Ein von der 'Identitären Bewegung' genutztes Haus in Halle
Das Haus der Identitären in Halle. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Neue Rechte Wie die Uni Halle mit Identitären Studenten umgeht

Die Identitären sind in Halle nicht nur mit einem eigenen Haus in der Innenstadt präsent. Sie sitzen auch in Vorlesungen und Seminaren der Uni – und stehen offen zu ihrer rechtsnationalen Gesinnung. Wie die Uni Halle versucht, gegen die Ideologie Haltung zu zeigen.

von Maria Hendrischke, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein von der 'Identitären Bewegung' genutztes Haus in Halle
Das Haus der Identitären in Halle. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Identitären, eine Strömung der Neuen Rechten, ist in Halle immer wieder mit Aktionen und einem eigenen Haus in Erscheinung getreten. Ihr Haus befindet sich direkt neben dem Steintor-Campus der Universität Halle. Seit etwa zwei Jahren sitzen Angehörige der Gruppe in den Vorlesungen und Seminaren der Uni.

Mitarbeiter und Studierende der Uni setzen sich daher mit den Neuen Rechten auseinander. Ende September hat Claudia Böttcher, Lehrbeauftragte der Abteilung Medien- und Kommunikationswissenschaft mit dem Masterstudiengang Multimedia & Autorschaft beispielsweise den Workshop "Neue Rechte und Medien" veranstaltet. Ein Schwerpunkt war die Berichterstattung über Identitäre. Fünf von ihnen studieren laut Böttcher in der Abteilung Medien- und Kommunikationswissenschaft.

Studierende bekennt sich zu rechtsnationaler Gruppe

Auslöser dafür, den Workshop zu organisieren, war eine Situation, die Böttcher bereits im vergangenen Jahr mit einer Studierenden erlebt hat. Die Studentin gehört den Identitären an. Sie hielt in einem Seminar ein Referat. Danach diskutierten die Studierenden. Die Vortragende habe sich dabei verbal angegriffen gefühlt – obwohl das aus Sicht von Böttcher aus der Luft gegriffen war. "Es gab keine Äußerung in irgendeine Richtung, die ihr Anlass gegeben hätte, dass sie sich da vorne hinstellt und sagt, dass sie einer rechtsnationalen Bewegung angehöre und das völlig legitim sei."

Böttcher sagt, sie habe nicht damit gerechnet, dass sich die Studentin so offen zu den Identitären bekennen würde. Im ersten Moment sei sie sprachlos gewesen. Sie sagte der Studentin, dass das nicht hierher gehöre und sie niemand angegriffen habe. Böttcher forderte sie auf, zum Thema zurückzukehren.

Wir haben das ganz oft in Teamsitzungen besprochen: Wie gehen wir damit um, welche Handhabe haben wir dagegen, welche Zeichen können wir dagegen setzen?

Claudia Böttcher, Lehrbeauftragte Uni Halle

Abteilung positioniert sich gegen Rassismus

Erst im Nachhinein erfuhr Böttcher in Teambesprechungen, dass die Äußerung der Studentin offenbar eine Aktion der Identitären war. Denn ähnliche "Bekenneraktionen" habe es auch in anderen Seminaren und an anderen Instituten gegeben.

In den Teamsitzungen haben die Mitarbeiter der Uni gemeinsam beraten, wie sie mit der Anwesenheit der Identitären umgehen sollten. Ein Vorschlag, der umgesetzt wurde: An die Türen der Abteilung wurde ein Offener Brief gehängt, in dem sich die Dozenten gegen rassistisches und fremdenfeindliches Verhalten positionieren.

Argumentationsstrategien gegen Identitäre

Die Uni-Mitarbeiter haben außerdem im Herbst vergangenen Jahres den Verein Miteinander eingeladen, der sich unter anderem gegen Rechtsextremismus engagiert. "Das fand ich sehr gut, das war sehr informativ", sagt Böttcher. Von dem Verein sei über die Hintergründe der Identitären und ihren Ableger in Halle, die Kontrakultur, und ihre Vernetzung mit anderen neurechten Gruppen informiert worden. Auch Strategien im Umgang mit den Identitären hat der Verein empfohlen.

