Aus der Redaktion Nutzer-Kommentare zum Halle-Anschlag: Zwischen Schock und Antisemitismus

Etwa eine Woche liegt der Anschlag von Halle jetzt zurück. MDR SACHSEN-ANHALT hat ausführlich darüber berichtet und die Nutzer viel kommentiert. Online-Chef Frank Rugullis und Social Media-Redakteur Max Schörm berichten aus Sicht der Redaktion vom Tag des Anschlags und den Momenten danach. Sie geben Einblick in Nutzer-Kommentare, die sowohl gespickt sind von Schock und dem Versuch, andere zu beruhigen, als auch Antisemitismus und Hass beinhalten.

Collage zweier Facebook-Kommentare zum Anschlag in Halle.
Collage zweier Facebook-Kommentare zum Anschlag in Halle. Bildrechte: MDR/Johanna Daher

Wie habt ihr die Kommentare zum Anschlag in Halle wahrgenommen?

Max Schörm
Max Schörm hat am Tag des Halle-Anschlags als Social Media-Redakteur gearbeitet. Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Max Schörm: "Die meisten Nutzer waren geschockt. Es ging auch so mit den ersten Kommentaren los: 'Wie kann das passieren?' 'Ausgerechnet Halle' – das hat man immer wieder gelesen, dass die Leute sich nicht vorstellen können, dass es in ihrer Stadt passiert. Es wurden auch relativ schnell Verbindungen zu anderen, ähnlichen Attentaten gezogen, unter anderem auch Christchurch. Da wusste man ja erst später, dass es auch ein wenig daran angelehnt war. Da hieß es immer, dass das so weit weg war. Und jetzt ist es auf einmal bei uns. Das konnten viele Leute nicht fassen. Was krass war: Beim ersten Artikel, der auf die Seite ging, kam sofort die Frage nach der Nationalität des Täters. Es ging nicht um die Opfer oder darum, ob noch eine Gefahrenlage besteht. Darauf kamen dann ganz viele Reaktionen von anderen Usern, die gesagt haben: 'Darum geht's ja gar nicht, das ist total sekundär." Und als es sich dann geklärt hat, dass es sich wahrscheinlich um einen Deutschen handelt, ist das Ganze wieder eingeschlafen. Auch wenn das der erste Kommentar war, war die generelle Stimmung: Alle waren geschockt."

Wie geht MDR SACHSEN-ANHALT denn generell mit der Nennung der Nationalität um?

Frank Rugullis
Frank Rugullis war während des Anschlags Chef vom Dienst in der Online-Redaktion. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Frank Rugullis: "Die Debatte wird ja seit Jahren intensiv geführt. Es gibt diese Formulierung, dass es einen unmittelbaren Bezug zum Thema geben muss, damit die Nationalität genannt wird oder eben auch nicht. Die Erfahrung in der Praxis zeigt, dass wir jedes Mal wieder darüber diskutieren. Also ob es den Bezug gibt oder nicht. Ich würde zunehmend dazu tendieren, die Nationalität eher nicht zu nennen. Unsere Erfahrung war, dass wir zum Höhepunkt der Flüchtlingsbewegung nach Deutschland bei den dann anschließenden Verbrechen immer gesagt haben, dass wir die Nationalität nennen. Und zwar, weil das Thema "Flüchtlinge" so ein weitgehendes Thema war, zum Beispiel mit der Frage, wie viele Flüchtlinge in Deutschland aufgenommen werden sollen. Aber mittlerweile finde ich, dass sich das Thema stark relativiert hat und es einfach nicht mehr entscheidend ist, bei den Straftaten die Nationalität nennen zu müssen."

Ich weiß, es ist nicht ganz vergleichbar mit Halle, allerdings gab es ähnlich viele und negative Kommentare damals zu dem Tod des 22-Jährigen in Köthen. Zwei Afghanen standen dabei als Täter im Fokus. Habt ihr da Unterschiede bei den Kommentaren bemerkt, wenn man Halle und Köthen vergleicht?

Rugullis: "Also ich hatte ja die Tage Dienst als Online-CvD [Anmerkung: Chef vom Dienst] und mir hat das schon zu denken gegeben, wie viele negative Kommentare es gab. Ich finde, Köthen war eine ähnliche Kommentarlage, aber hier mit Halle am Tag des Anschlags und dem Tag danach, war die Kommentarkultur schon kritisch. Als Unternehmen haben wir das Ziel, dass wir den gesellschaftlichen Diskurs fördern wollen. Wir wollen den Leserinnen und Lesern Argumente liefern und sie zur Teilhabe animieren."

Schörm: "Wenn ich ein Wort zu jedem sagen müsste, wäre es bei Köthen 'Hass' und bei Halle 'Schock'. In den Tagen nach dem Anschlag in Halle, gab es aber auch dort Kommentare mit Hass und Beleidigungen."

