Halle-Attentat – Reportage zum dreiundzwanzigsten Prozesstag Anwältin: "Wachen Sie auf, Herr Angeklagter"

Marie-Kristin Landes
Bildrechte: MDR/Jacqueline Schulz

Insgesamt drei Tage sind im Prozess um den Anschlag auf die Synagoge in Halle für die Schlussplädoyers der Nebenklage angesetzt. Am 23. Prozesstag kamen vor allem noch einmal Anwältinnen und Anwälte zu Wort, die Überlebende aus der Synagoge, aber auch aus Wiedersdorf im Saalekreis vertreten.

Der angeklagte Stephan B. steht zu Beginn des zwölften Prozesstages neben seinen Verteidigern Hans-Dieter Weber (l) und Thomas Rutkowski im Landgericht.
Am 23. Prozesstag ging es weiter mit den Plädoyers der Nebenklägeranwälte. Bildrechte: dpa | Grafik: MDR/Max Schörm

Auch dieser Tag steht ganz im Zeichen der Schlussplädoyers. Den Anfang macht die Anwältin Assia Lewin, die den Sicherheitsmann der jüdischen Gemeinde Halle und dessen 83-jährige Mutter vertritt. Beide erlebten den 9. Oktober 2019 in der Synagoge. Auch sie schließt sich dem Plädoyer und den Forderungen der Bundesanwaltschaft an. "In einem normalen Prozess wäre mein Plädoyer beendet. Aber dies ist kein normaler Prozess, dieser Prozess findet 75 Jahre nach den Nürnberger Prozessen statt", erklärt die Anwältin. Dazu beigetragen habe, wie so oft in der Geschichte, das Schweigen, das Wegsehen und das unter den Teppich kehren, insbesondere von der Familie des Angeklagten. 

Assia Lewin ist eine Nebenklagevertreterin deren besonderer Fokus im Prozess auf der Familie und dem sozialen Umfeld des Angeklagten lag. Besonders sie fiel durch sehr gezieltes, aber auch sehr sensibles und fast psychologisches Nachfragen auf. Immer wieder versuchte sie dem Angeklagten etwas über seine Familie zu entlocken. Vielleicht einer der Gründe, warum der Angeklagte ihrem Plädoyer sehr aufmerksam zu folgen scheint. Er sitzt sehr gerade an seinem Platz, den Blick auf das Stehpult, an dem die Anwältin spricht, gerichtet. Gestern hatte er oft mit seinem Verhalten, mimisch und gestisch, eher Nicht-Achtung ausgedrückt.

Augenmerk auf die moralische Verantwortung der Familie

"Ich möchten den Augenmerk darauf legen, dass die Familie im strafrechtliche Sinne nicht verantwortlich ist, aber sie trägt eine große moralische Verantwortung dafür, dass ihr Sohn ein Massenmörder wurde", sagt Lewin. Zu lange habe die Familie den Angeklagten gewähren lassen. Es sei nicht nachvollziehbar, dass weder die Mutter noch der Vater über Jahre nicht bemerkt haben, dass ihr Sohn in ihren eigenen vier Wänden Waffen baute. Immer wieder schaut und spricht die Anwältin während ihres Plädoyers den Angeklagten direkt an. "Wachen Sie auf, Herr Angeklagter, und sehen sie den Tatsachen ins Gesicht. Niemand aus der von ihnen bezeichneten 'weißen Rasse' möchte von Ihnen beschützt werden. Der Krieg und die Feinde existieren nur in ihrem Kopf."

Anwältin Assia Lewin spricht den Attentäter direkt an

Trotz seiner Tat gedeihe jüdisches Leben. Jeden Tag solle seine Tat ihn daran erinnern, dass er nicht nur zwei Leben ausgelöscht habe, sondern mit seinen eigenen Händen sein eigenes Leben und das seiner engsten Angehörigen zerstört habe. "Sie jedoch werden den strikten Regeln der Justizvollzugsanstalt Folge leisten müssen. Sie werden damit leben müssen, dass ihr Neffe sich für sie schämen wird und dafür, mit ihnen verwandt zu sein." Seine Tat sei weder mutig noch heroisch gewesen, sondern feige und verachtenswert. "Niemand wird sich je an sie erinnern. Erinnern werden sich die Menschen an ein rechtsstaatliches Verfahren in Deutschland. Dies ist der zweite Grund, warum die Weltöffentlichkeit auf diesen Prozess schaut – und dafür danke ich diesem Gericht."

Appell von Assia Lewin

Es ist wie viele der bereits gehaltenen Plädoyers ein sehr bewegendes Plädoyer. Doch diesem ist als Zuschauende die persönliche Betroffenheit, die Ergriffenheit, die in der Stimme der Anwältin mitschwingt und den Pausen, die sie immer wieder einlegt (nicht nur zur Betonung), anzumerken. Auch sie ist gläubige Jüdin und verbrachte Jom Kippur am 9. Oktober 2019 in einer Berliner Synagoge.
Sie appelliert: "Wenn Ihnen Rassismus und Antisemitismus begegnet, fühlen Sie sich angesprochen, fühlen Sie sich zuständig. Sonst könnten Sie möglicherweise spazieren gehen und über Ihren Namen als Stein stolpern." Das Plädoyer schließt sie mit den Worten der Zeugin Mollie Scharmann: Es endet hier und heute.

