Polizeischüler stirbt bei Unfall
Vom oberen Balkon des grauen Hauses stürzte Paul in den Tod. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Von Balkon gestürzt Tod eines Polizeischülers in Halle lässt Eltern keine Ruhe

Ein Polizeischüler stürzt in Halle vom Balkon und stirbt. Der Verdacht, dass er einbrechen wollte, wird schnell widerlegt. Doch bis heute ist unklar, warum er das fremde Haus betrat und wie er starb. Seine Eltern versuchen deshalb alles, um die Hintergründe des Sturzes aufzudecken.

Polizeischüler stirbt bei Unfall
Vom oberen Balkon des grauen Hauses stürzte Paul in den Tod. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der 29. April 2018 lässt Norbert Lorenz bis heute keine Ruhe. An diesem Tag starb sein Sohn Paul – nach einem Sturz von einem Balkon eines Hauses in Halle. Wie genau es zu dem Unfall in der Reilstraße 76 kam, ist nach wie vor ungeklärt. Das beschäftigt Lorenz – und treibt ihn an. Lorenz will herausfinden, wie genau und warum sein Sohn gestorben ist.

Einbruchsthese bestätigt sich nicht

Zunächst hatte es geheißen, Paul, der Polizeischüler war, habe versucht, in das Haus einzubrechen und sei dabei abgerutscht. Ein Verdacht, der ein denkbar schlechtes Licht auf den Toten und auch auf die Polizeischule in Aschersleben warf. Dort ist Paul ausgebildet worden. Im Zusammenhang mit der Polizeischule hatte es in den Monaten zuvor bereits mehrere negative Zwischenfälle gegeben.

Zeugen hatten Gegenstände vorgelegt, die den Einbruchsversuch belegen sollten. Spuren von Paul waren daran nicht zu finden. Auch die Staatsanwaltschaft verwarf diesen Ansatz schnell. Öffentlich revidiert wurde die erste Vermutung aber nicht – sieht man von einem Nebensatz des Staatsanwaltes in der "Mitteldeutschen Zeitung" ab.

Schon hier passt für Norbert Lorenz vieles nicht zusammen: "Es haben sich alle auf das Einbruchsszenario eingelassen und nichts hinterfragt", moniert er. "Es wurde auch nicht hinterfragt, warum eine Zeugin einen Einbruch angezeigt hat und sich später herausstellte, dass diese Anzeige völlig haltlos ist." Nur eine von vielen Ungereimtheiten, findet der 57-Jährige.

Rekonstruktion der Nacht

Klar ist: Sein damals 24-jähriger Sohn war in der Nacht des Unglücks feiern. Zunächst in der Diskothek "Drushba" in der Innenstadt. Den Club hat Paul wahrscheinlich gegen 4 Uhr morgens verlassen und sich auf den Weg in den Stadtteil Trotha gemacht. Dort wohnen die Eltern. Auf dem Weg dorthin passierte er das Haus in der Reilstraße, wo sich auch das Unglück ereignete. Gegen 6 Uhr morgens stürzte Paul dort in den Tod. Was in der Zwischenzeit passierte, ist bis heute unklar.

Den Weg, den er gegangen sein muss, kannte der Polizeischüler gut. Normalerweise dauert die Strecke keine halbe Stunde – selbst in dem angetrunkenen Zustand, in dem Paul war. Nach Angaben der Gerichtsmedizin hatte er zu der Zeit, als er auf dem Heimweg war, 1,7 Promille Alkohol im Blut.

