Die Hände eines älteren Paares, das sich zärtlich anfasst.
Sex und Intimitäten sind in Altenheimen oft noch ein Tabuthema. (Symbolbild) Bildrechte: Imago/Westend61

Sex im Alter Sexualforscher: Wie Sexualität auch in Altenheimen lebbar wird

Im Alter verschwindet die Lust auf Sex nicht. Doch es ist ein Tabuthema – und Menschen, die in Heimen leben, fehlt oft die Privatsphäre, um ihre Sexualität auszuleben. Harald Stumpe lehrt an der Hochschule Merseburg Sexologie. Im Interview mit MDR SACHSEN-ANHALT spricht er darüber, was Intimität im Alter ausmacht und wie Heimbewohner ihre Sexualität besser ausleben könnten.

Die Hände eines älteren Paares, das sich zärtlich anfasst.
Sex und Intimitäten sind in Altenheimen oft noch ein Tabuthema. (Symbolbild) Bildrechte: Imago/Westend61

Jeder hat Sex, nur die Alten nicht mehr – eine gängige Vorstellung. Stimmt das aus Sicht der Sexualforschung?

Harald Stumpe: Wir vertreten die Auffassung, dass der Mensch als sexuelles Wesen Sexualität von der Wiege bis zur Bahre lebt. Insofern ist die Vorstellung, im Alter gibt es keine Sexualität, falsch.

Die Sexualität ist aber sicher anders als im Jugend- oder im Erwachsenenalter. Was man aus den relativ wenigen Studien weiß, ist, dass die Häufigkeit mit zunehmendem Alter abnimmt. Und eine weitere Feststellung, dass die genitale Sexualität im Alter nicht mehr die Hauptrolle spielt, sondern viel stärker Zärtlichkeitsaustausch wichtig ist. Und es dauert alles länger. Es treten ein paar Dinge auf: dass eine Erektion nicht mehr so dauerhaft ist wie mit 20. Das tritt ganz normal mit dem Alter ein.

Unterscheidet sich sexuelle Lust im Alter bei Männern und Frauen?

Wenn man quantitative Studien macht, die den Anspruch auf Repräsentativität haben, dann zeigen diese Studien in aller Regel, dass das sexuelle Bedürfnis bei Männern stärker ausgeprägt ist als bei Frauen. Wenn man aber individuell schaut, kann man Männer finden, die fast kein sexuelles Bedürfnis haben, während andere ein ganz stark ausgeprägtes haben. Das Gleiche können Sie auch bei Frauen finden.

Wir haben Altersheime angeschrieben und wenig Antworten erhalten. Ist Sex im Alter kein Thema?

Der Eindruck ist richtig und falsch. Richtig, weil bis heute zu diesem Thema in Einrichtungen der Altenhilfe jegliche Kommunikation fehlt. Und falsch, denn wenn man Fortbildungen mit Pflegekräften durchführt, die länger als anderthalb Stunden dauern, dann berichten sie mir ihre Erlebnisse im Heim. Die in aller Regel sehr schambesetzt sind. Man kann sagen, dass jeder Pfleger, jede Pflegerin, aus ihrem Alltag sexuelle Regungen der Bewohner kennt. Aber darüber wird nicht gesprochen.

Gibt es Beispiele, wie sich Sexualität im Pflege- oder Altenheim zeigt?

Ganz viele Altenpflegerinnen berichten, dass es, wenn sie zum Beispiel inkontinenten älteren Herren Windeln anlegen, auch zu Erektionen kommt. Da können die meisten nicht mit umgehen, sind peinlich berührt. Oder es wird berichtet, wenn man in die Toilettenanlage des Heimes muss, dass da zwei ganz verunsichert rauskommen. Sodass man ableiten kann: Sie hatten Intimitäten auf dem Klo. Wenn in den Heimen keine Wege gefunden werden, dass Sexualität ungestört lebbar ist, dann bleiben nur solche Orte.

Es wird nicht kommuniziert – und damit gibt es auch keinen Sex im Alter. Scheinbar.

Sexologe Harald Strumpe sitzt auf einer Couch.
Sexologe Harald Stumpe Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Wir haben immer mehr demente Menschen in den Altenheimen. Bei dementen Menschen geht die soziale Kontrolle weitgehend verloren. Und dann sitzt eben irgendwo im Flur ein Mann im Rollstuhl, der die Hosen runtergelassen hat und dort in Ruhe masturbiert. Schlimmstenfalls gibt es dann heftige Reaktionen, diejenigen werden ausgeschimpft. Noch ein Beispiel: Pornografische Materialien liegen irgendwo im Nachtschrank und Pflegekräfte kommen, wenn die Bewohner gerade dabei sind, sich diese Pornografie anzugucken. Peinlich für beide. Aber es bleibt unangesprochen. 

