Eine Gruppe junger Leute steht beisammen und hält Europa-Flaggen sowie -Luftballons hoch
Die jungen Teilnehmer beim ersten EU-Wahl-Treffen in Sachsen-Anhalt. Student Jonas (sitzend auf Tisch) hatte sie nach Halle eingeladen. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Ehrenamtlich unterwegs Studenten werben für EU-Wahl: "Es ist super anstrengend"

Jonas Spiegel darf am 26. Mai zum ersten Mal bei einer Europa-Wahl wählen. Das findet er so wichtig, dass er seit Monaten in seiner Freizeit Werbung für die Wahl macht – damit auch viele andere junge Leute ihr Kreuz setzen. Der Student hat das erste "Diesmal wähle ich EU"-Treffen in Sachsen-Anhalt organisiert.

Eine Gruppe junger Leute steht beisammen und hält Europa-Flaggen sowie -Luftballons hoch
Die jungen Teilnehmer beim ersten EU-Wahl-Treffen in Sachsen-Anhalt. Student Jonas (sitzend auf Tisch) hatte sie nach Halle eingeladen. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Jonas Spiegel steigt auf einen Tisch am Fenster, öffnet es und klemmt eine große EU-Flagge ein. Die blaue Fahne mit gelben Sternen bedeckt jetzt die ganze Scheibe. Der 22-Jährige springt vom Tisch und ist zufrieden: Jetzt kann das Treffen von "Diesmal wähle ich EU" in Halle losgehen. Jonas hat landesweit das erste Treffen organisiert, das für die Europa-Wahl am 26. Mai Werbung machen soll.

Auf einem Tisch liegt ein blauer Luftballon mit gelben Sternen, davor eine grüne Karte
Für die EU-Interessierten gibt es Postkarten, mit denen sie Werbung machen können. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Es kommen 16 Leute, damit ist Jonas zufrieden. In anderen Städten habe es Treffen mit nur drei Teilnehmern gegeben, berichtet er. Lukas Koch steht heute als erster in der Tür. Er ist 24 Jahre alt und erzählt stolz, dass es die allererste Europa-Wahl ist, bei der er abstimmen darf. Dann wird er stutzig: "Vielleicht habe ich doch eine verpasst", sagt er – und hat damit recht. Lukas rechnet nach: Wählen darf jeder EU-Bürger ab 18 Jahren alle fünf Jahre. 2014 hätte Lukas bereits wählen können. Er schüttelt den Kopf über sich selbst.

Manche gehen nicht zur Wahl, weil sie keine Zeit haben oder es vergessen.

Judit Hercegfalvi Pressereferentin beim Europäischen Parlament

Die Kampagne "Diesmal wähle ich EU" richtet sich gezielt an Menschen wie Lukas. Denn die Wahlbeteiligung sinkt von Wahl zu Wahl. 2014 machten weniger als die Hälfte der EU-Bürger ihr Kreuz. Besonders selten haben die Erstwähler gewählt. Die Gründe zählt Judit Hercegfalvi auf, sie ist Pressereferentin des Europäischen Parlamentes. Desinteresse an der EU spiele eine Rolle. Andere wählen nicht, "weil sie keine Zeit haben, es vergessen".

Die Kampagne, die von jungen Leuten ehrenamtlich für junge Leute organisiert wird, soll die vergesslichen und unentschlossenen Nicht-Wähler erreichen.

Habt ihr alle ein Handy dabei?

Jonas begrüßt die Teilnehmer. "Habt ihr alle ein Handy dabei?", fragt er in die Runde. Natürlich haben sie.

Ein Handy mit Abstimmungsergebnis auf dem Bildschirm
Smartphone-Fragen anstatt Vorstellungsrunde – den 18 bis 30-Jährigen gefällt es. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Anstatt einer Vorstellungsrunde soll jeder online drei Fragen beantworten. "Was mache ich den ganzen Tag?" ist die erste. Über eine Plattform, die Interaktion in Echtzeit bietet, stimmen sie ab. Sofort erscheint auf einem großen Bildschirm hinter Jonas das Ergebnis: 67 Prozent studieren, 33 Prozent arbeiten. "Kein Azubi?", fragt Jonas. "Schade." Die nächste Frage nach dem Alter fällt eindeutig aus: Die meisten sind hier 18. "Supi", sagt Jonas, der mit seinen 22 Jahren selbst Erstwähler ist.

Was ist die Kampagne #diesmalwaehleich?

"Diesmal wähle ich EU" ist eine Kampagne des Europäischen Parlaments, die zur großen Informationskampagne der EU zur Europawahl im Mai gehört. Sie soll vor allem junge Menschen ansprechen, die bisher nicht vorhaben, wählen zu gehen. Statt von "oben" für die Wahl zu werben, sollen junge Menschen sich gegenseitig überzeugen.

Auf der Homepage diesmalwaehleich.eu haben sich deutschlandweit (Stand 18. März 2019) 18.818 Menschen registriert, EU-weit 206.964. Auch Jonas ist der Kampagne so beigetreten, erzählt er. Durch die Freiwilligen sollen möglichst viele Menschen für die Wahl Ende Mai motiviert werden. Insgesamt kosten alle Informationskampagnen des Europäischen Parlaments zur Wahl 33,3 Millionen Euro. Das Parlament beruft sich für die Ausgaben auf seine Informationspflicht.