Hoffen auf weitere Zeugen

Polizeischüler stirbt bei Unfall
Pauls Vater, Norbert Lorenz, hofft auf weitere Zeugen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sein Vater vermutet, dass Paul noch im alternativen Treff "Reil 78" einkehrte. Auch ein Video, welches der 24-Jährige einem Freund in der Nacht schickte, soll das nahelegen. In den Ermittlungsakten steht dagegen, dass eine Veranstaltung in dem Treff gegen 4 Uhr beendet wurde und es deshalb auch keine Zeugen – von zwei Hausbewohnern abgesehen – für den Unfall gibt. Norbert Lorenz will das nicht glauben und hofft, dass sich weitere Zeugen melden. Auch deshalb wendet er sich erneut an die Öffentlichkeit.

"Seit Juli 2018 versuchen wir, das Verfahren am Leben zu erhalten, weil wir nicht an die offizielle Version glauben", sagt Lorenz. "Wir sind der festen Überzeugung, dass Paul nicht einfach so in das Haus gegangen ist. Sondern es gab einen triftigen Grund. Und der wird von den Strafverfolgungsbehörden nicht gesehen."

Unfall oder Angriff?

Sein Verdacht: Paul habe sich als Polizeischüler zu erkennen gegeben und sei deshalb mit anderen Besuchern des "Reil 78" aneinandergeraten. "Es deutet vieles auf einen Angriff von mehreren Tätern hin. Sodass ihm nur die Flucht in das Haus blieb. Da ist er dann abgestürzt", sagt der Vater. Weil sein Sohn Kampfsporterfahrungen hatte und austrainiert war, "ist es unmöglich, dass er beim Angriff eines Einzelnen keinen Ausweg gewusst hätte", ist sich Lorenz sicher.

Es sind zwei Indizien, auf die Lorenz seine These stützt: Verletzungen an den Händen und das zerstörte Handy seines Sohnes. Das Telefon wurde mit einem ungewöhnlichen Knick gefunden – in der vorderen Hosentasche des Abgestürzten. Die Beschädigung passt jedoch nicht zum Sturzbild. Schließlich landete Paul auf dem Rücken und das Handy hätte unbeschädigt bleiben müssen, erläutert der Vater. In mehreren Selbstversuchen gelang es ihm nicht, eine ähnliche Beschädigung zu erreichen. Schließlich wandte er sich an die TU Dresden.

Polizeischüler stirbt bei Unfall
Bis heute ist unklar, wie es zu dem Unfall in der Reilstraße kam. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gutachten: Schlag mit Eisenstange "überwiegend wahrscheinlich"

Die TU Dresden fand heraus, dass der Handyknick womöglich durch einen Schlag mit einer Eisenstange entstanden ist. Als "überwiegend wahrscheinlich", zitiert Lorenz diese Ursache aus dem Gutachten der Uni. Auch die Verletzungen an den Händen seines Sohnes würden sich so erklären lassen.

Bei der Polizei glaubt man eher, der Schaden am Handy wurde durch einen Sturz auf eine Treppe verursacht. Und die Verletzungen? "Er hat eine kleine Scheibe an einer Tür eingeschlagen und sich dabei verletzt", sagt Staatsanwalt Klaus Wiechmann. "Diese Verletzungen haben aber nicht zum Tod geführt."

"Kein Anfangsverdacht für eine Straftat"

Fünf Jahre nach den Ermittlungen zum Morda an Mariya Nakovska: Staatsanwalt Klaus Wiechmann
Staatsanwalt Klaus Wiechmann ließ die Ermittlungen in dem Fall im Mai einstellen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Mai hatte Wiechmann die Ermittlungen einstellen lassen – und dabei auch das von der Familie beauftragte Gutachten in seine Entscheidung einbezogen. "Das Gutachten legt sich nicht fest. Kann, wäre, hätte – das sind alles Spekulationen. Auf Spekulationen kann ich kein Ermittlungsverfahren gründen", sagt er.

Aus seiner Sicht gibt es keinen Anfangsverdacht für eine Straftat. Und deshalb auch keinen Grund, weiter zu ermitteln. Insbesondere, weil verschiedene Polizeidienststellen in die Ermittlungen einbezogen und deshalb verschiedene Aspekte berücksichtigt wurden. Pauls Vater spricht dagegen von der "Arroganz der Macht". Er glaubt, dass zu einseitig ermittelt und Widersprüche nicht geklärt wurden. Außerdem ist er überzeugt, dass die Behörden seine Hinweise schlichtweg ignoriert hätten.

