Demonstranten halten Plakate in die Höhe.
Gegenprotest in Halle: Die Neonazis konnten ihren Marsch nicht antreten. Bildrechte: MDR/Martin Paul

Naziaufmarsch in Halle? #läuftnicht "Wir möchten, dass die Nazis sich nicht einen Zentimeter bewegen."

Die Idee geht auf: Halle verhindert den geplanten Aufzug der rechtsextremen Partei "Die Rechte" zum Mai-Feiertag durch zahlreiche Demonstrationen und Protestaktionen. Ob beim Frühstück auf dem Hallmarkt, in Demonstrationszügen oder bei Kundgebungen, jeder kann wählen, welche Protestform passend ist. Mehr als 2.000 Gegendemonstranten beteiligen sich an den Aktionen, die Organisatoren sprechen sogar von 4.000 Teilnehmern. Die Neonazis wollen vom Hauptbahnhof in den Stadtteil Silberhöhe ziehen. Anlass ist der Tag der Arbeit, der von den Nationalsozialisten 1933, kurz vor der Zuerschlagung und Gleichschaltung der Gewerkschaften, zum Feiertag erklärt wurde. Insgesamt sind laut Polizei 500 rechte Demonstranten in die Saalestadt gekommen. MDR SACHSEN-ANHALT hat die Protestaktionen beobachtet.

von Martin Paul, MDR SACHSEN-ANHALT

Demonstranten halten Plakate in die Höhe.
Gegenprotest in Halle: Die Neonazis konnten ihren Marsch nicht antreten. Bildrechte: MDR/Martin Paul

An vielen Punkten der Stadt sind schon am frühen Montagmorgen Menschen unterwegs. Sie bemalen Plakate, bauen an Straßenecken Infostände auf und tragen Schilder und Fahnen. Überall wird deutlich und erkennbar: Das überparteiliche Bündnis "Halle gegen Rechts - Bündnis für Zivilcourage", die Stadt, der Deutsche Gewerkschaftsbund, Parteien, Kirchen und Theater haben zu Protestaktionen gegen einen Aufmarsch der Partei "Die Rechte" aufgerufen. Die rechtsextreme Partei will zum 1. Mai, dem Tag der Arbeit, durch Halle marschieren. Bundesweit sollen Teilnehmer dafür anreisen.

Deutliche Worte gegen Nazi-Demo

Nach dieser Ankündigung hat der Stadtrat deutliche Worten gefunden: "Es ist auch heute noch unerträglich, politische Parteien wieder aufmarschieren zu sehen, die als geistiges Vorbild massenmordende Menschenfeinde haben. Denn etwas anderes waren und sind Nazis nicht", schreibt der Stadtrat in einem Aufruf an die Einwohner Halles.

Und der Protest soll friedlich, bunt und möglichst vielfältig sein. Jeder soll, den Ankündigungen zufolge, seine Form des Protests finden, ob mit einem Picknick auf dem Hallmarkt, in Protest-Straßenbahnen oder in den Demonstrationszügen gegen den Aufmarsch der Partei "Die Rechte".

Den Neonazi-Aufmarsch verhindern

Christof Starke, Geschäftsführer des Friedenskreises Halle
Christof Starke: Die Rechten sollen gar nicht zum Laufen kommen. Bildrechte: MDR / Martin Paul

Für Christof Starke vom Sprecherkreis des Bündnisses  "Halle gegen Rechts" ist daher klar: "Unser Motto ist: Ein Neonazi-Aufmarsch in Halle läuft nicht. Das ist unser Ziel." Der 45-Jährige ist verantwortlich für eine Gegendemonstration und beobachtet, wie sich am Vormittag immer mehr Menschen auf dem Universitätsplatz versammeln. Insgesamt gibt es an diesem Tag drei Routen in Richtung Hauptbahnhof, um der rechtsextremen Kundgebung entgegenzutreten.

Hauptsächlich junge Menschen, Studenten und Familien mit Kindern sitzen auf der Treppe vor dem Löwengebäude und warten auf den Start des Demonstrationszuges.

Zwei Kinder halten selbstgemalte Plakate in der Hand
"Wir sind gegen Nazis" Bildrechte: MDR / Martin Paul

Auch Frieda, 12 Jahre, und der 10-jährige Kurt sind dabei. Sie haben Plakate mit Sprüchen wie: "Nazis im Urlaub sind auch Ausländer" gemalt und stehen schon am frühen Morgen mit auf dem Universitätsplatz. Warum sie hier sind? "Weil wir gegen Nazis sind", ist ihre eindeutige Antwort.

