Bernburger Studenten forschen Büro unter Palmen – auch für Sachsen-Anhalter

Wie könnte die Arbeitswelt in Zukunft aussehen? Das erforschen Studenten von der Hochschule Anhalt aus Bernburg. Dafür reisten sie nach Bali, eine indonesische Insel, die für ihren hohen Anteil Digitaler Nomaden bekannt ist. Was sie dort gelernt haben und was sich Sachsen-Anhalt von der Arbeitskultur auf Bali abgucken kann.

Studenten interviewen Digitale Nomaden auf Bali
Barfuß am Laptop – so sieht der Arbeitsalltag vieler Menschen auf Bali aus. Bildrechte: Stefan Stumpp

Arbeiten, wie und wo man will – könnte das die Zukunft der Arbeit sein? Sich die Arbeit so einteilen, wie man es gern möchte, zu Tageszeiten, die man selbst bestimmt, an Orten, die man selbst auswählt. Für manche Menschen ist dies bereits die Realität. Zwölf Studenten der Hochschule Anhalt in Bernburg wollten wissen, wie das genau geht und sind dafür um die halbe Welt gereist – nach Bali, eine Insel in Indonesien.

Paradies für digitales Arbeiten

Bali, die kleine Insel im Indischen Ozean, hat sich in den letzten Jahren zu einem Paradies für digitales Arbeiten entwickelt. Wie nirgends sonst auf der Welt ballen sich hier sogenannte Digitale Nomaden. Um deren Arbeitsleben zu verstehen, haben die Studenten des Studiengangs Online-Kommunikation Digitale Nomaden in ihrer Arbeitsumgebung besucht.

Auf ihrer Reise haben sie Menschen aus aller Welt getroffen. "Sie sind verschieden und gleichzeitig demographisch ähnlich", so Linda Koinzer, eine der Studentinnen der Forschungsgruppe. Kaum ein Digitaler Nomade sei älter als 35 Jahre.

Ein Magdeburger auf Bali

Einer von ihnen ist Dirk Franke aus Sachsen-Anhalt. Der gebürtige Magdeburger hat auf Bali seine Wahlheimat gefunden. Die Arbeit im Ausland sei nichts Außergewöhnliches für ihn. Nach dem Informatik und Psychologie-Studium in Magdeburg ist er bereits 2009 ins Ausland aufgebrochen. Seitdem hat er bereits in Australien, Neuseeland und Südamerika gearbeitet. Aktuell ist er als Content Developer für ein dänisches Unternehmen auf Bali beschäftigt. Er entwickelt und optimiert Inhalte auf der Webseite des Startups. Für seine Arbeit braucht er nicht mehr als einen Laptop und Internetzugang und kann daher theoretisch von jedem Ort auf der Welt tätig sein.

Wer glaubt, dass seine Arbeit auf Bali einem Urlaub gleiche, ist weit gefehlt. Zwar beginnt sein Arbeitstag erst um 12 Uhr, das liegt aber an dem Zeitunterschied zwischen Asien und Europa. Er habe trotzdem eine ganz normale 35 Stunden Woche, so Franke. "Viele, mit denen wir gesprochen haben, sagten uns, dass sie hier genau so viel oder mehr arbeiten, als in einem vergleichbaren normalen Berufsleben", berichtet Linda Koinzer. Der Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit sei den Digitalen Nomaden dennoch sehr wichtig. Das bestätigt auch Dirk Franke: "Auf Bali verdiene ich zwar weniger, kann aber meine Arbeitszeit selbstständig einteilen und habe aufgrund der niedrigen Lebenshaltungskosten mehr von meinem Geld".

Volle Konzentration in lockerer Atmosphäre

Digitale Nomaden wie Dirk Franke arbeiten auf Bali in sogenannten Coworking-Spaces. Davon gibt es auf der Insel mehrere. Die Bernburger Studenten haben sich die Arbeitsplätze "Hubud" im Städtchen Ubud sowie "Dojo" im Städchten Canggu angeschaut. Beide Städte sind als Hotspots für Digitale Nomaden bekannt. Die Coworking-Spaces sind oft wie Cafés aufgebaut, mit großen Holztischen und offenen Verandas. Jeder sitzt an seinem Laptop, es wird viel und konzentriert gearbeitet, so Koinzer. Stromanschlüsse und High-Speed-Internet gehören zur festen Ausstattung, auch gibt es Meeting- und Skype-Räume, die man buchen kann. Zwar sitzen die Nomaden teilweise barfuß in Cafés, die Gespräche seien aber beruflicher Natur, so Koinzer: "Man kann die Kreativität förmlich in der Luft spüren".

