Bildcollage, die Eindrücke vom Geiseltasee aus der Vergangenheit und heute zeigen.
Das Geiseltal im Wandel der Zeit: Früher Mondlandschaft, heute Erholungsgebiet. Bildrechte: MDR: Collage/TV Omega/Imago

Schicht im Schacht Was Braunkohlegebiete im Burgenlandkreis vom Geiseltalsee lernen können

Der Braunkohleabbau beschäftigt viele Menschen im Süden Sachsen-Anhalts. Der Strukturwandel sorgt für Zukunftsangst. In der Nähe der noch bestehenden Abbaugebiete kann man jedoch sehen, wie so ein Wandel bewältigt werden kann - denn am Geiseltalsee haben sie ihn schon hinter sich. Ein Besuch.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Oliver Leiste, MDR SACHSEN-ANHALT

Bildcollage, die Eindrücke vom Geiseltasee aus der Vergangenheit und heute zeigen.
Das Geiseltal im Wandel der Zeit: Früher Mondlandschaft, heute Erholungsgebiet. Bildrechte: MDR: Collage/TV Omega/Imago

Lars Reifert schüttelt ungläubig den Kopf. "Nächstes Jahr müssen wir im Sommer wahrscheinlich jeden Tag aufmachen." Wir, das sind er und seine Mitarbeiter an einem kleinen Weinhof hoch über dem Geiseltalsee. In den Sommermonaten ist die Weinwirtschaft mittlerweile täglich geöffnet – außer montags. Das will Reifert im kommenden Jahr ändern. Denn auch wenn man es in dieser Lage nicht unbedingt vermutet, Betrieb ist eigentlich immer.

Besucher können dort eine Rast einlegen und bei einem Glas Wein die spektakuläre Aussicht über den See genießen. Denn wo einst die Mondlandschaften eines Braunkohletagebaus das Bild prägten, erhebt sich heute ein kleiner Weinhang. Daneben weiden Hochrinder. Vor allem Radtouristen, die aus ganz Deutschland kommen, kehren auf ihrem Weg um den See gerne hier ein. Während der Weinbauer spricht, biegen wie zur Bestätigung drei von ihnen um die Kurve und steigen ab. Dabei ist es bewölkt und relativ kühl.

Erst seit gut einem Jahr kann Reifert ausschließlich vom Weinbau leben. Zuvor arbeitete er als Anlagenmonteur. Sein Weinberg ist ein zeitintensives Hobby. 20 Jahre hat es gedauert, die Idee nachhaltig zu entwickeln. Dass im Geiseltal mal Weinbau und Tourismus das Bild prägen werden, konnten sich noch vor einigen Jahren nur die wenigsten vorstellen. Zu groß waren die sichtbaren Schäden in der Umgebung. Dabei gab es schon vor gut 100 Jahren Ideen, die Tagebaulöcher mit Wasser zu füllen.

Gespräch am Weinberg am Geiseltalsee
Winzer Lars Reifert (l.) im Gespräch mit MDR-Reporter Theo Lies. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Tausende Entlassungen in wenigen Jahren

Schließlich wurde hier aber doch bis zur Wende Braunkohle abgebaut. Nach der Wiedervereinigung wurde der Riesenbetrieb innerhalb weniger Jahre abgewickelt. 1990 waren gut 8.000 Menschen beschäftigt, anderthalb Jahre später nicht mal mehr die Hälfte. Mitverantwortlich für die Entlassungen war damals Axel Himmel. Die Braunkohle hatte bis dahin sein Leben und das vieler Familienangehöriger bestimmt. Als leitender Ingenieur musste er dann jedoch über Schicksale entscheiden. "Eine richtig schlechte Zeit", sagt er heute.

Zunächst wurden viele ältere Mitarbeiter in den Vorruhestand geschickt. Doch das reichte längst noch nicht und so traf es bald auch die Jüngeren. 1993 war dann endgültig Schluss mit dem Bergbau im Geiseltal. Als alle entlassen waren, musste Himmel selbst umschulen. Auch die Kultur und die Infrastruktur im Umfeld wurden rigoros zurückgefahren: "Es wurden Ferienanlagen, Polikliniken, Kindereinrichtungen und Kulturhäuser geschlossen. Genau wie die Bibliotheken" erinnert sich Himmel mit Schaudern.

