Menschen stehen im Kreis auf einer Wiese in Halle rund um frisch gepflanzte Bäume.
Bäume als Erinnerung an die Spender: der "Park des Dankens, des Erinnerns und des Hoffens" auf der Saline-Insel in Halle Bildrechte: MDR/Martin Paul

Veranstaltung in Halle Organspende: "Du hast fünf Menschen Lebenszeit geschenkt"

In Halle gibt es einen Ort, wo an die Spender von Organen erinnert wird – den "Park des Dankens, des Erinnerns und des Hoffens". Hier ist am Montag den verstorbenen Organspendern und ihren Familien gedankt worden. Aus ganz Deutschland sind Angehörige und Organempfänger zusammen gekommen, um bei der ersten Veranstaltung dieser Art an die Spender zu erinnern.

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Martin Paul, MDR SACHSEN-ANHALT

Menschen stehen im Kreis auf einer Wiese in Halle rund um frisch gepflanzte Bäume.
Bäume als Erinnerung an die Spender: der "Park des Dankens, des Erinnerns und des Hoffens" auf der Saline-Insel in Halle Bildrechte: MDR/Martin Paul

"Lasst uns über den Tod reden. Er ist Teil des Lebens." Verena Jennicke ist aus Heiligenstadt im thüringischen Eichsfeld nach Halle an die Saale gekommen. Gemeinsam mit ihrer Freundin will sie dabei sein, wenn wieder Bäume in Erinnerung an Organspender gepflanzt werden. Für sie ist es ein Bedürfnis, Danke zu sagen. Danke dafür, dass sie jetzt etwas unbeschwerter leben darf.

Zwei Frauen stehen neben einem frisch gepflanzten Baum, eine von ihnen hält einen Spaten in der Hand.
Verena Jennicke (r.) ist nach Halle gekommen, um Danke zu sagen. Bildrechte: MDR/Martin Paul

"Ich habe Pankreas und Niere am 3. Dezember vor acht Jahren erhalten. Und am 2. Dezember zünde ich immer eine Kerze an", erzählt die 41-Jährige. "Denn ich weiß, dass jemand dafür gestorben ist." Darüber müsse man sprechen und nicht den Tod verschweigen. Denn, "irgendwann ist es zu spät."

Viele Menschen würden aus Bequemlichkeit oder anderen Gründen den Gedanken an den Tod zur Seite schieben, erklärt sie. Genauso wie die Frage, ob man Organe spenden möchte oder nicht. Dabei wäre es ihrer Meinung nach so wichtig, eine klare Entscheidung zu treffen und diese zu dokumentieren – schon allein, um den Angehörigen in einer schweren Stunde, nicht noch diese Entscheidung zuzumuten.

Gespendete Organe in Deutschland

Deutschlandweit geht die Anzahl der Menschen, die Organe spenden zurück. Das berichtet die Deutsche Stiftung Organspende. 2010 haben noch 868 Spender nach ihrem Tod Organe gespendet. 2018 waren es 650 Spender. Den niedrigsten Wert gab es 2017 mit 548 Spendern.

Auch die Anzahl der gespendeten Organe ist zurückgegangen: 2010 wurden 2.820 Organe gespendet, 2018 waren 2.126.

In Sachsen-Anhalt hält sich die Zahl der Spender auf etwa gleichem Niveau. 2010 gab es 33 Spender. 2018 ware es 39.

Nach Informationen der Techniker Krankenkasse benötigen insgesamt 329 Menschen in Sachsen-Anhalt ein neues Organ. Deutschlandweit stehen mehr als 9.000 Menschen auf der Warteliste von Eurotransplant.

Zentraler Ort des Dankes für ganz Deutschland

Seit zehn Jahren gibt es in Halle einen Ort, der den Spendern und ihren angehörigen gewidmet ist: den "Park des Dankens, des Erinnerns und des Hoffens".

Blick in einen Saal im Stadthaus in Halle, in dem Menschen in mehreren Reihen im Publikum sitzen.
Festveranstaltung in der Stadthalle am Markt in Halle Bildrechte: MDR/Martin Paul

Hier, auf der Saline Insel zwischen der Elisabeth-Saale und der Saale, werden Bäume gepflanzt, die als Symbol für die Organspende stehen – für das Leben und den Tod, für das Werden und Vergehen, erklärt Christa Wachsmuth von der Deutschen Stiftung Organtransplantation Ost (DSO Ost). "So wie sich der Baum in den Jahreszeiten verändert, verändert sich auch unser Leben und unsere Hoffnung", erzählt sie.

"Da wir die Angehörigen nicht kennenlernen dürfen, haben wir diesen Platz gefunden", ergänzt Hans-Dieter Solf, Vorsitzender des Vereins zur Förderung der Organspende und selbst Empfänger eines Spenderorgans. Und nun gibt es zum ersten Mal ein Treffen von Organempfängern, Angehörigen und Patientenvertretern auf bundesweiter Ebene hier an dieser Stelle in Halle.

"Für uns sind Organspender Lebensretter."