Hendrik Send
Arbeiten in lockerer Atmosphäre – in den Coworking-Spaces auf Bali. Leiter der Bernburger Studenten, Prof. Hendrik Send, macht den Selbsstest. Bildrechte: Stefan Stumpp

Coworking-Spaces: Gestärkt durch die Gemeinschaft

Zwischen den Digitalen Nomaden herrscht ein starkes Wir-Gefühl. Die Gemeinschaft bildet einen wichtigen Beitrag zur Lebensqualität auf Bali, so Linda Koinzer von der Hochschule Anhalt. Es gebe zahlreiche Veranstaltungen für Mitglieder, bei denen sie sich nicht nur besser kennenlernen, sondern sich in Seminaren weiterbilden können. So wird gerade der Einstieg des Lebens als Digitaler Nomade erleichtert. Hier können sie Freunde kennenlernen und ein Netzwerk bilden.

Holzschilder zwischen Palmen
Das gibt es wohl nur auf Bali: Business-Räume neben einem Pool. Bildrechte: Linda Koinzer

In den Coworking-Spaces könnten außerdem alle von den Fähigkeiten der anderen profitieren und um Rat fragen, wenn man an einem Problem verzweifele, so Koinzer. Dafür gibt es zum Beispiel im "Dojo" in Canggu eine Tafel, auf der Menschen ihre Fähigkeiten anbieten oder danach suchen. So entstehe ein großes Netzwerk, wodurch wichtige Kontakte für das weitere Berufsleben gesammelt werden können.

Studenten der Hochschule Anhalt auf Bali
12 Studenten und ihre beiden Betreuer Prof. Hendrik Send (r.) und Stefan Stumpp (l.).
Neben der Forschung der Arbeitsweise Digitaler Nomaden, hat die Gruppe auch die Insel erkundet. Auf dem Programm standen Besuche von Reisterassen, Wasserfällen und Tempelanlagen.
Bildrechte: Stefan Stumpp

Was Sachsen-Anhalt von Bali lernen kann

Nach der Exkursion fasst Studentin Linda Koinzer zusammen, was Sachsen-Anhalt von der Arbeitsweise Digitaler Nomaden lernen kann. "Insbesondere viele junge und hochqualifizierte Mitarbeiter nehmen es als großen Anreiz wahr, wenn sie die Möglichkeit erhalten, ihre Arbeit für eine Weile aus einem anderen Land auszuführen. Und das erhöht die Motivation. Die Leute arbeiten auf Bali nicht weniger, sondern meist mehr, weil sie motiviert sind", so Koinzer.

Linda Koinzer
Linda Koinzer studiert Online-Kommunikation in Bernburg. Bildrechte: Laura Nöh

Sie fügt hinzu: "Die politischen Entscheider in Sachsen-Anhalt können lernen, dass eine ländliche Struktur überhaupt keine Bremse für digitale Unternehmer und Arbeiter sein muss. Allerdings ist eine gute digitale Infrastruktur maßgeblich. Im Schwellenland Indonesien ist Bali ein gutes Beispiel dafür, dass diese nicht von der Größe oder Entwicklung des Landes abhängig ist."

"Wer sich auf die Arbeit an einem digitalen Projekt konzentrieren möchte, könnte auch in Sachsen-Anhalt niedrige Lebenshaltungskosten und schöne Landschaften finden. Aber digitale Nomaden brauchen die Vernetzung in kreativen Hotspots und deren Arbeitsatmosphäre und Events. Mit Fingerspitzengefühl und Kreativität könnte man diese auch bei uns anschieben", so Linda Koinzer über die Möglichkeiten digitalen Arbeitens in Sachsen-Anhalt.

