Zwei Monate nach Anschlag in Halle und im Saalekreis Der 9. Oktober in Wiedersdorf: "Das vergessene Dorf"

Am 9. Oktober greift ein Mann die Synagoge in Halle an und tötet zwei Menschen. Danach flieht er nach Wiedersdorf bei Landsberg im Saalekreis. Dort schießt er zwei Personen an, als er ein Auto stehlen will. Die Wiedersdorfer beschäftigt der Vorfall auch zwei Monate später noch. Sie kritisieren, dass sie am Tag der Tat unzureichend informiert wurden.

Polizisten sichern die Umgebung von Wiedersdorf/Landsberg
Am 9. Oktober verletzte der Attentäter von Halle auf seiner Flucht auch zwei Menschen in Wiedersdorf. Der Tatort wurde von der Polizei abgesperrt. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Am 9. Oktober, am jüdischen Feiertag Jom Kippur, versuchte ein Mann, mit Schusswaffen in die Synagoge in Halle einzudringen. Er tötete zwei Passanten. Der antisemitische Anschlag in Halle sorgte weltweit für Schock und Trauer. Dass der Täter danach in den Landsberger Ortsteil Wiedersdorf im Saalekreis flüchtete, dort zwei weitere Personen mit Schüssen verletzte und sein Auto mit den vier Kilo Sprengstoff darin abstellte, ist weniger bekannt. Dabei herrschte auch in Wiedersdorf am 9. Oktober Ausnahmezustand.

Steffen Kurz, der seit 20 Jahren in Wiedersdorf wohnt, hat am Tag des Anschlags in Halle gearbeitet. Gegen Mittag hat er nach eigenen Worten erfahren, dass auch in seinem Dorf mit 70 Einwohnern Schüsse gefallen sind. Als er zu seinem Wohnort zurückgekehrte, war die Polizei bereits im Einsatz. Kurz durfte nicht nach Wiedersdorf hineinfahren, die Polizei hatte den Tatort abgeriegelt. Kurz wartete am Ortsrand, fragte immer wieder die Einsatzleitung, was gerade passiere, wann er in sein Haus dürfe.

Wiedersdorfer fühlten sich von Polizei schlecht informiert

Die Wiedersdorferin Klaudia Wannags dagegen hatte am 9. Oktober Urlaub und war zu Hause. Aus ihrer Sicht hat an dem Tag die Kommunikation der Polizei nicht funktioniert. Niemand sei vorbeigekommen, um zu schildern, was überhaupt vorgefallen sei. Die Anwohner informierten sich über einen WhatsApp-Chat gegenseitig.

Die Wiedersdorfer Steffen Kurz und Klaudia Wannags sprechen über den Anschlag am 9. Oktober 2019.
Steffen Kurz und Klaudia Wannags aus Wiedersdorf Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Von der Polizei habe es widersprüchliche Informationen gegeben, berichtet Wannags. Zunächst hätten die Beamten eine Evakuierung des Dorfs ausgeschlossen. Gegen 21:30 Uhr dann hat die Polizei laut Wannags gesagt: "Sie werden jetzt evakuiert. Sie werden sicher eine Unterkunft haben." Wannags wurde außerdem eine Durchwahl genannt, die sie anrufen könne, um zu erfahren, wann sie in ihre Wohnung zurückkehren dürfe. Unter der Nummer habe es dann aber keine Auskünfte gegeben: "Sie haben nicht einmal gewusst, dass Wiedersdorf evakuiert worden ist", sagt Wannags

Steffen Kurz steht bis in die Nacht an der Polizeiabsperrung. Gegen 23 Uhr sei dann die Info gekommen, dass der Einsatz bis zum Folgetag dauere. Die Anwohner erfahren am nächsten Morgen nicht von der Polizei, sondern über die Chatgruppe des Dorfs, dass die Evakuierung beendet ist.

Keine Unterstützung durch Stadt Landsberg

Die beiden Wiedersdorfer kritisieren die unterschiedlichen Ansagen der Polizei – und dass es keine geordnete Evakuierung gegeben habe, keine Sammelunterkunft zur Verfügung gestellt wurde. Zudem kritisieren sie die Stadt Landsberg: Auch von der Stadt habe sich niemand bei ihnen gemeldet. Keiner habe bei der Einsatzleitung Informationen zu Wiedersdorf eingefordert. Sie seien allein gelassen worden, meint Kurz. "Wir sind im Prinzip das vergessene Dorf."

