Interview mit dem Macher von "Zeitz Online" "Zeitz ist eine Stadt zwischen Abwinkern und Aufbrechern"

Reiner Eckel hat die Dreharbeiten für die MDR-Reportage "Zeitz – eine Stadt sucht ihre Zukunft" für sein Internetmagazin "Zeitz Online" begleitet. Der 65-Jährige schildert seine Eindrücke und erklärt, was sich die Zeitzer für die Zukunft wünschen.

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Zeitz
Zeitz stand in dieser Woche im Fokus von MDR SACHSEN-ANHALT. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Reiner Eckel ist Rentner. Ganz frisch. "Vor einer Woche hatte ich meinen letzten Arbeitstag", sagt der 65-Jährige im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT. Jetzt bleibe ihm mehr Zeit für sein Herzensprojekt: "Zeitz Online" – ein Internetmagazin über Zeitz.

Die Stadt stand in dieser Woche im Fokus von MDR SACHSEN-ANHALT. Eckel begleitete die Dreharbeiten zur Serie "Zeitz – eine Stadt sucht ihre Zukunft" als Beobachter. Nun schildert er im Interview seine Eindrücke des Blicks hinter die Kulissen und erzählt, was sich die Zeitzer für die Zukunft wünschen:

Herr Eckel, Sie haben MDR SACHSEN-ANHALT bei der Produktion der Serie "Zeit – eine Stadt sucht ihre Zukunft" begleitet. Warum?

Reiner Eckel: Ich habe mitbekommen, dass es diese Serie geben soll und mich dann einfach beim MDR gemeldet. Es schien mir spannend zu zeigen, wie solch eine Reportage entsteht. Das interessiert die Leute. Es gibt ja oft auch die Klage, dass alles gar nicht so dargestellt wird, wie es ist, dass vieles zu kurz kommt – so konnte ich mir und so auch die Leser von "Zeitz Online" ein besseres Bild machen. 12.000 mal wurden die Beiträge gelesen.

Zur Person

Reiner Eckel wurde am 19. September 1953 in Köthen geboren. Nach seiner Ausbildung als Stahlbauschlosser arbeitete Eckel als Schlosser und Schweißer in Zeitz. Von 1994 bis 2004 war Eckel Stadtrat in Zeitz. Er ist Mitglied der SPD. Von 1998 bis 2002 war er zudem Landtagsabgeordneter Sachsen-Anhalts. Zuletzt arbeitete er im Marketing und ist mittlerweile Rentner. Aber: "Ich werde jetzt noch mal für den Stadtrat kandidieren", sagt er.

Reiner Eckel
Bildrechte: MDR/Reiner Eckel

Die Ruinen haben sich in die Stadt gefressen. Das verarbeiten die Menschen mental nicht so leicht, das macht etwas mit ihnen. Ich hoffe, dass es irgendwann mal so ist, dass du in der Stadt vor einem unsanierten Haus stehst, und dann guckt es dich an, als würde es sagen: 'Jetzt guck nicht so, ich bin auch bald dran.'

Auf Ihrer Internetseite "Zeitz Online" haben Sie über die Dreharbeiten berichtet und einen unabhängigen Blick hinter die Kulissen gewährt. Worum geht es bei "Zeitz Online" eigentlich?

Das ist ein Internet-Magazin über Zeitz. Ich wurde zwar in Köthen geboren, lebe aber nun schon seit 1974 in Zeitz und bin der Stadt sehr verbunden. Marketing und solche Sachen interessieren mich. Das habe ich früher auch beruflich gemacht. Mit dem Internetauftritt der Stadt Zeitz war ich immer unzufrieden. Und weil die dafür Verantwortlichen offensichtlich keinen Nerv für nötige Veränderungen hatten, habe ich 2011 einfach "Zeitz Online" gegründet. Dort finden sich Berichte über Kulturveranstaltungen, Nachrichten, schöne Fotos. Ich will einfach zeigen: Zeitz besteht nicht nur aus trostlosen Straßen, die Stadt hat zauberhafte Ecken und eine lebendige Kultur. Ich wollte etwas frischen Wind reinbringen – soweit das geht mit 65 Jahren. (lacht)

Wie kam die Serie "Zeitz – eine Stadt sucht ihre Zukunft" aus Ihrer Sicht bei den Menschen vor Ort an?

Die Leute waren zwiegespalten, so wie es die Stadt auch ist. Zeitz ist eine Stadt zwischen Abwinkern und Aufbrechern. Auf der einen Seite sagen die Abwinker: "Ach, das hat doch eh alles keinen Sinn mehr." Die haben jetzt natürlich auch genörgelt und gemeint, dass vieles zu negativ dargestellt worden sei, dass immer wieder die gleichen Bilder die gleichen Probleme verdeutlichen. Aber was haben sie denn erwartet? Dass ein öffentlich-rechtlicher Sender nach Zeitz kommt und einen Imagefilm für die Stadt dreht?

Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Aufbrecher, die sagen: "Wir müssen jetzt hier was machen." Und die haben es zu schätzen gewusst, dass in den Beiträgen am Ende auch immer ein Schwenk nach vorne mit eingebaut war.

Die Themensetzung war aus meiner Sicht vollkommen in Ordnung. Gerade das Thema Braunkohle beschäftigt uns in Zeitz alle. Wir haben ja die Folgen der Transformation aus den 1990ern noch nicht überwunden. Das verlangt, die Probleme klar zu benennen.

Was wünschen sich die Menschen in Zeitz?

Sie wollen Arbeitsplätze. Sie wollen sich von den Oberen ernstgenommen fühlen. Wenn sie zum Beispiel hören, dass die Staatssekretärin davon spricht, dass es in Zeitz künftig einen autonomen Nahverkehr geben soll, dann sagt jeder Zweite: "Mensch, es wäre schön, wenn die Bahn überhaupt mal pünktlich fahren würde."

Die Menschen wollen direkte Kommunikation mit der Politik. Sie wollen nicht mehr nur Ankündigungspolitik, sondern dass jetzt auch mal an den Ketten gezogen wird. Wobei sich in den vergangenen Jahren auch schon etwas getan hat, nur das sehen viele nicht.

Warum ist das so?

Der Leerstand in der Stadt ist extrem groß. Die Ruinen haben sich in die Stadt gefressen. Das verarbeiten die Menschen mental nicht so leicht, das macht etwas mit ihnen. Ich hoffe, dass es irgendwann mal so ist, dass du in der Stadt vor einem unsanierten Haus stehst, und dann guckt es dich an, als würde es sagen: "Jetzt guck nicht so, ich bin auch bald dran."

Zeitz im Fokus: Fasziniert vom Mut der Menschen

Die MDR-SACHSEN-ANHALT-Reporter Charlotte Tennler und Duy Tran in Zeitz
Die MDR-SACHSEN-ANHALT-Reporter Charlotte Tennler und Duy Tran in Zeitz Bildrechte: MDR/Gaby Conrad

Reporterin Charlotte Tennler war für MDR SACHSEN-ANHALT eine Woche lang in der Stadt unterwegs – gemeinsam mit ihren Kollegen von Fernsehen von Online.

Ihr Fazit: Ich habe in Zeitz sehr engagierte und motivierte Menschen kennengelernt und erlebt – trotz Wegzug, leerer Kassen und Hausruinen. Menschen, die ihre Stadt und ihre Heimat lieben und voller Ideen und Tatendrang sind. Sie sagen, so gibt es viel Spielraum, sich zu verwirklichen und etwas gemeinsam für die Stadt zu gestalten. Das hat mich fasziniert, denn die Stadt steht mit dem Ausstieg aus der Braunkohle vor dem nächsten tiefgreifenden Strukturwandel.

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung als Sportredakteur und berichtete hauptsächlich über die besten Fußballklubs Sachsen-Anhalts: den 1. FC Magdeburg und den Halleschen FC.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 07. April 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. April 2019, 18:54 Uhr

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1 Kommentar

07.04.2019 08:31 Betroffener motivierter Zeitzer 1

Danke MDR !!! Aber schade dass nicht gründlicher nach Ursachen der schlimmen Zustände in dem 28.000- Einwohnerstädtchen gefragt wurde: Anstieg auf 4.000 leere Wohnungen, neue Prognose: 7.000 für 2035. Und das trotz über 200 Millionen Euro Investitionen. Wer in Zeitz nicht optimistisch ist, hat der nicht Grund dazu? Zumal wenn die Ursachen nicht erforscht und abgestellt werden. Nicht erwähnt wurde: der Oberbürgermeister ist hier immer oberster Chef der größten Immobilienfirma der Stadt: Vorsitzender der Eigentümer-Versammlung. Warum wurden nicht private Eigentümer der leeren Wohnungen interviewt, die nun ihre Alterssicherung verloren haben? Das MDR-Fazit: „Ich habe in Zeitz sehr motivierte Menschen kennengelernt .. trotz Wegzug, leerer Kassen, Hausruinen„ - lässt leider die Frage nach Ursachen der schlimmen Zustände offen. Andere Städte haben nach 1989 auch die Arbeitsplätze verloren und trotzdem keine verfallene Altstadt. Lohnt es sich nach Zeitz neue Fördermillionen zu schicken?