Wichtig sei demnach, sich intensiv mit den Neuen Rechten und ihren Vorstellungen auseinanderzusetzen: "Auf wen nehmen sie Bezug, was wollen die eigentlich – dass man sie dann auch mit ihren eigenen Argumenten schlagen kann", fasst Böttcher zusammen. Nicht mit Identitären zu sprechen, sei der falsche Weg: "Die Identitären wollen sich bewusst sehr gerne in diese Opferrolle bringen. Das würde man erreichen, wenn man sagt: 'Mit dir rede ich nicht.'"

Claudia Böttcher blickt in die Kamera.
Claudia Böttcher Bildrechte: Uni Halle/Claudia Böttcher

Darin liegt die Gefährlichkeit: Sie kommen im intellektuellen Gewand daher. Das sind keine plumpen Neonazis.

Claudia Böttcher, Lehrbeauftragte Uni Halle

Argumente gegen die Ideologie der Identitären Zentrale Ideologie der Identitären ist der Ethnopluralismus: Die Annahme, dass sich unterschiedliche Ethnien nicht mischen sollten, sondern – vermeintlich gleichberechtigt – nebeneinander leben sollten. Migration gefährde die Einzigartigkeit der jeweiligen Ethnien und wird daher abgelehnt.

Ein Mitarbeiter des Vereins Miteinander e.V., der sich gegen Rechtsextremismus engagiert, gibt Tipps, was dieser Ideologie entgegen gehalten werden kann. "Man könnte fragen: Warum sollte durch Ethnopluralismus alles gut sein?" Ein historisches Gegenbeispiel, dass Ethnopluralismus nicht funktioniere, sei beispielsweise die Apartheid in Südafrika. Die Behauptung, dass alle Ethnien gleichwertig nebeneinander leben könnten, stimme ebenfalls nicht. "Da einige Länder von anderen ausgebeutet werden, gibt es keine Gleichheit." Wichtig sei, in einer Diskussion Aussagen der Identitären nicht unwidersprochen im Raum stehen zu lassen.

Offener Brief des Rektorats und Studierendenrats

Von der Uni Halle selbst hätte sich Böttcher mehr Unterstützung erhofft, was den Umgang mit Identitären betrifft. "Wir hatten hier am Institut den Eindruck, dass wir damit allein gelassen sind." Dabei sei das Thema auf Fakultätsratssitzungen und in Gremien immer wieder angesprochen worden. Ende Januar bezogen das Rektorat und der Studierendenrat dann in einem Offenen Brief Stellung. Darin steht: "Der akademische Diskurs muss auch unliebsame und Minderheitsmeinungen aushalten." Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit extremistischen Ideologien und Organisationen werde unterstützt.

Der Brief stellt aber auch klar: Wer die Menschenrechte als universell gültigen Maßstab ablehne, stehe außerhalb des akademischen Diskurses. Dozenten hätten im Rahmen des Hausrechts die Möglichkeit, Studenten etwa bei Drohungen aus dem Raum oder dem Gebäude zu schicken.

Identitäre beeinflussen Diskussionsklima

Böttcher ist aufgefallen, dass einige Teilnehmer ihres Seminars immer dann nicht mitdiskutierten, wenn die Studierende anwesend war, die sich den Identitären zurechnet – obwohl sie sich sonst rege beteiligten. Woran genau das liege, wisse sie nicht.

Die Neuen Rechten im Umfeld der Uni beschäftigten sie emotional sehr, sagt Böttcher. Was sie besonders belastet: "Man kann den Studierenden nicht direkt zeigen, wo man als Dozent steht." Sie wolle nicht, dass Studierende sich durch deren Anwesenheit bedroht fühlten. Vor den Seminaren – ob Identitäre dabei sind oder nicht – betont sie, dass Studierende mit Problemen stets auf sie oder andere Lehrkräfte zugehen könnten. "Zwischen den Zeilen wissen die Studierenden, was ich damit meine."

