Die Philosophie des Schuhmachens Wie zwei Frauen nach ihrem Studium Schuhmacherinnen in Halle wurden

Ein Mann mittleren Alters und mit kurzem Haar schaut in die Kamera
Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

Um Schuhe herzustellen, muss man nicht studiert haben. Dass es dennoch hilfreich ist, zeigen zwei junge Akademikerinnen in Halle. Sie haben eine Schuhwerkstatt eröffnet und stellen Unisex-Schuhe her.

Eine junge Frau mit deunklem Haar bearbeitet mit einem Pinsel einen Schuh.
Theresa Theobald ist eine der beiden Schuhmacherinnen. Doch ihr Weg in den Beruf war alles andere als gewöhnlich. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

Es ist eine Geschichte voller Zufälle, die mit einer Oma beginnt. Diese Oma bekommt Besuch von ihren beiden Enkelinnen, jede Enkelin bringt eine Freundin mit. Die eine mitgebrachte Freundin heißt Alessa Wilhelm, die andere Theresa Theobald. Beide kennen sich noch nicht, doch der Zufall hat sie zusammengebracht.

Schnell merken die beiden, dass sie einiges gemeinsam haben. Beide studieren mit Freude eine Geisteswissenschaft und doch wissen sie, dass sie danach lieber mit den Händen als mit dem Kopf arbeiten wollen. Während Theresa Theobald noch überlegt, ob sie Schneiderin werden möchte, weiß Alessa Wilhelm schon längst, dass sie einmal selbst ökologische Schuhe herstellen will.

Eine junge Frau mit dunklem Haar steht an einer Maschine in Arbeitsklamotten und arbeitet. 2 min
Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

Die Wege liefen anfangs getrennt

Doch dann trennen sich die Wege erstmal wieder. Theresa Theobald studiert weiter Kulturwissenschaft und Ästhetische Praxis in Hildesheim und Alessa Wilhelm Philosophie und Ethnologie in Mainz und Heidelberg. "Ich wollte etwas studieren, das mir die Welt erklärt. Das war auch für meine persönliche Entwicklung sehr wichtig", erklärt die Philosophin MDR SACHSEN-ANHALT.

Nach dem Studium lernt Theobald eine Orthopädin kennen, die sie ermutigt, Schuhmacherin zu werden. Doch medizinische Schuhe möchte sie nicht herstellen. Sie findet eine Ausbildungsstelle am Staatstheater Darmstadt. "Gerade am Theater kommt man mit ganz vielen Gewerken in Berührung, das ist ein sehr dynamisches und inspirierendes Umfeld, mit außergewöhnlichen Aufträgen", sagt Theobald.
Bei einem Treffen mit ihrer Freundin fragt sie dann: "Was ist eigentlich aus Alessa geworden?"

In Wien wird ein Traum wahr

Alessa Wilhelm hat währenddessen eine Ausbildung bei einer Maßschuhmacherei in Wien begonnen. Der Alltag war plötzlich viel geregelter als im Studium. "Die handwerkliche Arbeit war dabei auch so etwas wie eine Schule des Lebens: Man lernt Geduld und Sorgfalt. Das hilft auch außerhalb der Werkstatt", verrät Wilhelm MDR SACHSEN-ANHALT.

Es ist die Erfüllung eines Traums, den sie seit ihres Auslandsjahres in Äthiopien träumt. Direkt nach dem Abitur hat sie in einem der ärmsten Länder Afrikas gelebt und die dortige Vieh-, Leder- und Schuhindustrie kennengelernt. Seitdem war für sie klar: "Ich möchte Schuhe herstellen und zwar ökologisch und nachhaltig."

Eigene Schuhwerkstatt Zwei Frauen, die ihre Berufung gefunden haben

Kein ganz alltäglicher Werdegang: Zwei Frauen entscheiden sich nach dem Studium, Schuhmacherinnen in Halle zu werden.

