Preview MDR-Dokumentation ABF Halle Vom Abitur für Arbeiterkinder zur Eliteschule der DDR

Die Arbeiter- und Bauernfakultät in Halle war in der DDR eine besondere Schule, die eine ganze Generation von Schülern geprägt hat. Erst war sie Arbeiterkindern vorbehalten, später wurden hier Jugendliche auf ein Auslandsstudium vorbereitet. Der MDR hat die Schulgeschichte dokumentiert. Der Film wurde am Montag in der Aula der ehemaligen ABF voraufgeführt. Die Eindrücke von Absolventen und ehemaligen Lehrern.

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Maria Hendrischke, MDR SACHSEN-ANHALT

Eingang Reil-Sekundarschule, ehemalige ABF in Halle.
Eingang zu einem Gebäude der ehemaligen ABF in Halle Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Es hat ein bisschen was von dieser Hofpause, die man außerhalb des Schulgebäudes verbringen musste. Die frühesten Gäste, die zur Preview des MDR-Films über die Arbeiter- und Bauernfakultät (ABF) ins Gebäude der ehemaligen ABF II und der heutigen Sekundarschule Johann Christian Reil in Halle kommen, stehen erstmal vor verschlossenen Schultüren.

Das hätte an dem frühlingshaften Nachmittag im Februar aber schlimmer sein können. Gespräche entwickeln sich. Ein Mann, ABF-Absolvent, Jahrgang 1960, ist aus Bernburg angereist. Nach dem Abitur in Halle und einem Ausflug in die Arbeitswelt habe er Medizin in Berlin studiert, erzählt er. In Bernburg hat er schließlich eine Praxis aufgebaut. Ursprünglich – sein Dialekt hat ihn verraten – ist er Sudetendeutscher. Fast schade, als die Schultür dann aufgeht und die Unterhaltung beendet.

Die Aula

Treppenhaus Reil-Sekundarschule, ehemalige ABF in Halle.
Der Film ist in einem Schulgebäude der ehemaligen ABF voraufgeführt worden. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Der Film über die ABF Halle wird in der ehrwürdigen Aula der Schule gezeigt. ABF: Das steht für Arbeiter- und Bauernfakultät. ABF waren 1949 als Schulen gegründet worden, an denen Kinder von Arbeitern und Bauern das Abitur erlangen und auf ein Studium vorbereitet werden sollten. Sie sollten "das Bildungsprivileg der herrschenden Klasse ein wenig brechen". So habe es ihm der Parteisekretär damals erklärt, erinnert sich Schauspieler Peter Sodann im Film, der an der ABF in Dresden Abitur gemacht hat. 15 solcher Schulen gab es in den 1950er-Jahren in der DDR.

Und tatsächlich lag 1958 der Anteil der Arbeiter- und Bauernkinder unter den Studierenden in der DDR bei 53 Prozent – zuvor war es über lange Zeit nur ein Anteil von fünf Prozent gewesen. 2017 haben 53 Prozent der Studierenden in Deutschland mindestens ein Elternteil mit einem Hochschulabschluss.

Schon 1963 werden fast alle ABF geschlossen. Denn die Schüler werden mit Stipendien gefördert: Das wird zu teuer.

Das Auslandsstudium

Zwei ABF bleiben allerdings weiterhin bestehen. Eine davon ist die Schule in Halle. Doch nur der Name bleibt gleich, das Ausbildungsziel ändert sich: In Halle spielt fortan die soziale Herkunft keine große Rolle mehr. Stattdessen ist Ziel der Schule, Absolventen auf ein Studium im sozialistischen Ausland vorzubereiten. Daher wird besonders viel Wert auf Fremdsprachenunterricht gelegt. Auch Physik wird beispielsweise auf Russisch unterrichtet.

Im Publikum sitzen viele ABF-Alumni unterschiedlichster Abschlussjahrgänge und auch einige ehemalige Dozenten. Die etwa 80 Gäste sind während des gesamten Films äußerst ruhig. Es gibt wenige Momente, in denen Emotionen spürbar werden. Zum Beispiel, als ABF-Absolvent Bodo Meerheim im Film sagt: "Wir wussten auch, wer bei uns der oder die IM [Inoffizieller Mitarbeiter, Anm. d. Red.] ist." Kollektives Schlucken, Zurückerinnern.

Die Abwickelung

Nach dem Film herrscht eine ungewöhnlich lange Stille. Das Licht ist bereits wieder an, als das Publikum schließlich applaudiert. Der Film endet mit einer Einschätzung der Historikerin Silke Satjukow. "'Aus jedermann kann etwas werden.' Das hat die DDR eingehalten. Sie haben nur vergessen, hinzuzufügen: 'Aber nur, wenn du gehorsam bist.'" Eine Aussage, die mindestens nachdenklich, vielleicht sogar beklemmt stimmt.

