Corona-Schuljahr endet Wolff-Gymnasium in Halle: "Alle sehnen sich nach Ferien – und Normalität"

Oliver Leiste
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In den Corona-Monaten haben Schüler und Lehrkräfte am Christian-Wolff-Gymnasium viel gelernt – auch Dinge, die nicht unbedingt im Lehrplan standen. Nun sehnen sie sich nach den Ferien. Und hoffen danach vor allem auf eines: Normalität.

Lehrer und Schüler am Wolff-Gymnasium Halle
Lehrerin Lisa Sonar (links) und ihre Schülerinnen und Schüler sehnen sich nach den Ferien. Bildrechte: MDR/Oliver Leiste

Die Noten sind verteilt, die Abiturprüfungen überstanden: Für die knapp 800 Schülerinnen und Schüler sowie zirka 70 Lehrkräfte am Christian-Wolff-Gymnasium in Halle-Neustadt beginnen in wenigen Tagen die Sommerferien. Das Corona-Schuljahr neigt sich dem Ende entgegen. MDR SACHSEN-ANHALT hat die Schule in den vergangenen Monaten eng begleitet, seit sie zu Beginn der Pandemie ins Blickfeld geriet. Nach der Südtirolreise zweier Schülergruppen war das Gymnasium im März als erstes von Quarantänemaßnahmen betroffen. Teilweise wurden dadurch Familien für einige Tage getrennt, um zumindest einigen Familienmitgliedern weiter einen normalen Alltag zu ermöglichen. Die Schule reagierte mit Optimismus und Fantasie. Unter anderem wurden kurzerhand Unterrichtsstunden per Handy gestreamt.

Kurz darauf kam der Lockdown. Es dauerte Wochen, bis die Schülerinnen und Schüler Schritt für Schritt ins Schulhaus zurückkehrten. Scheinbar nebenbei stemmten die Beteiligten die Abiturprüfungen. Schließlich wurde ein System aus A- und B-Wochen etabliert, in dem sich Präsenzphasen und Distanzunterricht abwechselten. Dank relativ großzügiger Notenauslegung haben fast alle Jugendlichen das Jahresziel erreicht. Fantasie und Optimismus, sie blieben in den Corona-Wochen wichtige Wegbegleiter.

Schulleiter Slowig zieht gemischtes Fazit

Schulleiter Andreas Slowig ist deshalb mit dem Ausgang des Schuljahrs einigermaßen zufrieden: "Die Mehrheit der Schüler hat sich gut auf die Situation eingestellt. Das Fazit fällt aber unterschiedlich aus. Manche sind in dem, was sie gemacht haben, richtig fit. Bei einigen können wir das Wissen mühsam wieder aufbauen. Und es gibt Schüler, an denen das alles total vorbeigegangen ist."

Für diejenigen, die Schwierigkeiten beim Lernen haben, wo zu Hause die Unterstützung fehlt oder die sich nicht so gut motivieren können, war die Zeit problematisch, glaubt der Schulleiter. Er befürchtet, dass diese Jugendlichen abgehängt werden könnten. "Die Folgen sind sofort spürbar. Aber die werden uns im nächsten Halbjahr noch viel mehr ereilen."

Schüler und Lehrer des Christian-Wolff-Gymnasiums
Schulleiter Andreas Slowig Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Doppelbelastung kostet Kraft

Aus Lehrersicht habe vor allem die Doppelbelastung aus Präsenzunterricht und Distanzunterricht Kraft gekostet, erklärt Slowig. Und auch, dass man sich mitunter im Tagesrhythmus auf neue Gegebenheiten einstellen musste. Er spricht von der anstrengendsten Zeit seiner Lehrerlaufbahn.

Lisa Sonar, die am Wolff-Gymnasium Deutsch und Sozialkunde unterrichtet, ergänzt: "Wir haben alle große Lücken, was Digitalisierung angeht. Aber ich finde, uns Lehrenden kann man da nur bedingt Vorwürfe machen – weil vom Land keine wirkliche Initiative kommt. Oder eben Plattformen, die alle benutzen können." In Folge suchte sich jede Lehrkraft eine eigene Nische, um mit den Schülerinnen und Schülern zu kommunizieren. Das bedeutete für beide Seiten Stress. Viele Jugendliche klagten zudem bis zum Schluss, dass das wöchentliche Aufgabenpensum viel zu hoch sei.

Screenshot eines Podcasts, bei dem fünf Menschen per Video zugeschaltet sind. 88 min
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Schulroutinen fehlen

Wie hoch der Wissensstand der Schülerinnen und Schüler gerade tatsächlich ist, lässt sich nur schwer abschätzen. "Das können wir auch nicht überprüfen", sagt Sonar. Zu unterschiedlich waren die jeweiligen Voraussetzungen. Vor allem der kommende Abiturjahrgang bereitet ihr und ihren Kollegen Kopfzerbrechen. Genau wie den Schülern selbst. Das wurde schon vor einigen Wochen deutlich. Zwei Mathelehrende berichten diesmal beim Besuch von MDR SACHSEN-ANHALT, dass sie den Lehrstoff in ihren Klassen fast geschafft hätten. Doch sie bezweifeln, dass ihre Schützlinge tatsächlich alles behalten haben. "Realistisch kannst du das halbe Halbjahr vergessen", sagt einer der Pädagoginnen und Pädagogen.

