Blick in den Rohbau eines neuen Wohnhauses.
Nach Angaben der Stiftung "Ein Platz für Kinder" ist die "Mattisburg" in Halle das erste diagnostische Kinderschutzhaus in den neuen Bundesländern. Bildrechte: MDR/Cornelia Winkler

Bauarbeiten laufen Kinderschutzhaus "Mattisburg" in Halle: Ein Platz für Trauma-Opfer

In Halle entsteht ein Zufluchtsort für schwer traumatisierte Kinder: das Kinderschutzhaus "Mattisburg". Derzeit wird das Wohnhaus gebaut – und es ist ganz auf die Bedürfnisse der kleinen Trauma-Patienten ausgelegt.

Cornelia Winkler
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Cornelia Winkler, MDR SACHSEN-ANHALT

Blick in den Rohbau eines neuen Wohnhauses.
Nach Angaben der Stiftung "Ein Platz für Kinder" ist die "Mattisburg" in Halle das erste diagnostische Kinderschutzhaus in den neuen Bundesländern. Bildrechte: MDR/Cornelia Winkler

Die Bodenplatte ist gelegt, Wände hochgezogen, das Dach soll in der nächsten Woche kommen – das künftige Kinderschutzhaus "Mattisburg" in Halle nimmt Form an. Erst im April wurde mit dem Rohbau auf dem 1.000 Quadratmeter großen Gelände des St. Elisabeth und St. Barbara Krankenhaus im Süden der Stadt begonnen.

Knappe sechs Wochen später ist der Grundriss des Neubau deutlich zu erkennen, zumindest in seinem Rohzustand und noch ohne Dach. Sehr zur Freude Johanna Ruoffs von der Stiftung "Ein Platz für Kinder", die sich um die Realisierung des Baus kümmert:

Porträt Johanna Ruoff
Johanna Ruoff, Gründerin der Stiftung "Ein Platz für Kinder" Bildrechte: MDR/Cornelia Winkler

Dafür, dass sie gerade einmal sechs Wochen bauen, bin ich ziemlich erstaunt, was ich heute hier vorfinde: dass wir gerade bereits im ersten Stock stehen, wo die Kinderzimmer zukünftig sein werden. Wir sind so schnell, dass wir gesagt haben: Wir verzichten auf eine Grundsteinlegung, wir verzichten auf ein Richtfest, sondern wir machen ein sogenanntes Halbzeitfest im Juli.

Johanna Ruoff, Stiftung "Ein Platz für Kinder"

Ist das Kinderschutzhaus fertiggestellt, sollen in der Einrichtung bis zu acht traumatisierte Kinder betreut werden. Seinen Auftakt hatte das Bauvorhaben am Nikolaustag im vergangenen Jahr mit einem symbolischen Spatenstich. Fertig sein soll das Gebäude laut Bauleiter Andreas Hawemann genau ein Jahr später, am 6. Dezember 2019. Ein Jahr, das habe er versprochen.  

Einzug der Kinder ab März

Absolut im Zeitplan, sogar etwas schneller als gedacht, sagt Ruoff. Toll, denn umso schneller könne schließlich auch der Betrieb losgehen. Bis das passiert, dauert es allerdings doch noch ein wenig länger, wie die 42-Jährige weiß: Die ersten Kinder würden etwa Anfang März nächsten Jahres einziehen. Das komme auch darauf an, wie schnell das neue Team zusammenwachse. Denn die Mitarbeiter werden noch gesucht. Es soll ein Team aus Erziehern, Psychologen und Therapeuten werden, das sich dort um die kleinen Trauma-Opfer kümmert. Laut Daniela Stech von der Caritas, Leiterin der künftigen Einrichtung, steht die Besetzung der Stellen für Herbst auf dem Plan.

Kinder spielen in einem Garten an einem Klettergerüst.
Die Einrichtung in Halle wird ähnlich aussehen wie die Einrichtung in Hamburg, die auf dem Foto abgebildet ist. Bildrechte: Stiftung "Ein Platz für Kinder"

Johanna Ruoff weiß aus der Vorerfahrung ähnlicher Häuser, was auf die Mitarbeiter zukommt:

Es wird ja ein komplett neues Team zusammengestellt. Die müssen natürlich dieses Haus erst mal ein bisschen kennenlernen, wissen, was auf sie zukommt. Denn wenn die Kinder hier sind, haben sie keine Zeit mehr, sich um irgendetwas anderes zu kümmern. Dann liegt der Fokus wirklich auf den Kindern.

Johanna Ruoff, Stiftungsgründerin

Denn die künftigen Bewohner der Mattisburg brauchen ganz besondere Zuwendung. "Die Kinder, die in den Mattisburgen betreut werden, haben alle bereits ein kleines oder auch großes Schicksal erlebt, in dem sie schwer traumatisiert sind", erklärt Ruoff. Jungen und Mädchen, die von Jugendämtern aufgrund ihrer Geschichten aus ihrem Zuhause genommen. Sie wurden zu Hause geprügelt, sexuell missbraucht oder schwerst vernachlässigt. Sie benötigen eine sogenannte Trauma-Therapeutische Unterstützung, die ihnen Heime und Pflegefamilien aber nicht geben können. In der Mattisburg sollen sie diese bekommen.