Eine junge Frau mit dunklem Haar und Mütze auf steht vor einer steinernden Wand und lächelt in die Kamera.
Wie kann ein gutes Leben gelingen? Dieser Frage jagte Alessa Wilhelm im Philosophie-Studium nach. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne
Eine junge Frau mit dunklem Haar und Mütze auf steht vor einer steinernden Wand und lächelt in die Kamera.
Wie kann ein gutes Leben gelingen? Dieser Frage jagte Alessa Wilhelm im Philosophie-Studium nach. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne
Eine junge Frau mit dunklem Haar lächelt in die Kamera.
Ihre Antwort hat sie im Handwerk gefunden. Sie entwirft, produziert und verkauft selbstgefertigte Schuhe. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne
Eine junge Frau mit Brille und dunklem Haar lächelt in die Kamera. Im Hintergrund stehen Werkstattuntensilien.
Theresa Theobald hat Kulturwissenschaft in Hildesheim studiert. "Und was macht man damit?", wurde sie oft gefragt. Ihre Antwort: eine Schuhwerkstätte gründen! Bildrechte: MDR/Alexander Kühne
Eine aufgehangene Pinnwand mit verschiedenen Zeichnungen von Schuhen im Zentrum.
Sechs verschiedene Modelle haben die beiden bisher entworfen. Mit klangvollen Namen wie Bergbäuerin, Nomadin und Bräutigam wollen sie unterschiedliche Geschmäcker treffen. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne
Viele hölzerne Schuhe hängen an einer Wand.
Der Leisten gibt dem Schuh die gewünschte Form. Möchte man den eleganten Eduard, den stupsnasigen Stanislav oder den gemütlichen Gustav? Bildrechte: MDR/Alexander Kühne
Ein Einblick in ein Arbeitszimmer. Schuhe stehen auf einem Tisch neben einem Maßband. Im Hintergrund sind Arbeitsutensilien zu sehen.
Jeder Schuh ist eine Maßanfertigung, vom Leder bis zur Sohle können sich Kundinnen und Kunden individuelle Schuhe zusammenstellen. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne
Eine junge Frau mit dunklem Haar steht an einer Maschine in Arbeitsklamotten und arbeitet.
"Beim Schuhmachen kann man bestens philosophieren", findet Gründerin Alessa Wilhelm, die Philosophie studiert hat. Egal ob beim Schleifen der Sohlen … Bildrechte: MDR/Alexander Kühne
Eine junge Frau mit dunklem Haar sitzt vor einer Nähmaschine und arbeitet.
… oder beim Nähen des Leders. Handarbeit macht den Kopf frei für tiefgründige Gedanken. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne
Eine Person hält einen Schuh in einer Hand und einen Pinsel in der anderen. Der Pinsel berührt den Schuh.
Sorgfalt und eine ruhige Hand sind gefragt. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne
Eine junge Frau mit deunklem Haar bearbeitet mit einem Pinsel einen Schuh.
Theresa Theobald genießt die vielen verschiedenen Facetten und Tätigkeiten eines Handwerkbetriebes. "Es wird nie eintönig", sagt sie.

Quelle: MDR/pow
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Die Liebe führt beide an die Saale

Kurze Zeit nach der Ausbildung verschlägt es Alessa Wilhelm nach Halle an der Saale. Sie ist mittlerweile Ehefrau und Mutter. Ihr Mann hat eine Stelle an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg gefunden. Wieder schlägt der Zufall zu: An derselben Uni studiert der Partner von Theresa Theobald. Sie zieht zu ihm nach Halle, um mit ihm ein gemeinsames Leben aufzubauen.

Eigene Schuhwerkstatt in Halle

Hier treffen sich Alessa Wilhelm und Theresa Theobald wieder. Da es das Schicksal offensichtlich so will, beschließen die beiden, sich zusammen zu tun. Sie eröffnen 2018 gemeinsam eine kleine Schuhwerkstatt. "Selbständig zu sein, ist ein echtes Abenteuer: viel Freiheit, aber auch viel Eigenverantwortung. Das muss man wirklich wollen", sagt Wilhelm. Theobald ergänzt: "Darüber musste ich auch erst einmal eine Nacht schlafen, aber es konnte einfach kein Zufall sein, dass man so eine gleichgesinnte Schuhmacherin trifft."