Ich habe gehört, dass es auch Übergriffe gibt. Eigentlich gehören diese Themen in die Teambesprechung, wo man dann gemeinsam darüber spricht und klärt, wie man damit umgeht. Optimal wäre, wenn es Supervisionsveranstaltungen gibt. Aber es ist kein Thema, es wird nicht kommuniziert – und damit gibt es auch keinen Sex im Alter. Scheinbar.

Welchen positiven Effekt hätte eine ausgelebte Sexualität?

Ich denke, dass die Lebensqualität der Menschen wachsen wird. Wir wissen, dass unterdrückte Bedürfnisse – wie Sexualität, die nicht ausgelebt werden kann – negative Folgen haben können. Das kann sich zum Beispiel in Aggressionsverhalten äußern, das kann sich in depressivem Verhalten zeigen. Das ist ganz unterschiedlich.

In Alteneinrichtungen ist der Medikamentenkonsum beachtlich. Es gibt keine Studien dazu, aber das würde ich sehr gern mal anregen, dass man Einrichtungen findet, die bereit wären, schrittweise eine sexualfreundliche Atmosphäre zu schaffen und dann untersucht, wie sich der Medikamentenverbrauch entwickelt. Meine Hypothese ist: Man würde weniger Medikamente brauchen.

Die Lebenszufriedenheit würde mit Sicherheit steigen.

Was halten Sie von Kuschlerinnen und Sexualbegleitern?

Ich denke, dass das Personal in den Einrichtungen aus meiner Sicht verpflichtet ist, darüber zu informieren, dass es Optionen gibt, angefangen bei Hilfsmöglichkeiten. Man könnte sagen: "Ich bringe Ihnen einen Katalog mit. Da können Sie mal gucken, ob das ein oder andere Hilfsmittel für Sie in Frage kommt." Bis zur Möglichkeit, auch Sexualassistenz in Anspruch zu nehmen. 

Aber das ist auch eine finanzielle Frage. Eine Sexualassistenz kostet und wir wissen, dass es bei vielen älteren Menschen finanziell doch sehr knapp ist. Gerade, wenn wir bedenken, dass zur Pflege oftmals eine Menge dazugezahlt werden muss, was die Pflegeversicherung nicht übernimmt. Wir sind weit davon entfernt, dass solche Bedürfnisse über Mittel der Pflegeversicherung zu befriedigen sind. Aber es ist eine wichtige, positive Möglichkeit, über die man informieren sollte, sodass Menschen im Heim in der Lage sind, zu sagen: "Ja, ich möchte eine Sexualassistenz haben und ich bin auch bereit, dafür mein Erspartes herzugeben."

"exakt - Die Story" | 04.12.2019 | 20:45 Uhr Sexualität im Alter – Bilder von den Dreharbeiten

Älteres Pärchen kuschelt unter einer Decke auf einer Couch
Uschi und Manfred aus Dresden haben sich im Alter bewusst auf eine neue Partnerschaft eingelassen. Sie sagen: "Man muss sich jeden Tag küssen. Mindestens einmal." Die beiden lieben es, sich auf der Couch einzukringeln, wie sie es nennen. Bildrechte: MDR/Katrin Hartig
Älteres Pärchen kuschelt unter einer Decke auf einer Couch
Uschi und Manfred aus Dresden haben sich im Alter bewusst auf eine neue Partnerschaft eingelassen. Sie sagen: "Man muss sich jeden Tag küssen. Mindestens einmal." Die beiden lieben es, sich auf der Couch einzukringeln, wie sie es nennen. Bildrechte: MDR/Katrin Hartig
Mann sitzt in Sessel eines Büros, im Hintergrund ein Skelett, im Vordergrund ein Modell des Gehirns
Das Thema Berührungen wird unter anderem an der Universität Leipzig von Martin Grunwald erforscht. Bildrechte: MDR/Katrin Hartig
Frau legt anderer Frau Elekroden für ein Experiment im Labor an
Ein Experiment zeigt, welche Wirkung Berührungen auf den Menschen haben. Dafür werden bei Uschi 19 Elektroden im Labor angelegt. Bildrechte: MDR/Katrin Hartig
Berührungen werden in Labor gemessen und gefilmt
Im Anschluss massiert Manfred seine Partnerin – die Auswertung erfolgt im Haptik-Labor. Bildrechte: MDR/Katrin Hartig
Dreharbeiten von Menschen, die auf Sesseln in einem Kreis sitzen, in der Mitte steht ein Mann vor einem großen Fernseher
In Merseburg forscht Prof. Harald Stumpe am Lehrstuhl für Sexologie über Liebe im Alter – hier mit seinen Masterstudenten. Bildrechte: MDR/Katrin Hartig
Gruppe von alten Menschen sitzt zusammen an einem Tisch und wird dabie gefilmt
Ein Pflegeheim in Merseburg: Hier sind Intimität, Liebe und Berührungen kein Tabu-Thema, sondern es wird darüber gesprochen. Bildrechte: MDR/Katrin Hartig
Hildegard Keul
In Wiesbaden beschäftigt sich Sozialarbeiterin Hildegard Keul mit der Veinbarkeit von Sexualität in der Pflege. Bildrechte: Hochschule Rhein-Main
Pflegerin tanzt mit Frau, im Vordergrund steht ein Rollstuhl, im Hintergrund sitzt ein Mann am Keyboard
Im Haus Arndt in Wiesbaden kommt es viel und bewusst zu Berührungen – zum Beispiel in Form eines Tanzes. Bildrechte: MDR/Katrin Hartig
Zettel mit Aufruf für ein Speeddating in Magdeburg
In Magdeburg eine weitere Alternative: Hier wird zum Speed-Dating für Senioren aufgerufen. Bildrechte: MDR/Katrin Hartig
Rosa-farbene Sticker mit Namen
Damit es nicht zu Verwechslungen kommt, bekommt jeder Teilnehmer ein Namensschild. Bildrechte: MDR/Katrin Hartig
Gesprächsrunde mit Publikum
Das Interesse an dem Thema ist insgesamt groß: Das Operncafé in Halle ist voll, als Sexologin Ann-Marlene Henning zu Gast ist. Bildrechte: MDR/Katrin Hartig
Dreharbeiten Interview Autorin und Frau
Die Autorin der Reportage im Interview mit Sexologin Ann-Marlene Henning Bildrechte: MDR/Philipp Bauer
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Wie sieht ein sexualfreundliches Heim aus?