Bernburger Studenten Wie könnte die Zukunft der Arbeit aussehen?

Lisa Förster
Lisa Förster – 22 Jahre

"Ich denke der Trend wird sich zunehmend Richtung Arbeit im Ausland entwickeln, da vor allem junge Menschen die Möglichkeit nutzen wollen, um längere Zeit bezahlt im Ausland bleiben zu können. Natürlich spielt dabei auch die steigende Digitalisierung eine entscheidende Rolle. Abzusehen ist aber nicht was für neue Technologien in den nächsten Jahren oder sogar Jahrzehnten noch kommen werden und wie diese den Arbeitsmarkt beeinflussen werden."
Bildrechte: Lisa Förster/Josefine Bertram
Lisa Förster
Lisa Förster – 22 Jahre

"Ich denke der Trend wird sich zunehmend Richtung Arbeit im Ausland entwickeln, da vor allem junge Menschen die Möglichkeit nutzen wollen, um längere Zeit bezahlt im Ausland bleiben zu können. Natürlich spielt dabei auch die steigende Digitalisierung eine entscheidende Rolle. Abzusehen ist aber nicht was für neue Technologien in den nächsten Jahren oder sogar Jahrzehnten noch kommen werden und wie diese den Arbeitsmarkt beeinflussen werden."
Bildrechte: Lisa Förster/Josefine Bertram
Laura Ruszkiewicz
Laura Ruszkiewicz – 25 Jahre

"Ich denke, dass die digitale und onlinebasierte Arbeit nicht mehr wegzudenken ist und es bald normal sein wird, von unterschiedlichen Orten der Welt zu arbeiten."
Bildrechte: Laura Ruszkiewicz/Josepha Thieme
Nadine Janetzky
Nadine Janetzky – 23 Jahre

"Ich glaube, dass die Arbeitsweise von Digitalen Nomaden normaler und häufiger praktiziert wird. Aber auch, dass die weniger exotischen Arbeits- und Wohnplätze digitaler werden und Home Office zu einer gängigen Sache wird."
Bildrechte: Nadine Janetzky/Julia Schwark
Hendrik Send
Prof. Hendrik Send – 41 Jahre

"Immer mehr Menschen werden in wissensintensiven Berufen arbeiten. Dabei werden sie zunehmend selbständig Entscheidungen treffen müssen, darüber wo und wie sie an Informationen kommen, wie sie Entscheidungen treffen und was sie wohin kommunizieren. Von den Digitalen Nomaden können wir genau für diese Arbeitsweise lernen."
Bildrechte: Stefan Stumpp
Josefine Bertram
Josefine Bertram – 22 Jahre

"Durch die weiter zunehmende Digitalisierung werden Arbeitsplatz und Arbeitszeit immer flexibler gestaltet werden können, was unter anderem auch zu einer steigenden Zahl der Digitalen Nomaden führen kann."
Bildrechte: Josefine Bertram
Anne Wimmer
Anne Wimmer – 22 Jahre

"In nahezu allen Bereichen des Arbeitens zieht die Digitalität ein. Auch in Zukunft wird das Internet und seine Anwendungen in der Wirtschaft einen festen Platz haben. Somit muss man sich auch mit neuen Strukturen in einer bekannten Wirtschaft beschäftigen und dazu gehören auch neue Arbeitsstrukturen und -weisen. Die Digitalen Nomaden sind vielleicht Vorreiter dieser neuen Strukturen in alten Wirtschaften und gerade deshalb ist es so spannend, sich mit ihnen zu beschäftigen, um von ihnen lernen zu können."
Bildrechte: Josefine Bertram
Laura Nöh
Laura Nöh – 23 Jahre

"Durch die zunehmende Digitalisierung und stetig bessere Internetverbindung in aller Welt wird es möglich werden, von überall auf der Welt zu arbeiten. Nicht nur digitale Berufe, auch 'herkömmliche' Berufe werden sich verändern oder ersetzt werden."
Bildrechte: Josefine Bertram
Erik Etzel
Erik Etzel – 23 Jahre

