Der Kunsthof in Molmerswende
Von wegen abgehängt: Im Dörfchen Molmerswende bei Mansfeld gibt es nicht nur einen Bäcker und eine Gaststätte, sondern auch einen Kunsthof samt Galerie. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Kunsthof und intaktes Dorfleben Molmerswende bei Mansfeld: Ein Dorf lässt sich nicht abhängen

Molmerswende bei Mansfeld liegt so abseits, dass Landespolitiker nur selten bis dorthin vordringen. Während in Berlin und Magdeburg über "abgehängte Regionen" diskutiert wird und 12-Punkte-Pläne präsentiert werden, packt man in Molmerswende an. Zwei Frauen trotzen hier der trüben Stimmungsmache und zeigen, dass sich mit Mut mehr bewegen lässt, als so mancher denkt. Eine Reportage.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

von Uli Wittstock, MDR SACHSEN-ANHALT

Der Kunsthof in Molmerswende
Von wegen abgehängt: Im Dörfchen Molmerswende bei Mansfeld gibt es nicht nur einen Bäcker und eine Gaststätte, sondern auch einen Kunsthof samt Galerie. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Die ersten, die Gäste auf dem Kunsthof Molmerswende begrüßen, sind neugierige Schnattertiere: Gänse, Truthähne, Enten. Sie gehören zwar zum Nachbargrundstück, sind aber ein verlässlicher Bewegungsmelder für alles, was sich dem Zaun nähert. Molmerswende liegt in einem kleinen Tal hinter den Hügeln des Südharzes und gehört als Ortsteil zur Stadt Mansfeld. Die ja immerhin Weltkulturerbe ist, weil dort einst der junge Luther mit Murmeln gespielt haben soll.

Aber auch Molmerswende ist kein glanzloser Fleck auf der deutschen Kulturlandkarte. Denn im inzwischen windschiefen Pfarrhaus wurde Gottfried August Bürger geboren, Verfasser der berühmten Lügengeschichten vom Baron Münchhausen und somit eine Art Erfinder der fake news. Ein Förderverein kümmert sich um die notwendige Sanierung des alten Pfarrhauses, außerdem gibt es noch einen Schützenverein, einen Sportverein, eine Schallmeienkapelle und einen integrativen Kunstverein.

Nur 240 Einwohner, aber aktives Dorfleben

Geburtshaus von Gottfried August Bürger, Erfinder des Baron Münchhausen, in Molmerswende
Das Geburtshaus von Gottfried August Bürger, dem Verfasser der Geschichten des Baron Münchhausen. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

In dem ist Heike Wolff aktiv, als Malerin, Kunstmanagerin, Galeriebetreiberin und Investorin. Und während in den umliegenden Dörfern Häuser leer stehen und verfallen, Einwohner wegziehen und sich die Resignation wie ein grauer Schleier über Menschen und Häuser legt, ist in Molmerswende davon kaum etwas zu bemerken.

Das bestätigt auch Wolff: "Wir arbeiten ja alle gemeinsam als Dorfgemeinschaft daran, dass wir uns nicht abgehängt fühlen. Klar, die Wege sind weit, aber wir sind es ja gewohnt, zu fahren. Also nehmen wir unser Schicksal selbst in die Hand. Viele sind natürlich auf Montage, auch mein Mann. Der kommt nur am Wochenende nach Hause. Sicherlich muss man so ein Leben dann wollen."

Molmerswende hat rund 240 Einwohner. Sucht man nach Belegen für ein aktives Dorfleben, wird man schnell fündig. Denn im Ort gibt es sowohl einen Bäcker als auch einen Fleischer und eine Gaststätte.

Kunsthof dank EU-Mitteln und viel Engagement

Malerin Heike Wolff aus Molmerswende mit einem Werk in der Hand
Malerin Heike Wolff stellt im Kunsthof Molmerswende ihre Bilder aus. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Eine weitere alte Gastwirtschaft ist allerdings seit vielen Jahren geschlossen. Das Anwesen hat nun Wolff in einen Kunsthof umgewandelt: "Ich stamme von hier. Meine Familie wohnt seit zweihundert Jahren in diesem Dorf. Um Abstand zu gewinnen, bin ich dann erst einmal gegangen und das war wirklich wichtig für mich. Dann weiß man es auch besser zu schätzen, was man hier hat. Und jetzt möchte ich hier was bewegen, damit es hier nicht zu verschlafen ist."

Gemeinsam mit ihrer Schwester Silke Becker hat sie in den vergangenen Jahren die alte Gastwirtschaft saniert. Möglich wurde das mit Hilfe von EU-Fördermitteln – und viel Engagement. So kommt es, dass der Kunsthof sogar eine kleine Galerie beherbergt, immerhin 30 Kilometer von der nächsten Autobahnabfahrt entfernt. Heike Wolff stellt dort ihre Bilder aus, während Becker, gelernte Töpfermeisterin, ihre Tassen, Teller und Krüge präsentiert, die im Atelier auf dem Kunsthof entstehen.