Kinderschutzhaus Die hallesche Mattisburg entsteht

Blick in den Rohbau eines neuen Wohnhauses.
Das Kinderschutzhaus wird auf dem Gelände des Krankenhauses St. Elisabeth und St. Barbara gebaut. Seit April entsteht der Rohbau. Bildrechte: MDR/Cornelia Winkler
Blick in den Rohbau eines neuen Wohnhauses.
Das Kinderschutzhaus wird auf dem Gelände des Krankenhauses St. Elisabeth und St. Barbara gebaut. Seit April entsteht der Rohbau. Bildrechte: MDR/Cornelia Winkler
Vier Personen mit Spaten auf einer Baustelle.
Am 6. Dezember voriges Jahr wurde der Auftakt des Bauvorhabens mit einem symbolischen Spatenstich gefeiert. Bildrechte: Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara, Jan-Stephan Schweda
Blick in den Rohbau eines neuen Wohnhauses.
In der unteren Etage werden Gemeinschaftsräume wie Küche, Entspannungsraum sowie Wohn- und Spielzimmer mit Zugang zur Terasse. Bildrechte: MDR/Cornelia Winkler
Blick in den Rohbau eines neuen Wohnhauses.
Im oberen Stockwerk gehen vom Flur aus die acht Kinderzimmer mit je rund zehn Quadratmetern ab. Bildrechte: MDR/Cornelia Winkler
Blick in den Rohbau eines neuen Wohnhauses.
Bauleiter Andreas Hawemann informiert zum aktuellen Stand des Baus. Bildrechte: MDR/Cornelia Winkler
Kinder spielen in einem Garten an einem Klettergerüst.
Wenn die hallesche Mattisburg fertig ist, wird sie ähnlich aussehen, wie ihre Vorgänger in Hannover und Hamburg. Bildrechte: Stiftung "Ein Platz für Kinder"
Ein Bett in der Mattisburg
Weil es bei den traumatisierten Kindern zu unkontrollierten Wutausbrüchen kommen kann, hat ein Team von Experten besondere "unkaputtbare" Möbel für das Schutzhaus entwickelt. Bildrechte: Stiftung “Ein Platz für Kinder”
Kinder sitzen beim Spielen auf einer Sitzbank an einem großen Fenster.
Im oberen Stock soll es ein großes Fenster mit gemütlicher Sitzmöglichkeit geben. (Foto aus einem bereits bestehenden Kinderschutzhaus) Bildrechte: Stiftung "Ein Platz für Kinder"
Porträt Johanna Ruoff
Die Stiftung "Ein Platz für Kinder" wurde 2005 von Johanna Ruoff gegründet. In Halle entsteht nun die dritte Mattisburg in Deutschland. Wenn es nach ihr geht, gibt es irgendwann in jedem Bundesland eine ihrer Einrichtungen.

Quelle: MDR/cw
Bildrechte: MDR/Cornelia Winkler
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Vier Personen mit Spaten auf einer Baustelle.
Am 6. Dezember voriges Jahr wurde der Auftakt des Bauvorhabens mit einem symbolischen Spatenstich gefeiert. Bildrechte: Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara, Jan-Stephan Schweda

Kinder sollen sich sicher und geborgen fühlen 

Im Rahmen eines normalen Alltags wolle man den Kindern Geborgenheit und Sicherheit vermitteln und den Grund für ihre teils aggressiven und zerstörerischen Verhaltensmuster herauszufinden. So lautet das Konzept der Schutzhäuser. Das ganze Haus wird auf die Bedürfnisse der traumatisierten Kinder ausgelegt.

Die "Mattisburg" in Halle

Auf einer Fläche von etwa 280 Quadratmetern entstehen ein Wohn- und ein Pädagogikhaus. Das Wohnhaus wird im Obergeschoss Kinderzimmer beherbergen. Im Erdgeschoss befinden sich Wohn- und Spielzimmer, Entspannungsraum, Küche und Essbereich sowie Büros.

Das Grundstück in der Nähe des Barbara Krankenhauses ist etwa 1.000 Quadratmeter groß. In der "Mattisburg" können gleichzeitig acht Kinder betreut werden, deren Verhalten von Trauer über Gewalt bis hin zu Selbst- oder Essstörung geprägt ist. Sie werden von Erziehern, Psychologen oder auch Musiktherapeuten begleitet.

Der Name "Mattisburg" stammt aus der Geschichte "Ronja Räubertochter" von Astrid Lindgren. Ronja wohnt dort mit ihrer Familie in der Mattisburg. Es ist ihr Schutzhaus.

