"Fahrrad-Autobahn" Lohnt sich ein Radschnellweg zwischen Halle und Leipzig?

Die Idee gibt es schon seit einiger Zeit: ein Radschnellweg, eine Art "Fahrrad-Autobahn", für Pendler zwischen Halle und Leipzig. Ob sich der teure Radweg lohnen würde, soll gerade eine Studie herausfinden. Spoiler: Ja – aber nur für einen Teil der Strecke.

Maria Hendrischke
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von Maria Hendrischke, MDR SACHSEN-ANHALT

Radfahrer fahren am 25.09.2015 in Göttingen (Niedersachsen) über den eRadschnellweg. Die Strecke verbindet den Göttinger Bahnhof mit dem Nordcampus der Universität.
Viel Platz, nur für Radfahrer: ein Radschnellweg in Göttingen. Bildrechte: dpa

Etwa eine Million Menschen leben im Ballungsraum Halle/Leipzig. Im Korridor zwischen den beiden Städten liegen etwa 20.000 Arbeitsplätze, vor allem am Flughafen bei Schkeuditz mit den dort angesiedelten Logistikunternehmen und Gewerbegebieten der Region. Die S-Bahnen auf der Strecke sind oft überfüllt.

Eine mögliche Alternative für Pendler wäre ein sogenannter Radschnellweg zwischen Halle und Leipzig: Möglichst direkt soll diese Verbindung sein – wenn es nach dem Fahrrad-Club ADFC geht, am besten entlang der Strecke der S-Bahnlinie S3. Und möglichst breit, vier Meter, und mit gutem Untergrund, sodass es auch bei Gegenverkehr schnell vorangeht.

Was ist ein Radschnellweg?

Ein Radschnellweg ist eine möglichst direkte, gut ausgebaute Fahrradroute. Laut Fahrrad-Club ADFC sollen Fahrradfahrer auf einem Radschnellweg mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von mindestens 20 km/h vorankommen. Damit man so schnell und trotzdem sicher fahren kann, soll der Radweg mindestens so breit sein, dass zwei Radfahrer nebeneinander fahren und von einem dritten überholt werden können. In der Regel soll der Radschnellweg vier Meter breit sein. Zudem soll die Route über möglichst wenige Kreuzungen und Ampeln führen.

Radschnellwege sind vor allem für Pendler gedacht. Sie sollen ganzjährig befahrbar sein. Das heißt, sie sollen regelmäßig gereinigt werden und beleuchtet sein. Außerdem sollen die Wege an den öffentlichen Nahverkehr gut angebunden sein, sodass die Radfahrer etwa bei schlechtem Wetter auch spontan in den Zug umsteigen können. Beispiele für Radschnellwege gibt es in Kopenhagen, in den Niederlanden und beispielsweise auch im Ruhrgebiet sowie bei Stuttgart.

Status: Radschnellweg-Potenzial geprüft

Die Idee des Radschnellwegs ist nicht neu, aber noch Zukunftsmusik. 2018 haben die Städte Halle und Leipzig durch den Verein "Metropolregion Mitteldeutschland" zunächst eine Machbarkeits- und Potenzialstudie für den Radschnellweg beauftragt. Die Metropolregion hat ein Planungsbüro beauftragt, die mögliche Route, das potenzielle Radfahreraufkommen und die Kosten zu untersuchen.

Erste Erkenntnisse zum Radfahreraufkommen zeichnen sich schon ab. Der zuständige Projektmanager der Metropolregion Mitteldeutschland, Jan Opitz, sagt MDR SACHSEN-ANHALT, dass bei der Potenzialanalyse herausgekommen sei, dass es nicht auf der gesamten Strecke genug Nutzer für einen Radschnellweg gäbe. Mindestens 2.000 Radfahrer pro Tag müssten die Strecke nutzen. Das dünn besiedelte Kabelsketal im Saalekreis liege darunter, so Opitz. Zwischen Leipzig und Schkeuditz sowie im engeren Einzugsbereich von Halle werde die Anzahl dagegen erreicht.

Halle-Schkeuditz: Sehr guter Radweg statt Radschnellweg?

Der Bedarf nach einer Radverbindung mit dem hohen Qualitätsstandard eines Radschnellwegs ist im Kabelsketal laut Prognose zwar nicht da. "Das stellt das Gesamtprojekt aber nicht infrage", sagt Opitz. Er erklärt, dass es einen neuen Baustandard für einen Radweg geben solle. Dieser Radweg wäre nicht – wie der Radschnellweg – vier Meter breit, sondern etwas schmaler. So eine sogenannte "Radvorrangroute" sei eine Option für das Kabelsketal.

