Mode und Trends Farben sind seine Welt

Wenn er etwas über Farbe erzählt, dann lauschen ihm Menschen auf der ganzen Welt. Niels Holger Wien aus Halle ist ein sogenannter Color Trend Forecaster, also ein Farbtrendexperte. Seine Aufgabe ist es, die Trends aufzuspüren und diese an die Modebranchen zu vermitteln. MDR SACHSEN-ANHALT hat mit ihm über aktuelle und zukünftige Farbtrends gesprochen, über den Zusammenhang von Mode und Farbe und über den Tätigkeitsbereich eines Farbtrendexperten.

Menschen schauen  Farbproben an auf einem Tisch.
Farben sind fest an Materialien gebunden. Da sie diese fühlbar machen und ihre Wirkung beeinflussen. Bildrechte: Tohru Ohzeki

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Wien, wie wichtig sind Farben für die Mode?

Niels Holger Wien: Farbe ist die wichtigste Trendtriebkraft für die Mode, weil sie visuell ganz im Vordergrund steht und am schnellsten kommuniziert und deshalb auch am schnellsten wandelbar ist. Und damit ist sie einer der Basis' der Modeentwicklung.

Welche Farben sind gerade angesagt?

Die Rede ist nie von nur einer Farbe, sondern es sind immer Stimmungen. Es gibt gerade eine starke Entwicklung von Rot-Tönen, die sehr tief und kräftig sein können und sehr viel Enthusiasmus ausdrücken. Vielleicht steckt dahinter die Idee, dass Rot eine Farbe des Protests und Aufbegehrens mal war. Mit Rot kann man auch gut Haltung zeigen.

Niels Holger Wien
Die Liebe zur Farbe sieht man Niels Holger Wien an. Bildrechte: Jo.schaller

Eine andere Geschichte ist, eine Vielfarbigkeit ist gerade auch wichtig. Der Mut zur Farbe hat zugenommen und auch das Kombinieren von Farben, vor allem von solchen, die man nicht alltäglich zusammentun würde. Da spielen die Farben gelb und orange eine ganz große Rolle, die als leuchtende Lichteffekte da sind und kombiniert werden können mit pink und türkis, es sind leuchtende Konzepte also.

Es gibt aber auch einen Bereich, der eher still ist und Ruhe ausdrückt und sehr bezogen ist auf die Farbe von Materialien, also sehr unfarbig ist. Als würde man sagen, jedes Material hat eine Haut und diese Haut hat ihre eigene Farbe. Also die Farben von Baumwolle, Holz oder Stein.

Wer bestimmt, welche Farben gerade angesagt sind oder angesagt sein werden?

Es ist nicht jemand, es ist der Zeitgeist. Und der Zeitgeist ist eine kulturelle Erscheinung, die uns umgibt. Und es gibt Menschen, die versuchen zu verstehen, wie der Zeitgeist funktioniert. Und die nennt man Trendforscher. Die Versuchen herauszufinden in welche Richtung sich Dinge entwickeln und was das für Design, Materialien und Farben heißen kann.

Spielen Stoffe und Materialen bei der Farbauswahl eine Rolle?

Die Stoffe und Materialien sind extrem wichtig, weil das die Dinge sind, mit denen wir Farben anfassen können. Das Haptische und Visuelle treffen sich in Stoffen und Materialien. Und erst dann werden die Farben für uns fühlbar und anfassbar. Bestimmte Materialien lassen Farben in bestimmter Weise erscheinen. Sie können sie zum Beispiel verstärken oder schwächen. Leder ist glänzend und verstärkt, Wolle hingegen ist matt und verschluckt deshalb Farbe. Materialien beeinflussen also, wie Farben wirken.

Wie spürt man denn Farbtrends auf?

