Interview mit Cyberagentur-Chef Was die Cyberagentur in Halle/Leipzig machen wird

Marcel Roth
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Seit mehr als einem Jahr heißt es, in der Region Halle/Leipzig entsteht die Cyberagentur des Bundes. Im Juni soll sie ihre Geschäftstätigkeit aufnehmen. Der Chef der Agentur hat MDR SACHSEN-ANHALT erstmals ein Interview gegeben.

Ein Mann in Hemd und Jackett
Christoph Igel ist der Geschäftsführer der neuen Cyberagentur. Bildrechte: Jörg Riethausen

Plötzlich stand es auf der Internetseite des Bundesverteidigungsministeriums: Die Bundeswehr hat Prof. Dr. Christoph Igel für die Geschäftsführung der Cyberagentur gewonnen, er solle in der Gründungsphase als Forschungsdirektor tätig sein.

Igel hat in den vergangenen neun Monaten für die Bundeswehr in Bonn gearbeitet. Im "Kommando Cyber-Informationsraum" war er im Bereich Digitalisierung mit Schwerpunkten Cybersicherheit und Künstliche Intelligenz tätig. Vorher war Igel beim "Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz" beschäftigt und hatte mehrere Professuren inne. Er ist gebürtiger Saarländer, 51 Jahre alt, verheiratet und MDR SACHSEN-ANHALT hat ihn kurz vor einem Segel-Trip auf der Nordsee erreicht.

MDR SACHSEN-ANHALT: In vielen Berichten geht eine ganze Menge durcheinander, was die Agentur eigentlich machen soll. Was ist also tatsächlich die Aufgabe, die Sie in Halle/Leipzig angehen wollen?

Christoph Igel: Ich habe auch schon die interessantesten Überlegungen gehört, was wir machen. Von Hackerangriffe bis Hackbacks. Aber im Klartext: Die Cyberagentur ist eine Gesellschaft, die in Kürze gegründet wird, die Forschung stimulieren und koordinieren soll. Es geht um Forschungsfragen, die zum Beispiel das Bundeskriminalamt, die Bundespolizei, die Marine, die Luftwaffe haben könnten. Wie können wir diese Forschung angehen? Wo finden wir in Deutschland die besten Wissenschaftler dafür? Wie können wir die Forschung finanzieren? Mir ist wirklich wichtig zu betonen, dass die Agentur kein Forschungsinstitut ist, sondern Forschung koordiniert und stimuliert. Sie ist eine Art Thinktank. Es geht darum, mittel- und langfristig Forschung zu stimulieren.

Dafür die richtigen Fachkräfte zu bekommen, könnte schwierig werden. Wie wollen Sie das schaffen?

Das ist natürlich eine Herausforderung. Und sie ist nicht spezifisch für die Cyberagentur. Wir stehen im Wettbewerb mit Institutionen, die attraktiv sind, die auch gute Gehälter anbieten. Aber was die Cyberagentur anbieten kann: Zugang zu Institutionen für die äußere und innere Sicherheit, alle nachgeordneten Bereiche des Innen- und Verteidigungsministeriums, z.B. Verfassungsschutz, Nachrichtendienst, Bundeswehr. Ich glaube, dass das durchaus sehr attraktiv sein kann, auch für junge Leute, um etwas zur gesamtgesellschaftlichen Entwicklung beisteuern zu können.

Wie soll die Zusammenarbeit zwischen Innenministerium und Verteidigungsministerium funktionieren?

Wir haben einen gemeinsamen Stab aufgestellt, der die letzten Monate die Vorbereitungsarbeiten erledigt hat. Und natürlich: Wenn plötzlich zwei Geschäftsbereiche an einem Thema zusammenarbeiten, ruckelt es ein bisschen, weil es der Abstimmung bedarf. Manchmal geht es etwas langsamer, als man sich das vielleicht wünscht. Aber es ist gelungen, dass wir jetzt gut etablierte Prozesse und ein gutes Miteinander haben und nach vorne blicken. Sicherlich müssen wir noch ein bisschen Prozesse optimieren, wenn es jetzt um das Tagesgeschäft und nicht nur um Konzepte geht. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir das bestens hinbekommen und sehr schnell Fahrt aufnehmen werden.

Bislang ist der Standort Halle/Leipzig in IT-Belangen noch nicht sehr hervorgetreten. Sehen Sie das als Vorteil oder als Nachteil?

Ich sehe offen gesagt beides. Aber die Vorteile überwiegen die Nachteile deutlich. Aus der wissenschaftlichen Perspektive, wo die herausragenden Forscher und Forscherinnen sind, die sich mit dem Thema Cybersicherheit beschäftigen, wäre möglicherweise der eine oder andere Standort – München, Bonn – augenfälliger gewesen. Aber Halle/Leipzig ist eine Region mit hoher Dynamik, viel Wachstum und einer multikulturellen Gesellschaft. Die Region mit ihrem Gesamtangebot ist für Fachkräfte hochattraktiv. Auch mit der Infrastruktur aus Flughafen, Bahnanbindung und der Nähe zu Berlin. Diese Region bietet eine Riesenchance. Und ich finde, man darf nicht nur immer darüber reden, dass man etwas für andere Standorte tun sollte, aber dann darauf verweisen, dass die Voraussetzungen dort vielleicht nicht so toll sind. Sondern man muss in die Regionen gehen und braucht ein bisschen langen Atem, um dort etwas auf den Weg zu bringen. Die Gespräche bisher zeigen mir, es gibt dort tolle Leute und ein Riesen-Interesse, Dinge zu unterstützen.

