Leonora steht mit schwarzem Kopftuch an einer Autotür in der Wüste
Leonora Messing aus Breitenbach ist mit 15 Jahren Teil der IS-Terrormiliz geworden. Seit vier Jahren lebt sie in Syrien. Ihr Vater kämpft dafür, dass sie zurück nach Hause kommt. Bildrechte: AFP

Emotionale Recherche in Syrien "Leonora ist nicht nur ein verführtes Mädchen, sondern auch ein stückweit Täterin"

Leonora Messing aus Breitenbach ist 15 Jahre alt, als sie sich der IS-Terrormiliz in Syrien anschließt. Seitdem versucht ihr Vater sie zurückzuholen. Vier Jahre ist das jetzt her, Leonora ist bisher nicht zurück in Deutschland. Die gesamte Zeit über haben Journalist Volkmar Kabisch und sein Team das Familiendrama begleitet und waren dafür auch in Syrien. Ihre Doku befindet sich bereits in der ARD-Mediathek. Volkmar Kabisch hat mit MDR SACHSEN-ANHALT darüber gesprochen.

Leonora steht mit schwarzem Kopftuch an einer Autotür in der Wüste
Leonora Messing aus Breitenbach ist mit 15 Jahren Teil der IS-Terrormiliz geworden. Seit vier Jahren lebt sie in Syrien. Ihr Vater kämpft dafür, dass sie zurück nach Hause kommt. Bildrechte: AFP

Herr Kabisch, fangen wir ganz vorne an und zwar vor vier Jahren: Wieso haben sie sich den Fall der Sachsen-Anhalterin Leonora ausgesucht?

Volkmar Kabisch: "Ich war gerade zu dem Zeitpunkt unterwegs für eine andere Recherche. Da ging es um einen ähnlich gelagerten Fall einer jungen Frau aus München. Und damals bin ich mit Maik Messing, dem Vater, in Kontakt gekommen, der das Problem hatte, dass seine Tochter plötzlich weg war. Er wusste gar nicht, wohin sie unterwegs war. Da ich gerade in der Türkei war, habe ich angefangen nach Leonora zu suchen – ohne Erfolg. Sie war schnell über die Grenze nach Syrien gegangen. Und so begann das vierjährige Martyrium für die Familie."

Das muss aber auch für Sie, wenn Sie von Anfang an in die Geschichte involviert waren, ziemlich emotional gewesen sein, oder?

Volkmar Kabisch, NDR-Journalist
Volkmar Kabisch, Journalist und Islamwissenschaftler Bildrechte: NDR

"Ja, die anfängliche Distanz, die man normalerweise zu seinen Protagonisten als Journalist pflegt, die bekam Stück für Stück Risse. Einfach über diesen langen Zeitraum, durch die vielen Aufs und Abs, Hochs und Tiefs. Und vor allem gab es viele von den Tiefs. Da lässt die Distanz dann auch ein stückweit nach.

Wir reden hier aber auch über eine 15-Jährige, die dort sehr, sehr jung hingegangen ist. Das nimmt man dann auch mit nach Hause und hat einen anderen Zugang."

Was war das Schlimmste, das Sie erlebt haben?

"Also für mich war das Schlimmste die jesidische Sklavin mit zwei Kindern, die der Ehemann von Leonora gekauft hat. Nach einiger Zeit ist es uns gelungen, die Frau im Nordirak zu finden. Sie war freigekauft worden von ihrer eigenen Familie für tausende Dollar. Ich habe sie getroffen in einem Flüchtlingslager im Nordirak. Die Frau saß vor mir, schwer traumatisiert. Die Kinder sprachen all die Zeit kein Wort. Das war wirklich, wirklich schlimm."

Sie haben sich mit Ihren Recherchen auf ein nicht gerade ungefährliches Terrain begeben. Hatten Sie da selber auch mal Angst?

"Angst gehört tatsächlich dazu, alles andere wäre gelogen. Ich fahre relativ häufig nach Syrien und in den Irak, auch während der gesamten Kriegshandlung war ich dort. Es gab immer wieder Momente, die brenzlig waren, und wir beispielsweise unter Beschuss geraten sind."

Können Sie die Sprachen von vor Ort sprechen oder brauchten Sie einen Dolmetscher?

"Ich habe Islamwissenschaft studiert und habe ein ganz gutes Grundverständnis des Arabischen. Aber wir arbeiten in Syrien und im Irak häufig mit lokalen Journalisten zusammen, die uns helfen. Wir nennen das 'Stringer'. Sie werden für uns da auch aktiv, helfen bei der Logistik und der Suche nach Protagonisten."

Vier Jahre sind eine lange Zeit – Sie waren von Anfang an mit dabei. Was hat Sie angetrieben, solange an dem Fall dranzubleiben?

"Ich beschäftige mich sehr intensiv mit diesem Islamischen Staat, dieser Ideologie, aber auch natürlich, was das mit den Ländern dort vor Ort macht. Die Kommunikation mit Maik, dem Vater, und damit die Information, die aus dem Inneren dieses Islamischen Staates kamen, haben mir eine Welt eröffnet, in einen Alltag einer Deutschen, die sich dort aufhält. Das war schon ein sehr intensiver Einblick, den man sonst nicht bekommen hätte."

