In zweite Amtszeit gewählt Halles Kulturbeigeordnete Marquardt: "Kultur noch länger im Schwebezustand"

Judith Marquardt bleibt die Beigeordneten für Kultur und Sport in Halle. Am Mittwoch wurde sie vom Stadtrat für ihre zweite Amtszeit gewählt. Insgesamt hatten sich acht Personen für den Posten beworben. Im MDR-Interview spricht Marquardt über ihre Wiederwahl, die aktuellen Herausforderungen ihres Postens und die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Kultur in der Händelstadt.

Judith Marquardt
Judith Marquardt ist die Beigeordnete für Kultur und Sport in Halle. Diesen Poste wird sie auch die kommenden sieben Jahre bekleiden. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK: Frau Marquardt, dass sie erneut für den Posten kandidieren wollen, mussten Sie vor der Corona-Krise entscheiden. Ist Ihre Aufgabe denn jetzt überhaupt noch dieselbe?

Judith Marquardt: Ich habe mich riesig gefreut, dass ich eine zweite Amtszeit bekomme und dass ich auch viele Projekte fortführen kann, die ich in der aktuellen Amtszeit angestoßen habe. Die Aufgaben ändern sich regelmäßig, nicht "nur" wegen Corona. Corona stellt natürlich eine große Herausforderung für uns alle dar – im Sport, für den ich auch zuständig bin, aber insbesondere natürlich in der Kultur. Und das betrifft viele Kulturschaffende in Halle existenziell – und wir sind eine an Kultur sehr reiche Stadt.

Viele Leute haben angefangen mit Projekten – im Vertrauen, dass das umgesetzt werden kann – auch mit den Förderungen von uns, vom Land, vom Bund. Dann kam Corona und alles war weg. [...] Jetzt geht es darum, mit der neuen Eindämmungsverordnung, die auch Lockerungen darstellt, zu schauen: Wie bekommen wir Publikum und Kulturschaffende wieder zusammen. [...] Jetzt haben wir Möglichkeiten, wieder aktiv zu werden, aber unter Beachtung der Abstands- und Hygieneregeln. Und die machen das Leben sehr, sehr schwer.

Rechnen Sie damit, dass die Krise zu einem Verlust von Kulturakteuren in Halle führen wird?

Das hoffe ich nicht. Das ist auch der Sinn von allen Sofortmaßnahmen des Bundes, des Landes und auch von unseren Bestrebungen, die Kulturfördermittel so schnell wie möglich auszukehren. Es ist schwer und es ist ein Existenzkampf, aber wir stehen an der Seite unserer Kulturschaffenden und hoffen sehr, dass wir alle gemeinsam durch diese Krise kommen.

Das Land Sachsen-Anhalt hat beschlossen, freie Künstler mit sechs Millionen Euro zu fördern. Die Kommunen allerdings sind durch Corona auch gebeutelt. Wieviel Handlungsspielraum haben Sie in ihrem Dezernat, wenn jetzt alle darum ringen, Mittel zu bekommen?

Für die freie Kultur haben wir in unserem Jahresetat insgesamt 980.000 Euro. Das wird nicht gekürzt. Wir haben unsere Beschlüsse über die Verteilung der Kulturfördermittel schon fassen können. Daran wird nicht gerüttelt. Die Schwierigkeit für die Kulturschaffenden ist, dass sie ihre Projekte nicht so umsetzen können, wie sie es geplant haben, denn die Anträge wurden letztes Jahr im September eingereicht. Sie müssen komplett umdenken. Können Sie das im Internet oder in irgendeiner digitalen Form machen? Können Sie das in schriftlicher Form machen? Wie können Sie das überhaupt umsetzen? Und vor allem: Wie bekommen Sie Ihr Publikum? Denn viele Projekte leben von den Einnahmen vom Publikum.

Heißt das für Ihr Dezernat, dass Sie in Zukunft flexibler sein müssen, wenn es um die Anwendung von Vergabekriterien geht, da formal die Dinge nicht so funktionieren wie zur Zeit der Antragstellung?

Wir sind sehr flexibel und wir schöpfen alle Möglichkeiten für die Anwendung der Kulturförderrichtlinie aus. Wir schauen: Welche Kosten sind entstanden? Wie kann das Projekt zu Ende geführt werden, auch wenn nicht in der bisher gedachten Form? Wir sind in einem intensiven Austausch mit allen Kulturschaffenden, die bei uns Anträge gestellt haben. Und alle, die jetzt aktiv werden möchten, reichen ein Abstands- und Hygienekonzept bei uns in der Stadt ein. Und das wird für den kulturellen Bereich auch von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen aus meinem Geschäftsbereich geprüft. Wir tun alles, um Sachen zu ermöglichen, auf keinen Fall zu verhindern.

Noch weiß keiner, wann sich Künstler und Publikum wieder in gewohntem Rahmen begegnen können. Verschiebt sich nach ihrer Einschätzung auch dauerhaft etwas in der Kultur in Halle?

Wir wissen, dass die Pandemie noch lange nicht vorbei ist. Der Impfstoff ist noch nicht da und wir wissen nicht, wann der kommt. Insofern haben wir noch eine ganze Weile vor uns, indem wir in einem Schwebezustand sind. Ich hoffe, dass wir zurückkehren können zu vollen Opern- und Theatersälen und vielen Menschen auf dem Marktplatz, die Freiluftveranstaltungen genießen können in gewohnter Form. Aber bis dahin müssen wir wirklich anders denken und andere Formate finden. Aber ich bin mir sicher, die Kulturschaffenden können das, denn sie sind unglaublich kreativ und es sind tolle Konzepte, die eingereicht werden.

Das Interview führte Ellen Schweda für MDR KULTUR.

Quelle: MDR/cw

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Mai 2020 | 08:40 Uhr

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