Rollstuhlfahrer und Fußgänger bereiten sich darauf vor, die Barrierefreiheit von Merseburg zu testen.
Rollstuhlfahrer und Fußgänger haben gemeinsam die Barrierefreiheit von Merseburg getestet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Barrierefreiheit So rollstuhlfreundlich ist Merseburg

Restaurants, Banken, Geschäfte: Die App Wheelmap zeigt Rollstuhlfahrern weltweit, welche Orte sie gut oder gar nicht erreichen können. Rollstuhlfahrer und Fußgänger haben am Dienstag bei einem Aktionstag die Barrierefreiheit von mehreren Gebäuden in Merseburg getestet.

Rollstuhlfahrer und Fußgänger bereiten sich darauf vor, die Barrierefreiheit von Merseburg zu testen.
Rollstuhlfahrer und Fußgänger haben gemeinsam die Barrierefreiheit von Merseburg getestet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Menschen im Rollstuhl können wheelmap.org nutzen, um sich zu informieren, welche Gebäude in einem Ort sie gut erreichen können. Dazu sind die Orte in einer Online-Karte mit Icons unterschiedlicher Kategorien – zum Beispiel Unterkunft, Freizeit, Gesundheit – verzeichnet. Die Eintragungen werden nach dem Ampelprinzip bewertet: Grün bedeutet rollstuhlgerecht, gelb eingeschränkt barrierefrei, rot ist nicht rollstuhlgerecht. Rollstuhlfahrer können sich Wheelmap als App auf ihr Handy laden oder die Online-Karte ausdrucken.

Wenn man aber bei wheelmap.org auf Merseburg zoomt, gibt es vor allem grau hinterlegte Icons. Das sind Orte, die noch gar nicht bewertet wurden. Der Verein zur sozialen und beruflichen Integration (VSBI) hatte daher am Dienstag dazu eingeladen, für die "grauen" Einrichtungen in Merseburg eine Bewertung in der Wheelmap anzulegen.

Die Rollstuhlfahrerkarte Wheelmap von Merseburg.
Noch viele "graue Flecken" auf der Wheelmap von Merseburg. Bildrechte: wheelmap.org

Rollstuhlfahrer und Fußgänger testen Barrierefreiheit

Saalekreis-Sozialdezernent André Wähnelt sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Das ist eine Aktion, die wir in Merseburg neu starten, auch auf Initiative der Betroffenen." Der Gedanke sei, die Aktion fortzuführen und auch auf den gesamten Saalekreis auszudehnen.

18 Menschen, sieben von ihnen im Rollstuhl, haben an der Aktion in Merseburg teilgenommen. In fünf Kleingruppen haben sie für etwa eine Stunde Merseburg erkundet und sich zusammen 15 bis 20 "graue Flecken" auf der Karte vorgenommen.

Top Bewertung für Stadtbibliothek

Anna Gerwinat und Annett Melzer waren zwei der Testerinnen. Ihr erstes Ziel war Merseburgs Stadtbibliothek. Die beiden Rollstuhlfahrerinnen nahmen das Gebäude erst von außen und dann von innen unter die Lupe. Sie markierten die Bibliothek auf der Wheelmap schließlich mit "grün". Das heißt: Sie ist voll rollstuhlgerecht – "ein gutes Beispiel", so Gerwinat. Für Rollstuhlfahrer gebe es einen Nebeneingang mit einer Klingel. "Das ist ein Kompromiss, aber den kann man gut eingehen", sagte sie MDR SACHSEN-ANHALT. "Innerhalb des Gebäudes gibt es einen Aufzug und ein WC für Menschen mit Behinderungen."

So rollstuhlgeeignet ist nicht ganz Merseburg. Zwar seien Städte mittlerweile barrierefreier geworden, sagte Gerwinat. Doch immer wieder würden sich bauliche Barrieren finden – etwa in Form von Stufen am Eingang. In Merseburg sei zudem das Kopfsteinpflaster ein Problem. Und bei der Freizeitgestaltung, etwa beim Restaurantbesuch, werde es schwierig, so Gerwinat. Auch bei einigen Behörden gebe es noch Nachholbedarf.

Grün, rot, gelb – die Kriterien Grün = voll rollstuhlgerecht: Vor dem Eingang gibt es keine Stufen oder eine fest verbaute Rollstuhlrampe. Auch innen sind alle Räume stufenlos erreichbar.

Gelb = teilweise rollstuhlgerecht: Am Eingang gibt es höchstens eine Stufe, die nicht mehr als sieben Zentimeter hoch ist oder es gibt eine mobile Rollstuhlrampe, die gut sichtbar ausgeschildert ist. Die wichtigsten Räume sind stufenlos erreichbar.

Rot = nicht rollstuhlgerecht: Am Eingang gibt es eine oder mehrere Stufen, die höher als sieben Zentimeter sind. Die Innenräume sind nicht stufenlos zugänglich.

Außerdem können die Nutzer in der Karte zusätzliche Informationen zu den markierten Orten über einen Kommentar eintragen. Vom Eingang kann außerdem ein Foto gemacht und zum Ort hochgeladen werden.

Rampe hilft über Treppenstufen

Die Aktion solle Geschäftsinhabern Impulse geben, wie sie für Barrierefreiheit sorgen können, sagt Sozialdezernent Wähnel. Für wenige Treppenstufen reiche beispielsweise bereits eine mobile Rampe. Die kann bei Bedarf über die Stufen gelegt werden, so dass Rollstuhlfahrer darauf hochfahren können. Auch Menschen mit Kinderwägen oder Rollatoren können davon profitieren.

Bei Wheelmap-Aktionen sind immer Rollstuhlfahrer und Fußgänger gemeinsam unterwegs. "Das ist superschön, man kommt miteinander ins Gespräch und es finden sich ganz viele Kontakte und Freundschaften entstehen", sagte Testerin Annett Melzer. Die nächste Wheelmap-Aktion in der Region findet am 15. September in Halle statt und wird von der Freiwilligen-Agentur koordiniert.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 26. Juni 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Juni 2018, 14:00 Uhr

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