Stolpersteine vor der Müller-Drogerie Halle
Auf den Spuren jüdischer Geschichte: In der Großen Ulrichstraße erinnern zwei Stolpersteine an deportierte, jüdische Hallenser. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Jüdische Kulturtage Auf den Spuren jüdischen Lebens in Halle – ein Stadtrundgang

Als Händler geschätzt, als Sündenböcke verunglimpft und vertrieben: Die jüdische Gemeinde in Halle war in ihrer hundertjährigen Geschichte immer wieder Verfolgung und Zerstörung ausgesetzt. Heute sind ihre Spuren im Stadtzentrum nur noch zu sehen, wenn man genau hinsieht. Ein Stadtrundgang.

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Maria Hendrischke, MDR SACHSEN-ANHALT

Stolpersteine vor der Müller-Drogerie Halle
Auf den Spuren jüdischer Geschichte: In der Großen Ulrichstraße erinnern zwei Stolpersteine an deportierte, jüdische Hallenser. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Die Stadtführung zur Geschichte des jüdischen Lebens in Halle beginnt vor dem Fraunhofer-Institut, gegenüber vom Kunstmuseum Moritzburg. Keine Stolpersteine finden sich auf dem Boden. Auf den ersten Blick ist nicht erkennbar, was dieser Ort mit der jüdischen Gemeinde von Halle zu tun haben soll.

Judenviertel in Halles nördlicher Innenstadt

Der Hauptsitz der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopldina in Halle/S.
Auf dem Gelände der Leopoldina in Halle befand sich im Mittelalter ein jüdischer Friedhof. (Archivbild) Bildrechte: Markus Scholz für die Leopoldina

Doch tatsächlich steht die etwa 30-köpfige Gruppe um Stadtführer René Zahl mitten in Halles ehemaligem "Judendorf". Im frühen Mittelalter hatten sich die Juden auf dem Gebiet um Moritzburg, Fraunhofer-Institut und Wissenschaftsakademie Leopoldina angesiedelt. Wo heute das Kunstmuseum Moritzburg steht, stand im Mittelalter Halles Synagoge. Unter dem Fraunhofer-Institut könnte sich eine Mikwe befunden haben, ein jüdisches Bad. Auf dem Gelände der Leopoldina lag Halles erster jüdischer Friedhof. Seit 1184 haben nachweislich Juden in Halle gelebt – es ist möglich, dass sie bereits seit der ersten Jahrtausendwende dort lebten.

Gern gesehen waren sie nicht, macht Zahls Erzählung zur Stadtgeschichte schnell deutlich. 1207 setzten Christen das Judendorf von Halle in Brand und vertrieben die Bewohner aus der Stadt. Zum ersten, aber nicht zum letzten Mal.

Juden im Mittelalter: Gegen Geld geduldet, schließlich verbannt

Juden kehrten bald nach der Vertreibung nach Halle zurück. Der Erzbischof von Magdeburg hatte ihnen Schutz zugesichert. Dieser hatte aber seinen Preis: Die Juden mussten ihm ein jährliches Schutzgeld zahlen. Als im 14. Jahrhundert die Pest in Halle wütete, legten sich Hallenser die Verschwörungstheorie zurecht, dass die Juden daran schuld seien: Sie hätten die Brunnen vergiftet. Die Hallenser zerstörten in der Folge die Häuser von Juden und töteten Bewohner.

Moritzburg Halle mit Raureif
Wo heute die Moritzburg steht, befand sich im frühen Mittelalter Halles Synagoge. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Dafür musste die Stadt Halle ein Bußgeld zahlen. Allerdings nicht an die Juden, sondern an deren "Beschützer", den Magdeburger Erzbischof. Schließlich musste der auf die jüdischen Schutzgeldzahlungen verzichten. Einen Teil des Bußgelds nahm die Stadt hintenherum aber wieder ein: Als sich Juden später erneut in Halle ansiedelten, verlangte die Stadt von ihnen Geld, bevor sie sich neue Häuser bauen duften. Das 15. Jahrhundert brachte für hallesche Juden weitere Repressalien. Sie mussten zum Beispiel einen gelben Fleck an der Kleidung tragen, der sie als Juden stigmatisierte. 1493 wurden sie schließlich ganz aus Halle verbannt – und das für knapp zwei Jahrhunderte.

