Düngemittelproduktion Klärschlamm in Beuna: "Wir möchten nicht zur Kloake für ganz Deutschland werden"

Abfallwirtschaft oder Tourismus? In Beuna bei Merseburg soll in Zukunft ein Großteil des in Deutschland anfallenden Klärschlamms aufbereitet oder verbrannt werden. Dagegen kämpft eine Bürgerinitiative schon seit zwei Jahren. Die Stadt Merseburg will nun gegen die Anlage klagen.

Ein Bauer bringt Gülle auf einem Feld aus.
Statt Klärschlamm auf die Felder zu verteilen, soll daraus in Beuna Phosphor für Düngemittel gewonnen werden. Bildrechte: imago/McPHOTO

Seit fast zwei Jahren engagiert sich eine Bürgerinitiative gegen den geplanten Bau einer Klärschlammanlage im Merseburger Ortsteil Beuna. Mittlerweile hat die Initiative fast 700 Unterstützer. Die Anwohner fürchten um den sich langsam etablierenden Tourismus im Naherholungsgebiet rund um den Geiseltalsee. Eine weitere Sorge: Dass sich nach dem Kohleabbau wieder Lärm und Gestank in der Region festsetzen.

Abfälle aus ganz Deutschland

Klärschlamm ist ein Abfall, der in Kläranlagen anfällt. In der geplanten Anlage in Beuna soll aus dem Klärschlamm Phosphor für Düngemittel gewonnen werden. Um diese Anlage auszulasten, muss aus ganz Deutschland Klärschlamm nach Beuna gefahren werden. 90 Prozent der Klärschlämme sollen überregional bezogen werden und zehn Prozent aus regionalen Anlagen kommen, so die Antwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage der AfD vom Juli 2018 (7/3166).

Phosphor aus Klärschlamm

Wenn Abwasser in Kläranlagen behandelt wird, entsteht Klärschlamm. Klärschlamm ist also das Produkt, das am Ende in einer Kläranlage übrig bleibt. Dieser Schlamm enthält den wichtigen Rohstoff Phosphor. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums ist Phosphor für die Herstellung von Düngemitteln unersetzlich. Seit dem 26. Mai 2014 werde Phosphor von der Europäischen Union als "kritischer Rohstoff" geführt. Das heißt, es ist ein Rohstoff "mit hohem Versorgungsrisiko und großer wirtschaftlicher Bedeutung".

Eine Person hält ein Häufchen getrockneten Klärschlamm in der Hand.
Wertvoller Rohstoff Klärschlamm: Aus dem getrockneten Abfällen kann Energie und Phosphor gewonnen werden. Bildrechte: imago/Melanie Bauer

Die Sprecherin der Bürgerinitiative, Doris Arndt, sagte MDR SACHSEN-ANHALT, man sei nicht gegen Recycling und Rückgewinnung von Rohstoffen – "aber bitte dort, wo der Abfall auch anfällt".

Es könne nicht sein, dass in Zeiten des Klimawandels und der CO2-Einsparung Abfall aus Bayern oder Baden-Württemberg nach Sachsen-Anhalt gefahren werde. Schon jetzt habe man in Sachsen-Anhalt viermal so hohe Verwertungskapazitäten wie Klärschlamm hier im Bundesland überhaupt anfalle.

Wir möchten hier in Sachsen-Anhalt nicht zur Kloake für ganz Deutschland werden.

Doris Arndt, Sprecherin der Bürgerinitiative

Kapazitäten der geplanten Klärschlammanlage

Laut Landesverwaltungsamt soll die geplante Anlage knapp 320 Tonnen Klärschlamm pro Tag trocknen und fast vier Tonnen pro Stunde verbrennen können – das sind 96 Tonnen in 24 Stunden. Aus der Verbrennungsasche soll anschließend pro Tag etwa 63 Tonnen Phosphatdünger hergestellt werden, so das Landesverwaltungsamt.

Die Lagerkapazitäten für die die Zwischenlagerung von angeliefertem Klärschlamm beträgt 850 Tonnen.

Merseburg plant Klage gegen Anlage

Das Landesverwaltungsamt in Halle hat trotz des Widerstandes den Bau der Klärschlammanlage Ende Dezember 2019 genehmigt. Doch die Stadt Merseburg plant nun, Klage gegen den Bescheid einzulegen. Die Stadträte wollen auf ihrer nächsten Sitzung am 20. Februar darüber endgültig entscheiden.

Menschen sitzen in einer Halle und folgen einer Power-Point-Präsentation.
Seit Mai 2018 engagiert sich die Bürgerinitiative gegen die Anlage. (Archiv) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die frühere Ortsbürgermeisterin von Beuna und heutige Stadträtin in Merseburg, Alexandra Schöbel (SPD), ist froh über diese Entwicklung. Sie sagte MDR SACHSEN-ANHALT, dass sie Entscheidung des Landesverwaltungsamtes nicht nachvollziehen könne. "Wenn man eine Verbrennungsanlage genehmigt, dann kommen auch andere dazu." Die Bürgerinitiative unterstütze die Klage der Stadt Merseburg.

Ein anderes Mitglied der Bürgerinitiative betont, dass die geplante Anlage nicht nur die Dörfer der Umgebung betreffen würde. "An der Stelle, wo das gebaut werden soll, ist von Osten her das Einfallstor zum Geiseltalsee. Und da begrüßen wir die Touristen mit einer Klärschlammverbrennungsanlage", sagte er MDR SACHSEN-ANHALT. Eine Klärschlammverbrennungsanlage in Beuna sei einfach nicht mehr zeitgemäß.

Hier wird in Sachsen-Anhalt Klärschlamm verarbeitet

In der Antwort der Landesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen (7/3244) werden folgende Standorte für Trocknung und Verbrennung von Klärschlämmen aufgeführt:

Standort Anlage Durchsatz Betreiber
Zorbau Klärschlammtrocknung 625 t/d und 75.000 t/a SUEZ Energie und Verwertung GmbH
Greppin Klärschlammtrocknung/ Klärschlammverbrennung 1,9 t/h und 16.607 t/a (Trockensubstanz) GKW Bitterfeld-Wolfen GmbH
Schkopau Klärschlammentwässerung/ Klärschlammverbrennung 15 t/h und 5.475 t/a (Trockensubstanz) SUEZ Sonderabfallgesellschaft mbH

Folgende Standorte sind geplant oder im Bau:

Standort Anlage Durchsatz Betreiber
Bitterfeld Klärschlammtrocknung/ Klärschlammverbrennung   0,5 t/h und 25.000 t/a (Trockensubstanz) KSR Klärschlammrecycling Bitterfeld-Wolfen GmbH
Beuna/Frankleben Klärschlammtrocknung/ Klärschlammverbrennung 319,92 t/d und 100.000 t/a (Trocknung)/ 3,92 t/h (Verbrennung - Trockensubstanz) Wiese Umwelt Service GmbH
  Phosphatdüngerherstellung 62,88 t/d  
Döllnitz Klärschlammtrocknung/ Klärschlammverbrennung 16.600 t/a und 2,9 t/h (Trockensubstanz) Sludge2energy GmbH

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 08. Februar 2020 | 08:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Februar 2020, 12:13 Uhr

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