Etwa 160 Gäste, Angehörige von Spendern, Patienten und Empfänger sind aus der gesamten Bundesrepublik zu der Festveranstaltung in das Stadthaus am halleschen Markt und zur Baumpflanzung auf die Saline-Insel gekommen. Viele berichten hier über ihre ganz persönlichen Erfahrungen, ihre Trauer, aber auch ihre Freude und ihre Hoffnung.

Auf eine Pinnwand sind Fotos junger Menschen gepinnt, daneben Rosen.
Mehr Wertschätzung für die Spender – das zentrale Anliegen der Veranstaltung in Halle. Bildrechte: MDR/Martin Paul

"Mein Neffe war zwei Jahre alt, als ich operiert wurde. Jetzt ist er sechs. Das zu erleben, dafür bin ich unendlich dankbar", erzählt eine junge Frau. Sie wisse nichts über den Spender und dessen Familie. Aber sie könne hier sprechen. "Und mit großem Respekt sage ich allen Angehörigen: Von Herzen Dank dafür."

Was sie alle, Spender, Angehörige und Empfänger eine? "Uns verbindet die Entscheidung, Organe zu spenden. Für uns sind Organspender Lebensretter." Ein Mann drückt seine Hoffnung aus, mit Hilfe seines neuen Organs seine Enkel aufwachsen zu sehen. "Ich möchte Sport treiben und mit meiner Lebensgefährtin Zeit verbringen." Über ihren Sohn berichtet eine Mutter: "Du hast du durch deine Organspende fünf Menschen Lebenszeit geschenkt". Und eine andere Frau erzählt, dass ihr Kind mit seinen zwölf Jahren vier Menschen geholfen habe.

"Wir wollen die Angehörigen, die Spender in den Vordergrund rücken"

Axel Rahmel, medizinischer Vorstand der DSO, fasst in seiner Rede die Bedeutung des Treffens zusammen. Man brauche in Deutschland eine Kultur der Organspende. "Nicht, dass jeder spenden muss", erklärt er, "sondern dass Spender und ihre Angehörigen stärker wertgeschätzt werden." Aus diesem Grund habe man sich neben den bestehenden regionalen Veranstaltungen auch jetzt für eine bundesweite entschieden. "Und was lag da näher, als das hier in Halle zu machen."

Es ist ein Weg der Hoffnung, sich für die Spende bereitzuerklären.

Andrea Bauer, Deutsche Stiftung Organspende
Eine Frau steht an einem Tisch und lächelt in die Kamera.
Andrea Bauer: "Das Wichtigste ist, mit Freunden und Familie sprechen. Klarheit schaffen." Bildrechte: MDR/Martin Paul

Andrea Bauer arbeitet seit 16 Jahren für die Deutsche Stiftung Organspende. Für sie ist das Thema nicht nur Beruf, sondern eine Herzensangelegenheit. "Ich bin Christin und möchte Menschen immer helfen", erzählt sie am Rande der Feierstunde im Stadthaus in Halle. Ihr erster Mann sei gestorben und auch ihm seien Organe entnommen worden. "Natürlich erschrickt man. Es ist ein Mensch, es trauert eine Familie." Aber wenn man dann dieses Resultat sehe, dass Menschen weiterleben dürfen, dann mache das glücklich. "Es ist ein Weg der Hoffnung, sich für die Spende bereitzuerklären."

"Es ist wichtig, sich mit dem Thema Organspende auseinandersetzen"

Für sie steht fest: "Es ist wichtig, einen Organspenderausweis zu haben." Egal wie man sich entscheide, "es ist gut, wenn man als Angehöriger weiß, ob ein Mensch diesen Weg gehen wollte." Nirgendwo werde registriert, was in einem Organspende-Ausweis eingetragen sei. "Und auch wenn auf dem Ausweis etwas steht, wird immer noch mal gefragt. Man muss eine stabile Meinung haben – egal ob ja oder nein", erklärt sie.

Deswegen sei es wichtig, dass Menschen sich mit dem Thema Organspende auseinandersetzen. "Mit Freunden und Familie sprechen. Klarheit schaffen. Wenn man eindeutig darüber gesprochen hat, kann man das als Angehöriger viel besser akzeptieren", erklärt Bauer.

Deutsche Stiftung Organtransplantation

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) mit Hauptsitz in Frankfurt am Main ist die nach dem Transplantationsgesetz beauftragte Koordinierungsstelle für die postmortale Organspende in Deutschland. Die DSO-Region Ost umfasst die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Die Organisationszentrale und der Sitz der Geschäftsführenden Ärztin sind in Leipzig.

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Martin Paul im MDR-Landesfunkhaus Magdeburg Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Martin Paul ist Teil des Online-Teams von MDR SACHSEN-ANHALT – und ist begeistert von den Möglichkeiten und Ausdrucksformen des digitalen Journalismus – Daten und Code, Visualisierung und Video, Longread und Ticker, Social-Media und Dialog. Was ihn umtreibt? Besonders die Frage, wie man das Netz frei und offen gestalten und Teilhabe garantieren kann.

Online-Journalismus hat er im Studiengang Multimedia & Autorschaft an der Universität in Halle und bei der Mitteldeutschen Zeitung gelernt. An der Universität in Leipzig hat er Kulturwissenschaften und Literaturwissenschaft studiert.

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 30. September 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. September 2019, 19:56 Uhr

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