Starke erinnert sich an die Demonstrationen gegen einen Naziaufmarsch vor sechs Jahren. Damals waren rund 1.500 Menschen dabei und die Rechten konnten mit Unterbrechungen bis zum Steintor laufen. Diesmal soll es anders werden: "Unser Ziel ist, dass die Rechten gar nicht zum Laufen kommen", sagt der 45-Jährige.

Rechten-Demo und Gegendemos in Halle 2.000 Menschen stellen sich Nazis in den Weg

Demonstranten versammeln sich vor dem Hauptbahnhof Halle. Im Vordergrund stehen Polizisten.
Am ersten Mai hat in Halle ein Neonazi-Aufmarsch stattgefunden. Laut Polizei waren rund 500 Neonazis zu der von der Partei "Die Rechte" veranstalteten Demo gekommen. Bildrechte: MDR/Martin Paul
Demonstranten versammeln sich vor dem Hauptbahnhof Halle. Im Vordergrund stehen Polizisten.
Am ersten Mai hat in Halle ein Neonazi-Aufmarsch stattgefunden. Laut Polizei waren rund 500 Neonazis zu der von der Partei "Die Rechte" veranstalteten Demo gekommen. Bildrechte: MDR/Martin Paul
Schwarz gekleideten Menschen stehen hinter einer Absperrung und schwenken rote Fahnen.
Zwischenzeitlich war unklar, ob der Demonstrationszug durch die Stadt abgesagt wurde. Die Polizei berichtete jedoch lediglich, die Demo sei unterbrochen. Am Nachmittag löste sich die Kundgebung auf, der Zug durch die Stadt fand letztlich nicht statt. Bildrechte: MDR/Matthias Strauß
Viele Menschen sitzen auf einer großen Treppe. Im Vordergrund stehen Polizisten, die mit Zivilisten sprechen.
Schon am Montagvormittag hatten sich auf dem Gelände der Universität in Halle die Teilnehmer einer Gegendemonstration versammelt. Bildrechte: MDR/Martin Paul
Demonstranten halten ein Papp-Plakat in die Höhe.
Mit Plakaten und Transparenten zogen sie durch die Stadt. Bildrechte: MDR/Martin Paul
Demonstranten halten Plakate in die Höhe.
Bis zum Hauptbahnhof sind die Gegendemonstrationen gezogen. Bildrechte: MDR/Martin Paul
Auf einem Plakat steht: "Neonazistische Persönlichkeitsstörung"
"Neonazistische Persönlichkeitsstörung": Zwischen Busbahnhof und Bahnhofsausgang haben sich die Demonstranten versammelt, um gegen den Aufmarsch der Partei "Die Rechten" zu protestieren. Bildrechte: MDR / Martin Paul
Mit Trommeln und überlebensgroßen Marionetten wird vor dem Hauptbahnhof in Halle demonstriert
Mit Trommeln und überlebensgroßen Marionetten wurde lautstark demonstriert. Bildrechte: MDR / Martin Paul
Hunderte Demonstranten haben sich auf dem Gelände des Zentralen Busbahnhofs vor dem Hauptbahnhof in Halle versammelt.
Hunderte Demonstranten haben sich auf dem Gelände des Zentralen Busbahnhofs vor dem Hauptbahnhof versammelt. Bildrechte: MDR / Martin Paul
Halles Oberbürgermeister spricht in ein Mikrofon zu Demonstranten.
Dort sprach unter anderem Oberbürgermeister Bernd Wiegand zu den Demonstranten: "Wir möchten, dass sich die Rechten nicht einen Zentimeter bewegen können." Bildrechte: MDR/Martin Paul
Auf einer kleinen Bühne steht ein Mann, der zu den Menschen davor spricht.
Auch der ehemalige Bürgermeister von Tröglitz, Markus Nierth, war vor Ort. Er war 2015 wegen einer rechtsextremen Demo, die bis vor sein Haus führen sollte, von seinem Amt zurückgetreten. Er sprach die rechten Demonstranten direkt an: "Es ist Selbsthass bei euch, ihr lieben Nazis. Schaut nach, was ihr wirklich in euren Herzen braucht und wollt."
Bildrechte: MDR/Martin Paul
Demonstranten halten ein Transparent in den Händen.
Entlang der geplanten Demonstrationsroute der Neonazis hatte es ebenfalls zahlreiche Kundgebungen gegeben. Der Veranstalter schätzte die Zahl auf etwa 4.000 Gegendemonstranten. Die Polizei sprach dagegen von rund 2.000 Teilnehmern. Bildrechte: MDR/Martin Paul
Polizisten mit Hunden stehen vor einer Straßensperrung. Dahinter explodiert eine rote Rauchbombe.
Am Rande der Demonstrationen kam es zu Auseinandersetzungen und Rangeleien zwischen beiden Seiten, wie mehrere MDR-Reporter bestätigten. Auch Flaschen, Steine und Feuerwerkskörper seien geflogen. Laut Polizei wurden fünf Beamte und mehrere Demonstranten verletzt. Eine Person sei festgenommen worden. Unter anderem sollen nach Angaben des Grünen-Politikers Sebastian Striegel abreisende Neonazis Jugendliche angegriffen haben. Zwei Menschen seien dabei verletzt worden. Trotz des Verbots durch die Innenbehörden wichen etwa 350 Rechte nach Köthen und Merseburg aus. Weitere Aktionen verhinderte die Polizei.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 01.05.2017 | 7:00 Uhr
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 01.05.2017 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/dpa/ff/mp
Bildrechte: MDR/Matthias Strauß
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Wiegand: "Halle ist bunt und vielfältig und wird das auch bleiben."