Unterschiedliche Meinungen Halle-Anschlag: So haben Nutzer auf Facebook darauf reagiert

Auf den Anschlag in Halle hat jeder anders reagiert, unter den Artikeln von MDR SACHSEN-ANHALT wurde dementsprechend viel diskutiert. Das sind beispielhafte Kommentare, die Nutzer auf Facebook verfasst haben.

Facebook-Kommentar Halle-Anschlag
Kommentator M. zeigt sich auf Facebook geschockt und kritisiert die Gesellschaft. Bildrechte: MDR/Johanna Daher
Facebook-Kommentar Halle-Anschlag
Kommentator M. zeigt sich auf Facebook geschockt und kritisiert die Gesellschaft. Bildrechte: MDR/Johanna Daher
Facebook-Kommentar Halle-Anschlag
Im Kommentar von C. lässt sich hingegen eine antisemitische Richtung erkennen. Es wurde ein Anschlag auf eine Synagoge begangen und er denkt nur an die aus seiner Sicht "Normalbürger", zu denen er die Juden nicht zählt. Bildrechte: MDR/Johanna Daher
Facebook-Kommentar Halle-Anschlag
Gleichzeitig gibt es aber auch Personen, die für eine positivere Stimmung im Kommentarbereich sorgen. Genau für solche Menschen, wie A., sind wir bei MDR SACHSEN-ANHALT sehr dankbar, da sie keinen Hass schüren. Bildrechte: MDR/Johanna Daher
Facebook-Kommentar Halle-Anschlag
Allerdings reagieren nicht alle Kommentatoren so, sondern einige äußern sich wie in diesem Beispiel. Bildrechte: MDR/Johanna Daher
Facebook-Kommentar Halle-Anschlag
Immer wieder versuchen Kommentatoren, den Rechtsextremismus zu schützen und Flüchtlingen die Schuld zu geben. Das wird nicht nur bei den Artikeln zum Anschlag in Halle deutlich, sondern beobachtet die Online-Redaktion immer wieder. Bildrechte: MDR/Johanna Daher
Facebook-Kommentar Halle-Anschlag
Als Redaktion wollen wir gerne mit den Nutzern in eine konstruktive Diskussion treten. Ein Gespräch, das nicht von Hass-Kommentaren und antisemitischen Meinungen gespickt ist. Sondern das Argumente liefert und die Gesellschaft weiterbringt. Bildrechte: MDR/Johanna Daher
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Bei uns in der Online-Redaktion des MDR SACHSEN-ANHALT ist es ja so geregelt, dass wir bei Kommentaren mitdiskutieren und wenn sie Beleidigungen und Ausländerfeindlichkeit beinhalten, diese auch löschen. Musstest du als Social-Media-Redakteur bei Halle sehr oft eingreifen?

Schörm: "Wir haben relativ viel mitdiskutiert. Das lag daran, weil wir am Anfang damit beschäftigt waren, zu berichten, was wir bisher wissen und was nicht. Nutzer haben uns dann auch Bilder, Informationen und Videos geschickt. Wir mussten ihnen erklären, dass, nur weil sie uns dieses Video oder Bild schicken, wir das nicht gleich veröffentlichen, sondern dass wir abwägen müssen: Ist das nur Sensationslust? Ist das Bild überhaupt das richtige Bild? Haben sie das Bild selber gemacht? Haben wir da die Rechte dran? Also da mussten wir viel erklären. Auch, dass wir zum Zeitpunkt nicht mehr wissen, als wir schreiben. Dann kamen viele mit einzelnen Gerüchten und wollten, dass wir die bestätigen oder dementieren. Damit waren wir sehr beschäftigt."

Rugullis: "Was ich sehr bedenklich fand, war die hohe Zahl an antisemitischen Äußerungen. Einige Sachen haben wir gelöscht, andere waren im Bereich unserer Netiquette, also haben die Kommentare freigegeben und darauf reagiert. Es ging, genau wie bei "Hart aber Fair" diskutiert wurde, um die Rolle von jüdischen Mitbürgern, die Schuldfrage und welche Aufgabe die Gesellschaft jetzt gegenüber jüdischen Gemeinden hat. Der weite Bogen wurde auch bis zum Holocaust gezogen. Das ist sehr negativ aufgefallen. Das fand ich sehr ärgerlich."

