Abschied nehmen trotz Abstandsregeln Bestattungen in Corona-Zeiten: Unter freiem Himmel

Marie-Kristin Landes
Bildrechte: MDR/Jacqueline Schulz

Der Tod eines geliebten Menschen ist eine der schmerzhaftesten Erfahrungen, die wir im Leben machen müssen. Die Trauerzeremonie ist für viele unwirklich, hilft aber auch dabei, Abschied zu nehmen und den Tod zu verarbeiten. Doch was ist, wenn diese Zeit noch zusätzlich belastet wird? Das Coronavirus und die damit einhergehenden Beschränkungen überschatten auch den Tod. Wie Trauernde und Bestatter damit umgehen.

Ein weißes Blumengesteck liegt auf einem Sarg aus hellem Holz.
Trauerfeiern dürfen aktuell nur im engsten Kreis stattfinden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Christian Funke ist Bestatter in Wallwitz, einem Ortsteil von Petersberg bei Halle. Gleich am Eingang des dortigen Friedhofs steht die imposante Dorfkirche. Doch die schwere Tür ist verschlossen. Nicht nur hier, in ganz Sachsen-Anhalt dürfen derzeit weder in Kirchen, noch in Trauerhallen oder Kapellen Zeremonien stattfinden. Für Bestatter bedeutet das: Trauerfeiern nur noch unter freiem Himmel.

Porträtaufnahme des blonden Bestatters Christian Funke im taubenblauen Anzug mit Krawatte.
Trauerfeiern unter erschwerten Bedingungen, auch für Bestatter wie Christian Funke herausfordernd. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Funke erklärt, wie Bestattungen derzeit ablaufen. "Wir bauen unsere Dekoration auf, wie wir es gewohnt sind. Wir suchen uns einen schönen Fleck auf dem Friedhof. Wenn das Wetter nicht so schön ist, haben wir noch einen großen Pavillon, damit wir einen Wetterschutz haben für die Dekoration und für die Trauergäste."

Es ist nicht die einzige Veränderung. Abstand halten, das gilt derzeit auch bei Bestattungen und Beisetzungen. So müssen Angehörige und Freunde nicht nur draußen und vor allem weiter auseinander stehen. Es dürfen auch nur noch wenige kommen.

Einschränkungen bis in den Tod

Sachsen-Anhalts zweite Verordnung zum Coronavirus legt fest, dass an Trauerfeiern derzeit "nur der engste Freundes- und Familienkreis der oder des Verstorbenen, der Trauerredner oder Geistliche und das erforderliche Personal des Bestattungsunternehmens" teilnehmen dürfen.

Doch wie viele Personen sind der engste Kreis? Eine Antwort darauf ist in der Verordnung nicht zu finden. Bei Bestatter Funke sind insgesamt zehn, allerhöchstens 15 Personen erlaubt. Andere würden es ähnlich halten, sagt er.

Eine nun noch anspruchsvollere Arbeit

Porträtaufnahme der dunkelhaarigen Bestatterin Ulrike Funke im Grünen mit schwarzer Daunenjacke.
Einfach anrufen, rät Bestatterin Ulrike Funke. Reden fällt schwer, hilft aber die Trauer zu verarbeiten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bestatter – ein ohnehin schon anspruchsvoller Job. Zwischen Anteilnahme und Einhaltung der neuen Vorschriften die Balance zu finden, macht ihn nicht leichter. "Wenn die Leute bei uns anrufen und sagen, dass es ein Haussterbefall ist, dann müssen wir sofort fragen, ob jemand in der Familie erkrankt an Corona ist oder ob sie sich in Quarantäne befinden," erzählt Bestatterin Ulrike Funke.

Auch müssten sie auf dem Friedhof während Trauerzeremonien jetzt immer Desinfektionsmittel bereitstellen und eine Teilnehmerliste führen. "Da müssen sich alle Trauergäste eintragen mit Name, Adresse, Telefonnummer", sagt die Bestatterin. Vier Wochen werden die Listen aufgehoben und bei einer Corona-Infektion an das Gesundheitsamt übermittelt.

