Hasskommentare zu Interview Jüdischer Gemeindevorsitzender von Halle denkt an Auswanderung – antisemitische Reaktionen

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Halle sagt, dass er darüber nachdenke, auszuwandern. Im Internet folgen auf seine Äußerungen antisemitische Kommentare. Latenter Antisemitismus in Sachsen-Anhalt ist nicht auf diesen Vorfall beschränkt.

Blumen und Kerzen stehen neben der Tür zur Synagoge, vier Tage nach dem rechtsextremistischen Anschlag auf die Gemeinde
Die Tür zur Synagoge Halle wurde noch nicht ausgetauscht. Zu einem Interview mit dem Gemeindevorsitzenden gab es antisemitische Kommentare. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Im Internet hat es antisemitische Kommentare zu einem Interview mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Halle, Max Privorozki, gegeben. Privorozki sagte der Süddeutschen Zeitung (SZ), dass er über das Auswandern nach Israel nachdenke. "Ich fühle mich schon seit ein paar Jahren nicht mehr so wohl in meiner Stadt, in meinem Land", sagte er. Denn sich offen als Antisemit zu zeigen, sei nicht mehr peinlich. Antisemitismus in Deutschland werde "mit großer Geschwindigkeit immer krasser". Er sehe Parallelen zwischen der Reichspogromnacht am 9. November 1938 und dem Anschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober.

Max Privorozki, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Sachsen-Anhalt, sitzt vor einer Menora.
Gemeindevorsitzender Max Privorozki (Archivbild) Bildrechte: dpa

Das anhaltende, starke Medieninteresse in den Wochen nach dem Anschlag am 9. Oktober habe die Gemeinde erschöpft, sagte Privorozki der SZ. Das große Interesse von Medien und Politikern, mit der jüdischen Gemeinde zu reden, führe zudem dazu, dass die Gemeinde ständig an den Anschlag erinnert werde und dadurch nicht zur Ruhe komme. Die beschädigte Eingangstür sei noch nicht ausgetauscht worden. Statt Worten allein erwarte er von Politikern auch Handlungen, sagte Privorozki.

Das Interview wurde von mehreren Medien aufgegriffen, darunter Zeit Online, die taz und die Mitteldeutsche Zeitung (MZ).

Offen antisemitische Äußerungen in den Kommentaren

In den sozialen Medien sorgten die Aussagen von Privorozki für viele Reaktionen – darunter zahlreiche klar antisemitische, die auch unter Klarnamen geteilt wurden. So hieß es in einem Twitter-Kommentar unter dem taz-Beitrag zum Interview beispielsweise, dass es doch nichts Schlimmes sei, wenn Privorozki auswandern wolle. "Also .....wenn er sich nicht mehr wohlfühlt", heißt es unter dem MZ-Artikel dazu bei Twitter.

Unter dem Artikel bei Zeit Online mutmaßt ein Kommentator, dass die Israelpolitik für den Antisemitismus in Deutschland verantwortlich sei. Ein anderer Nutzer entgegnet: "Sie meinen also, die Juden haben mal wieder selbst Schuld daran, dass man ihnen nach dem Leben trachtet?" In einem weiteren Kommentar fordert ein Nutzer Belege für die Aussage Privorozkis, dass offener Antisemitismus in Deutschland nicht mehr peinlich sei.

Mehr als hundert gelöschte Kommentare

Etwa 130 antisemitische Kommentare hat allein die MZ nach eigener Aussage zu dem Interview löschen müssen. Twitter-Nutzer hatten die Redaktion auf die Hasskommentare aufmerksam gemacht und um deren Entfernung gebeten. Mittlerweile sind der Facebook-Post dazu und somit sämtliche Kommentare gelöscht worden. Auf der MZ-Webseite kann der Artikel ebenfalls nicht mehr kommentiert werden – das gilt auch auf der Webseite der Süddeutschen Zeitung.

Christian Reinboth aus Wernigerode twittert bezogen auf die antisemitischen Kommentare zum Artikel der MZ, dass Privorozkis Einschätzung, dass offener Antisemitismus nicht länger peinlich sei, offenbar stimme. Andere User kommentieren die redaktionelle Arbeit der MZ. "Wir wissen alle, was bei bestimmten Themen passiert, warum also Kommentare zulassen?", fragte Nutzer 0x 8000 die Zeitung. "Wie viele Anzeigen habt ihr bezüglich der Kommentare erstellt?", will Twitternutzer urbanepolemik von der MZ wissen. Die Prenzlberger Stimme schlägt vor, bei den Usern, die unter ihrem Klarnamen antisemitische Beiträge veröffentlicht hatten, für eine Reportage vorstellig zu werden.

