Gutachter zur Tat in Köthen Rechtsmediziner: "Wir lassen uns durch nichts beeinflussen"

Im Fall des verstorbenen Kötheners hatten sich rechtsmedizinisches Gutachten und Augenzeugenberichte vermeintlich widersprochen. Die AfD hatte der Landesregierung deshalb vorgeworfen, aus politischen Gründen Einfluss genommen zu haben. Später relativierte sie die Kritik. MDR SACHSEN-ANHALT hat am Rande der Pressekonferenz zum aktuellen Ermittlungsstand mit dem Direktor der Rechtsmedizin der Uniklinik Halle, Professor Rüdiger Lessig, über die Herausforderung der Arbeit an dem Fall gesprochen.

Rechtsmedizin Rüdiger Lessig
Rüdiger Lessig, Leiter der Rechtsmedizin an der Universität Halle Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR SACHSEN-ANHALT: Professor Lessig, Obduktionsergebnisse und rechtsmedizinische Gutachten sind Teil der staatsanwaltschaftlichen Entwicklungen. Warum sind sie in einem späteren Prozess so wichtig?

Lessig: Das ist eine Dokumentation objektiver Befunde, die für die Bewertung des Sachverhalts, der im Raum steht, wichtig ist. Sodass man rekonstruieren kann, ob eine Zeugenaussage korrekt ist oder nicht.

Der Leichnam des jungen Kötheners wurde noch am Sonntag in Halle obduziert. Ist eine schnelle Obduktion ein Vorteil oder eher kontraproduktiv, weil man in der Hektik vielleicht etwas übersieht?

Hektik ist immer ein ganz schlechter Begleiter. Die gibt es bei uns nicht. Es wird das Programm, das wir in solchen Fällen machen, abgespult. Das ist professionelle Routine, alles andere wäre nicht gut. Wenn in Absprache mit Polizei und Staatsanwaltschaft entschieden wird, wie in dem Fall Köthen, wir machen eine Obduktion zeitnah, dann machen wir vorab die sogenannte postmortale Bildgebung (einen computertomografischen Vollkörper-Scan), dann wird obduziert. Da wird akribisch äußerlich beschrieben, fotodokumentiert und diktiert während der Obduktion. Wenn ein Tötungsdelikt im Raum steht, so wie hier, ist es für Staatsanwaltschaft und Polizei immer extrem wichtig, so schnell als möglich ein Obduktionsergebnis zu bekommen. Somit war für uns schon am Sonntagnachmittag klar, dass es sich um einen Herzinfarkt handelt.

Daraufhin wurde in der Öffentlichkeit sofort diskutiert, dass ein vorangegangener Streit diesen sicherlich ausgelöst hat.

Der Verstorbene hatte ein sogenanntes versagensbereites Herz, dass es jeder Zeit zu einem Herzinfarkt mit anschließendem Herzstillstand kommen kann. Wann das versagt, unter welchen Umständen, das ist nie vorhersehbar. Ob es einen Kausalzusammenhang gibt, unterliegt der Wertung der Juristen. Das ist nicht meine Aufgabe.

Warum veröffentlicht man überhaupt vorläufige Ergebnisse, statt zu warten, bis alles abschließend untersucht ist?

Das ist auch Routine, dass wir nach einer Obduktion innerhalb von 48 Stunden der Staatsanwaltschaft ein vorläufiges Ergebnis zur Verfügung stellen. Das hängt natürlich vom Ergebnis ab. Wenn wir einen Befund haben, können wir den mitteilen. Wenn wir keinen haben, können wir den auch nicht mitteilen, aber dann weiß die Staatsanwaltschaft zumindest, dass wir noch nicht wissen, woran jemand  gestorben ist und dass wir weiter untersuchen müssen.

Menschen stehen in einem Kreis um eine Gedenkstelle, im Vordergrund mehrere Journalisten mit Kameras
Nach dem Tod des 22-Jährigen kam es zu verschiedenen Gedenkveranstaltungen. Bildrechte: MDR/Tom Wunderlich

Laut Vorwürfen der AfD könnten Diagnosen und Gutachten gefälscht sein, um die "Wahrheit" nicht ans Licht kommen zu lassen und mutmaßliche Täter zu schützen. Dass Ihre Arbeit und die Ihrer Kollegen so angezweifelt wird. Inwiefern trifft sie das?