Das Thema ist ein sehr schweres, emotionales und der Fall langwierig. Wie sind Sie da vorgegangen?

"Man rutscht da so Stück für Stück rein, kann man sagen. Am Anfang hat man eben ein distanziertes Verhältnis zu Maik Messing und dann lernt man sich kennen, es wächst ein großes Vertrauen, das nach wie vor da ist."

Sie haben am Anfang die Niederlagen bereits angesprochen. Wie sind Sie damit umgegangen?

"Da konnte ich vor allem nur eine Stütze sein für den Vater. Er hat die schlimmsten Sachen erlebt. Es gab den Fluchtversuch, der scheiterte, mit einer anschließenden Todesnachricht. Da habe ich versucht für ihn da zu sein. Ich habe ihm auch versucht Dinge zu erklären, durch meine Ortskenntnis. Aber am Ende kann man einem Vater da auch nur bedingt helfen. Das ist mal besser, mal schlechter gelungen."

Maik Messing und seine Tochter Leonora, die zum IS ging, 2014 im Portrait in Barcelona.
2014: Maik Messing und seine Tocher Leonora, bevor sie zum IS ging. Bildrechte: NDR/Das Erste

Wie haben Sie die Familie generell erlebt? Hat sich über den Zeitraum etwas geändert?

"Absolut hat sich da etwas verändert. Am Anfang war es so: Leonora, 15, ganz normales Mädchen, haut ab. Da ist natürlich ein ganz großes Unverständnis. Dann geht es aber schnell über, dass die Familie dachte, sie ist irgendwie verführt worden. Und die Familie, allen voran Maik Messing, haben einen ganz schwierigen Reflexionsprozess in der Zeit durchgemacht. Einzusehen, dass das eigene Kind nicht nur ein verführtes Mädchen, sondern auch ein stückweit eine Täterin ist – das ist ein ganz schwieriger Prozess, den Maik Messing da gegangen ist und der ihn sichtlich schmerzt."

Wie stehen die Chancen, dass Leonora und ihre mittlerweile zwei Kinder wieder zurück nach Deutschland kommen?

"Das ist am Ende eine Entscheidung der Bundesregierung. Sie muss entscheiden, ob Männer und Frauen, die sich dieser Terrormiliz in Syrien angeschlossen haben, dort jetzt in Haft sitzen, zurückgeholt werden. Da hat Maik Messing im Grunde keinen Einfluss drauf. Entscheidend dafür ist auch: Was passiert hier, wenn sie zurückkommen? Da ist wichtig: Es gibt ein Ermittlungsverfahren gegen Martin Lemke, also Leonoras Mann, und auch gegen Leonora selbst vom Generalbundesanwalt. Ihnen wird Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung vorgeworfen und explizit das Spionieren für den als sehr brutal geltenden IS-Geheimdienst. Und da muss man sehen, ob sie zurückgeholt werden und auch wann."

Gibt es beispielsweise vom Auswärtigen Amt Bestrebungen sie überhaupt zurückzuholen?

"Das Auswärtige Amt hat bisher vier deutsche Kinder zurückgeholt, drei Waisen und ein schwer krankes Baby. Bestrebungen, die Eltern, also Erwachsene, zurückzuholen, gibt es bisher nicht. Da gibt es Gespräche hinter den Kulissen. Es gibt vor allem auch Gerichtsverfahren, die im Zweifel die Bundesregierung dazu zwingen – oder zumindest versuchen werden –, die deutschen Staatsangehörigen zurückzuholen. Bisher gibt es da aber keine Entscheidung und das ist so ein bisschen ein Blick in die Glaskugel, wie sich das entwickeln wird."

Können Sie denn eine Einschätzung geben, wie wahrscheinlich die Rückkehr ist?

Das „offizielle Hochzeitsfoto“ von Leonora selbst als Drittfrau im Islamischen Staat.
Martin Lemke mit seinen drei Frauen in Syrien. Eine der Frauen ist Leonora. Bildrechte: NDR/Privat

"Das ist wie gesagt der Blick in die Glaskugel, aber ich glaube am Ende wird es so sein, dass auf kurz oder lang die allermeisten Deutschen zurückkommen werden nach Deutschland.

Und dann muss man hier eben, von Seiten der Sicherheitsbehörden und der Justiz, alles mögliche vorbereiten, um ordentliche, rechtsstaatliche Verfahren stattfinden zu lassen."

Diese Woche wurde Leonoras Wohnung in Sachsen-Anhalt durchsucht. Wissen Sie darüber etwas Aktuelles?

