Straßenmusik in der Vorweihnachtszeit "Ich bin 64 Jahre alt und finde keine Arbeit mehr"

Viele Kinderchöre, Studenten und professionelle Musiker spielen in der Adventszeit auf der Straße, um sich ein bisschen Geld dazu zu verdienen. Dann gibt es aber auch Menschen, die ausschließlich von der Straßenmusik leben. MDR SACHSEN-ANHALT hat in Halle zwei Musiker mit völlig unterschiedlichen Biografien getroffen.

von Paula Kautz, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein älterer Mann spielt im Freien auf einem Akkordeon.
Akkordeonspieler Gheorge Șerban spielt seit 20 Jahren in Halles Innenstadt. Bildrechte: MDR/Paula Kautz

Für die Hallenser ist er kaum mehr aus der Fußgängerzone wegzudenken: Akkordeonspieler Gheorge Șerban. Seit 20 Jahren spielt der 64-jährige in Halle auf der Straße. Zu seinen beliebtesten Stücken zählen Tangos und Walzer, darunter vor allem "Laras Lied" aus dem Filmklassiker "Doktor Schiwago".

Dick eingepackt in Daunenjacke, Ski-Hose und Mütze sitzt Gheorge Șerban auf einem Rollkoffer in der Großen Ulrichstraße. Er wohnt eigentlich in Bukarest. Für ein bis zwei Monate kommt er nach Halle, um Straßenmusik zu machen. Während dieser Zeit wohnt er bei Freunden. Danach fährt er wieder nach Rumänien zu seiner Familie – den drei Söhnen mit den sechs Enkelkindern und natürlich seiner Ehefrau.

Ich mache Straßenmusik, weil wir in unserem Land nichts verdienen können, um unsere Familien zu ernähren. Ich bin 64 Jahre alt und finde keine Arbeit mehr. Als Arbeiter in Rumänien verdient man etwa 200 Euro im Monat. Bei dem geringen Gehalt sind die Preise für Lebensmittel aber genauso hoch wie in Deutschland.

Akkordeonspieler Gheorge Șerban

Wenn Gheorge Șerban einen Monat am Stück jeden Tag auf der Straße spielt, verdient er am Ende etwa 500 Euro im Monat. Es lohne sich für ihn, auch an den Weihnachtsfeiertagen auf der Straße zu sein, sagt er. Denn in Rumänien würde er gar nichts verdienen. Allerdings merkt er, dass seine "Einnahmen" zurückgehen. Am Anfang war es leichter, in Halle Geld zu verdienen. Gheorge geht davon aus, dass die Menschen in Halle mittlerweile auch arm sind.

Spielen auf der Straße: "Es gibt kein härteres Publikum" 

Ein junger Mann spielt in einer Fußgängerzone Klavier.
Andreas Güstel spielt Eigenkompositionen am Klavier. Bildrechte: MDR/Paula Kautz

Ortswechsel: Andreas Güstel steht mit seinem Flügel in der Leipziger Straße. Hier in der Fußgängerzone probiert der gebürtige Hallenser aus, wie seine eigenen Kompositionen ankommen. So macht Andreas Güstel gleichzeitig Werbung für die Stücke des Duos "Be-Flügelt". Er und sein Freund Julian Eilenberger wechseln sich ab, auf der Straße zu spielen. Und das Publikum hier ist auch gut für erste Rückmeldungen, sagt Andreas Güstel:

Ich sitze an meinem Flügel und habe ein neues Stück komponiert. Ich denke so: Ist das geil! Dann geh ich auf die Straße, spiele das: keine Reaktion. Es gibt kein härteres Publikum. Und wenn was auf der Straße ankommt, ist es meistens ein Erfolg im Konzertsaal.

Musiker Andreas Güstel

Passanten grüßen und winken den Musikern zu

Es komme auch vor, dass mehrere Straßenmusiker gemeinsam spontan Musik machen. Teilweise hören sich die improvisierten Stücke gut an, sagt Andreas Güstel, "manchmal funktioniert es auch überhaupt nicht". Das sei aber nicht schlimm. Auf der Straße könne man auch mal scheitern.

Straßenmusiker auf der Schloßstraße in Dresden
Straßenmusiker sehen sich untereinander nicht als Konkurrenten. (Archivbild) Bildrechte: IMAGO/Sven Ellger

Als Konkurrenz zu denjenigen, die ausschließlich von der Straßenmusik leben, sieht er sich nicht. In Halle dürfen Musiker maximal eine halbe Stunde an einer Stelle spielen und müssen dann den Ort wechseln. So kommt jeder Musiker zum Zug. Auch Akkordeonspieler Gheorge Șerban sieht keine Konkurrenz darin, im Gegenteil: "Viele Leute hier in Halle sind sehr dankbar für die Musik".

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat der Rumäne Gheorge Șerban viele Leute kennengelernt. Während er spielt, winken ihm einige Passanten zu. Er lächelt und grüßt zurück. Bis zum 28. Dezember spielt er noch in Halle, danach fährt er zurück in die Heimat. Klavierspieler Andreas Güstel gibt mit seinem Freund im April ein Konzert in seiner Heimatstadt Halle. Darauf freue er sich schon sehr, sagt er.

Paula Kautz
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über die Autorin Paula Kautz arbeitet seit Sommer 2018 bei MDR SACHSEN-ANHALT für den Hörfunk. Hauptsächlich ist sie in der Nachrichten-Redaktion und auch für das Regionalstudio in Halle tätig. Bevor die gebürtige Hallenserin zum MDR kam, machte sie Abstecher nach Barcelona und das Allgäu. Während ihres Journalistik-Studiums an der Universität Leipzig arbeitete sie für das Lokalradio mephisto 97.6 und absolvierte unter anderem Praktika bei der Deutschen Presseagentur und dem MDR. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt ist das Bodetal im Harz.

Quelle: MDR/lk

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 06. Dezember 2018 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Dezember 2018, 11:07 Uhr

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2 Kommentare

09.12.2018 17:18 Bingo 2

Bettler und Obdachlose werden immer mehr in Deutschland, wo man laut Merkel, Gut und gern lebt. Ich würde sagen, das ist eine Schande für Deutschland und die Merkel-Politik.

09.12.2018 14:37 Nordharzer 1

Ich glaube nicht, dass Herr Serban recht hat, dass die Hallenser jetzt ärmer sind. Vermutlich haben sie die Schnauze voll, ständig abgezockt zu werden. Waren es früher die rumänischen Hütchenspieler, so sind es heute süd-ost-europäische Bettler und Straßenmusiker, die organisiert versuchen, die Mitleidsmasche zu spielen. Ich habe selbst gesehen, wie ein slowakischer Kleinbus Musiker und Bettler morgens abgesetzt und abends wieder eingesammelt hat. Mag sein, dass Herr Serban auf eigene Rechnung versucht, seinem heimatlichen Elend zu entfliehen, aber allein die optische Ähnlichkeit zu den professionellen Banden dürfte seine Einkünfte vermindern.

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