Das ist für unsere Kollegen, die da am Sonntag im Dienst waren, ausgesprochen unschön, wenn Vorwürfe der Vertuschung oder Manipulation im Raum stehen. Denn das ist etwas, was bei uns nicht vorkommt. Damit würden wir unsere berufliche Existenz auf den Prüfstand stellen. Wir lassen uns aufgrund unserer Professionalität und unabhängigen Sachverständigen-Tätigkeit durch nichts beeinflussen. Da kann ich Ihnen auch ein konkretes Beispiel geben:

Ich hatte vor vielen Jahren einen Fall, da wurde eine alte Dame tot aufgefunden. Die Obduktion hatte ergeben, dass sie umgebracht worden ist. Dann ging es um die Frage der Todeszeit. Ich habe Polizei und Staatsanwaltschaft gesagt, die Frau war schon mindestens drei Tage tot, bevor sie gefunden wurde. Dann gab es Zeugen, die die Dame am Vortag und zwei Tage zuvor gesehen haben wollen. Also wurde meine Arbeit angezweifelt, von der Polizei und von der Staatsanwaltschaft. Anhand der Befunde konnte ich aber nichts anderes sagen. Und das ist das, was wir tagtäglich tun.

Wenn wir alle zu einer Meinung kommen, gibt es auch keine Zweifel an dem Fall.

Am Ende, in der Hauptverhandlung, wurde dann eine Zeugenaussage anhand einer Dokumentation eines Flughafens aufgeklärt. Der Zeuge, der die Dame gesehen haben wollte, hatte gesagt, zu diesem Zeitpunkt flog eine Lufthansa-Maschine von Frankfurt – der hatte offensichtlich den Flugplan im Kopf – zum Landeanflug über Leipzig. Das Landgericht Leipzig hat während dieser Hauptverhandlung am Flughafen nachgefragt. Und es stimmte nicht. An dem Tag war Ostwetterlage und die Maschinen sind gen Osten gelandet. Und damit war die Zeugenaussage erschüttert. Und so etwas passiert immer wieder.

Gibt es nicht Mechanismen, die solche Zweifel von vornherein ausschließen?

Es ist laut Strafprozessordnung vorgeschrieben, dass immer zwei Obduzenten anwesend sein müssen, also das Vier-Augen-Prinzip. Als Leiter der Einrichtung schaue ich mir in diesem Fall die Befunde auch noch einmal an und bewerte. Da haben wir schon sechs Augen. Wenn wir alle zu einer Meinung kommen, gibt es auch keine Zweifel an dem Fall. Wenn wir uns unsicher sind, wird das entsprechend im Gutachten formuliert. Oder wenn wir nochmal tiefer recherchieren müssen, dann werden auch intern solche Fälle von allen nochmal besprochen. Wir sind extremst daran interessiert, dass das, was wir am Ende rausgeben, zweifelsfrei ist.

Quelle: MDR/cw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 12. September 2018 | 13:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. September 2018, 05:14 Uhr

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30 Kommentare

14.09.2018 19:50 Eulenspiegel 30

Hallo ossi 29
Dann mal Butter bei die Fische. Jetzt müssen sie ganz genau erklären wo genau die Rechtsmedizin und die Landesregierung unredlich sind. Uns das alles natürlich auch mit den erforderlichen Beweisen. Wir sind gespannt.

14.09.2018 10:18 ossi 29

"Das sollten doch unabhängige Gutachter überprüfen, vielleicht in Ungarn oder Russland?"
Wären die Aussagen von Rechtsmedizin und Landesregierung redlich und vollständig und nicht zweifelhaft wie ein Sibyllinisches Orakel gäbe es viele Probleme nicht!

Und wenn MDR mit der Anmerkung:
"Das ist alles noch Teil der Ermittlungen, die bisher nicht abgeschlossen sind. " ... so ist die Darstellung in der Pressekonferenz und des TV derart: "Natürlicher Tod Herzversagen, weitergehen es gibt nichts zu sehen."

14.09.2018 10:04 MuellerF 28

@23: Es gibt Menschen wie Sie, denen kann man es nie recht machen- wenn Infos zu spät rauskommen, heißt es "Vertuschung", kommen sie zu früh, heißt es "Manipulation". Sie sind doch gar nicht an der Wahrheit interessiert, sondern nur an möglichst wirkungsvollen Propaganda-Effekten!