Die Cyberagentur soll in den nächsten Jahren 350 Millionen Euro bekommen. Das klingt nach einer Menge Geld. Aber wenn man es mit Etats in China, dem Silicon Valley oder der DARPA des US-Verteidigungsministeriums USA vergleicht, ist es wenig. Reicht das Geld?

Diese Frage kommt permanent. Am Stammtisch könnte man sagen, das Geld ist immer zu wenig. Die DARPA gibt es seit Ende der 1950er-Jahre, mit einem jährlichen Forschungsbudget von über drei Milliarden US-Dollar. Aber sie ist für die Forschung für den gesamten militärischen Bereich zuständig und nicht nur für das Thema Cybersicherheit. An ihr kann man sich orientieren oder Anregungen nehmen. Aber der Vergleich mit der Cyberagentur hinkt. Wenn ich aber diese 350 Millionen für die ersten drei Jahre mit dem Budget eines Forschungsinstituts vergleiche, dann ist das immens viel Geld. Wenn Sie das umrechnen in Personalstellen, würde das bedeuten, dass wir von 600 bis 800 Stellen reden würden. In der Wissenschaft ist das die Größe einer mittelgroßen deutschen Universität. Dieses Geld ist einfach ein richtiger Brocken!

Eine Frage, die ich Ihnen aus Magdeburg natürlich stellen muss: Wie großartig finden Sie Halle und wann ziehen Sie dort hin?

Ich war jetzt schon mehrfach in Halle. Ich mag die Stadt, total freundliche Menschen. Ich habe mich sehr wohlgefühlt. Ich kann sagen, die Wohnung ist schon angemietet. Ich werde dort sehr schnell aufschlagen.

Der lange Weg zur Cyberagentur im Raum Leipzig-Halle

  • August 2018: Das Bundeskabinett beschließt die Gründung einer Cyberagentur, die als GmbH gemeinsam von Bundesverteidigungs- und Bundesinnenministerium getragen werden soll.
  • September 2018: Die Leiterin des Aufbaustabs im Verteidigungsministerium sagt, die Agentur soll noch 2018 gegründet werden.
  • Januar 2019: Bundesverteidigungsministerin von der Leyen und Bundesinnenminister Seehofer verkünden in Berlin, dass der Standort der Cyberagentur der Raum Halle/Leipzig werden soll.
  • Februar 2019: Die Leiterin des Aufbaustabs sagt MDR SACHSEN-ANHALT, um Fachkräfte anzulocken und marktgerecht zu bezahlen, sei für einen Teil der 100 Mitarbeiter einen Ausnahmeregel mit dem Finanzministerium vereinbart worden.
  • Juni 2019: Der Haushaltsausschuss des Bundestages und der Bundesrechnungshof erhalten 112 Seiten, in denen das Verteidigungsministerium Finanzrahmen, Ziele und Aufbau der Cyberagentur darlegt.
  • Juni 2019: Der Bundesrechnungshof stellt die Agentur infrage, kritisiert, dass es keine Erfolgskontrolle gibt, dass das Bundesinnenministerium sich finanziell nicht paritätisch beteiligt, fragt, wie hochqualifiziertes Personal angelockt werden soll und empfiehlt, die Cyberagentur als siebenjähriges Pilotprojekt anzulegen.
  • Juli 2019: Auf dem Flughafen Halle-Leipzig verkünden Bundesinnenminister Seehofer, das Verteidigungsministerium und die Ministerpräsidenten von Sachsen und Sachsen-Anhalt, dass die Agentur in Halle gegründet werden und später auf den Flughafen Halle-Leipzig ziehen soll.
  • Juni 2019: Der stellvertretende Vorsitzende des Haushaltsausschusses im Bundestag, Dennis Rohde (SPD), kritisiert, dass keinerlei parlamentarische Kontrolle der GmbH vorgesehen ist.
  • November 2019: Nachdem die Cyberagentur immer wieder von der Tagesordnung des Haushaltsausschusses gestrichen wurde, einigen sich Vertreter der Regierungsfraktionen auf eine Lösung.
  • 14. November 2019: Erst in der letzten Sitzung für den Haushaltsplan 2019, der so genannten Bereinigungssitzung, kommt die Cyberagentur auf die Tagesordnung – die Gelder werden unter strengen Auflagen freigegeben.
  • Ende 2019: Der Vertrag mit einem ersten Geschäftsführer kommt nicht zustande.
  • Mai 2020: Das Bundeskabinett bestätigt Christoph Igel als Forschungsdirektor. Ein zweiter Geschäftsführer soll noch benannt werden.
  • Nach Informationen von MDR SACHSEN-ANHALT soll die Agentur zum 1. Juni 2020 ihre Geschäftstätigkeit aufnehmen.

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Über den Autor Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

Quelle: MDR/mx

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 24. Mai 2020 | 12:00 Uhr

1 Kommentar

Ein Linker Zensor vor 17 Wochen

Was sie machen werden, Steuergelder verschwenden, mehr nicht. Die Stasi hätte Beifall geklatscht.
Übrigens, wie hoch ist die Staatsquote in Deutschland? Also die Menschen, die von unseren Steuergeldern leben.
Ich vermute sie liegt schon weit über 50%, bitte mehr davon, desto geht dieser Staat den Bach runter.

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