Ein Mann sitzt mit einem Headset vor einem Laptop und spielt den Ego-Shooter 'Counter Strike: Global Offensive'.
Ein Mann sitzt mit einem Headset vor einem Laptop und spielt den Ego-Shooter 'Counter Strike'. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Kommentar nach Anschlag in Halle Computerspiele sind nicht für Terror-Anschläge verantwortlich

Ja, der Attentäter von Halle hat Ego-Shooter gespielt. Nein, diese Computerspiele sind nicht für seinen Anschlag verantwortlich. Dennoch plant Bundesinnenminister Horst Seehofer die Gamer-Szene stärker zu überwachen. Doch dadurch setzt er den falschen Fokus. Ein Kommentar von MDR SACHSEN-ANHALT Online-Redakteurin Johanna Daher.

Johanna Daher
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von Johanna Daher, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein Mann sitzt mit einem Headset vor einem Laptop und spielt den Ego-Shooter 'Counter Strike: Global Offensive'.
Ein Mann sitzt mit einem Headset vor einem Laptop und spielt den Ego-Shooter 'Counter Strike'. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Im Fall des Attentäters, der vergangene Woche zwei Menschen in Halle getötet hat, haben Journalisten von ZEIT ONLINE herausgefunden: Er spielte Computerspiele, war in der Gamer-Szene aktiv. In ihrem dazugehörigen Artikel "Er plante seine Taten wie Computerspiele" beschreiben sie beispielsweise, dass sein gedrehtes Video vom Anschlag die Optik eines Ego-Shooters hat. Immer wieder ist der Lauf der Waffe zu sehen, die er selbst gebaut hat. Vorweg: Diese "First-Person"-Sicht ist eine normale Einstellungs-Option und Ego-Shooter liefern keine Anleitung zum Bau von Waffen. Die wird er vielleicht im Internet gesucht und gefunden haben. Denn: Bilder von Waffen gibt es Online zu Hauf. Genauso hätte er sie sich auch aus Filmen mit gewalttätigen Szenen abschauen können, wie in Stanley Kubricks "Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte die Bombe zu lieben" oder "Kill Bill" von Quentin Tarantino. Was aber in der Kritik steht: Computerspiele. Nur, weil er die hobbymäßig gespielt hat.

Ja, Ego-Shooter beinhalten Waffen, mit denen auf fiktive Charaktere geschossen wird. Und ja, es gibt auch, wie die ZEIT ONLINE-Redakteure thematisieren, sogenannte Achievements. Also Punkte und Belohnungen innerhalb des Spiels, wenn dort besonders viele Personen getroffen wurden. Diese soll der Halle-Attentäter in einem Manifest aufgeführt haben, und gleichzeitig schreiben, dass jeder Mord in der Wirklichkeit einen Bonuspunkt wert ist. Aber: Das ist seine krude Idee. In allererster Linie sind Achievements ein System, nach dem Punkte vergeben werden. Ein Wettbewerb. Denn das ist ein Spiel unter anderem grundsätzlich nach der Definition im Duden: ein "nach bestimmten Regeln erfolgender sportlicher Wettkampf, bei dem zwei Parteien um den Sieg kämpfen."

Und da es nun einmal ein Ego-Shooter ist, dient – rational gesagt – die Zahl der getroffenen Personen als Wert, um den Sieger zu ermitteln. Genau wie die Anzahl der Tore im Fußball. Für Personen, die selbst nichts mit diesen Spielen am Hut haben, mag das krude und abartig klingen. Deshalb haben die Spiele zum einen eine Altersbeschränkung (mindestens FSK 16, meistens FSK 18). Zum anderen sind die Personen in einigen Spielen, wie Fortnite, Teil einer bunten Welt, die nichts mit der Realität zu tun hat.

