Ausschnitt aus der Dokumentation "… denn sie waren Arbeitsleut" über Sangerhäuser Bergleute.
Bildrechte: Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, Film "… denn sie waren Arbeitsleut"

Verbotener Dokumentarfilm Premiere nach 44 Jahren: Bergleute aus Sangerhausen sehen sich in Doku

Ein junger Regiestudent filmte vor 44 Jahren den Alltag von Bergleuten aus dem Thomas-Müntzer-Schacht in Sangerhausen. Die ehrliche Dokumentation wurde in der DDR nie gezeigt. Jetzt trafen Macher und Hauptpersonen erstmals seit 1975 aufeinander, um die Doku endlich zu sehen.

Ausschnitt aus der Dokumentation "… denn sie waren Arbeitsleut" über Sangerhäuser Bergleute.
Bildrechte: Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, Film "… denn sie waren Arbeitsleut"

Es ist das Jahr 1975, als ein junger Regiestudent von der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg eine Idee für seinen Abschlussfilm hat. Rainer Ackermann will den Alltag von Bergleuten aus dem Thomas-Müntzer-Schacht in Sangerhausen abbilden. Ihm wird erlaubt, zu filmen. So nah wie er kommt kaum jemand an die Bergleute im Schacht von Sangerhausen heran – Bildaufnahmen waren eigentlich verboten. Für den Studentenfilm wird jedoch eine Ausnahme gemacht.

Entstanden ist eine 30-minütige Dokumentation, die ganz nah dran ist an den jungen Bergleuten. Die Männer reden ehrlich und unbefangen, fernab von Partei-Ideologie. Zu frei für die Vorstellungen der DDR-Fernsehmacher – der Film wird nie gezeigt.

Filmpremiere mehr als 40 Jahre später

Nach 44 Jahren haben sich nun die Hauptpersonen der Doku von damals mit dem Macher getroffen. Im Sangerhäuser Stadtteil Wettelrode im Schaubergwerk sahen sie sich wieder. "45 Jahre älter geworden", sagte einer der Kumpel von damals, Karl-Heinz Neff. Er hat den Film noch nie gesehen. Wie auch sonst niemand im Raum.

Hans-Joachim Schmidt, Bergmann aus Sangerhausen, bei der Premiere der Dokumentation.
Hans-Joachim Schmidt (Mitte) sieht in der Dokumentation sein 27-jähriges Ich. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Als sich die jungen Männer von damals auf der Leinwand in schwarz-weiß sehen und reden hören, kommen vielen die Tränen. Hans-Joachim Schmidt geht es nicht anders, er hört sein jüngeres Ich über seine Wünsche, Alltagssorgen und Träume sprechen.

"Raus möchte man schon mal. Auf ein Schiff, irgendwie fort, ganz weit, ganz allein, mit einem Boot, nur ganz für sich sein", erzählte er 1975 dem jungen Regiestudenten Rainer Ackermann. Schmidt saß damals in einer Wiese, weißes Hemd, helle Hose, verträumter Blick. Heute ist er von seinen Worten tief berührt. "Als wenn man in die Jugend zurückgeführt wurde. Ich war 27", sagte er MDR SACHSEN-ANHALT.

Aufführung zu DDR-Zeiten verboten

Der Regisseur Rainer Ackermann mit einem Mirkophon in der Hand.
"Es ist mein erster Film, ich bitte um Nachsicht", sagte Regisseur Ackermann vor der Aufführung. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Die Aussagen des damaligen Bergmanns waren es, durch die der Film nie im DDR-Fernsehen gezeigt werden durfte. Regisseur Ackermann erinnert sich: "Mir wurde nur mitgeteilt, dass erstens die Arbeiterklasse so nicht ist", sagte er MDR SACHSEN-ANHALT. "Und als einziger konkreter Punkt war die Aussage von Hans-Joachim Schmidt genannt, dass er sich manchmal wünscht, auf eine einsame Insel rudern zu können – die ausgelegt werden könnte als Aufforderung zur Republikflucht."

Sein Werk blieb lange verschollen, erst vor elf Jahren tauchte es wieder auf. Die ehemaligen Bergleute sind trotzdem dankbar. "Ein wunderbares Erlebnis", dass sie ihren Film nun endlich sehen konnten, finden sie. Und weil nicht alle, die den Film gern gesehen hätten, Platz gefunden haben, sind die nächsten Vorführungen schon in Planung.

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Quelle: MDR/lk

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 13. Juli 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Juli 2019, 15:04 Uhr

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4 Kommentare

16.07.2019 09:26 böse-zunge 4

Der letzte Absatz des Beitrags ist doch vielsagend - bei soviel Zuspruch, sollte doch daran gelegen sein dem Film das zukommen zu lassen was ihm ursprünglich zugedacht war: Eine breite Öffentlichkeit.
Wenigstens das sollte doch der Filmuni Babelsberg vermittelbar sein - ob die sich dann für den mdr oder arte entscheiden, erstmal sekundär.

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT: Wir erkundigen uns bei der Filmuniversität.

15.07.2019 20:32 Cordula Hecker 3

Liebes MDR Team
Ich habe gerade den Artikel gelesen von der Reportage über den Thomas Münzer Schacht. Ich würde gern mal erfahren ob dieser auch mal im MDR schauen kann oder ob es eine andere Möglichkeit gibt
Mit freundlichen Gruß
Cordula Hecker

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT:
Die Rechte an dem Film liegen bei der Filmuniversität Babelsberg. Deswegen ist das im Moment nicht möglich bzw. nicht geplant.

15.07.2019 01:20 Gabriele 2

Und wann kann man diese Doku, welche zweifelsohne ja sicher sehenswert ist, im mdr sehen?

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT: Wir fragen nach und prüfen das.

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