Rassismus in der DDR Bis heute ungeklärt: Der gewaltsame Tod von Delfin Guerra und Raúl Garcia Paret in Merseburg

12. August 1979: Die Vertragsarbeiter Delfin Guerra und Raúl Garcia Paret aus Kuba ertrinken in der Saale in Merseburg. Zuvor gab es gewalttätige Auseinandersetzungen, sie werden durch die Stadt gejagt und rassistisch bedroht. Bis heute ist der gewaltsame Tod nicht aufgeklärt. Die "Initiative 12. August" erinnert am 41. Jahrestag an das Geschehen und fordert einen öffentlichen Gedenkort.

Rosa Paret hält schwarz-weiß Bild ihres Sohnes Raul Garcia Paret in den Händen
Rosa Paret hält ein schwarz-weiß Bild ihres Sohnes Raúl Garcia Paret in den Händen. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann

Anlässlich des 41. Jahrestags des gewaltsamen Todes der kubanischen Vertragsarbeiter Delfin Guerra und Raúl Garcia Paret in Merseburg fordert die "Initiative 12. August" einen Gedenkort. Das teilte die Initiative mit. Der Sprecher Andreas Bulmeyer sagte: "Es braucht einen öffentlichen Gedenkort in Merseburg, da die Morde an Delfin und Raúl mehr als tragische Einzelschicksale sind. Wir haben hier ein gesellschaftliches Problem im Umgang mit Rassismus, das nicht vergessen werden darf".

Die Initiative erinnert seit 2019 an Delfin Guerra und Raúl Garcia Paret. Denn bis heute ist der gewaltsame Tod nicht aufgeklärt. Auch in diesem Jahr wird es eine Demonstration in Merseburg geben. Dort soll ein Grußwort eines ehemaligen Gastarbeiters aus Kuba verlesen werden. Außerdem habe die Familie von Raúl Garcia Paret gewünscht, an dem Gedenkort eine Inschrift mit den Worten "Para Raúl, de sus padres y hermanos que siempre lo recuerdan. // Für Raúl, von seinen Eltern und Geschwistern, die immer an ihn denken werden." zu hinterlassen.

Was ist am 12. August passiert?

Am 12. August 1979 sterben die kubanischen Vertragsarbeiter Delfin Guerra und Raúl Garcia Paret in Merseburg. Nach einer Schlägerei mit deutschen Jugendlichen vor der Diskothek "Saaletal" flüchten mehrere Vertragsarbeiter aus Kuba. Augenzeugen berichten, dass die Gruppe auf der Flucht von der Neumarktbrücke in die Saale springt, andere berichten, dass zwei von ihnen hineingeworfen wurden. Von dort aus sollen sie mit Gegenständen und Flaschen beworfen worden sein. Auch sollen rassistische Drohungen und Beleidigungen gerufen worden sein. Der 18 Jahre alte Delfin Guerra und der 21-jährige Andres Garcia werden später tot in dem Fluss gefunden.

Exakt - Die Story | 17.08.2016 Zu Tode gehetzt: Raúl Andrés Garcia Paret

In seiner Heimat Kuba wurde der junge Mann begraben, nachdem er 1979 im ostdeutschen Merseburg ums Leben gekommen war. Wie er starb, erfuhr seine Familie lange Zeit nicht.

Ein großes Eingangstor zu einem Friedhof in Kuba. Das Tor ist gelb-weiß gestrichen und trägt unter der Jahreszahl 1925 die Inschrift: MORS ULTIMA RATIO
Der Friedhof von Santa Clara in Kuba. Hier befindet sich das Grab von Raúl Andrés Garcia Paret. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
Ein großes Eingangstor zu einem Friedhof in Kuba. Das Tor ist gelb-weiß gestrichen und trägt unter der Jahreszahl 1925 die Inschrift: MORS ULTIMA RATIO
Der Friedhof von Santa Clara in Kuba. Hier befindet sich das Grab von Raúl Andrés Garcia Paret. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
Drei Frauen gehen durch einen engen Gang zwischen Friedhofsmauern.
Die Mutter und die Schwestern besuchen das Grab von Raúl Andrés Garcia Paret. Ein ungesühntes Opfer rassistischer Gewalt in der DDR. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
Fünf Frauen unterschiedlichen Alters stehen zusammen und schauen in eine Richtung.
Familie Paret erfährt erst durch unseren Reporter, dass ihr Angehöriger gewaltsam zu Tode kam. Sie sind geschockt. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
Aus einem Grab in einer Wand ist die Deckplatte halb herausgerissen.
Parets Grab liegt auf de einfachen Teil des Friedhofs. Die umliegende Gräber sind - wie dieses hier - zum Teil verwahrlost. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
Auf einem Foto sind mehrere Männer zu sehen, die in einer Gruppe zusammen sitzen und stehen.
Raúl Andrés Garcia Paret (rechts außen) als Vertragsarbeiter in den Leuna-Werken 1979. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
Eine alte Frau zeigt auf eine Person auf einem gerahmten Foto, das sie in der Hand hält. Eine andere Frau steht neben ihr.
Die Schwester und die Mutter von Raúl Andrés Garcia Paret. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
Eine Hand zeigt auf eine weiße Platte, auf der eine schwarze Inschrift steht.
Das ist das Grab von Raúl Andrés Garcia Paret. Neben der falschen Todesursache wurde der Familie auch ein falsches Sterbedatum mitgeteilt, das jetzt auf dem Grabstein steht. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
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Der Historiker Harry Waibel forscht zum Thema Rassismus in der DDR und berichtet, dass es in den Tagen zuvor mehrere rassistische Übergriffe in Merseburg gegeben habe.