"Eine stark zunehmende Digitalisierung der Arbeitswelt wird dafür sorgen, dass Ortsunabhängigkeit und flexible Arbeitszeiten nach und nach zum Normalfall werden. Dies könnte vor allem zu einer stärkeren Verbreitung des Digitalen Nomadentums führen."
Bildrechte: Nathalie Malke
Stefan Stumpp
Stefan Stumpp – 30 Jahre

"Die Lebensläufe Digitaler Nomaden werden immer erratischer und vor allem beschäftigen sie sich mit Dingen, die ihnen Spaß bereiten. Nicht nur das Einkommen, sondern auch Erlebnisse, das Vernetzen mit Menschen und lebenslanges Lernen rücken in den Vordergrund."
Bildrechte: Stefan Stumpp
Julia-Janine Schwark
Julia-Janine Schwark – 22 Jahre

"Ich glaube, dass Digitale Nomaden immer weniger zu Einzelfällen werden und, dass sie großes Potential für globales Arbeiten bieten."
Bildrechte: Andreas-Joachim Lens
Katharina Günther
Katharina Günther – 23 Jahre

"Ich bin fast sicher, dass Digitale Nomaden in einigen Jahren etwas ganz Selbstverständliches sein werden. Die Zahl der Nomaden sowie der Unternehmen, die diese gutheißen, werden vermutlich weiterhin ansteigen."
Bildrechte: Eric Etzel
Linda Koinzer
Linda Koinzer – 24 Jahre

"In Zukunft wird die Arbeit sicher weiter digitalisiert werden. Dadurch werden sicher neue Arbeitspläze geschaffen, aber viele herkömmliche/traditionelle Berufe werden verschwinden. Mit zunehmender Digitalisierung hat man aber auch die Chance, zum Beispiel Arbeitszeiten noch flexibler zu gestalten, Homeoffice anzubieten oder seine Arbeitnehmer in ein anderes Land zu schicken."
Bildrechte: Laura Nöh
Isabelle Baumann
Isabelle Baumann – 24 Jahre

"Ich denke, dass in Zukunft der Arbeitsalltag immer unabhängiger vom Arbeitsort wird, durch die zunehmende Digitalisierung. Wahrscheinlich wird es dann nicht nur in der Kreativbranche möglich sein, als Digitaler Nomade nach Bali zu kommen."
Bildrechte: Isabelle Baumann
Nathalie Malke
Nathalie Malke – 24 Jahre

"Die digitale Globalisierung wird sich ganz natürlich in die Arbeitswelt integrieren und alternative Lebensmodelle, wie das der Arbeitsnomaden, werden selbstverständlich."
Bildrechte: Erik Etzel
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Julia-Janine Schwark
Julia-Janine Schwark – 22 Jahre

"Ich glaube, dass Digitale Nomaden immer weniger zu Einzelfällen werden und, dass sie großes Potential für globales Arbeiten bieten."
Bildrechte: Andreas-Joachim Lens

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Quelle: MDR/Linda Koinzer/pat

Zuletzt aktualisiert: 24. Februar 2018, 19:47 Uhr

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3 Kommentare

25.02.2018 13:32 Gert 3

Früher waren die Handwerksburschen auf der Walz. Heute sind es die Informatikerburschen mit den Laptop.
Wenn man im Ausland gute Arbeitsbedingungen findet, kann man auch dort bleiben. Das bewiesen ja auch Albert Einstein und Kurt Weill.

25.02.2018 12:38 Reimar Bathelt 2

Ich finde solche Artikel sehr interessant, aber ich möchte auch betonen dass es auch Arbeiten gibt die wichtig und ortsgebunden sind. Leider wird darüber zu wenig gesprochen. Nicht jeder, sehr wenige sogar werden diese Berufe mit nur dem Laptop an der Hand ausüben können.

25.02.2018 09:35 Ureinwohner 1

Arbeiten, wie und wo man will – könnte das die Zukunft der Arbeit sein? Aber ja doch, es gibt sogar einige Hundertausend ,die gar nicht arbeiten wollen. Jeder nach seinen Leistungen und jeder nach seinen Bedürfnissen war eine der kommunistischen Thesen. Dumm war nur,dass die Bedürfnisse größer waren als die Leistungen.
Soweit zu den Theorien.