So werden Waschbecken aus stabilem Hartgummi installiert, Schranktüren sollen abschließbar sein und die Wände mit abwaschbarem Plexiglas verkleidet. Hintergrund ist, dass die traumatisierten Kinder ihren Schmerz immer wieder an Wänden, Türen und Möbeln auslassen. Auch sollen die Farben im ganzen Haus gezielt auf die Traumata der Kinder abgestimmt werden.

Ein Bett in der Mattisburg
Weil es bei den Kindern oft zu unkontrollierten Wutausbrüchen kommen kann, hat ein Team von Experten besondere "unkaputtbare" Möbel für das Schutzhaus entwickelt. Bildrechte: Stiftung “Ein Platz für Kinder”

Auch architektonisch verfolgt man das Konzept: So gebe es zwar klare Linien für eine geradlinige Struktur, wie Ruoff gemeinsam mit Architektin Jensen auf der Baustelle zeigt. Doch durch ganz unterschiedlich große Fenster und eine bunte Farbgestaltung soll es am Ende auch kinderfreundlich und verspielt werden. Ein breiter Flur und die Anordnung der Zimmer sorgt außerdem für kurze und einfache Wege.

Zwei solcher Häuser hat Johanna Ruoff mit ihrer Stiftung "Ein Platz für Kinder", die sie 2005 gegründet hat, bereits ins Leben gerufen – eins in Hannover und eins in Hamburg, die ebenfalls beide Mattisburg heißen. Bislang sind dort den Angaben zufolge insgesamt mehr als 350 Kinder betreut worden, die schwere Gewalt und Vernachlässigung erfahren haben.

Erste Mattisburg in Ostdeutschland

Mit Halle folgt nun das dritte Kinderschutzhaus – und das erste in Ostdeutschland. Laut Ruoff wird eng mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie des benachbarten St. Barbara Krankenhauses kooperiert. Aus der Richtung sei auch die Anfrage nach einer Mattisburg in Halle gekommen. Gemeinsam gehe es dann daran, zu erfahren, was den Kindern passiert ist und wer der Täter war. Das soll in einem rein pädagogischen und nicht klinischen Umfeld passieren.

Ein kleines Kind sizt auf dem Boden und malt.
An die zwölf Monate bleiben Kinder in der Mattisburg. Manchmal dauert es aber auch länger, bis ein guter Lebensort für das Kind gefunden wurde. Bildrechte: Stiftung "Ein Platz für Kinder"

Wie lange ein Kind im Normalfall in der Mattisburg bleibt, ist unterschiedlich. Es hängt von den Kindern selbst ab. Ruoff: "Wenn sich das Kind relativ schnell öffnet und wir gemeinsam herausfinden, was dem Kind passiert ist, ist die Zeit natürlich kürzer. Aber die Regel hat uns gezeigt: zwischen zwölf Monaten, teilweise auch 24 Monate. Wir sagen immer, kein Kind geht aus der Mattisburg raus, wo wir nicht wissen, was ist der beste Platz für das Kind."

Letztlich gehe es darum, einen für das Kind passenden Lebensort herauszufinden. Darum kümmern sich die Mitarbeiter der Mattisburg gemeinsam mit dem Jugendamt. Das könne in der eigenen Familie, in einer Pflegefamilie, Wohngruppe oder einer anderen Spezialeinrichtung sein.

Projekt mit Spenden finanziert

Initiiert wurde der Bau der Mattisburg in Halle von der Stiftung "Ein Platz für Kinder" und der Urban-Stiftung. Die 800.000 Euro für den Umbau eines bestehenden Gebäudes zum Therapiezentrum und den Neubau des Wohnhauses sind ausschließlich über Spenden zusammengekommen. Geleitet wird das Haus von der Caritas. Das Jugendamt wird die laufenden Kosten tragen.  

Cornelia Winkler
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Cornelia Winkler arbeitet seit Oktober 2016 in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten - mit Fokus auf den Süden Sachsen-Anhalts. Außerdem betreut sie die Social-Media-Kanäle und moderiert die Kommentare der Nutzer. Nach Sachsen-Anhalt hat es sie 2009 für ihr Studium verschlagen: In Halle hat sie ihren Master im Fach Online-Journalismus absolviert. Im Anschluss war sie einige Jahre für die Mitteldeutsche Zeitung tätig, bevor sie zum MDR wechselte. In Sachsen-Anhalt ist die gebürtige Leipzigerin gerne im Saale-Unstrut-Gebiet unterwegs. Generell trifft man sie in ihrer Freizeit am ehesten auf dem Fahrrad an, auf dem sie gern ihr noch unbekannte Orte im Land erkundet.

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Vier Personen mit Spaten auf einer Baustelle.
Bildrechte: Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara, Jan-Stephan Schweda

Quelle: MDR/cw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 22. Mai 2019 | 17:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Mai 2019, 15:41 Uhr

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