Yoga und Malkurse: Ruhe finden auf dem Land

Töpfermeisterin Silke Bäcker aus Molmerswende bei ihrer Arbeit
Töpfermeisterin Silke Becker arbeitet im Atelier im Kunsthof Molmerswende. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

In der Kreisstadt Sangerhausen würde so ein Angebot nicht verwundern. Aber hier, fernab der Verkehrs- und Tourismusströme, wirkt so eine Galerie durchaus ungewöhnlich. Sie hätten damals einfach losgelegt, ohne groß zu diskutieren, sagt Becker: "Es funktioniert und das schon seit 16 Jahren. Meine Schwester war die Erste, die angefangen hat, Leute aufs Dörfchen zu locken. Unsere Veranstaltungen sind über die Grenzen unseres Landkreises bekannt. Und wer dann schon mal hier ist, der kauft dann auch meistens etwas."

Die Gründe, den Künstlerhof zu besuchen, sind vielfältig: Yogakurse, Malwochenenden, Einführung in die hawaiianische Küche oder Klangreisen mit dem Gong. Was eben der gestresste Stadtmensch so braucht, um zur Ruhe und zu sich selbst zu finden. Molmerswende sei dazu ein idealer Ort, findet Wolff.

Wenn man einmal hier ist, dann bemerkt man einen Ort, wo noch Ruhe möglich ist. Wo man sich entspannen und mit der Natur verbinden kann, um einfach mal wieder zu sich zu kommen.

Malerin Heike Wolff über Molmerswende
Galerie im Kunsthof in Molmerswende
Wer in die Galerie nach Molmerswende kommt, kauft auch oft etwas. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Die Ruhe ist derzeit allerdings ein wenig eingeschränkt. Denn es sind wieder einmal Handwerker auf dem Hof. Die alte Scheune wird ausgebaut für weitere Gästezimmer. Während man auf der anderen Seite der Hügel, in Meisdorf im Landkreis Harz, seit vielen Jahren auf Investoren hofft, die ein großes Ferienpark-Konzept umsetzen sollen, sind die Pläne in Molmerswende weniger ambitioniert. Dafür sind sie aber auf einem guten Weg und werden von Menschen vor Ort umgesetzt.

Molmerswende: Realismus statt Hoffen auf Wunder

Man könnte also auch von Selbstheilungskräften sprechen. In Molmerswende wartet niemand auf eine Industrieansiedlung, einen Autobahnanschluss oder irgendeine andere wundersame Entwicklung. Dieser Realismus ist es aber, der leider noch immer in vielen Regionen des Landes fehlt.

Auch die Politik, sowohl in Berlin wie auch in Magdeburg, täte gut daran, nicht mehr auf die Industrialisierungsversprechen des letzten Jahrhunderts zu setzen. Man sollte ohnehin skeptisch sein, denn es war ja nicht etwa Wirtschaftsminister Altmeier, der da versprach, in Zukunft Regionen mit Abwanderung und Überalterung stärker wirtschaftlich fördern zu wollen, sondern Heimatminister Seehofer.

In Molmerswende braucht man übrigens für das Wort Heimat kein eigenes Ministerium – sie ist einfach da. Auch ohne Regierungsbeschluss.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR-Hörfunk. 2016 erschien sein Roman "Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf" im Mitteldeutschen Verlag Halle.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 11. Juli 2019 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Juli 2019, 15:54 Uhr

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5 Kommentare

15.07.2019 18:42 Uborner 5

Machen ist so viel besser als Jammern und Meckern.
Und das kann jeder ein bischen, auch ohne Geld und Können.

15.07.2019 08:44 Wolfram Schmidt 4

Meisdorf als Gegenbeispiel hinzustellen ist an dieser Stelle falsch. Das Warten auf einen Investor für einen Ferienpark wurde schon lange eingestellt.
Stattdessen gibt es einen aktiven Ortschaftsrat, der z.B. jährlich einen Mitmachtag zur Verschönerung des Ortes organisiert. Die Beteiligung durch die Einwohner ist beeindruckend.
Weiterhin gibt es zahlreiche Vereine, die Konzerte in der Kirche, Vorträge und Feste im Museumshof sowie Sportveranstaltungen organisieren.
Ich denke, im dörflichen Leben steht Meisdorf mit Molmerswende auf Augenhöhe.

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT: Vielen Dank für ihren Hinweis, wir werden es dem Autor weitergeben.

15.07.2019 01:00 Kieke 3

Guter Artikel.
Nur eine kleine Korrektur: Der Ort auf der anderen Seite der Hügel heißt Meisdorf (nicht Maisdorf).

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT: Danke für den Hinweis. Wir haben es korrigiert.

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