Jahresausstellung der Burg 2019 "Es gibt keine unpolitische Kunst, kein unpolitisches Design"

Welche Aufgaben haben Kunst und Design? Wie wirken Kunst und Design in die Gesellschaft? Die Jahresausstellung der Studierenden der Kunsthochschule Burg Giebichenstein hat 2019 einen starken politischen Charakter: für ein starkes Miteinander, für die Unabhängigkeit von Kunst und Design und für Benachteiligte in der Gesellschaft. MDR SACHSEN-ANHALT hat sich mit beiden Entwicklerinnen des Leitgedankens getroffen und über ihre Ideen gesprochen.

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Martin Paul, MDR SACHSEN-ANHALT

Kampagnenmotive der Jahresausstellung 2019, Gestaltung: Lisa Linz, Maja Redlin
Kampagnenmotive der Burg-Jahresausstellung 2019 Bildrechte: Lisa Linz/Maja Redlin

Die Jahresausstellung der Burg Giebichenstein in Halle hat in diesem Jahr einen klaren politischen Fokus:

  • Wir machen uns stark für ein plurales Miteinander und individuelle, eigensinnige Wege
  • Wir schützen die Freiheit, Vielfalt und Unabhängigkeit von Kunst und Design
  • Wir stellen uns an die Seite derer, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden

Maja Redlin und Lisa Linz studieren Kommunikationsdesign an der Kunsthochschule Burg in Halle (Saale) im sechsten und achten Semester. Sie haben zusammen mit ihrer Professorin Andrea Tinnes und dem künstlerischen Mitarbeiter Pierre Pané-Farré die Kampagne für die Jahressaustellung 2019 entworfen und gestaltet.

MDR SACHSEN-ANHALT: Wie seid ihr auf die Statements gekommen?

Maja Redlin: Wir haben uns damit befasst, wofür die Hochschule offiziell einsteht: unserem Leitbild, dann der "Erklärung der Vielen" und die "Erklärung der weltoffenen Hochschulen". Diese drei Erklärungen sind unsere inhaltliche Grundlage. Und die Statements sind inhaltlich aus den Erklärungen entstanden.

Warum gibt es diesen starken politischen Fokus?

Lisa Linz (l.) und Maja Redlin, Studentinnen Kommunikationsdesign Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle
Lisa Linz (l.) und Maja Redlin Bildrechte: MDR/Martin Paul

Lisa Linz: Wir haben gemerkt, dass das auf vielen Ebenen einfach gelebt wird. Für uns war das eine logische Weiterführung, sodass wir gesagt haben, wir wollen das nach außen kommunizieren. Besonders weil es politisch antidemokratische Tendenzen gibt, die versuchen, in Kunst und Kultur einzugreifen. Wir wollten das Statement in die Öffentlichkeit tragen: Wir sind hier ein Schutzraum. Wir haben hier diverse Persönlichkeiten, die wir unterstützen wollen und wir wollen zeigen, dass wir füreinander da sind und uns dieser Raum wichtig ist.

Maja Redlin: Es ist einerseits ein Statement, das nach außen getragen wird. Es ist aber auch ein Auftrag, den wir als Hochschule erfüllen und auch immer weiter erfüllen müssen. Da ist im letzten Jahr unglaublich viel ins Rollen gebracht worden, was weitergeführt werden muss.

Warum gibt es die Jahresausstellung der Burg?

Dieter Hofmann, Rektor und Professor für Industrial Design/Produkt- und Systemdesign
Dieter Hofmann, Rektor der Hochschule Bildrechte: Hochschulpressestelle Burg Halle

Der Rektor der Hochschule, Dieter Hofmann, begründet die Jahresausstellung im Interview mit MDR Kultur als Dialog-Angebot, "zum Dialog über die Kunst, aber auch zum Dialog mit den Menschen, mit der Gesellschaft, mit allen Bewegungen, die sich in unserer Gesellschaft gerade entwickeln." Schon dadurch, dass die Studierenden zur Ausstellung vor Ort sind, könne der Dialog geführt werden. "Gestalten und Kunst machen aus dem luftleeren Raum geht einfach nicht. Das ist ja auch immer eine Reflexion der eigenen Gegenwart in der Gesellschaft, wenn man Kunst und Design macht", so Hofmann.

Das Politische und die Kunst

Erklärung der Vielen Sachsen-Anhalt
Am 8. Mai 2019 veröffentlichte die Burg und 40 weitere Kulturinstitutionen die "Erklärung der Vielen Sachsen-Anhalt" Bildrechte: Hochschulpresse Burg Halle

Für Burgrektor Dieter Hofmann arbeiten Designer und Künstler nicht ausdrücklich politisch, "aber so, wie man nicht nicht kommunizieren kann, kann man auch nicht nicht politisch sein. Die Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Realität hat ja auch immer politische Faktoren. Insofern glaube ich: Es gibt eigentlich keine unpolitische Kunst, kein unpolitisches Design." Es gehe aber nicht um Parteipolitik, sondern um gesellschaftliche Teilhabe "und in der Gesellschaft mit der eigenen Arbeit etwas bewegen zu wollen. Ich glaube, das ist das Politische."

Und auch an der Hochschule sei die politische Auseinandersetzung zunehmend spürbar. Hofmann berichtet von Studierenden "die sehr aktiv in politischen Gruppen sind und die haben natürlich schon Übergriffe erlebt – gegen ihre Arbeiten, aber auch persönliche Übergriffe. Ich möchte nicht im Detail darüber sprechen, aber es gibt auch körperliche Angriffe und Gerichtsverfahren, die im Moment am Laufen sind. Das ist schon bedenklich."

