Frau hantiert mit kleinen Plastiken an einem Tisch.
Künstlerin Marie-Luise Meyer darf für ein Jahr im und mit dem Mansfeld-Museum Hettstedt arbeiten. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Heimatstipendium Künstler krempeln Museen um

Kleine Heimatmuseen sind nur selten Publikumsmagneten. Das soll sich durch "Heimatstipendien" ändern. Die gingen an Künstler aus ganz Sachsen-Anhalt, die ein Jahr mit verschiedensten Museen und deren Sammlungen arbeiten. Das Ziel: Mehr Besucher gewinnen und Interesse an der eigenen Geschichte wecken. Das könnte auch für das Bergbaumuseum in Hettstedt funktionieren.

von Luise Kotulla, MDR SACHSEN-ANHALT

Frau hantiert mit kleinen Plastiken an einem Tisch.
Künstlerin Marie-Luise Meyer darf für ein Jahr im und mit dem Mansfeld-Museum Hettstedt arbeiten. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Marie-Luise Meyer nimmt etwas Ton von einem großen Klumpen ab, rollt das Stück kurz zwischen den Händen und drückt es dann in eine Form aus Gips. Die Künstlerin braucht etwa eine Stunde, bis sie die gesamte, etwa 20 Zentimeter große Form ausgefüllt hat. Am Ende steht ein gräulicher, kleiner Mann vor ihr: Der Kamerad Martin, Symbolfigur für den Bergbau im Mansfelder Land. Insgesamt 60 dieser "Martins" will sie herstellen. "Und ich möchte die Hettstedter mit ins Boot holen, um diese Martins zu gestalten, zu verändern", sagte Meyer MDR SACHSEN-ANHALT. Denn momentan arbeitet sie als Stipendiatin für das Mansfeld-Museum in Hettstedt.

Ungewöhnliche Aktionen durch Stipendiaten

Eine Plastik wird in eine Form gepresst.
Aus Gips hat die Künstlerin eine Form des Kameraden Martin erstellt, die sich mit Ton füllen lässt. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Die Künstlerin, deren Atelier sich eigentlich in Halle befindet, ist eine von neun Stipendiaten, die für ein Jahr das Heimatstipendium mit Leben füllen. Das wurde von der Kunststiftung Sachsen-Anhalt erdacht. Fast 30 Museen und 70 Künstler hatten sich darum beworben, acht Museen dürfen teilnehmen und haben Künstler zugeteilt bekommen – Fotografen, Maler oder Schmuckkünstler.

"Die Museen haben sich so sehr auf die Künstler gefreut und sind bereit zu den ungewöhnlichsten Aktionen", sagte Manon Bursian, die Direktorin der Kunststiftung. Oft seien es sehr kleine Museen mit höchstens zwei Mitarbeitern. "Die Museumsleiter schenken den Künstlern etwas sehr kostbares, nämlich ihre Zeit", sagt sie.

Museumsleiter bietet Raum für Ideen

Hettstedter Museum
Das Hettstedter Museum befindet sich in einem kleinen Schloss. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Auch im Mansfeld-Museum in Hettstedt, das sich im Humboldt-Schloss befindet, ist das der Fall. Museumsleiter Sebastian Görtz wollte unbedingt, dass sein Museum einem Künstler Räume zur Verfügung stellen darf, dieser im Gegenzug im Archiv stöbert und bisher ungedachte Ideen entwickelt. Nun hat der Museumsleiter sogar zwei Künstler bekommen – Marie-Luise Meyer und Oliver Scharfbier teilen sich das Stipendium. Dabei kennen sich beide erst seit einem Jahr. Genug Platz ist im Schloss für die Keramikkünstlerin und auch für Scharfbier vorhanden, der sich dem Thema Skulptur und Installation widmet. Denn momentan stehen zwei komplette Etagen leer.

Dem Magdeburger Künstler, Scharfbier, hat es das Treppenhaus des Museums angetan. Ihn fasziniert, "dass man sich fast verläuft", wie er begeistert erzählt. "Dass wenn man ein Mal hochgelaufen ist, man nicht genau rekonstruieren kann, wie die Form der Treppe eigentlich ist." Den Handlauf der Barocktreppe will er deshalb im Garten des Schlosses in Originalgröße nachbilden – im Idealfall so hoch wie das Schloss – und damit die einzigartige Holztreppe in ein Draht-Modell übersetzen. "Es wird sehr luftig, sehr transparent, kaum zu sehen von weitem. Es wird offene Sichtachsen geben, man kann das Schloss jederzeit sehen", schwärmt er.