Für den Fahrrad-Club ADFC wäre diese abgespeckte Radschnellweg-Variante auf der Teilstrecke in Ordnung. "Damit wären wir zufrieden", sagt Volker Preibisch vom ADFC. "Auch auf einer Breite von drei Metern könnte man noch zügig fahren."

Letztlich liegt die Entscheidung, ob und was für ein Radweg gebaut wird, bei den Kommunen. Denn diese sind mit der Planung beauftragt. "Die Studie ist nur eine Empfehlung", sagt Opitz. Und noch sei sie nicht abgeschlossen. Neben dem Radfahrer-Potenzial würden nun noch die genaue Streckenführung sowie die Kosten untersucht. Die Kosten seien auch davon abhängig, ob etwa Brücken gebaut werden müssten, um die vorgesehene Kreuzungsfreiheit erreichen zu können. Im Oktober sollen die Ergebnisse der Studie vorliegen.

40 Kilometer Radfahren?!

Selbst auf direktem Weg liegen zwischen Halle und Leipzig etwa 40 Kilometer. Ein Pendler zwischen den Städten müsste also täglich etwa 80 Kilometer Fahrrad fahren. Aber der Radschnellweg richtet sich auch an die Pendler, die etwa bis zum Logistikzentrum am Flughafen fahren, der ungefähr auf der Hälfte der Strecke liegt.

Auch bis dahin wären es hin und zurück immerhin etwa 40 Kilometer. Mit dem Rad könnte das sehr sportlich werden. Das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu), das Radschnellwege untersucht hat, kommt deshalb zu dem Schluss, dass Fahrradautobahnen vor allem für E-Bike-Radler eine Option sind.

Kosten: Etwa eine Million Euro pro Kilometer

Eine "Fahrrad-Autobahn" ist teuer. Ein Kilometer Radschnellweg kann laut ADFC zwischen 500.000 und zwei Millionen Euro kosten. Seit 2017 fördert das Bundesverkehrsministerium den Bau von Radschnellwegen deutschlandweit mit jährlich 25 Millionen Euro. Auf Sachsen-Anhalt entfallen laut Vorgaben des Bundes 2,9 Prozent der Fördermittel, also etwa 750.000 Euro pro Jahr. Davon könnte also nur etwa ein Kilometer Radschnellweg gebaut werden. Von der Strecke Halle-Leipzig liegen etwa 20 Kilometer in Sachsen-Anhalt.

Ein weiteres Problem: Derzeit sind die Bundesmittel für Routen reserviert, die den hohen Radschnellweg-Baustandard erfüllen, also unter anderem vier Meter breit sein sollen. Sollte zum Beispiel im Kabelsketal "nur" eine Radvorrangroute gebaut werden, gäbe es für die Strecke nach aktuellem Stand kein Geld vom Bund. Allerdings werde gerade diskutiert, ob es andere Fördermöglichkeiten für diese Art Radweg geben könnte, sagt Projektmanager Opitz.

Weitere Streckenideen für Radschnellwege

Neben dem Radschnellweg zwischen Halle und Leipzig wird in Sachsen-Anhalt noch über zwei weitere mögliche Schnellverbindungen für Radfahrer diskutiert. Zur Debatte stehen eine "Fahrrad-Autobahn" durch die Innenstadt von Magdeburg sowie eine Verbindung zwischen Magdeburg und Schönebeck.

Weitere mögliche Strecken hat außerdem der ADFC Dessau in die Diskussion eingebracht. Das wäre zum einen die 20 Kilometer zwischen Dessau und Köthen, zum anderen eine innerstädtische Nord-Süd-Verbindung in Dessau entlang der Bahnstrecke nach Leipzig, die nach Bitterfeld-Wolfen verlängert werden könnte.

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT - in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

Quelle: MDR/mh

Zuletzt aktualisiert: 26. Juni 2019, 09:07 Uhr

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3 Kommentare

26.06.2019 18:43 Emil 3

Ich käme dann ja nur an den Rand der großen Städte. Danach fängt doch das Gewürge wieder an. Straßenbahn, Bus ? Wie kann ich das Rad sicher abstellen ? Was ist bei Schlechtwetter oder großer Hitze ? Für den Tourismus wäre es vielleicht ok aber sonst.....

26.06.2019 10:09 Maya 2

Sollte viel mehr davon geben
Zwischen Halle und Eisleben wär doch auch mal was

25.06.2019 19:00 Klaas aus Holland 1

Danke fuer diesen Beitrag. Toll. Durch diese Schnellfahrradwege werden mehr Menschen das Fahrrad/e-fahrrad nehmen. Es lohnt sich.

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