Stadtrat entscheidet Planetarium in Halle: Sigmund-Jähn-Streit vor Entscheidung

Seit Monaten wird in Halle über den Namen des neuen Planetariums gestritten. Soll es wie das Vorgängergebäude "Sigmund Jähn" heißen – oder besser nicht? Am Mittwoch fällt der Stadtrat Halle eine Entscheidung.

Modell des neuen Planetariums in Halle
Wie soll das neue Planetarium in Halle heißen? Am Mittwoch fällt die Entscheidung. Bildrechte: RKW Architektur + / Stadt Halle (Saale)

"Planetarium Sigmund Jähn" oder "Planetarium Halle (Saale)" – über diese Frage wird in der Saalestadt seit Monaten gestritten. Am Mittwoch fällt im Stadtrat die Entscheidung. MDR SACHSEN-ANHALT beantwortet die wichtigsten Fragen:

Worum geht es?

Ende der Siebzigerjahre wurde auf der Peißnitzinsel in Halle das Raumflug-Planetarium eröffnet. Benannt wurde es nach Sigmund Jähn, dem ersten Deutschen im Weltraum. Auch nach der Wende behielt das Planetarium diesen Namen. Beim Hochwasser 2013 wurde das Planetarium schwer beschädigt – und später abgerissen. 2016 entschied die Stadt, ein neues Planetarium in einem Gasometer am Holzplatz zu errichten. Die Kosten von mehr als 14 Millionen Euro sollten aus Fluthilfemitteln bezahlt werden.

Planetarium in Halle steht unter Wasser, 2011.
Das alte Raumflug-Planetarium auf der Peißnitz in Halle wurde beim Hochwasser 2013 schwer beschädigt. (Archivbild) Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Gut ein Jahr vor der geplanten Eröffnung im Herbst 2021 ist ein Streit über den Namen entbrannt. Die Stadtratsfraktionen SPD, Linke und Mitbürger wünschen sich, dass das neue Planetarium ebenfalls den Namen des Kosmonauten "Sigmund Jähn" bekommt – und somit die Tradition des Vorgängerplanetariums fortgeführt wird. Die CDU lehnt den Namen wegen Jähns Rolle als Repräsentant der DDR ab.

Welche Bedeutung hat das Planetarium für Halle?

Das Planetarium Halle war seit jeher ein beliebtes Ausflugsziel und ein außerschulischer Lernort. Generationen von Schülerinnen und Schülern aus Halle und der Umgebung lernten hier Sterne, Planeten oder die Erdgeschichte aus der Zeit der Dinosaurier kennen. Besuche im Planetarium füllten Projekt- oder Ferienhorttage gleichermaßen. Künftig soll die Bedeutung als Lernort etwa für Schulklassen oder bei der Ausbildung von Astronomielehrkräften noch gestärkt werden, heißt es auf der Homepage des Planetariums.

Was sagen die Befürworter des Namenszusatzes "Sigmund Jähn"?

SPD, Linke, Mitbürger und die Partei sind die Fraktionen im halleschen Stadtrat, die das Planetarium nach Sigmund Jähn benennen wollen. Kay Senius, der neben seiner Stadtratstätigkeit für die SPD auch der Vorsitzende des Kulturausschusses ist, sagte MDR KULTUR, es sei der gleiche Namenszusatz wie beim alten Planetarium. Den wolle man beibehalten. "Sigmund Jähn ist eine Symbolfigur der Ostdeutschen und damit auch der gesamtdeutschen Raumfahrt als erster deutscher Kosmonaut", so Senius. Die Befürworter sehen den Namen als Brückenschlag zwischen dem alten und dem neuen Planetarium. Mit dem Namenszusatz werde Jähns Lebensleistung gewürdigt. Zugleich erlaube das dennoch eine kritische Auseinandersetzung mit seiner Rolle in der DDR, glauben sie.

Wie argumentieren die Gegner?

Während die CDU-Fraktion im Stadtrat den Namen "Sigmund Jähn" – wie fast alle Fraktionen – zunächst ebenfalls befürwortete, ist sie mittlerweile dagegen. Für Ulrike Wünscher, CDU-Stadträtin, war Sigmund Jähn ein herausgehobener Repräsentant des DDR-Staates. Er habe seine Leistungen nur vollbringen können, weil er systemkonform gewesen sei. Die CDU-Fraktion votiert für den Namen "Planetarium Halle"– ganz ohne Namenszusatz, wie es auch der Leiter des Planetariums selbst befürwortet.

Unterstützung kommt dabei von der Beauftragten des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Birgit Neumann-Becker. Sie sprach sich Ende vergangenen Jahres gegen Sigmund Jähn als Namensgeber aus. Neumann-Becker sorgt sich, dass mit der Fortschreibung eines Geschichtsbildes eines Sigmund Jähn, der in den Weltraum geflogen sei, dessen SED- und NVA-Karriere einfach mal so weglassen würde – 30 Jahre nach der Deutschen Einheit.

Wie läuft die Entscheidung?

Der Kulturausschuss des Stadtrates hat vor einigen Wochen nach hitziger Debatte empfohlen, gar keinen Namen zu vergeben und es bei "Planetarium Halle (Saale)" zu belassen. Bindend ist dieses Votum nicht. Am Mittwochnachmittag fällt nun die Entscheidung im Stadtrat – im öffentlichen Teil der Sitzung. SPD, Linke, Mitbürger und die Partei sprechen sich in einem gemeinsamen Antrag für die erneute Benennung des Planetariums nach Sigmund Jähn aus. Von den anderen Fraktionen gibt es gleich mehrere Änderungsanträge.

MDR, Oliver Leiste

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 24. Februar 2021 | 07:30 Uhr

21 Kommentare

Die Stimme vor 7 Tagen

Der Blick der Kinder braucht Vorbilder, und ja Siemund Jähn ist ein Vorbild! Wäre die Flut nicht gekommen, hieße das Planetarium immer noch Siegmund Jähn. Leider sind die Kleingeister so kleinkariert....

Der Matthias vor 1 Wochen

@ Kamasutra

"30 Jahre nach der "Einverleibung" werden immer noch fleißig die erbrachten Leistungen "ostdeutscher" Menschen negiert"

Also von Ostdeutschen selbst negiert, oder wie!? Denn es war der Stadtrat in Halle, der diese Entscheidung getroffen hat!

Der Matthias vor 1 Wochen

@ KarlChemnitz

"Werte Stadträte von Halle an der Saale: Ihr habt es in der Hand, entweder einen klitzekleinen Beitrag zur weiteren Vollendung der Deutschen Einheit zu leisten oder eben eine weitere Kerbe in den ohnehin schon großen Spalt zwischen Ost und West zu schlagen."

Was soll die Entscheidung in Halle/S. mit Westdeutschland zu tun haben? Soweit ich weiß, liegt Halle immer noch in Sachsen-Anhalt, das ist also sowieso eine rein ostdeutsche Entscheidung!

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