Man beobachtet sehr komplex und sehr genau. Es gibt nichts, was Trendforscher nicht interessiert. Wir beobachten kulturelle Entwicklungen im Kino, in der Musik, in der Straßenkultur, der Kunst, der Buchkunst. Genauso beobachtet man auch wissenschaftliche Entwicklungen, was zum Beispiel technologisch passiert. Auch die politische Situation ist wichtig. Was ökonomisch passiert, ist wichtig, damit die Einkäufe stimmen. Denn dadurch können zum Beispiel auch Distributionswege betroffen sein.

Was beinhaltet der Beruf eines Color Trend Forecasters?

Trendforecaster sagen nicht, 'das ist jetzt der Trend und das musst du machen als Gestalter', sondern wir versuchen eine Stimmung zu erzeugen, die kreative Menschen inspiriert und sie zu eigener Lösung führen. Trendforscher sind auf der permanenten Suche nach Ideen für Farben und Materialen und versuchen Menschen mit diesen Ideen und Eindrücken für Farben zu inspirieren. Also ich sehe mich selbst als Vernetzter von Menschen und Ideen. Es gibt also keine Farben- und Silouettenvorgaben.

Menschen schauen sich auf dem Boden verteilte Farben und Fotos an.
Auf Modekongressen treffen sich Farb- und Modeexperten und beraten über die Entwicklungen in der Modewelt. Die internationale Vereinigung der Farbexperten "Intercolor" trift sich zwei Mal jährlich zu Kongressen an wechselnden Standorten. Das Treffen auf dem Bild war in Instanbul, Türkei. Bildrechte: Suthini Tanangsnakoo

Welche Farben werden als nächstes trenden?

Wir erleben gerade einen Fokus auf Künstlichkeit. Das scheint erstmal komisch zu klingen, aber viele künstlich hergestellte Materialien sind nachhaltiger, als Naturmaterialien, da sie manchmal besser recyclebar sind. Und mit dieser Künstlichkeit ist eine Farbigkeit verbunden, die wir von Computerbildschirmen kennen. Mit einer höheren Leuchtkraft und Intensität. Und da spielen die Farben Türkis und Magenta in unterschiedlichsten Facetten eine ganz große Rolle.

Halle und Sachsen-Anhalt generell sind nicht als blühende Modemetropolen bekannt. Wie entwirft man Modetrends in einem nicht modischen Umfeld?

Ich habe die ganze Welt permanent in mir und die visuellen Erfahrungen. Was ich lerne, das bleibt bei mir. Und das, was ich in Halle oder in Sachsen-Anhalt erlebe, ist Inspiration. Meine Sensoren sind immer offen. Auch hier passiert Mode. Wir leben zwar in einem Raum, in dem Mode nicht ganz so exklusiv gehandelt wird, aber Mode passiert natürlich im Alltag permanent und ganz stark. Weil jeder von uns permanent über das, was er trägt, kommuniziert und damit auch Mode macht.

Zum Abschluss noch die Frage: Gibt es Farben, die nicht zusammenpassen?

Das beruht stark auf persönlichem Empfinden, welches auch von der Kultur geprägt ist. Was also in einem Kulturkreis nicht geht, kann in einem anderen Kulturkreis angesagt sein. Man muss also nur seinen Horizont öffnen. Deshalb würde ich sagen: Nein, die gibt es nicht.

Werdegang von Niels Holger Wien Niels Holger Wien hat an der Burg Giebichenstein begonnen, Modedesign zu studieren. Mitte der 1990er Jahre hat er an der Königlichen Akademie für schöne Künste studiert. Seine Erfahrungen als Trendexperte hat er unter anderem in Paris in einem Trendbüro und bei dem Verlag "Modeinformation" gesammelt.
Er arbeitet als Farbtrendexperte für das Deutsche Mode-Institut (DMI) und ist Präsident der internationalen Vereinigung der Farbexperten, "Intercolor".

Das Interview führte Olga Patlan.

Quelle: MDR/pat

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 10. November 2018 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. November 2018, 19:31 Uhr

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