Umbruch nicht verwunden

Den Umbruch haben viele der jüngeren Bergbauarbeiter nie verwunden, glaubt er. Denn viele von ihnen blieben arbeitslos. "Wir waren es im Sozialmus nicht gewohnt, uns selbst zu kümmern", erzählt Himmel. Und sieht darin die Ursache, dass die Menschen nicht mehr auf die Beine kamen. Es sind Geschichten wie diese, die Menschen in Zeitz und anderswo Sorgen bereiten, wenn es um den Braunkohleausstieg geht. Sie fürchten um ihre Zukunft, Existenzen sind bedroht.

"Ingenieure müssen rumspinnen"

Im Gegensatz zu den Menschen im Geiseltal haben die Zeitzer aber einen großen Vorteil, glaubt Himmel: "Sie haben zwanzig Jahre Zeit. Wir hatten drei." So können langsam und Schritt für Schritt neue Strukturen entstehen, ist sich Himmel sicher. "Aber dafür müssen jetzt Ideen her, die man dann anschiebt." 

Dabei helfe es aber nicht, auf Lösungen aus Magdeburg oder Berlin zu warten, erklärt der Rentner. "In Profen müssen jetzt die 30-Jährigen Ingenieure und Doktoranden ran. Die muss man an einen Tisch setzen und rumspinnen lassen. Nur so können sich nachhaltige Ideen entwickeln. Hier haben damals viele austrudeln lassen."

Ergebnis im Geiseltal kann sich sehen lassen

Als der Tagebaubetrieb endete, haben nur wenige an den Tourismus geglaubt. Zu fern, zu unrealistisch erschien diese Zukunftsvision, berichtet Axel Himmel. Trotzdem haben viele mit angepackt, Abraum weggefahren und Bäume gepflanzt. Einige Hundert von einstmals tausenden Arbeitern fanden im Rahmen der Renaturierung neue Jobs. Das Ergebnis kann sich heute sehen lassen. 

Kohle, Kumpel, Kapitäne – Der Wandel im Geiseltal

Tagebau und Industrie bestimmten jahrzehntelang die Landschaft im Geiseltal.
Tagebau und Industrie bestimmten jahrzehntelang die Landschaft im Geiseltal. Bildrechte: TV Omega
Tagebau und Industrie bestimmten jahrzehntelang die Landschaft im Geiseltal.
Tagebau und Industrie bestimmten jahrzehntelang die Landschaft im Geiseltal. Bildrechte: TV Omega
Edelgard Schmidt, Annemarie König und Ingrid Funka haben im Braunkohlenkombinat Geiseltal gearbeitet.
Edelgard Schmidt, Annemarie König und Ingrid Funka haben alle im Braunkohlenkombinat Geiseltal gearbeitet (v.l.). Bildrechte: MDR/Angela Thieme
Winzer Lars (links) und Rolf Reifert bauen Wein auf einer ehemaligen Kohlehalde am Geiseltalsee an.
Die Winzer Lars und Rolf Reifert begannen im Jahr 2000 mit dem Anbau von Wein auf einer ehemaligen Kohlehalde am heutigen Geiseltalsee. Bildrechte: MDR/Angela Thieme
Rolf Reifert am Informations- und Besucherzentrum
Rolf Reifert am Informations- und Besucherzentrum, dessen Bau er initiiert hat. Der Geiseltalsee liegt am Jakobsweg. Bildrechte: MDR/Angela Thieme
Geiseltaler Musikanten in Bergmanns-Uniform
Die Geiseltaler Musikanten in Bergmanns-Uniform. Orchester und Chöre halten bis heute im Geiseltal die Bergbau-Tradition aufrecht. Bildrechte: MDR/Angela Thieme
Thomas Tribulowski war einst Hydrologe im Tagebau Geiseltal.
Thomas Tribulowski war einst Hydrologe im Tagebau Geiseltal – und war beteiligt an den Vorbereitungen zur Umwandlung von der Kohlegrube in einen See. Heute schippert er mit seinem Fahrgastschiff "Felix" Besucher über den Geiseltalsee. Bildrechte: MDR/Angela Thieme
Ulrike Vogel wuchs in Mücheln auf.
Ulrike Vogel wuchs in Mücheln auf, ging 1999 zum Studium weg aus dem Geiseltal. Dass dort ein See entstehen sollte, konnte sie sich damals kaum vorstellen. Inzwischen lebt und arbeitet sie wieder in der Region und freut sich, was aus dem früheren Tagebau geworden ist. Bildrechte: MDR/Angela Thieme
Henry Daute fuhr in den 1980er-Jahren Kohle- und Abraumzüge aus dem Tagebau.
Henry Daute fuhr in den 1980er-Jahren Kohle- und Abraumzüge aus dem Tagebau. Bis heute arbeitet er als Lokführer – inzwischen bei der Anschlussbahn der Leuna-Werke. Bildrechte: MDR/Angela Thieme
Der Hafen in Braunsbedra
Der Hafen in Braunsbedra. Er ist nach der Marina Mücheln der zweite Hafen, der am Geiseltalsee entstanden ist. Der ehemalige Tagebau ist heute ein attraktives Erholungsgebiet.

