dafür zu erarbeiten und anschließend auch die Freiheiten zu genießen, diese in Ruhe umzusetzen, statt gleich nach den ersten Versuchen "gesteinigt" zu werden. Für die Zukunft zeigt er sich dafür optimistisch und hofft, dass alle Seiten für künftige Debatten in der neuen Legislatur aus alten Fehlern gelernt haben.

Kulturangebot als Bleibefaktor

Letztendlich geht es darum, ein vielfältiges Kulturangebot in der Stadt zu haben, wofür Halle von vielen Seiten geschätzt wird. Intendant Brenner ist sogar überzeugt: "Das Kulturangebot ist ein wichtiger Bleibefaktor für die Stadt. Er sehe das Bedürfnis danach zunehmend wachsen. Die Kulturlandschaft sei ein wichtiger Faktor, ob Menschen ihren Lebensmittelpunkt in der Stadt Halle haben und vor allem halten wollen.

Cornelia Winkler
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Cornelia Winkler arbeitet seit Oktober 2016 in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten - mit Fokus auf den Süden Sachsen-Anhalts. Außerdem betreut sie die Social-Media-Kanäle und moderiert die Kommentare der Nutzer. Nach Sachsen-Anhalt hat es sie 2009 für ihr Studium verschlagen: In Halle hat sie ihren Master im Fach Online-Journalismus absolviert. Im Anschluss war sie einige Jahre für die Mitteldeutsche Zeitung tätig, bevor sie zum MDR wechselte. In Sachsen-Anhalt ist die gebürtige Leipzigerin gerne im Saale-Unstrut-Gebiet unterwegs. Generell trifft man sie in ihrer Freizeit am ehesten auf dem Fahrrad an, auf dem sie gern ihr noch unbekannte Orte im Land erkundet.

Quelle: MDR/cw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 01. Oktober 2019 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Oktober 2019, 19:33 Uhr

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