Der ungeklärte Tod lässt den Eltern keine Ruhe

Deshalb will Norbert Lorenz das Ende der Ermittlungen nicht akzeptieren. Er sagt: "Wir sind es Paul schuldig, bis zum Ende zu gehen. Und wir machen das."

Staatsanwalt Wiechmann kann ihn verstehen. "Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn das eigene Kind stirbt und dieser Tod für die Eltern nicht erklärlich ist." Deswegen sei seine Behörde auch allen Ansätzen nachgegangen. Aber: "Es gibt keinen Hinweis auf eine Straftat. Das ist für die Eltern schwer zu verstehen. Aber irgendwann muss das Verfahren auch mal abgeschlossen sein."

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 11. September 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. September 2019, 21:16 Uhr

10 Kommentare

L.E. vor 1 Wochen

Sie wollen doch nicht etwa das riesige Spannungsfeld zwischen Polizeibeamten und der linksextremen Szene leugnen? Ihre Haltung zur Polizei hatten doch die linken Szene-Betreiber schmählich deutlich mit ACAB, 1312 und ähnlichen Sprüchen an die Fassade verdeutlicht. Dass es sich keinesfalls um friedfertige" Protestler "des linken Lagers handelt, dürfte spätestens nach dem G20 -Gipfel und der dort dokumentierten linksextremistischen Agressivität ggü. Polizeibeamten klar sein. Die Spurenauswertung am vermeintlichen Tatort in Halle müsste aus meiner Sicht zeitnah mit denen der auf dem Handvideo kenntlichen " Akteure" abgeglichen werden. Da Mord nicht verjährt, bleibt noch viel "Luft nach oben". Gleichfalls für Spekulationen.

Peter Riesler vor 1 Wochen

Es ist fatal. Kriminalisten und Staatsanwaltschaft der Bundeslandes Sachsen-Anhalt (beide vom Land bezahlt) ermitteln mal wieder passend. Also passend für ihr eigenes Fortkommen und die Unschädlichkeit des Landes.

So wie bei Bichtermann, Rose und Jalloh. Dies darf niemals passieren. In solchen Fällen muss die polizeiliche und staatsanwaltschaftliche Ermittlung IMMER von einem anderen Bundesland geführt werden. Sachsen läge hier nahe.

Wie hätte es dann abgelaufen sein können? Aus möglichen Gründen wird das spätere Totesopfer ins Haus verbracht (eventuell schon wehrunfähig) und aus 12 Meter hinuntergestoßen. Dann wurden bereits ein paar Zeugen ausfindig gemacht und der Fall scheint geklärt. Finanzielle Not? Fehlanzeige. Die P-Schüler haben alle mindestens 1000 Euro Anwärterbezuge, Unterbringung, Verpflegung etc.

Sachsen -Anhalt entwickelt sich in rasanten Schritten in die falsche Richtung.

Simone vor 1 Wochen

Ne schon klar, in Halle werden ja auch ständig Polizisten angegriffen und ermordet nur weil sie Polizisten sind.

Ich gehe schlicht und ergreifend davon aus, dass die Polizei am Tatort Spuren gesichert hat und die Gerichtsmedizin feststellen kann, ob es neben den Verletzungen vom Sturz noch andere Verletzungen gibt.

Wann ist denn ein Bild "polizeifeindlich"? Geht da ihre Fantasie jetzt nicht ein wenig mit ihnen durch? Nur weil man sich aus Schrottmaterialien so was wie einen Jugendtreff organisiert und der nicht wie eine Szenekneipe daherkommt ist das noch lange nicht polizeifeindlich.



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