Andere Faktoren führen zum Anschlagsplan

Gleichzeitig gibt es Computerspiele, wie Call of Duty oder Assassin's Creed, die der Realität nachempfunden sind und dabei teilweise geschichtliche Fakten vermitteln. Was dabei aber nicht vergessen werden darf: Diese Spiele werden aus Spaß gespielt, oft Online mit Freunden als soziale Interaktion. Oder auf einem professionellen eSport-Level als Wettkampf. Es ist etwas vollkommen anderes, ob auf diesem spielerischen Niveau fiktive Charaktere getötet werden, oder ob jemand in der Realität in einen Laden geht, Zutaten für Sprengsätze kauft, daraus Granaten baut und einen Anschlag plant. Spieler des Städtebau-Simulators Sim City werden auch nicht plötzlich Städteplaner. Und Spieler des Strategiespiels Civilization VI wollen nicht plötzlich die Weltherrschaft an sich reißen und Könige werden.

Dass jemand einen Anschlag plant, dazu führen ganz viele Faktoren. Computerspiele sind keine davon. Das können – generell gesprochen – beispielsweise soziale Aspekte sein: ein schwieriges Familienumfeld, Mobbing in der Schule oder psychische Probleme. Oder eine Mixtur aus vielen Komponenten. Vielleicht ist es ein Schrei nach Aufmerksamkeit. Aus dem Grund könnte der Halle-Attentäter das Ganze gefilmt und auf der Streaming-Plattform Twitch veröffentlicht haben. Einmal dreht sich die Welt um ihn, er bekommt Aufmerksamkeit wie sonst vielleicht nicht. Er will es allen zeigen, dass er das kann – er will es sich und der Welt beweisen, weil er sonst vielleicht den Zuspruch nicht bekommt. Weil er sonst die Liebe und Anerkennung nicht erhält.

Computerspiele als Sündenbock? Zu einfach gedacht!

All das sind Mutmaßungen – denn: Wir alle wissen nicht, was ihn zu dem Anschlag getrieben hat. Wir können nicht in seinen Kopf schauen. Und genau deshalb ist es zu einfach, die Schuld bei den Computerspielen zu suchen. Es ist leicht, weil sich nicht alle mit Games auskennen und Waffen auch darin vorkommen. Leichter, als auch die Gesellschaft mit verantwortlich zu machen.

Denn was im Fall des Halle-Attentäters nicht aus den Augen geraten darf: Seine Tat war rechtsextremistisch und antisemitisch motiviert. Kein Computerspiel vermittelt diese Werte. Das Problem sind Rechtsextreme und eine Gesellschaft, die solche Menschen toleriert. Deshalb: Wenn Bundesinnenminister Horst Seehofer, wie zuletzt im "Bericht aus Berlin" in der ARD, sagt: "Wir müssen die Gamer-Szene stärker in den Blick nehmen", setzt er seinen Fokus falsch.

Es sind nicht die Computerspiele oder ihre Gamer. Es sind Menschen mit rechtsextremistischem Gedankengut, die sich aus ganz anderen Gründen zusammenschließen. Und dazu zählt definitiv nicht ihre Liebe zum Zocken. Sie wollen bewusst Hass streuen und Gewalt provozieren und realisieren. Viele Gamer äußern sich dementsprechend zurecht kritisch zu Seehofers Plänen. Felix Falk, Geschäftsführer des game-Verband, sagt beispielsweise: "Bundesinnenminister Horst Seehofer sollte nicht einem Medium und dessen Community die Schuld geben, sondern aktiv die gesellschaftlichen Probleme der Radikalisierung und zunehmenden Fremdenfeindlichkeit angehen, die zu solchen furchtbaren Taten wie in Halle führen."

Dass solche Taten teilweise organisiert übers Internet geplant werden, liegt nicht daran, dass die Online-Gamer-Szene eine gewalttätige wäre, der man sich einfach anschließen kann. Sondern die Gründe für die Wahl dieses Mediums sind, dass die gewaltbereiten Menschen sich online anonym weltweit schnell und jederzeit vernetzen können. Sie nutzen folglich die Vorteile des Internets für ihre Machenschaften aus. Wie das mit sogenannten Imageboards stattfindet, auf denen der Halle-Attentäter ebenfalls aktiv gewesen ist, hat Henrik Merker, Journalist im Investigativ-Ressort von ZEIT ONLINE, für MDR SACHSEN-ANHALT notiert: "Töten als Spiel: Das rechtsextreme Umfeld des Attentäters von Halle"