Woher kommt dieser Hass gegen Juden, will eine Frau von Stadtführer Zahl wissen. Er erklärt, dass im Mittelalter aus Sicht der Christen Juden Jesus ermordet hatten – obwohl eigentlich Römer Christus kreuzigen ließen. Außerdem durften Juden Geld mit Zinsen leihen – Christen hingegen war "Wucher" nicht erlaubt. Es sei anzunehmen, dass die Geldgeber bei ihren Schuldnern verhasst waren und diese jede Gelegenheit nutzten, sich ihrer Gläubiger zu entledigen, so Zahl.

Um 1700: Erneute Ansiedlung von Juden

Gedenkstein mit dem ehemaligen Standort der zerstörten Synagoge von Halle im Hintergrund
Auf dem grünen Hügel im Hintergrund stand bis 1938 Halles Synagoge. Der schwarze Gedenkstein im Vordergrund erinnert daran. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Erst um 1700 durften erneut Juden nach Halle ziehen. Die Erlaubnis hatte vor allem wirtschaftliche Gründe: Sie sollten die Geschäfte in der Stadt wiederbeleben, die der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) zugesetzt hatte. Anders als im Mittelalter lag der Schwerpunkt des jüdischen Lebens nicht im "Judendorf" in der nördlichen Innenstadt, sondern weiter südlich: um den heutigen Jerusalemer Platz, nahe der Franckeschen Stiftungen. Auch heute sitzt die Verwaltung der jüdischen Gemeinde in der Großen Märkerstraße. Im 18. Jahrhundert aber entstand in diesem Teil der Stadt, versteckt hinter Wohnhäusern in einem leerstehenden Gebäude in einem Innenhof, eine Synagoge.

Die versteckte Lage war Absicht. Die Hallenser sollten nicht gleich mitbekommen, dass es wieder jüdisches Leben in der Stadt gebe, sagt Zahl. Trotzdem wurde die Synagoge 1724 verwüstet, konnte aber wieder hergerichtet werden. Als die jüdische Gemeinde im 19. Jahrhundert größer wurde, entstand an gleicher Stelle ein größerer Neubau in maurischem Stil, ähnlich der Neuen Synagoge von Berlin. Neben der Synagoge von Halle gab es außerdem eine jüdische Schule, an der Religion unterrichtet wurde. Für alle anderen Fächer gingen die jüdischen Kinder an öffentliche Schulen. Der jüdische Friedhof lag ab dem 19. Jahrhundert an der Humboldtstraße im Paulusviertel. Dort wurde 1894 eine Trauerhalle errichtet.

