Polizisten sichern während einer Razzia von Zoll und Polizei eine Shisha-Bar.
Clans stellen die Ermittlungsbehörden vor besondere Schwierigkeiten. Bildrechte: dpa

Interview Wie gefährlich sind Clanstrukturen?

Vor dem Landgericht Halle müssen sich seit dieser Woche drei mutmaßliche Mitglieder eines Familienclans verantworten. Clanstrukturen sind in Deutschland immer präsenter. Doch wovon redet man eigentlich genau, wenn man von einem Clan spricht und was macht sie so gefährlich? Antworten dazu liefert Peter Alexander Meißner, der Landesvorsitzende Sachsen-Anhalts vom Bund Deutscher Kriminalbeamter.

Polizisten sichern während einer Razzia von Zoll und Polizei eine Shisha-Bar.
Clans stellen die Ermittlungsbehörden vor besondere Schwierigkeiten. Bildrechte: dpa

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Meißner, was sind eigentlich Clans und wo kommen sie her?

Peter Meißner: In Deutschland hatten wir Anfang der 90er-Jahre eine Einwanderung aus dem Libanon – libanesische Familien, die auch dort meistens aus dem syrischen Bereich in den Libanon und von da aus nach Europa immigriert sind, die sich dann aufgrund einer verfehlten Migrationspolitik in Deutschland abgeschottet haben und zu diesen Clans geworden sind, die wir heute als problematisch betrachten. Clans sind Familienstrukturen, die meistens aus den erwähnten Ländern nach Europa gekommen sind und sich hier als ethnisch abgeschottete Subkultur in ein Eigenleben verstrickt haben. Das meint, dass sie eigene Gesetze haben und unsere gesetzlichen Strukturen nicht 100-prozentig anerkennen. 

Dadurch betrachten sie auch unsere exekutiven Organisationen, wie die Polizei, nicht als relevant für sich. Aus gesellschaftlicher Sicht wird es problematisch, wenn der Clan sich vom Rest der Gesellschaft abschottet – wenn er ein Innenleben entwickelt, das sehr weitreichend ist. Denn je mehr Mitglieder ein Clan hat, desto größer wird dieses Innenleben und desto problematischer wird es, wenn dieser Clan sich nicht an die Gesetze des Landes hält.

Was sind denn zum Beispiel Merkmale von Clans?

Clans sind ja, wie gesagt, Familienverbände. Merkmale davon sind, dass sie meist eine sehr starke Ausrichtung auf patriarchalische und hierarchisch geprägte Familienstrukturen haben. Auch eine mangelnde Integrationsbereitschaft, die räumliche Konzentration auf einzelne Städte, sowie die Verteidigung ihrer Strukturen sind Merkmale. Auch nichtige Anlässe können leicht eine Eskalation provozieren.

Wie unterscheiden Sie zwischen Clankriminalität und organisierter Kriminalität?

Peter Meißner vom Bund Deutscher Kriminalbeamter.
Peter Meißner ist Landesvorsitzender Sachsen-Anhalts vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. Bildrechte: MDR/Bund Deutscher Kriminalbeamter

Unser Bundesvorsitzender, Sebastian Fiedler, hat ein Beispiel für die Transparenz formuliert, wie ein Clan funktioniert: Einen Clan kann man mit einem Familienunternehmen aus dem Mittelstand vergleichen, was auf familiäre Strukturen setzt und auch seine Kraft aus der Familie heraus zieht – während Organisationen wie die Mafia und die Triaden mit einer Aktiengesellschaft vergleichbar wären. 

Was macht Clans aus Ihrer Sicht so gefährlich?

Der Clan selbst ist erstmal nicht gefährlich. Er bildet einen Rückzugsraum für Kriminelle. Wir ermitteln ja auch nicht gegen Clans, sondern gegen einzelne Straftäter. Diese Straftäter nutzen natürlich die Clanstrukturen um sich zu schützen und ihre Handlungen zu verdecken – und das macht es so schwierig. Während man in eine Organisation wie der Mafia oder bei den Triaden noch Leute von außen mit hereinbringen kann, geht das in einer Familie nicht und das macht so einen Clan besonders schwierig für die Ermittlungsbehörden.

Wie sehen aktuelle Präventionsansätze aus?

Man muss auf jeden Fall eine sehr starke Aufklärung durchführen – auch in den Clans. In diesen Familienverbänden sind ja nicht alle kriminell. Da gibt es sehr viele die in Deutschland leben und durchaus ihren Beitrag für die Gesellschaft leisten wollen. Personen, die mit vielen Tätigkeiten in ihrer Familie nicht einverstanden sind, aber aufgrund der familiären Verbindung nicht so handeln können, wie ein freier Mensch. Da ist es wichtig, Systeme zu schaffen, die es ermöglichen, dass die Leute da aussteigen können und andere Wege sehen. Dabei geht es um direkte Gespräche mit den Familien, um andere Alternativen aufzuzeigen, als ihr jetziges Tätigkeitsfeld.

