Urteil nach Anschlag von Halle Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Halle wünscht sich mehr Toleranz

Nach dem Prozess gegen den Attentäter von Halle, ist für den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde von Halle die Aufarbeitung des Anschlags längst nicht abgeschlossen. Max Privorozki wünscht sich von der Politik, nicht nur den Extremismus zu bekämpfen, sondern vor allem Toleranz zu fördern. Außerdem glaubt er, dass die Rolle der Eltern des Attentäters noch rechtlich bewertet werden muss.

Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki
Max Privorozki ist Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Halle. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Herr Privorozki, das Urteil ist gefällt. Wie zufrieden sind Sie damit? Wurde mit dem Urteil ein klares Zeichen gegen Antisemitismus gesetzt – oder fehlt etwas?

Max Privorozki: Das Urteil ist gefällt und es ist auch das einzig vertretbare Urteil dafür was und wie er es alles getan hat. Die Zeichen gegen Antisemitismus sollten jedoch nicht in einem Strafprozess gestellt werden, sondern in der Gesellschaft und in der Politik. Und zwar nicht nur nach einem Terroranschlag.

Was bedeutet der Urteilsspruch für die jüdische Gemeinde Halle? Inwiefern ist die Urteilsverkündung auch ein Abschluss?

Wenn es um eine juristische Komponente geht, bleibt die Rolle von Eltern, insbesondere der Mutter des verurteilten Attentäters weiterhin unerforscht. Wir werden prüfen, ob der Rechtsweg in dieser Richtung wirklich ausgeschöpft ist. In diesem Sinne ist es noch kein Abschluss. Das Attentat war nur die Spitze des Eisbergs. Die Tatsache, dass die Mutter des verurteilten Mörders mit ihren antisemitischen Ansichten jahrelang als Ethiklehrerin gearbeitet hat (und es möglicherweise auch weiterhin tut), ist die eigentliche Schande und Katastrophe. Wir hören sehr oft, dass es gefährlich ist, wenn bei den Sicherheitsbehörden Menschen mit antisemitischen Einsichten tätig sind. Noch hundertmal schlimmer ist, wenn solche Menschen mit Kindern arbeiten, egal ob mit eigenen oder fremden.

Mit dem Urteil endet die juristische Aufarbeitung des Halle-Attentats. Wie sieht es mit der gesellschaftlichen Aufarbeitung aus? Wo stehen wir?

Hier bleibt noch ein langer und schwieriger Weg. Dabei geht es nicht nur um die Aufarbeitung des Jom-Kippur-Anschlags in Halle oder Terrors in Hanau, Dresden, Berlin oder Hamburg. Es geht um die Entspannung in der gesellschaftlichen Atmosphäre, in den zwischenmenschlichen Beziehungen, egal zu welchem Thema. Wenn man nur Rechtsextremismus oder nur Islamismus oder auch nur Linksextremismus bekämpft, geht man automatisch auf die Barrikaden von einer oder von der anderen Seite. Richtige politische Kunst ist nicht die Bekämpfung von einem oder anderem Unrecht, sondern Förderung der Toleranz und Entspannung durch die Kultur und Bildung. Dafür braucht man Zeit und Investitionen, viel Zeit und viele Investitionen. Und viel Geduld. Leider handelt Politik immer öfter sporadisch, als unmittelbare Reaktion auf ein bestimmtes Ereignis. Es fehlt strategisches langfristiges Denken – und nicht nur in Bezug auf die Antisemitismusbekämpfung.            

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Quelle: MDR/ml,kl

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 21. Dezember 2020 | 17:00 Uhr

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