Orte jüdischen Lebens in Halle

Gedenktor für die Synagoge von Halle auf dem Jerusalemer Platz
Dieses Tor auf dem Jerusalemer Platz erinnert an die in der Reichspogromnacht 1938 zerstörte hallesche Synagoge, die in unmittelbarer Nähe stand. Die gelben Steine, die im Mahnmal verarbeitet wurden, sind Trümmer der Synagoge. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke
Gedenktor für die Synagoge von Halle auf dem Jerusalemer Platz
Dieses Tor auf dem Jerusalemer Platz erinnert an die in der Reichspogromnacht 1938 zerstörte hallesche Synagoge, die in unmittelbarer Nähe stand. Die gelben Steine, die im Mahnmal verarbeitet wurden, sind Trümmer der Synagoge. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke
Gedenkstein für die 1938 zerstörte Synagoge von Halle
Außer dem Tor erinnert auch ein schwarzer Stein an die von Nazis zerstörte Synagoge. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke
Auf dem grünen Hügel stand die 1938 zerstörte Synagoge von Halle
Auf diesem grünen Hügel im Innenhof zwischen Wohnhäusern stand bis 1938 Halles Synagoge. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke
Stadtführer René Zahl (Mitte) vor dem Zugang zur ehemaligen Synagoge von Halle in der Großen Märkerstraße, gegenüber des Gemeinde-Gebäudes
René Zahl (Mitte, rote Mütze) informiert bereits seit mehreren Jahren in Stadtführungen über das jüdische Leben in Halle. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke
Müller-Drogerie Halle, ehemals Kaufhaus Modehaus für Damenkonfektion Geschwister Loewendahl
Ein Stopp des Rundgangs ist die Drogerie Müller in der Großen Ulrichstraße. Hier führten die jüdischen Geschwister Loewendahl bis zur "Arisierung" – der Enteignung zur NS-Zeit – ein Kaufhaus. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke
Das ehemalige Kaufhaus von Alex Michel am Marktplatz Halle
Auch dieses goldverzierte Gebäude direkt am Markt war damals ein Kaufhaus, das dem Juden Alex Michel gehörte. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke
In diesem Gebäude war das Kaufhaus des Juden Julius Lewin untergebracht.
Dieses Gebäude, ebenfalls neben dem Marktplatz Halle, war ein Warenhaus, das dem Juden Julius Lewin gehörte. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke
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Weder jüdische Schule noch Synagoge stehen heute noch. Die Synagoge haben Nationalsozialisten in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 völlig zerstört. Noch bis in die 1980er Jahre hinein hätten Trümmer des Bauwerks im Innenhof gelegen, sagt Zahl. Nun überdeckt eine Gartenanlage die Überreste. Ein Gedenkstein und ein von einem Künstler entworfenes Eingangstor auf dem Jerusalemer Platz erinnern an das einstige jüdische Leben an diesem Ort. Die Trauerhalle auf dem jüdischen Friedhof wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zur Synagoge umfunktioniert.

1920er: Jüdisches Kaufhaus bringt Paris nach Halle

Galeria Kaufhof am Marktplatz Halle, ehemals Kaufhaus Huth
Am Standort von Galeria Kaufhof stand vor dem Zweiten Weltkrieg das Kaufhaus Huth, das Juden führten. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Spuren der jüdischen Vergangenheit kurz vor der NS-Zeit sind auch direkt im Zentrum Halles zu finden: am Marktplatz. Gleich in mehreren Gebäuden um den Markt hatten jüdische Händler bis in die 1930er Jahre ihre Geschäfte. Um 1930 lebten etwa 1.400 Juden in Halle. Sie führten teils große, moderne Warenhäuser – etwa das Kaufhaus Huth, an dessen Standort sich heute ein Gebäude von Galeria Kaufhof befindet.

Das Kaufhaus Huth eröffnete 1928 mitsamt Café, Ausstellungsräumen für die noch junge Kunsthochschule Burg Giebichenstein und abendlicher Neonbeleuchtung. Eine Zeitung habe zur Kaufhaus-Eröffnung geschrieben, dass Halle nun "den Charme von Paris" habe, sagt Zahl. Dass es sich um ein jüdisches Geschäft handelte, habe für die Hallenser damals keine Rolle gespielt.

1930er: Boykott jüdischer Geschäfte, Judenhäuser – und Deportation

Das änderte sich nur wenige Jahre später. 1933 riefen die Nazis zum Boykott jüdischer Geschäfte auf. Nach und nach mussten jüdische Händler Insolvenz anmelden. Sie mussten ihre Läden aufgeben oder wurden zwangsenteignet: Die Geschäfte wurden "arisiert". Kaufhaus Huth hielt sich noch bis 1938 – was laut Zahl dafür spricht, dass Stammkunden den Einschüchterungsversuchen durch Nazis lange standhielten.