Eine Kollegin ist vor allem was die Fremdsprachen angeht skeptisch. "Englisch findet in der Lebenswirklichkeit der Kinder ja noch statt. Bei Russisch oder Französisch sieht das anders aus. Und gerade bei den Sprachen hängt auch viel an Routinen." Die Folge ist große Verunsicherung bei vielen Schülerinnen und Schülern. Selbst solche mit guten Noten überlegen, das Schuljahr zu wiederholen, berichtet Slowig. Ihnen diese Ängste zu nehmen, ist eine der wichtigsten Aufgaben für das neue Schuljahr, sagt der Schulleiter.

Schüler und Lehrer Christian-Wolff-Gymnasium
Lisa Sonar unterrichtet am Wolff-Gymnasium Deutsch und Sozialkunde. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Sorgen bestätigen sich

Lisa Sonar zieht eine weitere Erkenntnis aus dem ungewöhnlichen Schuljahr: "Ich habe gelernt, dass das Zwischenmenschliche und Persönliche zwischen Lehrer und Schüler durch Onlinekommunikation niemals so stattfinden kann, wie in Präsenzphasen. Und das ist eigentlich das wichtigste in unserem Job. Sich um Kinder zu kümmern und mit ihnen reden. Und nicht, sie mit Fachinhalten zu bombardieren." Wenn sie ein Kind im Klassenraum sieht, könne sie erkennen, wenn es ihm nicht gut geht, sagt Sonar. Im Online-Unterricht oder in den A- und B-Wochen sei es jedoch schwer, zu reagieren.

Schon zu Beginn der Pandemie hatte Slowig Sorgen geäußert, dass die Zeit zu Hause für Kinder in schwierigen familiären Verhältnissen zum Problem werden könnte. Mittlerweile sieht er seine Bedenken bestätigt: "In gut funktionierenden Familien ist man in der Krise zusammengerückt. Wenn die Familie aber nicht funktioniert, ist es in diesen Monaten oft eskaliert. Da werden wir, die Schulsozialarbeitenden, aber auch die Klassenlehrerinnen und -lehrer enorme Nachführarbeit leisten müssen", ist sich der 47-Jährige sicher. Neben der Vorbereitung des kommenden Abiturjahrgangs und den Sorgen der Schüler wegen ihres Wissenstandes sieht Slowig darin die größte Herausforderung für das kommende Schuljahr.

Keine Schulstunden in den Ferien

Zunächst freut Slowig sich, genau wie alle anderen im Schulhaus, aber auf die Ferien. "Das System braucht dringend eine Pause", ist er sich sicher. Von Aufgaben für die Ferien hält er deswegen nicht viel. Zwar organisiere das Gymnasium eine Sommerschule. Aber dabei gehe es um Erlebnisse und ausgefallene Exkursionen im Bereich Biologie. Auch das Bildungsministerium ist offenbar von den Plänen abgerückt, im Sommer zusätzlichen Unterricht anzusetzen.

Stattdessen werden derzeit freiwillige Aufgaben für verschiedene Fachbereiche konzipiert. Lehrkräfte sollen vor den Ferien angeben, wann sie ihren Schülerinnen und Schülern für Feedback zur Verfügung stehen könnten. Slowig ist dennoch skeptisch: "Die Aufgaben bedeuten, dass dem Distanzunterricht weiterer Distanzunterricht hinterhergeschoben wird. Ich weiß nicht, ob das der richtige Weg ist." Dennoch gebe es von Schülern durchaus einige Anfragen dazu, sagt er.

Vorfreude auf normalen Schulbetrieb

Nach den derzeitigen Plänen werden Sachsen-Anhalts Schulen nach den Sommerferien zum Regelbetrieb zurückkehren. Das würde bedeuten, dass ab Ende August wieder alle Schülerinnen und Schüler gleichzeitig zur Schule dürfen. Lisa Sonar ist erleichtert, als sie davon hört: "Alle sehnen sich nach Normalität – die Schüler, die Eltern und auch wir Lehrer. Vor allem die fehlenden Kontakte im Klassenraum und zu den Freunden fehlen den Kindern. Das wäre dann wieder anders", blickt sie hoffnungsvoll nach vorn.

Schüler und Lehrer des Christian-Wolff-Gymnasiums
Schüler und Lehrende hoffen, dass am Wolff-Gymnasium bald wieder Normalität einkehrt. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Slowig sieht es ähnlich: Der Regelbetrieb soll kommen – und aus pädagogischer Sicht ist es auch an der Zeit." Welche Auswirkungen etwaige temporäre Schulschließungen im kommenden Schuljahr haben könnten, kann Slowig aktuell noch nicht abschätzen. "Aber dann würden wir wieder auf Distanzunterricht umstellen und erneut vernünftige Lösungen finden. Denn wie das geht, haben wir in diesem Schuljahr gelernt", sagt er – gewohnt optimistisch.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT und ist immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts. Zudem begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 08. Juli 2020 | 11:00 Uhr

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