ARD-Themenwoche #wieleben Edersleben: Sinkende Einwohnerzahl, volle Kita

Maria Hendrischke
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Der Landkreis Mansfeld-Südharz soll 2030 fast zwanzig Prozent weniger Einwohner haben als 2014. Der Trend betrifft auch die ohnehin schon kleine Gemeinde Edersleben. Wie lebt es sich in einem Ort, der stark schrumpfen soll? Gar nicht so schlecht, zeigt ein Besuch. Teil 2 der MDR SACHSEN-ANHALT-Reihe zum demografischen Wandel.

Ortseingangsschild von Edersleben 2 min
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Fr 02.10.2020 16:44Uhr 01:55 min

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Edersleben ist mit derzeit 955 Einwohnern eine der kleinsten Gemeinden Sachsen-Anhalts. Der Ort liegt im Landkreis Mansfeld-Südharz – acht Kilometer südlich von Sangerhausen und nur zwei Kilometer nördlich der Landesgrenze zu Thüringen.

Obwohl Edersleben von zwei Autobahnen eingerahmt wird – der A38 und der A71 – ist es ruhig in der kleinen Ortschaft. 2030 könnte es sogar noch ruhiger sein. Denn innerhalb von zehn Jahren soll die Einwohnerzahl auf 787 sinken. Das geht zumindest aus der 6. Regionalisierten Bevölkerungsprognose für Sachsen-Anhalt hervor.

Wenig Leerstand, volle Kita

Doch die Bürgermeisterin von Edersleben, Claudia Renner (parteilos), glaubt nicht, dass die Prognose so eintreffen wird. Sie erzählt im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT von Zuzügen nach Edersleben. Vor allem seien es Menschen mit Familie im Ort, die aus anderen Städten zurückkehren würden, um wieder näher an den Eltern beziehungsweise Großeltern zu sein. Leerstand jedenfalls gebe es im Ort kaum: "Wir haben vielleicht vier freie Häuser und zwei freie Grundstücke." Es lebten zwar weniger Menschen in jedem Haus als früher, aber frei blieben sie nie lange.

Auch die 76 Plätze der Kita direkt im Ort seien voll belegt, Renner zufolge überwiegend von Kindern aus Edersleben, nicht aus den umliegenden Gemeinden. "Wir haben eine super tolle Kita, die aus allen Nähten platzt und wir dadurch noch anbauen müssen", sagt Renner. Durch den Anbau soll Platz für 15 weitere Kinder entstehen. Die nächste Grundschule liege im nur zwei Kilometer entfernten Oberröblingen, das mit Schulbus oder Fahrrad erreichbar sei. Für weiterführende Schulen müssen die Kinder aus Edersleben allerdings etwas länger fahren.

Keine Ärzte, aber reges Vereinsleben

Die Mankos von Edersleben: Es gibt keine Ärzte direkt im Ort. Und auch die Anbindung an den Öffentlichen Nahverkehr könnte besser sein, sagt Renner.

Aber dafür könne Edersleben mit einem regen Vereinsleben und Zusammenhalt im Dorf aufwarten, so die Bürgermeisterin. Von Sportvereinen über Chöre und Karnevalsverein bis zum berühmt-berüchtigten Kaninchenzüchterverein ist alles dabei. Es gebe auch noch eine Kneipe im Ort. Jeden Monat organisiere mindestens einer der Vereine eine Veranstaltung. Zugezogene würden über das Vereinsangebot und die Veranstaltungen informiert – und teilweise von der Bürgermeisterin persönlich zu den Treffen mitgenommen. Städtische Anonymität gebe es nicht, sagt Renner.

Versprochenes Gewerbegebiet lässt auf sich warten

Zum Arbeitsplatz müssten die Menschen in Edersleben allerdings teilweise weite Pendelwege auf sich nehmen. Nach dem Mauerfall schlossen viele Betriebe in der Region. Der Kupferbergbau, der das Mansfelder Land Jahrhunderte geprägt hatte, wurde 1990 eingestellt. Gerade junge Menschen wanderten Anfang der 1990er Jahre nach Westdeutschland ab.

Aber im vergangenen Jahrzehnt sind einige wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Das sagt der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Goldene Aue, zu der auch Edersleben gehört. Ernst Hofmann (parteilos) berichtet, dass es ein lange versprochenes Gewerbegebiet, den Industriepark Mitteldeutschland im benachbarten Sangerhausen, noch immer nicht gebe. Die geschützten Feldhamster hätten Bauarbeiten bisher verhindert.

Dabei wäre es für die Region wichtig, dass dieses Gewerbegebiet entstehe, damit noch mehr Menschen zurückkommen oder neu zuziehen könnten, sagt Hofmann. Durch die Betriebe könne man dann auch die Mittel akquirieren, um notwendige Umweltprojekte zu finanzieren. "Da fühlen wir uns von der Landesregierung ein bisschen im Stich gelassen", bilanziert er.