Die Künstler sind ein Geschenk

Oliver Scharfbier
Oliver Scharfbier arbeitet an einem stark vereinfachten Modell der barocken Treppe des Schlosses. Das wird viele Meter hoch sein und im Garten aufgestellt werden. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Für Museumsleiter Görtz sind die beiden Künstler ein Geschenk. Er freut sich, dass sie seinen Arbeitsplatz mit anderen Augen sehen als mit denen eines Historikers oder Archivars. "Mein Wunsch ist, dass ihre Vermittlung möglichst viele Menschen erreicht, die sich bisher gar nicht mit dem Thema Industriekultur auseinandergesetzt haben", sagt er. Denn sein Museum vermittelt, auch wenn es gerade in Winterpause ist, die Bergbautradition der ganzen Region.

Für seine beiden Künstler beginnt nun die eigentliche Arbeit: Oliver Scharfbier muss die Menschen vor Ort und auch Sponsoren von seiner Installation im Freien überzeugen und Marie-Luise Meyer ist auf der Suche nach Mansfeldern, die ihre Ton-Figuren verändern wollen. "Ich träume von einer kleinen Schar illustrer Martins und Martinas, die auch hier in der ständigen Sammlung gezeigt werden", erklärt sie. Menschen von jung bis alt, Einzelne, Gruppen – jeder könne mitmachen. "Ich hoffe einfach, dass viele Hettstedter einen Martin gestalten möchten."

Mansfeld-Museum Künstler arbeiten als Stipendiaten in Hettstedt

Sebastian Görtz, Museumsleiter in Hettstedt.
"Hinter jedem Museum steht eine Sammlung. Und ich finde es ganz wunderbar, dass man jetzt über die Kunst versucht, neue Möglichkeiten der Vermittlung zu finden“, sagt Sebastian Görtz, Museumsleiter des Mansfeld-Museums in Hettstedt. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
Sebastian Görtz, Museumsleiter in Hettstedt.
"Hinter jedem Museum steht eine Sammlung. Und ich finde es ganz wunderbar, dass man jetzt über die Kunst versucht, neue Möglichkeiten der Vermittlung zu finden“, sagt Sebastian Görtz, Museumsleiter des Mansfeld-Museums in Hettstedt. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
Zwei Männer und eine Frau schauen in altes Kartenmaterial im Museum.
Er ließ seine beiden Künstler durch alte Karten und Bergbauhefte stöbern und zeigte ihnen die Eigenheiten des Gebäudes in Hettstedt. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
Hüte von Bergleuten im Museum Hettstedt.
Am Anfang sollen sich die Künstler mit der Sammlung beschäftigen, im Archiv kramen und das Depot erkunden. Aus ihren Fundstücken entsteht dann Neues. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
Ein Mann zeichnet etwas auf einem Treppenabsatz.
Für Oliver Scharfbier ist die Treppe das Juwel des Hauses. Er zeichnet sie aus den verschiedensten Perspektiven. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
Mehrere Zeichnungen von einer Treppe.
Ihm und auch seiner Künstler-Kollegin steht je ein Raum im Schloss für ein Jahr zur Verfügung. Mehrmals im Monat sind sie vor Ort. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
leerer Raum mit mehreren Bilderrahmen am Boden.
Das Heimatstipendium ist ein Glücksfall für das Museum, denn momentan ist Winterpause und viele Räume stehen leer. Damit haben die Künstler genug Gestaltungsspielraum. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
'Martins'-Figur im Treppenhaus des Museums Hettstedt
Ganz unten im Treppenhaus ist der Kamerad Martin zu sehen. Er steht wie kein Zweiter für die 800-jährige Bergbau-Tradition der Region und hat Marie-Luise Meyer inspiriert. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
kleine 'Martins'-Figuren
So sieht der kleine Kamerad Martin von Künstlerin Meyer aus, den die Hettstedter mit Phantasie und ganz nach ihren Wünschen umgestalten sollen. Eine andere Frisur auf den Kopf, das Emblem des Lieblingsclubs in die Hand? Alles ist möglich. So soll eine Momentaufnahme von Hettstedt im Jahr 2018 entstehen. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
Direktorin Manon Bursian, Direktorin der Kunststiftung Sachsen-Anhalt.
Die Kunststiftung Sachsen-Anhalt um Direktorin Manon Bursian hatte die Idee zum Heimatstipendium und finanziert sie auch. Es gibt sogar schon Anfragen aus anderen Bundesländern, die ebenfalls Interesse an der Zusammenarbeit von kleinen Museen und Künstlern haben.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 13. Februar 2018 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/ahr
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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 13. Februar 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Februar 2018, 20:47 Uhr

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1 Kommentar

14.02.2018 08:59 Leser 1

Und ich dachte immer, Stipendien dürfen nur an Studenten vergeben werden. Nun bezahlt man damit verkappte Künstler.