Sensibilisierungskampagne Warum eine 21-Jährige über Sexismus aufklärt

Olga Patlan im MDR-Landesfunkhaus Magdeburg
Bildrechte: Olga Patlan/Gaby Conrad

Reden oder Schweigen? Das ist eine häufige Frage, wenn es um gesellschaftlich relevante Themen geht. Für Jenny aus Langeneichstädt im Saalekreis ist die Antwort klar. Sie will über ein Tabuthema reden: Sexismus.

Junge Frau mit dunklem langen Haar lehnt an einer blauen Tür
Über Sexismus zu sprechen, fiel Jenny zunächst schwer, doch nun will sie umso mehr Aufmerksamkeit für das Thema. Bildrechte: MDR/Olga Patlan

Jenny will reden. Und Jenny will zum Reden anregen. Dafür geht sie auch den schweren Schritt, öffentlich über Erfahrungen zu sprechen, die ihr unangenehm sind. Sie fasst dennoch ihren Mut zusammen und will über Sexismus und sexuelle Belästigung sprechen.

Sexismus

Sexismus bezeichnet jede Form der Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres zugeschriebenen Geschlechts sowie die diesem Phänomen zugrunde liegende Geschlechterrollen festschreibende und hierarchisierende Ideologie. (Quelle: Gender Glossar)

Ich kann nicht einfach weiter zugucken, wie ich, auf der Straße zum Beispiel, mir irgendwelche dummen Kommentare anhören muss. Da muss sich etwas ändern.

Jenny Patzer

Jenny kommt aus Langeneichstädt im Saalekreis und studiert in Dessau. Wie tausende junge Frauen in ihrem Alter ist sie in sozialen Netzwerken wie Instagram oder Facebook aktiv. Portale, um sich mit Freunden auszutauschen, um soziale Kontakte zu pflegen. Eigentlich. Doch das sehen wohl nicht alle so. Nachrichten, die die 21-Jährige teilweise bekommt, sind erschreckend. Von Anmachen, über Aufforderungen weniger Kleidung zu tragen, bis zu Nacktbildern. "Das ist mir total unangenehm", meint Jenny.

Unangebrachte Kommentare und Nachrichten

Irgendwann summieren sich Nachrichten dieser Art so sehr, dass Jenny beschließt, dass es für sie so nicht weitergehen kann. Denn die unangebrachten sexualisierten Kommentare beschränkten sich nicht nur auf die sozialen Netzwerke, sondern auch auf das reale Leben. "Ich bekomme auch Kommentare auf der Straße. Das möchte ich einfach nicht", so die junge Frau.

Sexuelle Belästigung

Sexuelle Belästigung reicht von weniger schwerwiegenden Formen wie Anstarren, anzüglichen Bemerkungen oder Belästigungen per Telefon oder im Internet über unerwünschte sexualisierte Berührungen, sexuelle Bedrängnis bis hin zu sexualisierten körperlichen Übergriffen.

Je nach Form, Kontext und Ausmaß können sexuelle Belästigungen strafbare Handlungen sein, zum Beispiel Beleidigung, sexuelle Nötigung oder Nachstellung. (Quelle: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend)

Kampagne in Eigenregie

Junge Frau mit dunklem langen Haar und junger Mann mit Basecamp bauen ein Film-Set auf.
Die Videos produziert Jenny mit zwei Freunden selbst. Bildrechte: MDR/Olga Patlan

Also fasst sie ihren Mut zusammen und entscheidet, öffentlich über das Thema zu sprechen. Dafür wählt sie das Medium als Hauptkanal, auf dem sie die Mehrheit dieser Nachrichten erhielt: Instagram. "Es ist heutzutage einfach so, dass damit mehr Leute erreicht werden." Hilfe bekommt sie von zwei Freunden, mit denen sie gemeinsam Mitglied in einem Verein in Obhausen ist. Für gesellschaftlich relevante Themen engagieren sich die Freunde seit Längerem im Kontext des Vereins.

Gemeinsam überlegen sie, wie sie Menschen für das Thema Sexismus sensibilisieren können. Sie entscheiden sich letztlich für eine Kampagne, die sie komplett selbst auf die Beine stellen. Die Kampagne besteht aus mehreren Elementen. Von Posts, die über Begriffe wie Sexismus aufklären über Videos, in denen Jenny sich vorstellt oder über ihre Erfahrungen spricht, bis hin zu Veranstaltungen mit Workshops und einem Selbstversuch.

Reden über ein Tabuthema

Vor allem das Reden über ihre eigenen Erfahrungen fällt ihr schwer: "Die Überwindung war extrem. Wir wollten aufnehmen und ich habe erst einmal nur dagesessen. Ich hatte Angst, dass mir die Tränen kommen während der Videos. Was eigentlich auch total normal wäre. Aber das Thema wird zum Tabu gemacht." Sie überwindet sich letztlich, weil sie glaubt: "Das geht anderen Frauen definitiv genauso. Wir haben auch einen anonymen Chat-Account erstellt, wo mir viele Frauen geschrieben haben über teilweise sehr krasse Stories", berichtet Jenny.

Ich verstehe, wenn Frauen sagen: 'Nein, ich möchte nicht darüber reden, weil ich mich damit angreifbar mache.' Aber es macht schon viel Sinn, um den Leuten zu zeigen, dass es anderen genauso geht.

Trotz der Überwindung sei sie froh, die Kampagne gestartet zu haben. Denn die Reaktionen seien überwiegend positiv, erzählt sie. Ein paar negative Stimmen seien zwar dabei, aber Jenny nimmt es sportlich: "Das zeigt mir, dass es genau richtig ist, das Thema anzusprechen und die Leute damit zum Nachdenken anzuregen." Deshalb will sie nach der Kampagne nicht aufhören. "Ich habe vor, an Schulen Workshops anzubieten." Mit der ersten Schule sei sie bereits in Kontakt und auch eine soziale Einrichtung aus dem Saalekreis habe sich bei ihr gemeldet, mit der Bitte um Aufklärung junger Frauen.

Wenn Ihnen sexualisierte Gewalt widerfahren ist, wenden Sie sich an:

  • Hilfstelefon "Gewalt gegen Frauen": 08000116016
  • Örtliche Beratung des "Frauen gegen Gewalt e.V." finden Sie hier.

Quelle: MDR/pat

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 24. Oktober 2020 | 19:00 Uhr

4 Kommentare

ralf meier vor 4 Wochen

Das Menschen wie Sie anderen gerne das Wort verbieten würden, glaube ich Ihnen nach Ihren diversen Beiträgen sofort. Ich diskutiere weiterhin mit jedem und bemühe mich, bei allen Unterschieden Gemeinsamkeiten zu finden, die das Miteinander leichter machen.

Connie Connewitz vor 4 Wochen

Wenn das Typen wie Sie endlich schweigen liese, dann wäre ich absolut dafür.

irrlicht vor 4 Wochen

Was für ein überflüssiger Kommentar. Sollte jemand sexuell belästigt werden, ist das ein Fall für die "richtige" Polizei. Punkt.

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