Unterschiedliche Meinungen Halle-Anschlag: So haben Nutzer auf Facebook darauf reagiert

Facebook-Kommentar Halle-Anschlag
Kommentator M. zeigt sich auf Facebook geschockt und kritisiert die Gesellschaft. Bildrechte: MDR/Johanna Daher
Facebook-Kommentar Halle-Anschlag
Kommentator M. zeigt sich auf Facebook geschockt und kritisiert die Gesellschaft. Bildrechte: MDR/Johanna Daher
Facebook-Kommentar Halle-Anschlag
Im Kommentar von C. lässt sich hingegen eine antisemitische Richtung erkennen. Es wurde ein Anschlag auf eine Synagoge begangen und er denkt nur an die aus seiner Sicht "Normalbürger", zu denen er die Juden nicht zählt. Bildrechte: MDR/Johanna Daher
Facebook-Kommentar Halle-Anschlag
Gleichzeitig gibt es aber auch Personen, die für eine positivere Stimmung im Kommentarbereich sorgen. Genau für solche Menschen, wie A., sind wir bei MDR SACHSEN-ANHALT sehr dankbar, da sie keinen Hass schüren. Bildrechte: MDR/Johanna Daher
Facebook-Kommentar Halle-Anschlag
Allerdings reagieren nicht alle Kommentatoren so, sondern einige äußern sich wie in diesem Beispiel. Bildrechte: MDR/Johanna Daher
Facebook-Kommentar Halle-Anschlag
Immer wieder versuchen Kommentatoren, den Rechtsextremismus zu schützen und Flüchtlingen die Schuld zu geben. Das wird nicht nur bei den Artikeln zum Anschlag in Halle deutlich, sondern beobachtet die Online-Redaktion immer wieder. Bildrechte: MDR/Johanna Daher
Facebook-Kommentar Halle-Anschlag
Als Redaktion wollen wir gerne mit den Nutzern in eine konstruktive Diskussion treten. Ein Gespräch, das nicht von Hass-Kommentaren und antisemitischen Meinungen gespickt ist. Sondern das Argumente liefert und die Gesellschaft weiterbringt. Bildrechte: MDR/Johanna Daher
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Schwer erfassbarer latenter Antisemitismus, steigendes Bedrohungsgefühl

Antisemitismus ist auch im Kommentar-Bereich von MDR SACHSEN-ANHALT ein Problem, das bereits bei der ersten Berichterstattung zum Anschlag auf die Synagoge in Halle offenbar wurde. Gerade in der Online-Welt gebe es die Tendenz zur Grenzüberschreitung, sagte der Politikwissenschaftler Florian Eisheuer dem MDR. "Trolling" habe auch Folgen für die Kommunikation in der Offline-Welt: Die Grenzen des Sagbaren würden auch dort verschoben. Doch durch das Internet könnten sich Antisemiten besser vernetzen. Auch der Täter von Halle hat sich im Internet auf antisemitischen Seiten bewegt.

Die Zahl der von der Polizei erfassten antisemitischen Straftaten sind in den vergangenen Jahren zwar nicht erkennbar angestiegen. Aber laut Sachsen-Anhalts Ansprechpartner für jüdisches Leben und Antisemitismus, Wolfgang Schneiß, gibt es bei antisemitischen Vorfällen einen großen Graubereich. Es gebe dabei bei Juden in Sachsen-Anhalt ein zunehmendes Bedrohungsgefühl, das nicht direkt auf strafrechtlich relevante Ereignisse zurückzuführen sei.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 09. November 2019 | 14:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. November 2019, 14:51 Uhr

44 Kommentare

DER Beobachter vor 4 Wochen

Sie unterschlagen uns aus der Bielefelder Studie so einiges: 75 % der Befragten machen sich Sorgen wegen des Anwachsens rechtspopulistischer Strömungen. 80% meinen, dass Deutschland auch ohne islamischen Antisemitismus ein antisemitisches Problem habe...

DER Beobachter vor 4 Wochen

Für die Hallenser Juden jedenfalls scheint aus nicht nur jüngster Erfahrung islamischer Antisemitismus das geringere Problem sein als rechtsextrem motivierter Antisemitismus...

Denkschnecke vor 4 Wochen

Herr Privorozki hat (als direkt Betroffener) offenbar ein geringeres Problem mit dem islamisch motivierten Antisemitismus als Sie. Auch er meint vor allem den Kampf gegen rechts (wenn ich seine Äußerungen in der lokalen Presse richtig verstanden habe).
Im Übrigen sollten Sie Fiktion (z.B. eine Schriftstellers wie eines Houellebecq) von der Realität unterscheiden lernen.

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