Gedenken an Halle-Anschlag Warum "Nie wieder" beim HFC mehr als nur ein Trikotspruch ist

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Beim HFC-Spiel gegen Zwickau liefen beide Mannschaften mit einem Sondertrikot auf. So wollten sie an den Halle-Anschlag vor einem Jahr erinnern. In den Tagen zuvor gab es weitere Gedenkaktionen. Und auch künftig soll "Nie wieder" im Clubumfeld eine wichtige Rolle spielen.

Jonas Nietfeld (HFC) gegen Felix Drinkuth (FSV Zwickau)
"Nie wieder" stand am Montag auf den Trikots beider Mannschaften. Bildrechte: imago images / VIADATA

Schlicht waren sie, die Trikots, mit denen der Hallesche FC und der FSV Zwickau am Montag in der 3. Liga aufliefen. Und vielleicht gerade deshalb sehr eindrücklich. "Nie wieder – gemeinsam gegen das Vergessen" stand auf der Brust der ganz in Schwarz spielenden Hallenser. Die gleichen Worte fanden sich auf den weißen Trikots der Zwickauer.

Ein Jahr nach dem rechtsextremen Anschlag von Halle setzten beide Mannschaften ein Zeichen. Einerseits, dass die Erinnerungen noch frisch sind. Und andererseits, dass sie dafür einstehen wollen, dass so etwas wie am 9. Oktober 2019 in Halle nicht noch einmal passiert.

Mehrere Gedenkaktionen am Stadion

Nun kann man gewiss darüber streiten, welchen Wert solche plakativen Trikots haben und wie viel am Tag nach dem Spiel tatsächlich davon übrig bleibt. Doch beim HFC und in seinem Umfeld gewinnt man durchaus den Eindruck, dass sie es ernst meinen mit diesen Worten. Denn das Spiel war nur ein Teil der Aktionen rund um den Gedenktag. In der HFC-Stehplatzkurve, in der erstmals in der Coronazeit wieder 300 Fans zugelassen waren, erinnerte während der Partie ein schwarzes Banner an Kevin S., den HFC-Fan, der bei dem Anschlag vor einem Jahr getötet wurde.

Bereits am Freitag wurde in der Fankurve eine Gedenktafel für ihn enthüllt. An der Stelle, wo Kevin S. immer seine Mannschaft anfeuerte. Neben HFC-Präsident Jens Rauschenbach und Vertretern verschiedener Fanclubs war auch Kevins Vater vor Ort. Später wurde die offizielle Gedenkveranstaltung der Stadt auch im Stadion übertragen.

Das Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt organisierte in der ganzen Stadt Infostände, an denen die Menschen gemeinsam gedenken konnten. Auch am Stadion gab es einen solchen Stand. "Der Anschlag hat auch in der Fanszene viele hart getroffen", berichtet Mary Scholz, die Leiterin des halleschen Fanprojekts. "Deswegen wollten wir etwas anbieten, wo sich die Leute hinwenden können."

Jährliches Erinnerungsturnier geplant

Anschließend erzählt sie von einer weiteren Gedenkaktion, die am Donnerstag – von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet – stattfand: einem Gedächtnisturnier. Genau wie das Spiel am Montag stand es unter dem Motto: "Nie wieder – gemeinsam gegen das Vergessen". Die Nähe zum Motto des Vereins war bewusst gewählt. Denn auch sonst ist der Hallesche FC natürlich ein wichtiger Bezugspunkt für die überwiegend jugendlichen Fußballfans, die an dem Turnier teilnahmen. Neben einem Pokal gab es für die Gewinner auch T-Shirts mit der Aufschrift "Nie wieder". "Wegen Corona haben wir es relativ klein gehalten. Aber in den kommenden Jahren soll das Turnier Schritt für Schritt wachsen", sagt Scholz.

So soll die Erinnerung an die Getöteten – neben Kevin S. starb auch die damals 40-Jährige Jana L. bei dem Anschlag – wach gehalten werden. Zudem glaubt Scholz, dass ein derartiges Turnier den Anschlag und seine Hintergründe, aber auch die Bedeutung der Worte "Nie wieder" für die Jugendlichen greifbarer macht, als es etwa Vorträge tun würden.

Ein Spruchband hängt am Zaun eines Bolzplatzes in Halle.
Auch beim Turnier am Donnerstag wurde an die beiden Opfer des Anschlags erinnert. Bildrechte: MDR/ Fanprojekt Halle

Auszeichnung für Engagement gegen Antisemitismus

Schon früher engagierte sich das hallesche Fanprojekt sehr gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus. Der damalige Leiter Steffen Kluge, heute Teil des HFC-Vorstands, fuhr mit jugendlichen Fußballfans mehrfach in die Gedenkstätte des Vernichtungslagers Auschwitz. Für das Engagement wurde das Fanprojekt vom DFB ausgezeichnet. Auch heute bewegen Kluge diese Themen noch immer und man kann davon ausgehen, dass das Fanprojekt, welches er nach wie vor eng begleitet, auch künftig in diese Richtung arbeiten wird. Und so versucht, die Worte "Nie wieder – gemeinsam gegen das Vergessen" mit Leben zu füllen.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 beim MDR – mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Zudem ist er immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 13. Oktober 2020 | 05:00 Uhr

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