"Wir alle müssen Haltung zeigen"

Auf Assia Lewin folgen Juri Goldstein, Katrin Kalweit und Florian Feige. Auch sie schließen sich der Bundesanwaltschaft an, fordern eine lebenslange Haftstrafe, die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und eine anschließende Sicherungsverwahrung. "Die Absicht mehr als 50 Menschen – Mütter, Väter, Rentner, Kindern – das Leben zu nehmen, ist an Abscheulichkeit nicht zu überbieten und hierfür gibt es eigentlich keine gerechte Strafe," sagt der Erfurter Anwalt Goldstein. Sein Appell: "Es reicht nicht diesen Anschlag zu verurteilen und dann wieder zur Tagesordnung zurückzugehen. Wir alle müssen Haltung zeigen." Es liegt an allen keinen Antisemitismus, alten oder neuen, rechten oder linken, zu tolerieren. Mit diesen Sätzen zitierte er die Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, die dieser zum Jahrestag des Anschlags am 9. Oktober 2020 in der Ulrichskirche in Halle gehalten hatte.

Stephan Balliet im Gericht 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch die anderen Anwälte sprechen den Angeklagten direkt an

Katrin Kalweit wies in ihrem Plädoyer noch einmal auf die Verantwortung eines jeden Einzelnen hin. "Ich fühle mich schuldig, denn auch ich bin Teil der deutschen Gesellschaft (...) und ich stelle mir die Frage: Habe ich genug getan? Habe ich zugehört? Höre und sehe ich hin? Stelle ich die richtigen Fragen?"

Den Schluss dieses Verhandlungstages bildete das Plädoyer von Florian Feige. Der Anwalt vertritt die beiden vom Angeklagten schwerverletzten Wiedersdorfer. Auch er richtete im letzten Teil seines Plädoyers seine Worte direkt an den Angeklagten. "Ihre Tat, der Anschlag von Halle, wird unvergessen bleiben. Allerdings nicht wie Sie das geplant haben. Sie werden nur als namenloses Irrlicht in Erinnerung bleiben."
Indirekt bezeichnete er den Angeklagten als "Dorfdeppen", der sich in seinen Ansichten verrannt und seine Menschlichkeit abgelegt habe. Jemanden, der früher den letzten Platz in der Stammkneipe gehabt habe, der sich Dank des Internets heute mit anderen zusammenfinden könne. Sein Plädoyer schloss Feige mit einer Bitte an den Angeklagten, auf seine letzten Worte zu verzichten und alle damit zu verschonen.

Weitere Schlussplädoyers am 8.Dezember

Mit diesen Worten endete der 23. Prozesstag bereits gegen 12.00 Uhr. Die Schlussplädoyers der Nebenklage werden am 8. Dezember fortgesetzt. Einen Tag darauf hat die Verteidigung und der Angeklagte selbst das letzte Wort. Das Urteil im Prozess gegen den Attentäter von Halle soll am 21. Dezember gesprochen werden.

Hintergrund des Gerichtsverfahrens

Seit Juli läuft vor dem Oberlandesgericht Naumburg der Prozess um den Anschlag auf die Synagoge von Halle. Aus Platzgründen wird der Prozess aber in den Räumen des Landgerichts in Magdeburg geführt. Dort steht der größte Gerichtssaal Sachsen-Anhalts zur Verfügung.

Der 28-jährige Stephan B. hatte gestanden, am 9. Oktober 2019 schwer bewaffnet versucht zu haben, die Synagoge von Halle zu stürmen und ein Massaker anzurichten. Darin feierten gerade 52 Menschen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Der Attentäter scheiterte jedoch an der Tür, erschoss daraufhin eine Passantin, die zufällig an der Synagoge vorbei kam, und später einen jungen Mann in einem Döner-Imbiss.

Stephan B. ist wegen zweifachen Mordes, versuchten Mordes in 68 Fällen, versuchter räuberische Erpressung mit Todesfolge, gefährlicher Körperverletzung, fahrlässiger Körperverletzung und Volksverhetzung angeklagt.

Marie-Kristin Landes
Bildrechte: MDR/Jacqueline Schulz

Über die Autorin Marie-Kristin Landes ist in Dessau-Roßlau geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur zog es sie für ein Politikstudium erst nach Dresden, dann für den Master Journalistik nach Leipzig. Praktische Erfahrungen sammelte sie bei der Sächsischen Zeitung, dem ZDF-Auslandsstudio Wien und als freie Mitarbeiterin für das Onlineradio detektor.fm. Nach ihrem Volontariat beim Mitteldeutschen Rundfunk arbeitet sie jetzt vor allem für MDR Kultur und das Landesfunkhaus Sachsen-Anhalt. Wenn sie nicht gerade für den MDR unterwegs ist, ist sie am liebsten einfach draußen. Zwischen Meer oder Berge kann sie sich dabei genauso wenig wie zwischen Hund oder Katze entscheiden.

Quelle: MDR/vö

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 02. Dezember 2020 | 13:00 Uhr

1 Kommentar

Ritter Runkel vor 7 Wochen

Das Urteil gegen den Mörder von Halle wird eine Selbstverständlichkeit sein, im gesellschaftlichen und politischen Raum wird es aber nahezu keine Wirkung haben. Gerichtsurteile sind dazu ja auch nicht da, Prozesse dieser Art neigen sogar dazu die Wirkung zu haben, die Gesellschaft von sich selber zu entlasten, das ist natürlich falsch aber nicht die Schuld des Gerichts. Jeder Bürger hingegen muss mit allen Fingern auf die geistigen Anstifter, die Sarrazins und Gaulands, zeigen, je bürgerlicher sie scheinen, desto gefährlicher sind sie.

Mehr aus dem Raum Halle und Leipzig

Mehr aus Sachsen-Anhalt