Junge Leute stehen in einem Raum im Kreis, auf dem Boden drei blaue Luftballons
Jonas stellt Fragen, dann sollen sich alle so im Raum verteilen, wie sie antworten würden – von "Ja" bis "Überhaupt nicht". Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Dann sollen alle aufstehen und sich im Raum verteilen – und so zeigen, wohin ihre Meinung tendiert: "Wollt ihr weniger EU oder mehr?", fragt Jonas enthusiastisch. Alle stellen sich auf, sind laut ihrer Position zufrieden wie es gerade ist oder wollen etwas mehr EU. Eine junge Frau geht an den äußersten Rand, der für "Ja" steht. Ihre Meinung:

Ich merke, dass nicht alle Länder an einem Strang ziehen, da könnte man mehr machen.

Eine andere pflichtet ihr bei: "Es ist wichtig zumindest wählen zu gehen, weil es sonst bröckelt." Je weniger Menschen wählten, desto weniger würden auch hinter den Entscheidungen der Abgeordneten stehen. Das mache ihr Angst.

Ideen für die Wahl-Mobilisierung in Halle

Zwischen den EU-Interessierten, die sich jetzt rege austauschen, liegen EU-Luftballons auf dem Boden. Flyer und selbst Kondome mit EU-Aufdruck auf der Papp-Hülle gibt es.

Eine Hand hält ein Kondom, auf dessen Packung Better safe than sorry" steht
"Lieber sicher als danach bedauern. Geh wählen!", steht auf den EU-Kondomen. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Alle, die hiergekommen sind, sind bereits überzeugt – und möchten wie Jonas andere zur Wahl motivieren. Sie sammeln Ideen für Halle: Einen Info-Stand vor der Mensa in der letzten Woche vor der Wahl, bei der Langen Nacht der Wissenschaften unterwegs sein, EU-Wahl-Sticker verteilen. Der 22-jährige Jonas erzählt, dass er neben dem Studium in einer großen IT-Firma arbeitet und eine Wahl-Erinnerung an alle Mitarbeiter herumschicken will.

"Du musst aber deinen Chef fragen", wendet einer ein. "Das darfst du nicht." Jonas überlegt, will es trotzdem machen. Dann: "Ich dachte, das wäre eine gute Idee, jetzt hast du mir Angst gemacht." Alle lachen. "Na dann vielleicht nur eine Mail an alle im Team", sagt Jonas. Danach gibt er Kondome herum mit dem EU-Logo darauf. "Ich glaube, das ist ein guter Abschluss für unsere Gruppe", sagt er. Wieder lachen alle. "Supi", sagt Jonas und steht auf.

Nicht zu schaffen ohne Semesterferien

"Es ist super anstrengend. Es macht richtig viel Spaß. Aber in den letzten Wochen habe ich so viele E-Mails geschrieben und telefoniert, dass ich dachte: Warum mache ich da?", erzählt Jonas. Gerade habe er Semesterferien, da passe das. Obwohl die Klausur-Vorbereitung leidet, meint er: "Irgendwie lohnt es sich trotzdem, denn ich möchte auf jeden Fall, dass in meiner Region die Wahlbeteiligung steigt." Dass die Kampagne an Nicht-Wählern vorbei ins Leere laufen könnte, glaubt er nicht.

Zwei junge Männer stehen vor einem großen Bildschirm und einer Leinwand
Benedikt und Jonas erklären: Die Kampagne soll die Wahlbeteiligung steigern und das ideologiefrei. Sie sind vollkommen begeistert von der Idee "Europa". Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Hoffen auf Schneeballeffekt

Auch das Europaparlament denkt nicht, dass die Kampagne an der Zielgruppe vorbei geht. Sie spreche gezielt Menschen an, die sich für Europa interessieren, die aber bei der Europawahl 2014 nicht wählen gegangen sind. Diese Gruppe darauf hinzuweisen, dass 2019 Europawahl ist, sei wichtig, um die Wahlbeteiligung zu erhöhen. "Durch den Multiplikatoren-Effekt der Freiwilligenkampagne entsteht darüber hinaus ein Schneeballeffekt, durch den Menschen erreicht werden, die sich bisher nicht für Europa interessieren", hofft Pressereferentin Judit Hercegfalvi.

Zwei junge Männer stehen vor einem großen Bildschirm und einer Leinwand
Student Jonas (rechts) ist ein begnadeter Entertainer. "Ich mach es locker, es ist jetzt nicht das große, seriöse Ding", sagt er. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Jonas zumindest freut sich, dass einige der Hallenser nun auch losziehen und aktiv werden wollen – und seien es noch so wenig. "Da waren wirklich welche dabei, die Werbung für die Wahl machen wollen. Supi", sagt Jonas und verabschiedet nach fast zwei Stunden die letzten Teilnehmer seiner Veranstaltung. Den nächsten Workshop will er am 15. April in Magdeburg machen, am liebsten mit Berufsschülern.

Europawahl am 26. Mai 2019 Bei der Europawahl hat jeder Deutsche eine Stimme für eine Partei, die in Deutschland antritt. Aus Deutschland werden 96 Abgeordnete ins Europäische Parlament einziehen. Insgesamt wird es 705 Europaabgeordnete in Straßburg geben. Seit 1979 wird das Parlament alle fünf Jahre gewählt.

Quelle: MDR/lk

Zuletzt aktualisiert: 23. März 2019, 18:51 Uhr

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2 Kommentare

24.03.2019 09:39 Macht mal die Augen auf 2

" Vergessen zu wählen "

Das ist ja wohl ein Witz.
Wochenlang wird das
angekündigt und dafür
getrommelt und dann gibt es welche, die das " vergessen "?

" Vergessen " die denn auch die nächste Party?

23.03.2019 20:33 Paule 1

...und wieder ein paar Komödianten mehr.