Schutzausrüstungen für den Fall einer Erkrankung

Und auch für den Fall, dass ein Verstorbener selbst mit dem Virus infiziert ist, sind die Bestatter aus Wallwitz vorbereitet. Ein, zwei Schutzausrüstungen müsse er immer vorrätig haben, sagt Christian Funke. Derzeit habe er etwa 20. Schon im Januar, als Corona noch allein in China wütete, habe er sein Lager aufgefüllt – aus einem Gefühl heraus.

Gesichtsschutz, Atemschutzmaske, Füßlinge für die Schuhe, ein Overall, Hände- und Flächendesinfektion und Handschuhe für die Bestatter. Mundschutz und ein spezieller Körperschutz für den Verstorbenen. Ein abschreckendes Bild – auch für Christian Funke. "Das mag jetzt vielleicht alles utopisch wie im Film aussehen, aber es ist ein notwendiges Übel. Wir sind ja nicht am Ende der Kette. Wenn ich zum Krematorium fahre, sind da auch Mitarbeiter, die ich schützen muss," sagt er. Und hofft zugleich, dass er diese Schutzausrüstung kein einziges Mal verwenden muss.

Porträtaufnahme des blonden Bestatters Christian Funke im taubenblauen Anzug mit Krawatte.
Nur ein kleiner Teil der Schutzausrüstung, die Bestatter im Lager haben müssen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Verständnis für Maßnahmen von Trauernden

Negative Reaktionen auf die derzeitigen Beschränkungen haben Christian Funke und seine Frau bisher nicht bekommen. "Die Leute wollen sich ja auch nicht infizieren und wollen Rücksicht nehmen auf die, die mitkommen", erzählt Ulrike Funke.

Eine zusätzliche Herausforderung während der auch ohne Corona schon emotional schwierigen Zeit sei es trotzdem. Zeremonien nur im engsten Kreis, ohne wohltuende Umarmungen, ohne gemeinsames Trauermahl.

Trauerfeier im Stream: unkonventionelle Lösungen in extremen Zeiten

Ein Smartphone ist auf einem Stativ befestigt, im Hintergrund ein Friedhof.
Digital bedeutet nicht pietätlos. Eine Trauerfeier kann auch würdevoll gestreamt werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Natürlich kann so etwas nachgeholt werden. Doch wie fühlt sich eine solche Feier an, Monate später? Könnte auch hier, wie in derzeit so vielen Bereichen, die Technik eine Brücke bauen?

Vielleicht. In der vergangenen Woche haben die Funkes zum ersten Mal eine Trauerfeier mit dem Smartphone aufgenommen. "Es war halt so, dass die Kinder und Enkelkinder nicht in Deuschland lebten und jetzt durch diese Reisebeschränkung nicht die Möglichkeit hatten, zur Trauerfeier hierher zu kommen", erzählt Christian Funke. "Dann haben wir uns mit der Familie zusammengesetzt und eine Lösung gesucht – und die gefunden, mit einem Smartphone die Trauerfeier zu streamen."

Es ist eine unkonventionelle Lösung, die sicher nicht für jeden etwas ist. Es ist aber auch eine außergewöhnliche Zeit. "Die Trauer an sich ändert sich nicht. Es ist eben nur eine Lösung, die Möglichkeit zu bieten, virtuell dabei zu sein. Dass auch die Abschied nehmen können von ihren Verstorbenen, die nicht dabei sein können," sagt Ulrike Funke. Schon jetzt steht fest: Es wird nicht ihre letzte digitale Trauerfeier sein.

Marie-Kristin Landes
Bildrechte: MDR/Jacqueline Schulz

Über die Autorin Marie-Kristin Landes ist in Dessau-Roßlau geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur zog es sie für ein Politikstudium erst nach Dresden, dann für den Master Journalistik nach Leipzig. Praktische Erfahrungen sammelte sie bei der Sächsischen Zeitung, dem ZDF-Auslandsstudio Wien und als freie Mitarbeiterin für das Onlineradio detektor.fm. Nach ihrem Volontariat beim Mitteldeutschen Rundfunk arbeitet sie jetzt vor allem für MDR Kultur und das Landesfunkhaus Sachsen-Anhalt. Wenn sie nicht gerade für den MDR unterwegs ist, ist sie am liebsten einfach draußen. Zwischen Meer oder Berge kann sie sich dabei genauso wenig wie zwischen Hund oder Katze entscheiden.

Quelle: MDR/mkl

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 04. April 2020 | 19:00 Uhr

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