Geflohen, geduldet, geblieben Familie aus dem Kosovo findet neues Zuhause in Eisleben

Familie Demiri floh 2012 aus dem Kosovo. Seitdem lebt sie in Eisleben. Dass die Familie bleiben durfte, hat sie der Entscheidung der Härtefallkommission zu verdanken. Und der Tatsache, dass sie sich in Deutschland gut integriert hat.

Isabell Hartung
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

von Isabell Hartung, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein Paar auf dem Sofa
Visar und Mirvete Demiri flohen mit ihren Kindern aus dem Kosovo. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

An dem Nachmittag im September, als ich Familie Demiri in Eisleben besuche, herrscht Aufregung. Schon im Treppenhaus begrüßen mich aufgeweckte, fröhliche Kinder. Mariela, sechs Jahre alt, Antonela, acht Jahre alt und der kleine Alem – er ist drei. Die Eltern schieben sich an ihren Sprösslingen vorbei und bitten mich herein. Mutter Mirvete hat zu Hause den Hut auf. Das merkt man sofort. Die 39-Jährige ist im Moment noch Hausfrau. Ihr Mann Visar ist gerade erst von der Frühschicht nach Hause gekommen.

"Es ist schlimm, wenn alles auf null ist."

Als die Kinder spielen, haben wir Zeit und Ruhe für ein Gespräch. Mirvete Demiri spricht sehr gut Deutsch. Ihr Mann versteht uns, ist beim Sprechen aber noch etwas zurückhaltend. Sie zeigen mir Handyfotos aus der Heimat. Fotoalben gibt es nicht. Sie hätten damals nicht viel aus dem Kosovo mitbringen können, sagen sie.

Ein Handy zeigt das Bild eines Paares
Fotos von früher hat die Familie auf dem Handy. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Auch viele Jahre nach dem Ende des Krieges im Kosovo gibt es noch Konflikte mit Serben und Albanern. In ihrer Heimat sei die Familie bedroht worden. "Das Haus meiner Eltern wurde verbrannt. Alles, was wir hatten, ist weg. Es ist schlimm, wenn alles auf null ist." Mirvete Demiri kämpft mit den Tränen. Im Kosovo habe sie für sich und ihre Familie keine Zukunft gesehen. In Deutschland könnten sie in Frieden leben.

Ein Engel aus der Verwaltung

Nicht einmal ganz zwei Jahre, nachdem sie in Eisleben angekommen sind, droht der Familie die Abschiebung. Die vierköpfige Familie soll zurück in den Kosovo. Doch wohin? Das Haus ihrer Eltern ist nicht mehr da. Verzweifelt wenden sie sich an einen Anwalt in Magdeburg. Doch auch der kann gegen die Entscheidung der Behörden nichts tun. Die Abschiebung rückt immer näher. Und Mirvete ist mit Alem schwanger.

2015 lernen die Demiris Maria Hahn kennen. Sie ist damals die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Eisleben. Hahn nimmt sich des Schicksals der Familie an, setzt alle Hebel in Bewegung und stellt letzten Endes einen Kontakt zur Härtefallkommission her. Es ist die letzte Chance, die Flüchtlinge haben, wenn sie Sachsen-Anhalt eigentlich wieder verlassen müssen. Mirvete Demiri sagt, Frau Hahn sei ihr Engel: "Es konnte uns nichts Besseres passieren, als sie kennenzulernen."

Humanitärer Härtefall

Maria Hahn war es, die den Fall der Familie direkt an die Vorsitzende der Härtefallkommission, Monika Schwenke, herantrug. Im Jahr 2016 wird dann in mehreren Sitzung des achtköpfigen Gremiums über den Antrag der Familie Demiri gesprochen. In dem Jahr ist es einer von 22 Anträgen.

Eine Frau sitzt mit zwei Mädchen auf einem Sofa
Tochter Mariela (m.) ist sechs Jahre alt, Antonela ist acht (r.). Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Der Antrag wird am Ende positiv beschieden. Die geplante Abschiebung muss somit ausgesetzt werden. Die Begründung der Kommission: Es liegt ein humanitärer Härtefall vor. Denn eines der Kinder benötigt laut ärztlichen Attesten dauerhaft eine dringende medizinische Versorgung, die es im Kosovo nicht gebe. Doch es werde auch nach weiteren Kriterien entschieden, sagt Vorsitzende Monika Schwenke. Neben einem humanitären Härtefall seien der Integrationswille und bereits nachweisbare Integrationsbemühungen der Antragsteller entscheidend. Laut Schwenke trifft das alles auf Familie Demiri zu.

