Demografischer Wandel "Zusammenleben 4.0" in Halle-Neustadt: Altersgerechte Wohnungen der Zukunft

Sachsen-Anhalter werden immer älter. Ein Modellquartier in Halle-Neustadt soll erforschen, wie Senioren dank moderner Technik möglichst lange eigenständig wohnen können. Einblicke in eine Musterwohnung.

Ein Raum des Wohn-Pilotprojekts Zusammenleben 4.0 in Halle-Neustadt.
Das Modellprojekt "Zusammenleben 4.0" für altersgerechte Wohnungen hat sich am Dienstag vorgestellt. Das Projekt setzt auf neue Technologien. Bildrechte: MDR/Frank Nowak

"100 ist das neue 75": So lautet das Motto des Wohnprojekts "Zusammenleben 4.0", das am Montag in Halle-Neustadt vorgestellt wurde. Das Pilotprojekt stellt sich neuen, demografischen Herausforderungen an die Wohnungsplanung. Denn Menschen in Sachsen-Anhalt werden immer älter. Und im Rentenalter verbringen sie viel Zeit in ihrem Wohnviertel – oft pflegebedürftig und allein, da beispielsweise die Kinder weggezogen sind.

In dem Modellquartier in Halle-Neustadt sollen ältere Menschen möglichst lange ein eigenständiges Leben führen können – eingebunden in eine Gemeinschaft. Nach Plänen der Wohnungsgenossenschaft sollen ältere und jüngere Mieter gemeinsam in dem Viertel leben. Laut der zuständigen Halle-Neustädter Wohnungsgenossenschaft (Ha-Neuer) wohnen im Quartier, das umgestaltet wird, etwa 4.000 Personen.

Barrierefrei und moderne Technologien

Die Wohnungsgenossenschaft hat mit dem altersgerechten Ausbau von Wohnungen in der Oldenburger Straße begonnen. Etwa vier Millionen Euro sollen in den Bau fließen. Neben barrierefreien Eingängen, Aufzügen und speziell ausgestatteten Räumen im Erdgeschoss setzt das Projekt noch auf etwas anderes: moderne digitale Technik.

Ein Bauschild an einem Gerüst zum halleschen Projekt Zusammenleben 4.0
In Halle-Neustadt entsteht ein Wohnquartier, das auf den demografischen Wandel eingestellt ist. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Die Wohneinheiten werden mit Technologien ausgestattet, die Daten zum Gesundheitszustand der Bewohner erheben. Der Chef der Ha-Neuer Wohnungsgenossenschaft, Andreas Luther, erklärt MDR SACHSEN-ANHALT: "Wir werden hier Lösungsansätze versuchen zu erarbeiten, sodass die Wohnung dem Bewohner smarte Informationen weitergeben kann." Die Wohnungsgenossenschaft sowie das Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen und die Uni Halle als wissenschaftliche Partner des Projekts wollen untersuchen, ob durch die Datenerfassung Gesundheits- und Pflegekosten gespart werden können.

Smarte Wohnung erfasst Gesundheitsdaten der Bewohner

Eine Steuerungsanlage für ein Smarthome.
20 Mieter sollen ihre Vitaldaten ab Donnerstag selbst mit einem Tablet erfassen. Bildrechte: MDR/Frank Nowak

Im ersten Schritt des Projekts übernähmen 20 Mieter die Dateneingabe über ein Tablet selbst, erzählt Luther. Diese Informationen würden anschließend von der Uni Halle ausgewertet und auch an den Hausarzt weitergeleitet.

Im nächsten Schritt werde überlegt, ob die Datenerfassung automatisiert erfolgen solle, etwa über Sensorik in einer Couch. Der stellvertretende Leiter des Fraunhofer-Instituts für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen, Christian Growitsch, erklärt MDR SACHSEN-ANHALT, was passiert, wenn man auf so einem "Sofa 4.0" sitzt: "Da werden Vitaldaten, also zum Beispiel Ihr Blutdruck oder Ihr Stressniveau, erfasst." Die Informationen können dann an einen Mediziner übermittelt werden. Sollten die Werte auffällig sein, könne medizinisches Personal präventiv vorbeigeschickt werden.

Eine Trackingprogramm des Fraunhofer-Instituts.
Smarte Einrichtung: Beim Fernsehen auf der Couch können Gesundheitsdaten erfasst werden. Bildrechte: MDR/Frank Nowak

Durch die Daten könnten etwa Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Zuckerschocks vor ihrem Eintritt erkannt werden, erklärt Luther. Das könne es Bewohnern ermöglichen, länger in ihrem eigenen Zuhause zu leben, ohne in ein Pflegeheim ziehen zu müssen. Und: "Je schneller der Herzinfarkt oder der Schlaganfall erkannt wird, desto eher kann man darauf reagieren und die Schäden vielleicht auch verhindern", sagt Growitsch.

Stadtteilzentrum mit Schwerpunkten Sport, Gesundheit und Gemeinschaft

Bei dem Modellprojekt "Zusammenleben 4.0" geht es nicht nur um altersgerechte Wohnungen, sondern auch um eine Umgestaltung des gesamten Quartiers. Einsamkeit im Alter solle verhindert werden, indem Menschen zueinander gebracht würden, beschreibt Luther. Geplant ist ein Stadtteilzentrum am Niedersachsenplatz mit den drei Themenkomplexen Sport, Pflege und Gesundheit sowie Kommunikation und Gemeinschaft.

Im Sport-Komplex wird der Olympische Boxstützpunkt angesiedelt, außerdem sollen dort kostenfreie Sportkurse angeboten werden. Im Komplex Pflege und Gesundheit sind Präventions- und Informationsangebote geplant. Im Bereich Gemeinschaft sollen Menschen Platz für Kochabende oder Spielenachmittage haben. Auch die Grünflächen im Quartier sollen auf Grundlage einer Anwohnerbefragung neu gestaltet werden.

2020 will die Wohnungsgenossenschaft mit großen Teilen des Projekts an den Start gehen. Von den Mietern aus Halle-Neustadt gebe es bereits starkes Interesse an den Wohnungen, sagt Luther. Ein durchschnittlicher Rentner in Halle solle sich diese leisten können. An der Mietpreisschraube solle daher nur moderat gedreht werden, so Luther.

Bevölkerung von Sachsen-Anhalt wird immer älter

Wohnungen, die auf eine alternde Bevölkerung zugeschnitten sind, werden zunehmend notwendig. Im Bundesvergleich war Sachsen-Anhalt 2016 das Land mit dem höchsten Altersdurchschnitt. Die Menschen waren demnach im Durchschnitt 47,5 Jahre alt.

Mehr als 110.000 Menschen in Sachsen-Anhalt waren 2017 nach Daten des Statistischen Bundesamts pflegebedürftig. Das entspricht etwa fünf Prozent aller Sachsen-Anhalter und 30.000 Menschen mehr als zehn Jahren zuvor.

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Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 19. August 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. August 2019, 16:44 Uhr

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