Allerdings würden die Identitären sich im Rahmen des rechtlich Möglichen bewegen: "Sie wissen, was geht und was nicht geht. Sie fallen nicht auf, sind höflich, diskutieren mit." Die Identitären tragen an der Uni keine spezifischen Kleidermarken oder Symbole. Allenfalls erinnerten sie an Berliner Hipster oder Burschenschaftler, beschreibt Böttcher. Wer den Identitären nahe steht, weiß sie aus dem Internet. Und: "Die Themen, die sie verhandeln wollen, die gehen in eine bestimmte Richtung", so Böttcher.

Themen besetzen und Präsenz zeigen

Das Gebäude des Mitteldeutschen Multimediazentrums.
Am Mitteldeutschen Multimediazentrum (MMZ) in Halle ist der Studiengang Medien- und Kommunikationswissenschaft angesiedelt. Bildrechte: MDR/Florian Leue

Das Studium selbst scheint für die Identitären nachgeordnet zu sein. Aus Sicht von Böttcher geht es ihnen darum, in den Vorlesungen und Seminaren bestimmte Themen zu besetzen, um damit vielleicht andere Studierende zu beeinflussen, Präsenz zu zeigen – und aus dem medienwissenschaftlichen Studium etwas für ihre Aktionen und ihre mediale Arbeit mitzunehmen.

Denn Identitäre wissen sich besonders in den sozialen Medien zu präsentieren. Wie geht das Medieninstitut der Uni Halle damit um, möglicherweise Neue Rechte zu Medienprofis auszubilden? "Das schmeckt uns natürlich überhaupt nicht", sagt Böttcher. Aber: "Wir müssen sie genauso unterrichten wie die anderen Studierenden auch." Was sie aus dem Unterricht letztlich mitnehmen, könne sie nicht beeinflussen, sagt Böttcher.

Semester beginnt mit Fachtag zur Neuen Rechten

In dieser Woche beginnt an der Uni Halle das neue Semester. Möglicherweise werden unter den neu immatrikulierten Studenten weitere Identitäre sein. In jedem Fall thematisiert die Uni Halle die Neuen Rechten in ihrer Nachbarschaft weiterhin: Am 11. Oktober veranstaltet die Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt auf dem Steintor-Campus den Fachtag "Neue Rechte – die autoritäre Revolte?". Dabei soll es insbesondere um die Identitäre Bewegung gehen. Am Mittwoch hat die AfD mitgeteilt, mit 13 Abgeordneten an der Veranstaltung teilzunehmen.

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT - in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas.

Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 11. Oktober 2018 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2018, 18:12 Uhr

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40 Kommentare

12.10.2018 18:08 BBenutzer 40

12.10.2018 08:50 Denkschnecke

ihre Argumentation erinnert mich an die der Linken die alle Asylbewerber hier behalten wollen. Also automatisch Bleiberecht für alle Flüchtlinge.

12.10.2018 08:50 Denkschnecke 39

@ 31 D.o.M.
Ich sehe auch außerhalb philosophischer Haufen gar kein Problem, wenn ein Inder oder ein Thailänder hier eine Professur annimmt.
Wirklich widerlich finde ich, wenn die eigene Abneigung gegen dauerhaft hier bleibende Ausländer mit der Sorge um den Brain Drain aus der armen Dritte-Welt-Länder kaschiert wird; DAS ist wirklich neokolonialistisch - die "armen" Inder haben reichlich selbst gute Fakultäten und Top-Wissenschaftler, und wir kriegen auch in Deutschland bei den hiesigen Gehältern in der Wissenschaft kaum die Allerbesten der Welt.
Außerdem müsste dann ja das Albert Einstein College in New York einem Top-Augenarzt aus Halle auch eine Professur verweigern, weil bei uns die Augenärzte fehlen.

12.10.2018 07:58 Fakt 38

>>Valle, #5.
"Unangebrachte Stimmungsmache gegen völlig harmlose rechtsgesinnte Gruppierungen,"<<

Und wieder das übliche krude Geschwafel der Relativierer und vermutlichen Sympathisanten.
Wenn die doch nur so harmlos sind, können Sie sicher das folgende Zitat von den Seiten des Bundesamtes für Verfassungsschutz erklären, oder?

>> „Wir sehen bei der ‚Identitären Bewegung‘ Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung“, erklärte Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen bei einem Redaktionsgespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Deshalb beobachten wir die Bewegung nun auch.<<