2017 hat die Ausländerbehörde die Entscheidung der Härtefallkommission noch einmal überprüft. Dieses Verfahren ist üblich. Und auch künftig wird es alle ein bis zwei Jahre solche Überprüfungen geben, da die Entscheidung des Gremiums keine nach regulärem Aufenthaltsrecht ist. Familie Demiri ist also auch von Seiten der Behörden verpflichtet, weiter an ihrer Integration zu arbeiten.

Was macht die Härtefallkommission?

Jedes Jahr stellen Flüchtlingsfamilien und Einzelpersonen, die kurz vor der Abschiebung stehen, Anträge, um in Sachsen-Anhalt bleiben zu dürfen. Diese Anträge prüft die Härtefallkommission. Am Ende werden von den gestellten Anträgen aber nur wenige positiv beschieden. 2018 waren es zwei. Das Gremium gibt es in Sachsen-Anhalt seit 2005.

"Es ist gut, auf eigenen Beinen stehen zu können"

Drei Männer mit weißer Kleidung und Helmen vor einem großen Backblech.
Visar Demiri macht seine Arbeit in einer Großbäckerei Spaß. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Die Familie ist nicht auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Denn Visar Demiri arbeitet seit drei Jahren in Eisleben beim Backwarenhersteller "Aryzta". In Werk 3 ist er in der Brötchenproduktion tätig.

Ich besuche ihn dort. Er ist dabei, den Teig für Ciabatta-Brötchen zusammen zu mixen. Alle fünf Minuten füllt er eine riesige Schüssel mit den Zutaten. Später überwacht er die Bänder und legt bei speziell beauftragten Brötchen sogar Hand an. Diese werden nämlich mit einem kleinen Messer eingeschnitten, damit sie eine besonders knusprige Kruste bekommen.

Ein Sprachkurs fehlt noch

Mittlerweile hat Visar einen unbefristeten Arbeitsvertrag bekommen. Dass er an sieben Tagen in der Woche in vier Schichten arbeiten muss, stört den gelernten Schlosser nicht. "Ich bin zufrieden mit dieser Arbeit", sagt der 36-Jährige lächelnd. Das einzige, was ihm jetzt noch fehlt, ist ein Sprachkurs, um sicherer im Umgang mit der deutschen Sprache zu werden. Schließlich kann ihm seine Frau nicht immer helfen. Zumal Mirvete ab dem kommenden Jahr auch wieder arbeiten gehen möchte.

Kurz bevor ich mich am frühen Abend auf den Heimweg mache, kommt auch die Vorsitzende der Härtefallkommission, Monika Schwenke, zu Besuch. Es ist ein herzliches Wiedersehen nach drei Jahren. Es gibt schwarzen Tee nach Art des Hauses und selbstgemachte Spezialitäten vom Balkan. Frau Schwenke sagt, dass Familie Demiri durch die Kommission eine neue Chance auf ein Leben in Deutschland bekommen und diese auch genutzt habe. Als ich im Treppenhaus stehe, herrscht wieder Aufregung. Drei fröhliche Kinder winken und rufen mir hinterher.

Isabell Hartung
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über die Autorin Isabell Hartung wurde in Erfurt geboren und hat in Magdeburg Marketing und Kommunikation studiert. Es folgte ein Volontariat bei der Landeswelle Thüringen. Von 2005 bis 2014 arbeitete sie bei Radio SAW. Seit 2014 ist Isabell Hartung bei MDR SACHSEN-ANHALT vor allem in der Politikredaktion tätig.

Quelle: MDR/sp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 14. September 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. September 2019, 16:03 Uhr

1 Kommentar

Jana vor 8 Wochen

Das ist doch einmal ein schöne Geschichte. Ich verstehe all die gehässigen Kommentare nicht die hier immer auftauchen wenn es um Geflüchtete geht. Eine junge Familie ist dabei hier eine neue Heimat zu finden. Der Mann ackert im Vierschichtbetrieb, die Frau wird demnächst auch arbeiten gehen und man ist bemüht die Sprache zu lernen.

Schon komisch, dass hunderttausende Flüchtlinge in Deutschland eine Arbeit finden und etliche "hochqualifizierte" Deutsche mit zumeist mehreren durch Umschulung erlernten Berufen nicht einmal eine Hilfstätigkeit finden.

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