Mit Lust stürzen sich die beiden Gründerinnen in das gemeinsame Abenteuer, suchen nach regionalen Materialen und nachhaltigen Konzepten für ihre selbstentworfenen Schuhe: Holzleisten aus dem Harz, mit Rhabarber-Wurzel gegerbtes Leder aus Bernburg und recycelte Autoreifen für die Gummisohlen. Ökologisch, nachhaltig, fair sollen ihre Schuhe sein.

Seit einem Jahr nun schneiden sie Leder, schleifen Sohlen und nähen maßgefertigte Unisex-Schuhe, die sowohl Männer als auch Frauen tragen können. So wollten sie Aufwand und Kosten niedrig halten. Dass das gar nicht so einfach ist, mussten sie erst lernen. "Beim Damenschuh wird der Fuß optisch eher verkürzt und Herren sind eher auf großem Fuß unterwegs, also optisch verlängert", sagt Alessa Wilhelm. Ihre Modelle haben sie den Sehgewohnheiten angepasst. Nun können sie es gar nicht mehr erwarten, dass endlich wieder Kunden zu ihnen in die Werkstatt kommen und sie Maß nehmen können.

Quelle: MDR/pow

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 29. November 2020 | 19:00 Uhr

7 Kommentare

Chemieschwein. vor 5 Tagen

Das man Sohlen und Absätze erneuern kann ist mir bekannt Herr Einstein!! Aber wenn ein Schuh hinüber ist das ist es so. Auch ich hatte Lieblinsschuhe die ich über 7 Jahre hatte. Betonung auf hatte!! Natürlich können sie auch ihre Schuhe bei Deichmann kaufen. Ich wünsche den beiden Damen viel Erfolg mit ihrem Konzept. Wenn es aufgeht wäre schön. Leider sind viele gute Ideen am Desinteresse des Bürgers gescheitert.

alessa vor 6 Tagen

Das ist tatsächlich eine wichtiges Thema! Von einer Kreislaufwirtschaft sind wir alle noch weit entfernt. Unsere pflanzlich gegerbten Leder sind eigentlich biologisch abbaubar, in Kompostieranlagen haben ganze Schuhe natürlich trotzdem nichts zu suchen. Die einzelnen Werkstoffe eines komplexen Produkts - wie eines Schuhs - zu trennen und dem Recycling zuzuführen, ist eine große Herausforderung.
Als Handwerkerinnen bauen wir unsere Schuhe so, dass sie nicht gleich in den Müll wandern, wenn sie "abgetragen" sind: Erst sind die Absatz dran, dann werden die Laufsohlen erneuert, irgendwann kommen neue Einlegesohlen rein, das Oberleder wird gepflegt und vielleicht irgendwann geflickt... Und die Gummisohlen lassen sich tatsächlich auch schon jetzt problemlos recyclen: Wir sammeln sie in unserer Abstellkammer und schicken sie dann zum Granulieren. So wird zum Beispiel Bodenbelag für Spielplätze daraus. Gruß, eine der Schuhmacherinnen

Kelte vom Oechsenberg vor 6 Tagen

Na "Chemieschwein." Den oben stehenden Text nicht verstanden, oder? Wenn abgetragen, Sohle durchgetreten - dann neue drauf, Absatz schief - dann neuer Absatz. Nicht so einfach Müll. Früher, in den 60 - und 70-ziger Jahren hatten wir noch einen Schuster im Dorf. Der machte es schon so, wie diese beiden Frauen. Solche Wagemutigkeit finde ich großartig. "Chemieschwein.": Warum müssen Sie immer und überall alles gleich in das Nagative ziehen und immer nur das Schlechte sehen? Ich wünsche Ihnen trotzdem eine gesegnete Adventszeit.

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