"Das sind Durchsuchungen bei Zeugen gewesen. Die Familien gelten als Zeugen, das sind ja keine Beschuldigten. Es geht tatsächlich um die Kinder in Syrien. Da werden Datenträger und Ähnliches beschlagnahmt, um ein mögliches Gerichtsverfahren vorzubereiten. Also belastbare Beweise, um Informationen zu bekommen, im Zweifel aber auch entlastendes Material. Da ist es üblich, dass es da Durchsuchungen gibt, wie sie jetzt stattgefunden haben."

Welche Fragen sind für Sie in dem Fall noch offen?

"Oh, hunderte. Ganz viele Fragen sind noch offen. Natürlich fragt man sich immer: Was treibt am Ende so ein 15-jähriges Mädchen, das ja bestens integriert ist, das auch kein Problem hatte, Freunde zu finden, in die Fänge von Islamisten? Sie ist nie in den Stall gegangen, weil es dort Mäuse geben könnte und dann geht sie in den Bürgerkrieg nach Syrien. Sie sagt: 'Islam war dann so Trend bei Facebook.' Aber was dann wirklich der Auslöser war, wahrscheinlich gibt es mehrere Gründe dafür, ist eine Frage, die bis heute nicht richtig beantwortet ist. Das ist eine Frage, die mich seit vier Jahren umtreibt und die ich einfach irgendwann verstehen möchte."

Leonora aus der Nähe von Sangerhausen brach mit 15 Jahren nach Syrien auf, um sich dem IS anzuschließen. Inzwischen will sie zurück nach Deutschland. 7 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR FERNSEHEN Mi 22.04.2015 20:15Uhr 07:05 min

https://www.mdr.de/investigativ/video-275684.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Journalistisch betrachtet, ist das Ganze ein großer Aufwand gewesen, ein vierjähriges Recherche-Projekt. Haben Sie da nichts Anderes mehr gemacht oder wie sah Ihr journalistischer Tag aus?

"Also ich habe manchmal schon noch etwas Anderes gemacht, aber es ist tatsächlich so, dass dieses Projekt und diese intensive Befassung mit diesem Fall von Leonora extrem Platz einnehmend war. Es gibt beinahe keine Woche, in der ich nicht damit zu tun hatte. Das bedeutet jetzt nicht, dass man zu gar nichts Anderem mehr kommt, aber ich habe schon sehr, sehr viel Zeit damit verbracht."

Die Doku ist bereits in der Mediathek, Montagabend ab 22.50 Uhr wird sie im Ersten ausgestrahlt. Wie geht es jetzt für Sie und Ihr Team weiter?

"Das ist eine sehr gute Frage, die ich nicht beantworten kann. Wir werden mal sehen, wie sich das jetzt entwickelt. Auch inwieweit die Bundesregierung entscheidet und die anderen Deutschen nach Deutschland zurückzuholen. Und dann wird man gucken und auch mit Leonora sprechen. Ich hatte ja in Syrien einen relativ kurzen Timeslot, in dem ich mit ihr sprechen konnte unter Aufsicht des Militärgeheimdienstes der Kurden. Dann wird man mit ihr sprechen, wird weiter mit der Familie gucken, wie es weitergeht und natürlich möchte ich das gerne miterleben und mitbegleiten."

Der Fall Leonora Leonora Messing aus Breitenbach in Sachsen-Anhalt ist vor vier Jahren im Alter von 15 Jahren nach Syrien ausgewandert. Dort wurde sie Teil der IS-Terrormiliz und heiratete als dritte Frau IS-Mitglied Martin Lemke. Mit ihm hat sie zwei Kinder. Ihr Vater Maik Messing versucht sie seither zurück nach Deutschland zu holen.

Leonora will nach eigenen Angaben zurückkommen. Dieser Prozess ist aber gar nicht so leicht. Zum einen kann sie Syrien nicht einfach verlassen. Zum anderen läuft in Deutschland ein Verfahren gegen sie und ihren Mann wegen Mitgliedschaft in einer Terror-Organisation und Spionage. Ob und wann die mittlerweile 19-Jährige zurück nach Deutschland kommt, ist bisher unklar. Die Entscheidung liegt in der Hand der Bundesregierung.

Neben der Doku hat das Team auch eine fünfteilige Podcast-Serie zum Fall Leonora veröffentlicht.

Das Interview führte Johanna Daher.

Quelle: MDR/jd

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 06. September 2019 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. September 2019, 18:50 Uhr

7 Kommentare

Bernd L. vor 12 Wochen

Für mich eine seltsame Überschrift: Sie waer freiwillig mehrere Jahre Mitglied einer der übelsten Terrororganisationen. Sie IST Täterin und sollte als solche verurteilt werden. Punkt.

Ekkehard Kohfeld vor 12 Wochen

Das sie grundsätzlich Straftätern bis hin zu Terroristen die aus dem Islam kommen zusprechen ist allgemein bekannt.
Vielleicht sollt die Behörden sie mal auf Unterstützer untersuchen?

Eulenspiegel vor 12 Wochen

Hallo Pumukl
„Sie hat unsere Wertegemeinschaft freiwillig verlassen,“
Aber das haben die Rechtsradikalen doch auch?
Gehen sie mit denen auch so hart ins Gericht?

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