Ernst Hofmann, Bürgermeister Verbandsgemeinde Goldene Aue, sitzt in einem großen Raum mit alten Stühlen. 1 min
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Fr 02.10.2020 16:43Uhr 01:03 min

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Viel Geschichte und Natur

Hofmann ist sichtlich stolz auf seine Heimat. Drei Königspfalzen habe es einst auf dem Gebiet der Verbandsgemeinde Goldene Aue gegeben, erzählt er. "Von hier aus wurde einmal Geschichte geschrieben. Der erste deutsche König wurde in unserer Verbandsgemeinde geboren. Die Gemeinde grenzt an den Kyffhäuser. Am Stausee Kelbra sei ein Naherholungsgebiet entstanden. "Es wissen nur zu wenige, was man hier alles Schönes, Preiswertes erleben kann", sagt Hofmann. Das müsse besser vermarktet werden, etwa durch Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden. Durch das Coronavirus seien in diesem Jahr allerdings schon mehr Besucher als sonst gekommen – und diese seien durchaus begeistert gewesen.

Blick auf den Kyffhäuser von Hackpfüffel aus
Die Verbandsgemeinde Goldene Aue grenzt an den Kyffhäuser (im Hintergrund). Bildrechte: MDR/Stefan Hellem

Was uns geblieben ist: unsere Heimat, unsere schöne Gegend, unsere Historie, unsere Geschichte. Wir müssen es nur verstehen, das dementsprechend zu publizieren.

Verbandsgemeinde-Bürgermeister Ernst Hofmann

Politische Versprechungen einhalten

Doch Tourismus und Natur seien nicht alles. Dass große Teile der Region als Naturschutzgebiete eingestuft worden seien, habe auch negative Auswirkungen auf die Entwicklung von Gewerbegebieten, Städten und Gemeinden, sagt Hofmann.

Die meisten hätten sich damit abgefunden, dass die versprochenen "goldenen Landschaften" noch nicht aufgeblüht seien. "Aber das Potenzial, dass es hier besser wird, das ist vorhanden", ist der Bürgermeister überzeugt. Dazu müssten Versprechungen der Politik eingehalten werden. Dass nun aber auch der Landkreis Mansfeld-Südharz als Atommüllendlager in Erwägung gezogen werde, sende ein falsches Signal. Und das könnte dafür sorgen, dass die eigentlich positive Einstellung gegenüber der Zukunft kippe.

Weniger Einwohner, weniger Geld vom Land

Ernst Hofmann glaubt genauso wie Claudia Renner nicht, dass Edersleben bis 2030 fast 200 Einwohner verlieren wird. Dennoch weist er auf ein finanzielles Problem hin, das schrumpfende Gemeinden haben: Die Zahl der Einwohner hat Einfluss auf die Höhe der Mittel, die einer Gemeinde vom Land zugewiesen werden. Doch die Pflichtaufgaben der Gemeinde, etwa Straßen, Plätze und Beleuchtung, würden nicht weniger.

Vom Land komme an die Gemeinden der Hinweis, wenn die Zuweisungen nicht reichten, müssten beispielsweise Steuern erhöht werden, sagt Hofmann. Gerade das sei jedoch in strukturschwachen Regionen ein Problem. Hofmann aber sieht es als Bürgermeister als seine Verantwortung, für seine Bürger keine zusätzlichen Hürden aufzubauen und die Belastung durch Beiträge so gering wie möglich zu halten. "Es kann ja nicht Ziel der Politik sein, den ländlichen Raum generell dichtzumachen."

Wie sich die Bevölkerung in Ihrem Ort bis 2030 entwickeln soll, können Sie der folgenden Grafik entnehmen:

Wie zentral die Infrastruktur für die Attraktivität eines Ortes ist, sehen Sie in diesem Beitrag von @nachhaltig.kritisch:

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT – in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

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Ein alter Mann sitzt an Deck eines Kreuzfahrtschiffes und hält einen Gehstock mit Silbergriff in den Händen.
Bildrechte: imago/Winfried Rothermel | Grafik MDR/Martin Paul

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 20. November 2020 | 11:10 Uhr

5 Kommentare

Frank von Broeckel vor 1 Wochen

Also ihr lieben Sachsen, Sachsen-Anhalter und Thüringer:

Mit den Schönheiten und Annehmlichkeiten, mit denen man schon seit altersher Touristen in die eigene Heimat lockt, kann man auch durchaus NEUE Einwohner anlocken!

Ja, das kann man wirklich!

Muss man nur machen!

Uborner vor 1 Wochen

Ommmm das Orakel hat gesprochen. Es ist ja richtig Prognosen zu treffen, was fehl ist die Revision. Ich erinnere an die Fälle Jena, Radebeul oder Leipzig - da lag das Orakel weit daneben. Man sollte also diese Ergebnisse sehr mit Vorsicht betrachten und nicht überbewerten und vor allem nicht den Leuten vor Ort sagen "Euer Ort geht sowieso den Bach runter also haut lieber ab". Diese Botschaft ist fatal und hinterlässt einen Haufen Schaden und verbrannte Erde.

Arbeitende Rentnerin vor 1 Wochen

Man sollte aber nicht vergessen, dass gerade alte Menschen nicht mehr so mobil sind. Wenn kein Arzt, keine Einkaufsmöglichkeit u.a. Infrastruktur mehr da ist und ein Bus nur noch Mittwoch oder gar nicht mehr fährt, möchte ich nicht dorthin ziehen, obwohl ich z.B mein Erzgebirge sehr liebe, bleibe ich lieber in der Stadt, wo es noch einigermaßen die o.g. Möglichkeiten gibt und man eher noch etwas arbeiten kann. Außerdem hat man als zugezogener nicht das gewachsene soziale Netz wie ein Einheimischer, wo man mal geholfen bekommt und fremde Leute betteln müssen, dass man nicht verhungert, nicht jedermanns Ding.

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