Schörm: "Das hat auch gezeigt, dass Antisemitismus immer noch ein Thema ist, gerade weil es manche Leute scheinbar nicht wissen. Eine Person hat beispielsweise in den Kommentaren gefragt: 'Wieso sollen wir Deutsche Geld dafür bezahlen, dass die Gotteshäuser von den Juden beschützt werden?' Wo ich mir gedacht habe: Wieso unterscheidest du zwischen Deutschen und Juden? Das funktioniert nicht. Ich glaube die Person weiß gar nicht, was sie damit transportiert. Wir haben das nicht gelöscht. Aber wir haben ihr dann erklärt, dass das genauso Deutsche sind, wie du und ich. Und selbst wenn es keine Deutschen wären, muss der Staat dafür sorgen, dass jeder in Deutschland sicher ist. Und das war sehr erschreckend, dieser unterschwellige Antisemitismus."

Natürlich gab es sehr viele negative Aussagen. Wenn man aber so in die Kommentarspalten schaut, so hatte ich zumindest das Gefühl, gab es auch positivere. Zum Beispiel Personen, die andere beruhigt haben und meinten, dass sie erstmal abwarten sollen, bis mehr bekannt ist. Wie habt ihr das erlebt?

Schörm: "Ja, die gab es. Und denen sind wir auch sehr dankbar. Sie Sorgen damit auch dafür, dass die Stimmung in unseren Kommentarspalten nicht überkippt. Solche Leute habe versucht, die Diskussion wieder auf eine sachliche Ebene zu bringen. Es hat nicht so gut funktioniert, wie wir uns das wünschen würden. Was man gemerkt hat: Die Posts, die dann unter diesen Kommentare kamen, waren viel weniger giftig, als es beispielsweise in Köthen vor einem Jahr war."

Rugullis: "Was ja immer wichtig ist, als Social Media-Redakteur und als Online-Chef, dass man sich vor Augen führt, dass die Mehrheit der Nutzer nicht die Artikel kommentieren, sondern stille Mitleser sind. Man darf nicht immer in die Falle tappen, dass man denkt, dass die Kommentierenden die gesamten Nutzer sind. Ich finde es immer gut, wenn Nutzer unsere Moderatoren-Rolle übernehmen, Argumente bringen und in den Dialog gehen. Ich habe auch das Gefühl – und das war bei Köthen und ist bei Halle so –, dass die Leute, die kluge Kommentare schreiben und eine offene Debatte wollen, durchaus da sind."

Was können wir als Online-Redaktion für Social Media aus der Berichterstattung über Halle lernen?

Rugullis: "Ich glaube, was wichtig ist, ist, dass wir früher überlegen müssen, ob wir noch mehr Leute brauchen. Dass wir beispielsweise das Social Media-Team noch mehr verstärken. Dass wir uns erneut Alarmpläne anschauen und jetzt nochmal im Team unsere Arbeit zum Halle-Anschlag auswerten. Ich hoffe natürlich, dass so etwas nicht noch einmal passiert. Trotzdem können wir auch unsere Berichterstattung noch einmal kritisch diskutieren und daraus lernen."

Die Fragen stellte Johanna Daher, Online-Redakteurin bei MDR SACHSEN-ANHALT.

Quelle: MDR/jd

Zuletzt aktualisiert: 19. Oktober 2019, 13:28 Uhr

2 Kommentare

MDR-Team vor 3 Wochen

Leider stimmt das nicht so ganz. Laut dem wissenschaftlichen Konzept der Informationsblase/Filterbubble sehen nicht alle Menschen alle Nachrichten mit allen genannten Nationalitäten. Wer also viele ausländische Straftäter sehen will, sieht nur noch diese – auch wenn die Straftaten keinen Bezug zur Nationalität haben. Das bedeutet, es würden so Vorurteile noch weiter zementiert werden. Außerdem wird gerade in den Kommentarspalten oft nicht zwischen einem Tatverdächtigen und einem verurteilten Täter unterschieden. Auch so entsteht ein falsches Bild. Wir schützen Minderheiten vor Vorurteilen. Wenn die Nationalität jedoch wichtig ist, um die Tat zu verstehen, nennen wir sie.

Dynamo vor 3 Wochen

Frank Rugullis: "Ich würde zunehmend dazu zu tendieren, die Nationalität nicht zu nennen." Aber warum denn nicht ? Wer etwas Strafbares begeht, hat auch dafür geradezustehen, egal ob Deutscher oder Ausländer. Wenn keine Nationalität benannt wird, denken nach meiner Auffassung 80 … 90 % der Deutschen, es waren Ausländer. Es geht nur darum, dass kein Hass gegenüber den Ausländern geschürt wird. Aber gerade, dass das Verschwiegen wird, werden die Gedankengänge vertieft. Damit erreicht man genau das Gegenteil, was mit der Nichtnennung bezweckt wird. Da MDR.de RED Kommentare nur zwischen 08:30 Uhr und 18 Uhr bearbeitet, bitte ich diesen Kommentar am 20.10.2019, ab 08:30 Uhr zu bearbeiten. Danke 19.10.2019, 21:12

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