Unterschied zwischen digitaler Fiktion und Realität

Weltweit gibt es laut der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung etwa 7,6 Milliarden Menschen. Etwa 22 Millionen von ihnen sind laut Oliver Brüggen, Leiter PR Area Central bei Adidas, eSportler aus Europa. Diese treten auf sportlichem Niveau bei eSport-Wettkämpfen in Computerspielen gegeneinander an. Es ist ein Sport, genau wie Bogenschießen und Schießen mit Gewehren in Schützenvereinen. Diese beiden zuletzt genannten Sportarten finden allerdings in der Realität statt. Und dafür kann man sogar richtige Waffen kaufen. Vielleicht sollte so etwas ebenfalls genauer diskutiert werden, statt den Sündenbock im Digitalen zu vermuten. Wieso kann man Waffen überhaupt kaufen? Und wieso bekommt das Umfeld des Halle-Attentäters nicht mit, dass er Waffen baut? Wie können gewalttätige Gruppierungen im Internet und der Realität verhindert werden? All das sind nur einige der Fragen, die jetzt geklärt werden sollten, anstatt die Gamer-Szene unter Generalverdacht zu stellen.

Nicht jeder muss Ego-Shooter gut finden oder spielen. Aber klar sollte jedem sein: Sie stiften selbst nicht zu Gewalt an oder sind der Anlass für einen Anschlag. Einfach auf die Maustaste zu klicken und fiktive Personen zu töten, ist das eine. Sich mit einer echten Waffe jemandem von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustellen und in Wirklichkeit abzudrücken, in dem Bewusstsein, dass die Person stirbt, etwas anderes.

Johanna Daher
Bildrechte: MDR/Marieke Polnik

Über die Autorin Seit Februar 2018 ist Johanna Daher Teil der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Ihr typischer Satz in den sozialen Medien beschreibt sie ihrer Meinung nach ziemlich gut: "Christin, Journalistin und Optimistin mit einer Liebe zum Multimedialen, Interaktiven und Programmieren."

Johanna Daher kommt gebürtig aus Nordhessen, hat in Dortmund Journalistik und in Wernigerode an der Hochschule Harz "Medien- und Spielekonzeption" studiert.

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Viele Menschen in einer ausgeleuchteten Halle.
Ein Spektakel: eSports-Profi spielen mittlerweile in großen Arenen. Bildrechte: imago/Bildbyran

Quelle: MDR/jd

Dieses Thema im Programm: MDR um 11 | 14. Oktober 2019 | 11:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Oktober 2019, 11:38 Uhr

34 Kommentare

Eulenspiegel vor 3 Wochen

Also ich habe nur dargestellt das Antisemitismus was anderes ist als Kritik an der Politik des Jüdischen Staates. Und das es einfach eine Wahrheitsverdrehung ist wenn man beides durcheinander wirft und dann versucht daraus beweisen zu können das nicht nur die Rechen antisemitischen sind. Natürlich gibt es auch unter Moslem Antisemitismus aber im Regelfall komme die Gewalttaten von der rechten Seite. Oder können sie was anderes belegen.

MDR-Team vor 3 Wochen

Diese Diskussion hat nichts mehr mit dem Thema des Artikels zu tun. Wir bitten Sie, wenn sie debattieren, bitte in Bezug auf den Inhalt des Artikels zu machen.

Jenaer vor 3 Wochen

Natürlich darf Kritik an Israel geübt werden, solange sie nicht einseitig und verzerrt ist. Mein Anliegen ist es aber, darauf hinzuweisen, dass der Hass gegenüber Juden nicht allein unter Rechtsextremen verbreitet ist, sondern viele Wurzeln hat. Und die sind im rechten Spektrum genauso zu finden wie im islamischen und im linken. Ego-Shooter können nicht verantwortlich gemacht werden für diese schreckliche Tat, jedoch sind sie durchaus dafür geeignet die Verrohung von gewaltaffinen Menschen zu befördern. Dies scheint mir ein berechtigter Grund zu sein, um diese "Spiele" etwas genauer (vielleicht unter psychologischen Gesichtspunkten) unter die Lupe zu nehmen.

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