Oberbürgermeister von Halle Bernd Wiegand auf der Mai-Demonstration vor dem Hauptbahnhof
Bernd Wiegand: Wir möchten, dass die Nazis sich nicht einen Zentimeter bewegen. Bildrechte: MDR / Martin Paul

Auch Oberbürgermeister Bernd Wiegand bekräftigt dieses Ziel: "Wir möchten, dass die Nazis sich nicht einen Zentimeter bewegen." Der hallesche Oberbürgermeister greift sich das Mikrofon und spricht kurz zu den zahlreichen Menschen, die auf dem Platz zwischen Busbahnhof und Hauptbahnhof in Halle angekommen sind, um den Neonazis entgegen zu treten. "Halle ist bunt und vielfältig und wird das auch bleiben. Wenn wir es schaffen, dass die Nazis keinen Schritt vom Platz kommen, dann haben wir es geschafft." Diese Ankündigung trifft auf Zustimmung der Zuhörer. Es wird geklatscht und getrommelt.

Laute Reggae-Musik schallt über den Platz und Sprechchöre werden den sich versammelnden Teilnehmern der Neonazidemonstration auf der anderen Seite der Polizeiabsperrung am Bahnhofsausgang zugerufen.

Nierth: "Es ist Selbsthass bei euch, ihr lieben Nazis"

Markus Nierth, der ehemalige Bürgermeister von Tröglitz spricht auf der Demonstration vor dem Hauptbahnhof
Markus Nierth appelliert an die Zuhörer. Bildrechte: MDR / Martin Paul

Markus Nierth, der Theologe und ehemalige Bürgermeister von Tröglitz, spricht darüber, warum es für ihn wichtig ist, an der Mai-Demonstration teilzunehmen – obwohl er eher ungute Erinnerungen an die Kundgebungen aus DDR-Zeiten hat. "Die Rechten sind so hasserfüllt und ich habe mich oft gefragt, warum sie so sind. Ich glaube, die Ursache liegt in ihrer Kindheit, in den entscheidenden Monaten, in denen sie keine Anerkennung bekommen, in denen sie nicht ihre Kreativität entwickeln können. Es ist Selbsthass bei euch, ihr lieben Nazis. Schaut nach, was ihr wirklich in euren Herzen braucht und wollt."

Für Nierth ist das "nichtentwickelte Ich" der Hauptgrund für den Nationalsozialismus. Er appelliert an die Zuhörer: "Auch heute ist das in unserer Gesellschaft so. Kinder werden nicht zur Kreativität erzogen, sondern es geht nur um das Funktionieren. Und dabei fällt die politische Bildung völlig hinten runter. Passt auf, dass eure Kinder nicht auf der anderen Seite des Bahnhofes hier stehen."

"Jede Gelegenheit nutzen, um gegen Rechts zu mobilisieren."

Auf dem Bordstein am Busbahnhof, mitten im Gedränge von bunt, schräg und schwarz gekleideten Jugendlichen, sitzt auch Corinna Hohendorf. Die 65-Jährige ist gekommen, weil sie Angst vor dem Rechtsruck in Europa hat. "Es wichtig, jede Gelegenheit zu nutzen, um gegen Rechts zu mobilisieren", ruft sie, um die laute Musik zu übertönen.

Aber man kann noch etwas ganz anderes an diesem Tag lernen. "Was ist eine Demonstration?" Um diese Frage zu beantworten, ist Cornelia Mohr mit ihren beiden sechs und sieben Jahre alten Kindern unterwegs. "Der Ursprung für uns ist diese Frage meiner Kinder. Wir wollen live erleben, wie man einer Sache friedlich entgegentreten kann."

