9. Oktober 1989 Wie in Halle für Demokratie und Freiheit demonstriert wurde – und gegen Schlagstöcke

Vor auf den Tag genau 30 Jahren gingen in Halle zahlreiche Menschen für die friedliche Revolution auf die Straßen – mit Demonstrationen und Gebeten, allerdings nicht ohne Gegenwehr des SED-Regimes. Halle gehörte zu den ersten DDR-Städten, in denen Montagsdemonstrationen stattfanden.

1989er Demos in Halle "Zur Einheit Deutschlands gibt es keine Alternative!"

DDR 02.11.1989 stellen sich die Obersten der Stadt Halle vor dem Rathaus den Demonstranten mit dem Versuch sich für die ܜbergriffe der Polizei zu Entschultigen aber ohne Einsicht etwas falsch gemacht zu haben.
Die friedliche Revolution brachte 1989 auch in Halle zahlreiche Menschen auf die Straßen. Bildrechte: imago images / Lutz Sebastian
DDR 02.11.1989 stellen sich die Obersten der Stadt Halle vor dem Rathaus den Demonstranten mit dem Versuch sich für die ܜbergriffe der Polizei zu Entschultigen aber ohne Einsicht etwas falsch gemacht zu haben.
Die friedliche Revolution brachte 1989 auch in Halle zahlreiche Menschen auf die Straßen. Bildrechte: imago images / Lutz Sebastian
Mahnwache für die zu Unrecht Verurteilten der DDR
Sie zündeten Kerzen an und beteten. Bildrechte: imago stock&people
Montagsdemo mit Hunderttausenden in Halle, 1989
Mit Spruchbändern demonstrierten sie für Demokratie. Bildrechte: imago images / Lutz Sebastian
Jugendliche bei Mahnwache an der St.Georgengemeinde, 1989 in Halle
Auch Jugendliche engagierten sich. Bildrechte: imago/Seeliger
DDR 1989 Erste Groߟdemos auf dem Halleschen Marktplatz wo zahlreiche Redner offen ihre Meinung sagten wie Achim Wenke, Pfarrer Hanewinkel.
Joachim Böhme, SED-Chef des Bezirks Halle, rechtfertigte sich vor dem Rathaus am Mikrofon. Bildrechte: imago/Lutz Sebastian
Montagsdemo mit Hunderttausenden in Halle, 1989
Doch zur Einheit Deutschlands gab es für die Menschen auf den Straßen keine Alternative.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 09. Oktober 2019 | 19:00 Uhr
Quelle: MDR/dg
Bildrechte: imago/Lutz Sebastian
Alle (6) Bilder anzeigen

In Erinnerungen versunken, zündet Harald Bartl eine Kerze an. "Vor allem der 9. Oktober hat sich bei mir eingebrannt", sagt der ehemalige Pfarrer der Marktkirchengemeinde dann. Warum? "Weil die Menschen da im wahrsten Sinne aufgestanden sind. Sie haben gesagt, was sie bewegt und sie haben Kerzen angezündet."

Halles Marktkirche, in der Bartel auch an diesem Tag im Herbst 2019 steht, prägt das Bild der Stadt seit Jahrhunderten. Vor 30 Jahren aber prägte das Gotteshaus auch die politische Wende in der Saalestadt. Pfarrer Bartel erinnert sich an Demonstrationen und Gebete – daran, dass die Menschen unbedingt eine politische Veränderung wollten.

Demonstrationen auch in Halberstadt und Magdeburg

Die Unzufriedenheit vieler DDR-Bürger war im Herbst 1989 spürbar. Die Sachsen etwa begehrten in Dresden, Karl-Marx-Stadt oder Plauen auf. Die Thüringer protestierten in Erfurt, Gera oder Jena. Und weiter nördlich wurde auch in Magdeburg, Halberstadt und eben Halle demonstriert.

Harald Bartel Pfarrer Halle
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Vor allem der 9. Oktober hat sich bei mir eingebrannt. Weil die Menschen da im wahrsten Sinne aufgestanden sind. Sie haben gesagt, was sie bewegt und sie haben Kerzen angezündet.

Harald Bartl, damaliger Pfarrer der Marktkirchengemeinde Halle

"Dadurch, dass es dann so viele wurden, dass sich immer mehr Menschen auch gedrängt gefühlt haben, zu sagen: 'Ich bin hier nicht mehr einverstanden, ich mache so nicht mehr mit', das hat im Grunde dann den Ausschlag gegeben", sagt Birgit Neumann-Becker, Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Mit Gewalt gegen Demonstranten

Auch Stefan Hellem war am 9. Oktober zur Demonstration unterwegs. Doch der Mann, der heute als freier Journalist unter anderem für den MDR arbeitet, erreichte sein Ziel nicht. Denn die Staatsmacht schlug an diesem Tag in Halle zu – und dies im wahrsten Sinne: Laut Stasi-Protokoll wurde der Schlagstock etwa 25 Mal gezielt gegen Personen eingesetzt.

"Wir hatten uns am Händel-Denkmal verabredet, wohin ich dann gar nicht mehr kommen konnte", erinnert sich Hellem. Und: "In dem Moment fing die Polizei an, in Postenketten die Menschenmasse über den Markt Richtung Obere Leipziger Straße zu treiben."

Rund 40 Menschen wurden damals verhaftet – darunter auch Unbeteiligte. Die meisten landeten in einem Garagenkomplex der damaligen Transportpolizei.

Birgit Neumann-Becker, Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Dadurch, dass es dann so viele wurden, dass sich immer mehr Menschen auch gedrängt gefühlt haben, zu sagen: 'Ich bin hier nicht mehr einverstanden, ich mache so nicht mehr mit', das hat im Grunde dann den Ausschlag gegeben.

Birgit Neumann-Becker, Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Eine Zeitzeugin berichtet: "Dann mussten wir hier in diesen Kasernen stehen: Beine gespreizt, Hände an der Wand, Gesicht zur Wand, einige Stunden lang. Gegen Mitternacht wurde ich dann zum Verhör geholt. Und man hat mich belehrt, unter Androhung von Geldstrafe, dass ich an solchen Veranstaltungen nicht teilnehmen sollte, dass es staatsfeindlich wäre. Dann stand ich vor diesem Garagenkomplex und wusste überhaupt nicht, wo ich war – durchgefroren, ängstlich."

Seit Anfang dieses Monats erinnert eine Gedenktafel vor Ort an die Ereignisse im Oktober 1989. Einer von vielen Erinnerungsorten in Mitteldeutschland. Denn die friedliche Revolution konnte nur gelingen, weil Menschen überall in der DDR auf die Straßen gingen – und auch in Halle demonstrierten.

Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 09. Oktober 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Oktober 2019, 10:51 Uhr

1 Kommentar

W.Merseburger vor 1 Wochen

Und wo sind wir genau heute nach 30 Jahren Mauerfall hingekommen? Was heute im Paulusviertel in Halle vorgefallen ist, hätte vor 30 Jahren kein Mensch für möglich gehalten. Die wirklichen Feinde eines friedlichen Zusammenlebens haben nun auch in Halle zugeschlagen. Und keiner soll mir sagen: Das sind die Auswirkung des DDR-Systems!!

Mehr aus Sachsen-Anhalt