Braunkehlchen
Das Braunkehlchen ist bei uns fast verschwunden. Bildrechte: Colourbox.de

Artensterben "Man sieht erschreckende Dinge"

Die Deutsche Ornithologen-Gesellschaft feiert in Halle ihr 150-jähriges Jubiläum. Die Vielfalt der Vogelwelt nehme ab und die Landwirtschaft sei der Hauptfeind der Vögel: Dr. Frank Steinheimer, Ornithologe und Leiter des Zentralmagazins Naturwissenschaftlicher Sammlungen der Uni Halle, im Interview.

Braunkehlchen
Das Braunkehlchen ist bei uns fast verschwunden. Bildrechte: Colourbox.de

MDR SACHSEN-ANHALT: Warum kommen die Mitglieder der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft gerade nach Halle?

Ornithologe Frank Steinheimer: Halle wurde ausgewählt, die 150. Jahresversammlung der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft auszurichten, weil sich diese Gesellschaft vor über 150 Jahren hier in der Region gegründet hat, im nahen Leipzig. Außerdem hat hier eine ornithologische Tradition mit Naumann in Köthen und Brehm in Renthendorf existiert.

In Mitteldeutschland gab es also genug Vögel, die Vogelfreunde begeistern konnten?

Die Region um Halle herum ist ornithologisch eine der herausragendsten Gebiete in Deutschland. Wir haben hier knapp 150 Brutvogelarten, das wird nur noch von ganz wenigen Stellen an der Elbe und in Mecklenburg-Vorpommern erreicht. Insofern ist es eine ausgezeichnete Gegend für Ornithologen, die rausgehen und tolle Vögel sehen. Aber Ornithologie ist heute wesentlich mehr. Es ist eine Wissenschaft, die als Beispielwissenschaft die ganze Evolutionsbiologie und die Erkenntnis dazu gefördert hat. Und es ist eine Wissenschaft, die wir heute für den Naturschutz brauchen, weil Vögel extrem gute Indikatoren für Klimawandel und für Landnutzungsänderungen sind.

Wie gut oder schlecht geht es den Vögeln bei uns?

hungriges Lerchenküken
Ein Lerchenküken hat Hunger. Bildrechte: IMAGO

Wenn man den Brutvogelatlas der deutschen Vögel anschaut, dann sieht man, dass der Westen schon vor 30 bis 40 Jahren die Vielfalt der Vogelwelt eingedämmt oder auch teilweise verloren hat. Und wir ziehen jetzt in Ostdeutschland nach. Es wird hier intensiver Landwirtschaft getrieben – mit sehr viel Pestizid- und Düngeeinsatz. Da fehlen dann die großen Insekten in Bodennähe. Alle Vögel, die große Insekten zum Aufziehen ihrer Jungvögel brauchen, haben hier Probleme bekommen. Das sind die Feldlerchen, das sind die Neuntöter, das sind die Rebhühner, die um Halle herum so gut wie verschwunden sind. Auch das Braunkehlchen ist so gut wie weg. Profitieren können hier um Halle die Jäger von Fluginsekten, die sich vor allem im Wasser entwickeln. Wie zum Beispiel der Bienenfresser. Der macht sich als Neuankömmling hier sehr gut.

Der heimliche Wappenvogel von Sachsen-Anhalt ist der rote Milan, weil er früher so oft vorkam. Ist er heute auch bedroht?

Rotmilan
Rotmilane finden in der Natur kaum noch Nahrung. Sie müssen in die Städte ausweichen. Bildrechte: MDR/Frank Koschewski

Der Bestand des roten Milans hat in den letzten Jahren extrem abgenommen und man sieht sehr erschreckende Dinge. Wir haben einige Tiere um Halberstadt herum telemetriert, das heißt, sie können digital verfolgt werden. Man sieht, dass die Milane außerhalb der Stadt brüten, ihre Nahrung aber fast zu 100 Prozent in der Stadt suchen, weil draußen in der freien Landschaft nichts mehr zu holen ist. Der Rotmilan ernährt sich dann eben nicht mehr von Säugetieren, sondern vor allem auch von Taubenjungen – und das ist teilweise nicht gesund. Die sind Überträger von einigen Krankheiten. Damit tun sich noch viele andere Probleme auf.

Was ist aus Ihrer Sicht das größte Problem?

Es gibt sehr strikte Naturschutzgesetze, es gibt sehr starke Vorlagen – aber die treffen nicht die Landwirtschaft. Die Landwirtschaft ist in Deutschland immer noch sehr frei in dem, wie sie agiert. Es gibt Grenzwerte, die für den Naturschutz viel zu hoch liegen, zum Beispiel was Düngung anbelangt. Jeder Steinbruchbesitzer oder Kohlegrubenbesitzer wird wesentlich mehr reglementiert, muss jede Zauneidechse umtragen. Aber ein Landwirt kann Gifte aufsprühen, die auch den Menschen in seiner Gesundheit gefährden. Das ist nicht verhältnismäßig.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 30.09.2017 | 12:00 Uhr

Quelle: MDR/lk

Zuletzt aktualisiert: 29. September 2017, 15:40 Uhr

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