Eltern stehen vor einer Grundschule.
Eltern vor der Grundschule in Helbra: Viele von ihnen waren schockiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Polizeieinsatz in Helbra Schicksal von schreiendem Mädchen bewegt Sachsen-Anhalt

In einer Grundschule in Helbra spielten sich Anfang der Woche schockierende Szenen ab: Ein Mädchen wurde von der Polizei abgeholt und ihrer Mutter übergeben – weil es nicht mehr beim Vater leben soll. Die Reaktionen darauf fallen höchst unterschiedlich aus. Hier kommen Eltern, Jugendamt und Ministerien zu Wort.

Eltern stehen vor einer Grundschule.
Eltern vor der Grundschule in Helbra: Viele von ihnen waren schockiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das ist passiert

Anfang der Woche war ein 8-jähriges Mädchen von der Polizei und einem Gerichtsvollzieher aus ihrer Grundschule in Helbra abgeholt worden. Sie schrie und wehrte sich, doch die Polizei setzte einen Gerichtsbeschluss um: Das Kind soll nach einer Entscheidung des Amtsgerichts in Eisleben nicht mehr beim Vater, sondern bei der Mutter wohnen. Der Vater und auch die Mutter waren am Montag vor Ort. Der Vater filmte das Geschehen. Jetzt befindet sich das Mädchen bei seiner Mutter.

Das ist der Hintergrund

Ein Mann gibt ein Interview.
Der Vater des 8-jährigen Mädchens hat seinen Anwalt eingeschaltet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Mutter hatte im Sommer 2015 das bis dahin gemeinsame Zuhause verlassen. Das Mädchen lebte seitdem beim Vater in Helbra im Landkreis Mansfeld-Südharz. Nach einem Sorgerechtsstreit hat die Mutter im August 2017 das Aufenthaltsbestimmungsrecht zugesprochen bekommen. Nach Einschätzung von Fachleuten untergrabe der Vater das Vertrauen zur Mutter. Seit August widersetzt er sich zudem, seine Tochter wie vom Gericht angeordnet der Mutter zu übergeben. Eine gütliche, ruhige Übergabe kam nicht zustande.

Das sagen die Eltern

Die Mutter war telefonisch nicht erreichbar. Der Vater ist über den Vorfall empört. "Die Verhältnismäßigkeiten wurden vollkommen überschritten", sagte er MDR SACHSEN-ANHALT. Er versucht, eine sachliche Ebene in die Streitigkeiten zu bringen und spricht nur neutral von "dem Kind". Er beschreibt den Vorgang so: "Der Polizist hat, obwohl sie sich an der Dachreling des Autos festgehalten hat, gewaltsam den Griff des Kindes gelöst, mit dem Knie ins Auto gedrückt, von innen wurde an dem Kind gezogen". Seine Tochter sei durch die Übergabe psychisch und körperlich belastet worden. Er habe nun seinen Anwalt, einen Fachanwalt für Familienrecht, involviert und ihm Dokumente über den Vorfall am Montag zur Verfügung gestellt.

Das sagen andere Eltern

Eltern, die an der Grundschule auch vor Ort waren, sind fassungslos darüber, dass die 8-Jährige unter lautstarkem Protest regelrecht abgeführt wurde. Ein Mann sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Hinter dem Tor haben sich Szenen abgespielt, die katastrophal waren." Eine Mutter erzählte: "Erschreckend, wirklich erschrecken. Das Kind hat sich gewehrt", zudem habe es "geschrien wie am Spieß". Eine andere Frau musste erst einmal Worte für ihre Eindrücke finden. "Wenn Sie hier stehen und das Kind schreien hören … Ich bin nach Hause gegangen, ich habe gezittert."

Das sagen die Behörden

Das Jugendamt Mansfeld-Südharz teilte schriftlich mit, dass solche Fälle bei der Übergabe eines Kindes extrem selten seien. Die Zuständigkeit zur Durchsetzung eines Gerichtsbeschlusses liegt beim Gericht selbst, das Jugendamt begleitet die Maßnahme lediglich. Steffen Lutz, der Direktor des Amtsgerichts Eisleben, bedauert den Vorfall. Er sagte: "Es ist mit Sicherheit rein menschlich gesehen eine Katastrophe. Ich weiß allerdings auf der anderen Seite auch nicht, was die Alternative gewesen wäre." Die Mutter hätte sonst sagen müssen, sie verzichte auf ihr Kind.

Das sagen die Ministerien

Bildungsminister Marco Tullner spricht davon, dass es "extrem unsensibel" war, das Kind in der Form abzuholen. Man habe höchstes Interesse daran, dass an der Schule schnell wieder Ruhe einkehrt. Die Klassenlehrer würden momentan mit ihren Klassen sprechen und auch mit Schulpsychologen gebe es Kontakt. "Es ist nicht auszuschließen, dass es zu traumatischen Eindrücken kommt", hieß es vom Pressesprecher des Bildungsministeriums. Das Landeschulamt habe sich im Vorfeld bemüht, die Vollstreckung des Urteils nicht in der Schulöffentlichkeit zu vollziehen. In den zuständigen Ministerien Bildung, Soziales und Justiz werde der Fall nun aufgearbeitet.