Preview des MDR-Films Kaderschmiede für den Osten – Die ABF in Halle in der Reil-Sekundarschule
Im Publikum: ABF-Absolventen und ehemalige Lehrkräfte Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

In der anschließenden Diskussionsrunde wird dieser Satz ebenfalls angesprochen. "Der letzte Satz hat mir nicht gefallen", sagt ein Gast. "Wir haben sehr wohl kritische Fragen gestellt." Gerade im Auslandsstudium in der Sowjetunion habe man früh gemerkt, dass es dort nicht so fortschrittlich zuginge, wie es in der ABF dargestellt worden war. Doch sonst habe ihm der Film "sehr, sehr gefallen". Peter Sodann dagegen weniger. Nach einem Statement steht er auf. Auf die Frage von Filmautor Sven Stephan, was konkret er kritisiere: "Das sag ich Ihnen jetzt nicht." Sodann geht ab, die Diskussionsrunde weiter.

Was bleibt

Ein Gast – selbst kein ABFler – wirft die Frage auf, ob die ABF Halle denn tatsächlich eine Eliteschule gewesen sei. Denn er habe die Erfahrung gemacht, dass ABF-Absolventen durchaus nicht alle größere Karrieren gemacht hätten als Menschen mit "normalem" Abitur. Filmautor Stephan verweist daraufhin auf die besondere Ausbildung an der ABF: dass Fächer teils in Fremdsprachen unterrichtet wurden, beispielsweise.  

Publikum Preview MDR-Dokumentation ABF Halle.
Im Anschluss an den Film diskutierten die Preview-Gäste. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Andrea Seifert, Absolventin des letzten ABF-Jahrgangs, ergänzt, dass in den westdeutschen Bundesländern der Schnitt von DDR-Abituren heruntergerechnet wurde. Das Niveau des DDR-Abiturs sei wohl nicht so hoch erachtet worden, so Seifert. Die Note der ABF-Abiture sei allerdings ohne Faktor in Westdeutschland anerkannt worden. "Für mich war das die beste Schule", sagt sie.

1992 wurde die ABF in Halle aufgelöst. Dozenten wie Absolventen betonen jedoch, dass sie sich weiterhin mit anderen ABFlern durch die intensive Zeit an der Schule verbunden fühlten: "Man hat sofort einen Draht."

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT - in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

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Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR – "Der Osten – entdecke wo du lebst" | 26. Februar 2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Februar 2019, 12:36 Uhr

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15 Kommentare

27.02.2019 18:32 W. Merseburger 15

Ich muss hier noch einmal etwas sagen. Der Bericht im MDR Fernsehen war nicht so schlecht. Die meisten Absolventen, die zu Wort kamen, haben das Anliegen ABF damals in der DDR positiv bewertet und für sich persönlich als große Herausforderung dargestellt. Was mich aber sehr geärgert hat, war die übliche dummdämliche Darstellung der Verquickung von ABF und Stasi. Aber leider geht es heute im Merkelstaat nicht anders. Wenn junge Leute diesen DDR Staat offen abgelehnt haben und als Unrecht bezeichneten, mussten sie sich nicht wundern, dass ihnen der Zugang zu Universitäten versperrt blieb.
Welcher Staat bildet wissentlich seine Totengräber aus!
Und nun an @ 10 Ricarda
Was sie da von sich geben ist für mich nicht nachvollziehbar. Ich kenne da eine mir sehr nahestehende Person, welche 1962 als "reines" Arbeiter und Bauernkind damals an einer Uni studierte und danach eine ausgezeichnete Leherein wurde. Aber das möchten sie den heutigen Kids ersparen?

27.02.2019 17:49 Kiel_oben 14

logisch Johannes Herrmann 9 >> bei jeder geschichtlichen DDR-Betrachtung "Stasi"! ... so war die DDR-Gesellschaft organisiert. Auf insgesamt rund 180.000 wird die Zahl der hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter in der DDR von 1950 bis 1989 geschätzt. Die Behörde von Stasi-Chef Erich Mielke stützte sich aber vor allem auf das Heer der Inoffiziellen Mitarbeiter (IM), die vielfach nicht als Spitzel zu erkennen waren. 1989 hatte die Stasi über 91.000 hauptamtliche und 174.000 informelle Mitarbeiter. <<

27.02.2019 17:41 Kiel_oben 13

mom ein Ehemaliger 11 >...Das hätte eine Bundesrepublik genauso gemacht. Aber das Gegenteil passiert derzeit: Sie lässt unsere Kinder und Enkel mittlerweile von Quereinsteigern mit Null-Ahnung unterrichten. Wo sind wir nur hingekommen? < Niemals, unsere klugen Kids kennen seit 60 Jahren Schüleraustausch und studieren in der ganzen Welt ohne Kaderschmiede für besonders Linientreue! Außerdem wurden die ABF 1963 aus Kostengründen geschlossen, steht im Artikel, also wurden nur wenige "Arbeuterkids" gefördert. Vllt. zog Stasi sich dort ihre späteren "Verhörspezis" ran, die eigenes Volk folterten.

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