Die Wiedersdorfer hätten sich gewünscht, dass die Bürgermeisterin von Landsberg, Anja Werner, bei ihnen vor Ort gewesen wäre. Stattdessen habe es nur einen Brief gegeben, indem sich Werner für die Unannehmlichkeiten entschuldigt habe, berichtet Wannags. Darauf hätten die Wiedersdorfer mit einem Brief geantwortet, in dem sie mehrere Fragen stellten. Diese sind laut Wannags noch immer unbeantwortet.

Zwei Monate später: Gespräch mit Polizei-Seelsorgerin

Ein Schild an der Tür, auf die der Attentäter von Halle in Wiedersdorf geschosen hat.
Mit diesem Schild gedenken die Wiedersdorfer den Verletzten vom 9. Oktober 2019. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Während in Halle zahlreiche Kränze und Kerzen an den Tatorten ablegt wurden und ein Konzert für die Opfer stattfand, wurde es um Wiedersdorf schlagartig ruhig. Am Tatort dort hängt nun ein Schild: "Einer störte den FRIEDEN im Dorf, wir finden ihn wieder in unserem Wiedersdorf!" Den Spruch hätten sich die Wiedersdorfer überlegt, um das Erlebte verarbeiten zu können, erzählt Anwohner Kurz. Für den Verletzten sei das wie eine Befreiung gewesen.

Diesen Freitag will die Notfallseelsorgerin der Polizei Sachsen-Anhalt, Thea Ilse, mit den Wiedersdorfern über die Vorfälle am 9. Oktober sprechen. Noch offene Fragen sollen geklärt werden. Ein ähnliches Gespräch hat es bereits mit den Bewohnern der Humboldtstraße in Halle gegeben. Die Veranstaltung ist nicht öffentlich.

Bürgermeisterin Werner will zu den Vorwürfen der Wiedersdorfer keine Stellung nehmen. Sie habe die Verletzten im Krankenhaus besucht und sei am 10. Oktober auch im Ort gewesen. Sie will im kommenden Jahr mit den Einwohnern von Wiedersdorf sprechen.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 20. Dezember 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Dezember 2019, 18:29 Uhr

9 Kommentare

Klaus Egon vor 5 Wochen

Eigentlich dürfen wir ja nur froh sein, dass die Polizei nicht mehr Schaden angerichtet hat... Von der Politik ganz zu schweigen!
Das Verhalten dieser Bürgermeisterin spricht Bände! Sicherlich wird sie aber von ihren Schäfchen wieder gewählt werden, bzw. eine Alternative wird noch furchtbar sein.
Die Einstellung und das Agieren der Polizeiorgane in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen kann mich nicht mehr schocken.
Hoffentlich braucht man sie nicht und ist ihnen nicht ausgeliefert!
Die äußerst intelligente Straßensperre an der Autobahnauffahrt A9 von Günthersdorf kommend war so wirkungsvoll aufgebaut - die Autofahrer haben einfach auf der Bundesstraße gewendet und sind in der anderen Richtung auf die Autobahn gefahren.
Kommentar der sich angestrengt unterhaltenden straßensperrenden Polizisten zu dem Hinweis: "Nu fahr'n se weiter".
Kommentar von Polizeisprecher Uwe Voigt: ortsunkundige Beamte
Kommentar von mir: denkunkundige Polizeibehörde

Normalo vor 5 Wochen

Meinen Sie mit "schon länger hier lebend" den rechtsextremen Täter? Wenn ja ist es mir völlig schnuppe ob der es jetzt leicht hat. Ich hoffe es hat es nicht leicht.

MiSt vor 5 Wochen

Diese an Körper und vermutlich auch an Seele verletzten Menschen in Wiedersdorf kann sich der Herr Innenminister ans Revers heften.
Einen in einem Feuergefecht bereits gestellten und verwundeten Täter mit einem platten Reifen wegfahren zu lassen und vollständig ausser Kontrolle geraten zu lassen ist in meinen Augen ein totales Versagen der Landespolizei. Zur späteren Heldenmär half in erster Linie der (zum Glück im Unglück) völlig dilettantische Täter. Nicht auszudenken, was alles noch hätte passieren können, wenn dieser Irre planvoller und professioneller vorgegangen wäre. Es ist hier keine Kritik an den Beamten vor Ort, ich bin sicher das von denen jeder sein Bestes gegeben hat. Das System Polizei hat in seinem kaputtgesparten und inkompetent geführten Zustand erwartbar versagt. Wer die Vorgänge in und um Halle genauer hinterfragt, muss das erkennen.

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