Der Sprecher des Justizministeriums sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Man kann sich nicht nur auf die Bilder verlassen" – und spielt damit auf die Handyaufnahmen des Vaters von der Mitnahme des Mädchens durch die Polizei an. "Wenn man die Umstände betrachtet, kann ich nach den mir vorliegenden Informationen nicht sagen, dass es unangemessen war", so Detlef Thiel.

Das sagt das Gesetz

Die Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) regelt in einer Reihe von Paragraphen die Rechte und Pflichten von Eltern gegenüber ihren Kindern. Leben Mutter und Vater dauerhaft getrennt, so kommt § 1687 BGB ins Spiel. Dieser besagt, dass der Elternteil, bei dem sich das Kind beispielsweise auf Grund einer gerichtlichen Entscheidung gewöhnlich aufhält, die alleinige Entscheidungsgewalt in Angelegenheiten des täglichen Lebens hat. Im aktuellen Fall in Helbra hat das Gericht entschieden, dass das Kind bei der Mutter leben soll. Ihr wurde also das Aufenthaltsbestimmungsrecht zugesprochen.

Das Sorgerecht, das beide Elternteile auch weiterhin haben, beschränkt sich in der Folge auf Angelegenheiten, die für das Kind von erheblicher Bedeutung sind: Schulwechsel, Berufswahl oder schwere medizinische Eingriffe. Damit soll gewährleistet sein, dass getrennt lebende Eltern bei wichtigen Entscheidungen gemeinsam beratschlagen müssen. Alltägliche Dinge, wie die Höhe des Taschengelds, kann allerdings der Elternteil mit dem Aufenthaltsbestimmungsrecht allein festlegen.

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Quelle: MDR/lk/mm

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 08. März 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. März 2018, 21:23 Uhr

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64 Kommentare

11.03.2018 20:11 Kritischer Bürger 64

... UND Kindeswillen hätte hier wohl NICHT ÜBERHÖRT werden dürfen! Es stand der Mutter frei erneut das Gericht zu beauftragen, doch anscheinend ist spekulativ hier einiges im Argen, (um es mal so zu nennen) zwischen den Beamten und der Mutter! Ich möchte hier nicht näher darauf eingehen, was ich meine, aber es gibt persönliche Mittel und Wege seine Erwartungen auch nach 2 Jahren Ausdruck zu verleihen und gewisse Meinungen auf Grund von näheren Umständen für sich entscheiden zu lassen! Denn nichts anderes scheint hier "abgelaufen sein" und sicher auch im Vorfeld gewisses Entgegenkommen nicht nur in Amt und Würde!

11.03.2018 20:05 Kritischer Bürger 63

@56: Anmerkung: ES würde mir NICHT REICHEN das NUR der Polizist zur Verantwortung gezogen wird! Wäre ich an Stelle des Vaters(!!). Mindestens genauso wie gegen den Polizisten wäre von meiner Seite auch ein Strafantrag gg. Gerichtsvollzieher und Jugendamtsmitarbeiter(in) vor Ort UMGEHEND fefolgt wegen Missachtung von: +... Kindeswille (was möchte das Kind). Kindeswohl und –wille stehen generell immer an erster Stelle, noch vor dem Elternrecht....+
@Barbarossa 62: MDR-Anmerkung: +...Sowohl Polizei als auch Justiz haben sich bereits geäußert, wir haben darüber berichtet....+ == ABER im ogn.Artikel steht auch: +...Die Mutter war telefonisch nicht erreichbar. Der Vater ist über den Vorfall empört. ...+ Weiter haben auch der MDR keinerlei Berichte dazu veröffentlicht, denn konkret die Frage war ja von Kom.62: +...Alle Beteiligten ( Mutter, Anwälte, Polizei, Gerichtsvollzieher ...) sind nicht mehr zu sprechen....+

11.03.2018 18:37 Barbarossa 62

Sehr geehrte MDR Redaktion. Das Mädchen wurde seit dieser Gewaltaktion nicht mehr gesehen. Alle Beteiligten ( Mutter, Anwälte, Polizei, Gerichtsvollzieher ...) sind nicht mehr zu sprechen. Das Kind darf sich offenbar auch nicht gegenüber neutralen Personen äußern. Für mich sind in diesem Fall auch die handelnden Personen des Staates und der Ämter nicht mehr neutral. Es gibt viele weiter Fragen. Wurde gegen das Kind im Auto und danach weiter Gewalt ausgeübt? Versucht man jetzt den Willen des Kindes nicht bei der Mutter leben zu wollen zu brechen ? Wird aufgeklärt, wie es zu den Sorgerechtsentscheidungen trotz der offenkundig fehlenden Empathie ( keine Besuche, nicht zu den Geburtstagen und zur Einschulung erschienen, tatenloses Zuschauen bei Gewaltausübung gegen das Kind etc.) der Mutter gegenüber dem Kind kommen konnte? Auch Gerichte Fällen falsche Urteile und hier ist einiges fragwürdig. M.E. Können nur noch neutrale Personen von Nichtregierungsorganisationen aufklären.


ANMERKUNG MDR SACHSEN-ANHALT:
Sowohl Polizei als auch Justiz haben sich bereits geäußert, wir haben darüber berichtet. Gegen einen Beamten wurde Strafanzeige erstattet, der nun nachgegangen wird. Das Ermittlungsverfahren verfolgen wir. Über weitere "Gewalttaten" zu spekulieren ist ebendas: Spekulation. Sobald wir hingegen über neue Fakten gelangen, werden wir berichten.