Hunderte Demonstranten haben sich auf dem Gelände des Zentralen Busbahnhofs vor dem Hauptbahnhof in Halle versammelt.
Hunderte Demonstranten haben sich vor dem Bahnhof versammelt. Bildrechte: MDR / Martin Paul

Und am Ende geht der Plan auf. An verschiedenen Punkten der Stadt und entlang der Marschroute der Rechten haben sich Gegendemonstranten versammelt. An der Ecke Merseburger-Straße/Raffinieriestraße ist eine Eilversammlung angemeldet und genehmigt worden. Die Neonazis kommen nicht vom Fleck und können den Platz vor dem Bahnhof nicht verlassen. Schließlich darf "Die Rechte" nur noch am Ort bleiben, Ausweichkundgebungen an anderen Orten in Sachsen-Anhalt werden nicht genehmigt. Schließlich löst sich die Kundgebung auf.

Für Katharina Nack ist das ein gutes Zeichen. Der Studentin ist es wichtig, ein Zeichen zu für eine offene Welt setzen. "Es wäre doch gut, wenn wir alle friedlich zusammenleben könnten", erzählt die 20-Jährige. "In Halle waren wir heute hier erfolgreich, aber es ist auch wichtig, sich weiter solidarisch zu zeigen."

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 01.05.2017 | 7:00 Uhr
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 01.05.2017 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/mp

Zuletzt aktualisiert: 01. Mai 2017, 20:18 Uhr

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61 Kommentare

03.05.2017 23:14 Eulenspiegel 61

Hallo Barbara das habe ich doch richtig erkannt. Aber bedenken sie mal die DDR Bürger konnten fast alle Westfernsehen sehen. Sie konnten somit den Westen, an Hand des Fernsehens sehr gut studieren. Weiter hat sich die DDR der BRD angeschlossen. Ich muss zugeben die BRD von außen betrachtet, aus der Position eines DDR Bürgers, das ist was ganz anderes als wenn man die BRD von innen, als BRD Bürger betrachtet. Und jetzt kommt für mich die Frage was hat das ganze mit den Flüchtlingen zu tun? Für mich jedenfalls nichts. Darüber sollten sie mal nachdenken. Mich würde interessieren zu welchen Erkenntnissen sie da kommen.



ANMERKUNKG MDR SACHSEN-ANHALT:
Dieser Artikel dreht sich um die Demonstrationen und Gegendemonstrationen vom 01. Mai in Halle - bitte kehren Sie zum Thema zurück.

03.05.2017 22:45 O-Perler 60

@56. (Radebeuler): Klar wurde auch auf Leute geschossen, die von West-Berlin aus die Mauer überwanden und derer dann die Grenzposten sonst nicht habhaft wurden. Die Wächter waren schließlich Deutsche (wenn auch mit schmückenden Beiworten), und der Befehl war eindeutig, die "territoriale Integrität der DDR" und "Unverletzlichkeit der Staatsgrenze" zu gewährleisten, und das wurde getan, koste es, was es wolle. Beispiel für West-Berliner Todesopfer: Gerald Thiem; und es war nicht das einzige (Googeln Sie selbst auf "chronik-der-mauer" weiter). Dito an der grünen Grenze. Noch ein Irrtum Ihrerseits: Auf der Ostseite des Grenzsperrgebiets wurde mit keinem Wort der Schußwaffengebrauch angedroht. Es stand nur etwas von "Militärischem Sperrgebiet", "Unbefugtes Betreten/Befahren verboten", "Bildliche Darstellung verboten" oder "Zuwiderhandlungen werden bestraft" auf den Warnschildern. Wo wäre der sozialistische Staat sonst hingekommen, wenn er sich schon im Hinterland dermaßen demaskiert hätte?


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03.05.2017 19:25 Barbara 59

@ 5 5 ja in der DDR gab es auch nicht so viele, viele Mißstände wie es jetzt gibt, da haben wir noch in Freiheit , Sicherheit, Anstand leben können !!!!!!!!!
( einen Fehler hat die DDR gemacht, sie hätten die Menschen reisen lassen sollen ) ja das war ein großer Fehler , aber wenn man 5 / 6 Jahre damals
studiert hat z. B. als Arzt auf kosten des Staates und danach gleich in den Westen abgehauen ist,
war nicht in Ordnung dann danach, so muß man dies auch mit sehen. Ansonstem konnte ich als Frau Nacht s alleine nach Hause laufen....................

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