Wie habt ihr diese Leitgedanken erarbeitet?

Maja Redlin: Wir stellen uns am Anfang des Semesters die Fragen: Was ist die Burg? Was macht uns aus? Was hat uns in diesem Jahr besonders beschäftigt? Und man hat auf allen Ebenen gemerkt, dass politisch gearbeitet wird, dass es politisches Engagement gibt. Von Seiten der Studierenden gibt es Gruppen und Projekte, die sich mit politischen Themen auseinandersetzen. Und auf der institutionellen Ebene ist viel passiert. Und für uns war das letztendlich eine Weiterführung dessen, was schon passiert. Wir haben diese Haltung als Hochschule und die möchten wir auch nach außen tragen und konkret zeigen.

Wen sprecht ihr damit an?

Maja Redlin: Das "wir" am Anfang der Sätze, ist ein "wir", was für die Hochschule als Institution steht, es ist ein "wir" was für die Studierenden spricht und es ist ein "wir", das eine Offenheit mit sich bringt. Hier kann sich auch jemand angesprochen fühlen, der oder die nicht an der Burg ist, sich aber mit der Haltung identifizieren kann.

Wie politisch darf Design und Kunst sein?

Maja Redlin: Man kann das nicht generalisieren. Das ist immer auch eine persönliche Frage, wie man selbst damit umgehen möchte und wie politisch man selber ist. Ich möchte ungern für die Kunst sprechen. Ich kann nur für mich sprechen, dass es mein persönlicher Anspruch ist es, dass ich kommunizieren möchte und dass ich auch Inhalte kommunizieren möchte.

Lisa Linz: Es ist ein persönliches Auseinandersetzen mit der Thematik und jeder kommt da zu anderen Entscheidungen. Egal ob man eine sehr politische Haltung hat oder nicht, man ist ein Mensch, der in irgendeiner Art in der Gesellschaft steht. Alles was geschaffen wird, bewegt – ob es emotional ist oder ans Nachdenken geht, irgendeine Art von Reaktion löst es immer aus.

12. Juli bis 14. Juli: Das Programm der Burg-Jahresausstellung 2019

Die Kunst- und Designhochschule Burg Giebichenstein lädt zur alljährlichen Jahresausstellung. Beginnend mit der Verleihung des Kunstpreises der Stiftung der Saalesparkasse und der Modenschau am Freitag, 12. Juli werden bis Sonntag, 14. Juli die Arbeiten der Studierenden gezeigt.

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Martin Paul ist seit 2014 Onlineredakteur bei MDR SACHSEN-ANHALT. Zuvor arbeitete er als Redakteur und in der digitalen Produktentwicklung bei der Mitteldeutschen Zeitung und absolvierte dort ein online-journalistisches Volontariat. Er studierte Kulturwissenschaften in Leipzig und Multimedia & Autorschaft an der Uni in Halle.

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Ausstellungsobjekt der Burg Jahresausstellung 2019, Kunsthochschule Burg Giebichenstein
Bildrechte: MDR/Olaf Parusel

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 11. Juli 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Juli 2019, 19:35 Uhr

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7 Kommentare

12.07.2019 17:57 Atze 7

" Wir sind hier ein Schutzraum. "

Gibt es den wirklich?

Ich finde es gut, wenn ihr Studenten euch stützt und durch das gemeinsame Arbeiten zu ausdrucksstarken politischen Ergebnissen kommt. Das wird auch nötig sein, denn in ein paar Jahren müsst ihr selbst jeden Tag Farbe bekennen. Ne gefestigter, reifer ihr seid, umso mehr Erfolg könnte euch beschieden sein. Ich meine hier nicht nur den schnöden Mammon....Es wird nicht leicht.MfG

12.07.2019 10:16 Gert 6

#1 Das was Sie schreiben, kann ich voll zustimmen. Denn diese KULTURBÜRGER leben eben in einer anderen Welt als ökonomisch und wirtschaftlich denkende Menschen. Das kann man zum Beispiel an der Seenotrettung sehen. Denn die beste Seenotrettung wäre, daß man in Afrika endlich die gleiche Wirtschaftskraft schafft, wie sie in Europa herrscht.
Also nicht die Seenotrettung a'la Rakete und der Organisation ,,See-Leben".
#2 Auch wenn sie erwachsen werden, bleiben sie in ihren WELTBILD verankert.

Anmerkung von MDR SACHSEN-ANHALT:
Bitte bleiben Sie bei dem Thema des Artikels.

12.07.2019 09:28 D.o.M. 5

Gibt es irgendeine Ecke im Land, wo man nicht von früh bis abend rund um die Uhr belehrt wird? Hier ist es jetzt wieder die Kunst, die als Belehrungsinstrument herangezogen wird. Der Spruch " Es gibt keine unpolitische Kunst " ist goldrichtig und wurde sowohl im 3.Reich als auch in der DDR nachhaltig unter Beweis gestellt. Auch dort hatte die Kunst die vornehmste Aufgabe, den Konsumenten zu belehren. Nicht anders als jetzt und hier. Und so wie im 3.Reich und der DDR wendet man sich dann einfach irgendwann ab, wenn man diese staatlich organisierten Denkanleitungen einfach nur noch satt hat. "Innere Emigration" nannte man das in der DDR

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