Dieses Thema im Programm:
MDR FERNSEHEN | Der Osten – entdecke, wo Du lebst | 23. Juli 2019 | 21 Uhr

Quelle: MDR/jr
Bildrechte: MDR/Angela Thieme
Alle (9) Bilder anzeigen

Viele Jobs im Geiseltal sind heute mit dem Tourismus verknüpft. Einen Campingplatz und Pensionen gibt es genauso, wie Wassersportangebote. Dabei profitieren heute vor allem die, die damals schon Ideen hatten. Auch wenn sie dafür oft belächelt wurden. So wie Winzer Lars Reifert mit seinem Weingut. Und die Entwicklung ist noch längst nicht am Ende, glaubt Axel Himmel. "Es kommen noch neue Boote und Badestellen. Zudem werden neue Restaurants und Pensionen entstehen", ist er sich sicher. "Das braucht alles Zeit zum Wachsen."

Das Geiseltal kann als Vorbild für andere Braunkohlegebiete dienen. Denn auch wenn sich längst nicht alle Träume erfüllt haben, ist hier mittlerweile vieles gut. Klar ist aber auch, dass solche Entwicklungen Zeit brauchen. Viel Zeit. Und gute Ideen, die lieber heute als morgen umgesetzt werden sollten.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT - mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Zudem ist er immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 16. August 2019 | 11:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. August 2019, 20:39 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

3 Kommentare

19.08.2019 17:40 Eulenspiegel 3

Also ich denke dazu:
Niemand hat gesagt jetzt machen wir ein mal ein bisschen Strukturwandel dann steht in 2 Jahren unser Ponyhof.
Es wird schwierig und es wird Probleme geben.
Aber es gibt die Möglichkeit daraus was positives zu gestalten. Dazu braucht es aber auch Menschen die bereit und in der Lage sind ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen.
Mein Großvater pflegte zu sage Probleme gibt es nicht, was es gibt sind Herausforderungen

19.08.2019 13:00 R. Sattler 2

Ich sehe das wie Herr Reinhard, Danke! DEr Umbau zu einer Tourismusregion sieht gut aus, ist top für das Klima, und bringt bestimmt auch die ein oder andere Einkommenssicherung für einige Menschen. Der große Bringer in Sachen Arbeitsplätze wird es nicht und bietet allein keinen vollwertigen Ersatz. Wenn im Osten nicht bald mehr größere Industrieanlagen, auch die ein oder andere Konzewrnzentrale, Behörden etc. angesiedelt werden, wird es mit der fest versprochenen Angleichung der Einkommens- und Lebensverhältnisse auch in 100 Jahren noch nichts. also muß man daaa schon weiter nach Berlin, Erfurt Halle oder Dresden schauen und nachfragen. Bislang: Politikversagen allerorten!

19.08.2019 10:46 Hans Reinhard 1

Da scheint viel Wunschdenken im Spiele zu sein. Kann mir nicht helfen, eine inflationäre Errichtung von Erholungsseen in den auslaufenden BRK-Revieren wird auf Dauer nur zur Aufspaltung eines aber nicht anwachsenden Besucheranstroms führen. Womöglich gut für die Landschaftsentwicklung (Klimaänderungen zu erwarten??). Diese Umgestaltung wird aber vermutlich kein Ankerpunkt für eine alle Belange abdeckende Beschäftigungsstrategie sein.

Mehr aus Saalekreis, Raum Halle und Raum Leipzig

Mehr aus Sachsen-Anhalt