Gibt es bei Polizeieinsätzen gegen Clanstrukturen etwas Spezielles, das beachtet werden muss?

Die Grundsätze der Ermittlungen sind natürlich so wie bei anderen Verfahren. Es gibt Besonderheiten – und das ist zum Beispiel die Sprache. Wenn wir von Clankriminalität sprechen, die aus dem libanesischen Bürgerkrieg stammen, sind das meistens Kurden mit einem eigenen Sprachakzent. Die Besonderheit liegt darin, dass man einen Dolmetscher braucht, der diese Sprache und dazu diesen Dialekt spricht – das macht es nicht immer einfach. Und dann kommt es natürlich darauf an, dass, wenn man Vermögenswerte sucht, diese natürlich auch in diesen Familienverbänden verschoben werden.

Wie sieht die Clanstruktur in Sachsen-Anhalt aus?

Hier in Sachsen Anhalt haben wir sicherlich nicht die Probleme, wie sie in Berlin oder Nordrhein-Westfalen vorhanden sind. Aber in Unternehmen ist es ja naturgemäß auch so: Wenn Regionen wie Berlin in dem Geschäftszweig der Familie besetzt sind, dann weichen sie auf angrenzende Regionen aus. So wird zum Beispiel irgendein Familienmitglied nach Sachsen-Anhalt gehen oder nach Brandenburg – und wird versuchen dort seine Geschäfte auszubauen. Dann hat man möglicherweise auch in einer kleineren Provinz plötzlich Familienstrukturen. Die Wege, beispielsweise nach Berlin, sind kurz und wir werden diesem Phänomen sicherlich nicht aus dem Weg gehen können.

Die Fragen stellte Kevin Poweska.

Quelle: MDR/fl

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 15. November 2019 | 17:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. November 2019, 18:59 Uhr

13 Kommentare

Fakt vor 3 Wochen

Da die Clans oftmals tatsächliche Familien sind, wäre es ergo auch Strafvereitelung, wenn die Familie eines deutschen Straftäters ihn nicht an die Polizei ausliefern würde? Vom Zeugnisverweigerungsrecht haben Sie aber schon einmal gehört, oder? Dieses umfasst auch die Tatsache, dass niemand Angehörige anzeigen muss. Zudem ist auch grundsätzlich niemand, entgegen landläufiger Meinung, verpflichtet, eine Straftat, ob geplant oder schon passiert, anzuzeigen - von wenigen Ausnahmen abgesehen. Ob das nun moralisch in Ordnung ist, lasse ich mal dahingestellt.

Kritiker vor 3 Wochen

@Fakt: Gleich wieder mit "Sippenhaft" kommen ist viel "zu einfach gestrickt!" Wenn die Spuren eines Kriminellen in den Clan führen,dann wird eine Frist zu setzen sein,das dieser Kriminelle=auch wenn es nur ein Verdachtsgrund gibt= von Clan / Familienoberhaupt an die dt. Justiz auszuliefern ist.Dazu reichen ein paar Worte im dt. Gesetzestext.Wer als Clanoberhaupt dieser Frist nicht nachkommt,der darf mit samt seiner Familie (seinem Clan) in seine ehemalige Heimat zurückkehren,oder wird nach einer weiteren festgesetzten & verstrichenen Zeitspanne ausgewiesen.Wer von den Clan-Mitgliedern hier in D bleiben möchte hat nachzuweisen,das er/sie sich vom Clan nachweisbar abgewendet haben! Z.Bsp. gegen den Familienoberhaupt in Falle der Auslieferung eines Kriminellen (selbst nur als Verdachtsfall) mit der dt. Justiz zusammen arbeitet & Hilfe im Rahmen seiner Möglichkeiten zu Klärung eines Verbrechens beiträgt! In einigen Clans wird das sicher als Verrat an die Familie ausgelegt! Egal, dann raus!

Kritiker vor 3 Wochen

+...Da gibt es sehr viele die in Deutschland leben und durchaus ihren Beitrag für die Gesellschaft leisten wollen. Personen, die mit vielen Tätigkeiten in ihrer Familie nicht einverstanden sind, aber aufgrund der familiären Verbindung nicht so handeln können, wie ein freier Mensch....+
Mag ja sein doch diese Menschen sind dann sgn. "schwarze Schafe" die die Familie ggf.verraten und innerhalb dieser Familie dann wohl geächtet werden oder sich anzupassen haben an den Familienpatriarchen, dem Familienoberhaupt! Da nutzen sehr selten Präventionsmaßnahmen, wie:
+...Da ist es wichtig, Systeme zu schaffen, die es ermöglichen, dass die Leute da aussteigen können und andere Wege sehen. Dabei geht es um direkte Gespräche mit den Familien, um andere Alternativen aufzuzeigen, als ihr jetziges Tätigkeitsfeld....+
Wie viele solcher Alternativen sind nur allein in den letzten 5 Jahren positiv von Familie oder dem gesamten Clan genutzt worden? Das Ergebnis daraus wäre sicher mal interessant.

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