Die Idealvorstellung: Es müsste eine Einrichtung sein, in der das gesamte Personal, von der Leitung bis zum Hilfspersonal, zum Thema Sexualität geschult ist. Dass darüber ausreichend gesprochen wurde, dass diese typischen Hemmungen abgebaut sind. Ich sehe gegenwärtig den größten Kritikpunkt darin, dass entsprechende Ausbildungen zu wenig gefördert werden. Da liegt aus meiner Sicht der größte Mangel. Ich denke, dass es am Anfang am wichtigsten wäre, mit dem Leitungspersonal zu arbeiten. Denn was nützt es, wenn die Leitung kategorisch dagegen ist? Und dass dann für ältere Menschen, wenn sie ihre sexuellen, intimen Bedürfnisse ausleben wollen, Möglichkeiten dafür geschaffen werden.  

Es gibt ja durchaus auch heute schon Heime, die stolz berichten – und das ist ein guter Anfang: "Wir haben Zimmer, die sind extra dafür reserviert." Aber da geht es schon los: Also ich hätte schon ein Problem, wenn ich zur Heimleiterin sagen müsste: "Ich brauche morgen das Zimmer, weil meine Freundin kommt." Aber zumindest ist es ein Anfang, dass solche Möglichkeiten überhaupt geschaffen werden, dass ich nicht als Ausweichplatz das Klo nehmen muss, sondern Rückzugsmöglichkeiten im Heim habe.

Optimal wäre es sicher, wenn ich in mein Zimmer ohne Probleme meine Freundin oder meinen Freund einladen kann. Und wenn dann das Personal anklopft, ein "Bitte jetzt nicht stören" respektiert wird. Man kann es ja wie in jedem Hotel so lösen, dass man an die Türklinke ein entsprechendes Schild macht. Da gehört also sehr viel dazu.

Eine sexualfreundliche Kultur wird man nicht von heute auf morgen schaffen. Das bedarf bestimmter Zeit.

Wie löst man das Tabu um Sexualität im Alter?

Ich habe auf dem Gebiet 30 Jahre und mehr gearbeitet. Und wenn ich so zurückschaue, müsste man eigentlich sagen: Wie wenig ist erreicht worden. Ich hatte wesentlich revolutionärere Vorstellungen.

Die traditionellen Normen sind doch sehr zäh ist und werden von Generation zu Generation immer wieder übermittelt, sodass wir Geduld haben müssen. Steter Tropfen höhlt den Stein, so müssen wir an das Ganze rangehen. Wir dürfen nicht locker lassen. Wir haben schon einiges erreicht. Wenn ich vergleiche, wie vieles vor 50 Jahren aussah, dann haben wir schon riesige Fortschritte gemacht. Aber es muss weitergehen.

Die Fragen stellte Katrin Hartig.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: exakt – Die Story | 04. Dezember 2019 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Dezember 2019, 16:27 Uhr

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