Die Behörden in der DDR ermittelten zuerst gegen fünf DDR-Bürger wegen einer mutmaßlichen Tatbeteiligung, stellten die Ermittlungen aber ein, unter Berücksichtigung der "brüderlichen Beziehungen zwischen der DDR und der Sozialistischen Republik Kuba", wie Waibel aus einem Schreiben des Ministeriums für Staatssicherheit zitiert.

Ermittlungen werden abgelehnt

Der MDR berichtet 2016 und 2017 über den gewaltsamen Tod. Die Angehörigen von Raúl Garcia Paret und Delfin Guerra erfahren erst durch die MDR-Recherchen von den Todesumständen. Ihnen war erzählt worden, dass beide bei einem Unfall ums Leben gekommen seien.

Den MDR-Recherchen zufolge besteht bis heute der Verdacht auf Mord. Ermittlungen hatte die zuständige Staatsanwaltschaft Halle (Saale) 2017 jedoch abgelehnt. "Das Verfahren ist damals durch die DDR-Behörden eingestellt worden. Wir haben es aus heutiger Sicht erneut geprüft mit dem Ergebnis: Wir sehen keinen Anfangsverdacht auf einen Mord. Mithin habe ich auch keine Veranlassung, hier irgendwelchen Personen hinterherzulaufen", sagte Staatsanwalt Klaus Wiechmann im Interview für die Dokumentation "Schatten auf der Völkerfreundschaft".

In einer Antwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken über die Gewalttaten in Merseburg im Juli 2019 wird der Kenntnisstand zusammengefasst und ausgeführt, die Recherchen des MDR zeigten, dass sich die Täter bis heute im Internet mit ihren damaligen Taten "rühmen".

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Auf einem Foto sind mehrere Männer zu sehen, die in einer Gruppe zusammen sitzen und stehen.
Raúl Andrés Garcia Paret (rechts außen) als Vertragsarbeiter in den Leuna-Werken 1979. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 12. August 2020 | 19:00 Uhr

12 Kommentare

SGDHarzer66 vor 23 Wochen

So sieht's aus! Sehr treffender Kommentar. Auch in meiner ehemaligen Heimatstadt Ballenstedt waren Vertragsarbeiter u.a. im damaligen Gummiwerk. In der Mehrzahl Kubaner, Algerier.
Man konnte die Uhren danach stellen, wenn zum "Tanzvergnügen" mit reichlich Alkohol im Blut die Provokationen dieser Leute begannen. Die entsprechende Selbstverteidigung der Einheimischen blieb natürlich nicht aus.
Kann man natürlich nur beurteilen, wenn man in der DDR aufgewachsen ist.
Guten Tag.

W.Merseburger vor 23 Wochen

Werte Journalisten des MDR,
was Sie hier veröffentlichen ist schlicht und einfach unwahr und macht uns alle hier in Merseburg in dieser Altergruppe zu Rassisten, Fremdenfeinden und Antisemiten. Das ist ungeheuerlich. Warum recherchieren Sie nicht, befragen Zeugen oder reden z.B .mit dem damaligen angehenden Direktor des Kreisgerichtes Herrn Hartmut Lasse, heute ein eifriges CDU-Mitglied? Die Volksstimme Magdeburg hat vor einem Jahr einen Bericht zum Thema verfasst, der offensichtlich der Realität sehr nahe kommt. Warum verschweigen sie das? Der Schmudel Lutze aus Dresden hat ein Wort über die Presse gesagt, was hier offensichtlich angebracht ist!! Und der "Professor" Harry Waibel ist der linken Szene zuzuordnen und versucht die damalige DDR-Gesellschaft in eine rassistische, fremdenfeindliche, antisemitische Ecke zu stellen. So nicht!

Magdeburg1963 vor 23 Wochen

Leider ist die Betrachtungsweise sehr einseitig. Nicht jeder Übergriff auf einen ausländischen Mitbürger hat einen rassistischen Hintergrund. Während die angolanischen „Gast“arbeiter eher zurückhaltend lebten, stellte gerade die lybische Gruppe durchaus ein Problem dar. Es gab mehr als eine „Messerstecherei“, die Integrationsbereitschaft der lybischen „Gast“Arbeiter war eher wenig ausgeprägt. Hier darf man auch nicht verkennen, dass es Ausbildungen als „solidarischen Akt“ gab, aber auch Ausbildungen um Devisen in die DDR zu bringen.
Das dem Historiker hier eventuell das Hintergrundwissen fehlt, liegt nicht in seiner Schuld, da er nie in der DDR gelebt hat. Möge er weiter mit Abstand forschen und (ver)urteilen.

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