In Halle gab es nach dem Mittelalter kein bestimmtes Viertel mehr, in dem Juden wie in einem Ghetto lebten. Trotzdem finden sich zum Beispiel nahe der zerstörten Synagoge viele Stolpersteine dicht nebeneinander. Stadtführer Zahl erklärt, dass 1939 hallesche Juden aus ihren eigentlichen Wohnungen vertrieben wurden und in sogenannten "Judenhäusern" leben mussten. Eines dieser Judenhäuser habe sich neben der Synagoge befunden. Ab 1942 wurden die dort lebenden Menschen in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und dort ermordet.

Stolpersteine vor dem Zugang zur 1938 zerstörten Synagoge Halle, bei der sich in der NS-Zeit ein Judenhaus befand
Viele Stolpersteine erinnern an die Juden, die ab 1942 aus einem sogenannten Judenhaus am Jerusalemer Platz deportiert wurden. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

2019: Antisemitischer Anschlag auf Sachsen-Anhalts einzige Synagoge

Die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Halle/Saale (Sachsen-Anhalt)
Die Synagoge von Halle kann nach Anmeldung ganzjährig besichtigt werden. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Nur 16 Juden haben die NS-Zeit in Halle versteckt überlebt. Andere konnten aus der Stadt flüchten; Juden, die von Halle nach Shanghai in China entkommen waren, kehrten nach dem Zweiten Weltkrieg sogar in die Saalestadt zurück. Mittlerweile hat die jüdische Gemeinde in Halle wieder etwa 550 Mitglieder. Viele davon sind nach dem Mauerfall als Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen.

Halle ist derzeit die einzige Stadt in Sachsen-Anhalt, die eine Synagoge hat. Synagogen in Magdeburg und Dessau sollen bald folgen. Halles Synagoge war am 9. Oktober Ziel eines antisemitischen Anschlags. In den Fragen der Stadtführungsteilnehmer spielt der Anschlag tatsächlich keine Rolle. Dafür gibt es zahlreiche, ehrlich interessierte geschichtliche Nachfragen. René Zahl, der den Rundgang bereits seit mehreren Jahren im Rahmen der Jüdischen Kulturtage anbietet, sagt, dass die Nachfrage an der Führung wider Erwarten nicht höher gewesen sei als in den Vorjahren.

Die hallesche Synagoge ist nicht nur während der Jüdischen Kulturtage für Nicht-Juden geöffnet: Mit vorheriger Anmeldung bei der Gemeinde sind das ganze Jahr über Besichtigungen und auch die Teilnahme an Gottesdiensten möglich.

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT - in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

Quelle: MDR/mh

Zuletzt aktualisiert: 17. November 2019, 20:25 Uhr

2 Kommentare

Jana vor 3 Wochen

Ich finde die Stolpersteine in unseren Straßen wichtig, erinnernsie uns doch daran, dass da nicht irgend ein fremdes exotisches Wesen,, mit dem man nichts gemein hat, einer ebenso exotischen wie fernen Seuche Namens Holocuast zum Opfer gefallen ist.

Nein es waren deutsche Mitbürger die aufgrund ihres Gaubens und des Rassenwahns einer rechtsextremistischen Partei, die ihren Extremismus zur Staatsdoktrin erhoben hat, von Deutschen ermordert wurden. Das was ein Gauland als "Fliegenschiß" kleinreden will beinhaltete die industrielle Ermordung von mehreren Millionen Menschen durch das deutsche Volk. Dass der von Deutschland entfesselte Weltkrieg ein Vielfaches dieser Zahl an Opfern forderte macht den Holocaust übrigens nicht besser.

Die NAZIS haben deutsche Nachbarn, Freunde, Familienmitglieder, Kollegen und Geschäftspartner aufgrund ihrer Religion erst systematisch ausgegrenzt und dann ermordet. Daran erinnern diese Steine und daran, dass dies für keinen Betroffenen ein Fliegenschiß war!

Jan vor 3 Wochen

Hallo Jana,
Ihr Beitrag gefällt mir sehr gut.
Danke!

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